STB Robert 2026 II
„Die Zahlen des Kommerzes waren rational – Verhältnisse von Gewinn und Verlust, Tauschraten –, doch in der Menge der reellen Zahlen waren die, welche die Zwischenräume einnahmen – die irrationalen – gegenüber diesen schlichten Quotienten bei weitem in der Mehrheit. So etwas Ähnliches spielte sich auch hier ab – das zeigte sich schon an der seltsamen, keinem Muster folgenden Teilmenge der venezianischen Adresszahlen, die schon mehr als einmal dazu geführt hatte, dass er sich verlief. Er kam sich vor wie jemand, der nur reelle Zahlen kennt und zusieht, wie eine komplexe Variable dem Grenzwert zustrebt …“
(Gegen den Tag)
Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.
Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wurde, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache lief, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 15 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (16 bis 60 Minuten) kennzeichnet.
Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II | 2021/I | 2021/II | 2022/I | 2022/II | 2023/I | 2023/II | 2024/I | 2024/II | 2025/I | 2025/II | 2026/I
September
Sonntag 06.09.
gut
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gut
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Sonnabend 05.09.
nichtssagend
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ok +
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gut
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Freitag 04.09.
verstrahlt +
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großartig
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fantastisch
Fuller erzählt quasi mittels Slogans. Überall, wo Sergeant Brent (James Best) bei der Eroberung Deutschlands hinrennt, hinspringt, hinfällt, überall wo er sich versteckt, finden sich Bilder von Verboten, von Hitler sowie Hackenkreuz- und andere Nazigraffitis an der Wand, auf dem Boden, bestimmt auch an der Decke. Nach Kriegsende, Brent hat eine deutsche Frau geheiratet, sind diese überall hingeklierten Slogans zwar weniger allgegenwärtig, aber oft einfach nur durch andere ersetzt oder nur provisorisch überdeckt. Das ursprüngliche, inzwischen durchgestrichene Heil vor dem Hitler ist noch ohne Probleme zu erkennen. Heißt, wenig überraschend: Nicht nur ist weiterhin alles reglementiert und einengend, auch ist Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht plötzlich frei von Nazis und ihrer Ideologie – so ein Film von der Subtilität eines Slogans.
Fullers Gegenstück zu Aldrichs TEN SECONDS TO HELL aus dem gleichen Jahr zeigt also nicht den Suspense gepflasterten Weg für Deutschland ins gelobte Land, sondern ein Land, in dem das Grauen Wurzeln geschlagen hat. Wurzeln, die er ganz persönlich angeht. Sein Melodrama einer Nachkriegsehe, in dem der US-amerikanische Ehemann sich seiner deutschen Frau und seinen deutschen Mitmenschen nicht sicher sein kann, ist mit dokumentarischen Aufnahmen aus dem Krieg gepflastert, mit Aufnahmen aus den Nürnberger Prozessen. Aufnahmen, wie sie Fuller selbst als Soldat machte. Immer wieder schreit uns der Film an, dass es ihm nicht um die Fiktion des Dramas geht, sondern um seine, unsere Realität des Zweiten Weltkriegs und der Nachwirkungen.
Die Montage, die die Prozesse kurzfasst, landet immer wieder beim Gesicht Harold Dayes. Seine Figur sympathisiert nach der Jugend in der HJ mit den Werwölfen, die die Niederlage nicht akzeptieren wollen. Hier erkennt er aber das Grauen der Leute, denen er folgt. Dayes Gesicht zeigt sowohl junge Naivität, die zerbricht, und ist trotzdem vor allem ein naives Bild – der Ausdruck eines Regisseurs, der sich selbst bei einer Kurzfassung der Naziverbrechen nur brutale Entzauberung und jugendliches Entsetzen vorstellen kann. Überhaupt schreit der Film seinem Publikum entgegen, dass Deutschland nicht befreit wurde, sondern erobert, dass das Land und seine Leute ernteten, was sie säten. Der Weg zu den blühenden Landschaften ist bei Fuller viel, viel länger, komplizierter, voller Stolpersteine tief im Boden eingegraben. Er wirft es uns an den Kopf, ohne Subtilität, wütend, aufrichtig, auch nach 14 Jahren noch bis ins Knochenmark entsetzt.
Donnerstag 03.09.
großartig
Das todessehnsüchtige Nachkriegsdeutschland entscheidet sich für rücksichtsvolles Miteinander und gegen Selbstsucht und Niedertracht. Dies tut es in Form der Schicksale der sechs Mann eines Sprengtrupps, die von Blindgängern nach und nach dezimiert werden, bis nur noch einer übrig ist. Frankreich entscheidet sich in Form einer französischen Vermieterin in Berlin, die zwei der Sprengmeister beherbergt und die mit ihnen in einem amourösen Dreieck steckt. Sie entscheidet sich gegen den Vergewaltiger und für die Liebe zum neuen, besseren Deutschen/Deutschland. Überdeutlich ist Aldrichs Film eine Parabel und fast schon ein Werbespot für das Gelingen des Marschallplans, der mit reumütigen Deutschen blühende Landschaften schuf. Gleichzeitig ist es aber auch ein unaufgeräumter Thriller mit schweißtreibenden Spannungssequenzen (das Entschärfen ist zelebrierter Suspense), mit einem sich nie ganz entfaltenden, mit wenigen Strichen aber doch aufwühlendem Liebesmelodrama (die französische Vermieterin geht wohl nur mit dem deutschen Schuft aus, um den Deutschen mit Gewissen eifersüchtig zu machen), mit wunderbar verschachtelten und verkanteten Bildkompositionen und mit einem aufgepeitschten Jack Palance (jeder Satz, der mit seiner charmanten Stimme aus seinem knüppelharten Statuenkopf mit dem Haifischgrinsen kommt, ist wie ein Blatt im Wind; mitten im Satz ebben die inneren Stürme eines völlig Durchwühlten ab oder ziehen wieder an, auf intensive Verzweiflung folgt die um Contenance ringende Ruhe, dazwischen Pause, die wie Schluchten in den Sätzen stehen; jeder Satz eine Achterbahnfahrt). Ein Werbefilm ganz sicher, aber einer der vor unordentlichen Emotionen zu zerbersten droht.
Mittwoch 02.09.
fantastisch –
Am Ende seiner zwischenzeitlichen Boxkarriere war Mickey Rourke plötzlich ein etwas derangiert aussehender Schauspieler. Eins der schönsten Gesichter, die Hollywood je sein Eigen nennen konnte, war dahin. Der passende Film zu diesem Karriereweg war ANGEL HEART schon immer. Ein abgebrannter Privatdetektiv aus Brooklyn begibt sich auf eine Noir-Odyssee auf der Suche nach Sänger Johnny Favorite, bei der er sich zunehmend zum Wrack wandelt. Der Dreitagebart wächst, sein Leinenanzug wird immer schmuddeliger und siffiger, Wunden zieren zusehends seinen Körper, die Psyche zerbricht. Leider lief der Film im 35mm Kino des Schillerhofs synchronisiert, weshalb nicht Rourkes zarte Stimme die körperliche und geistige Tour de Force begleitete. Aber auch so ist dies ein erstaunlicher Schweiß-Blut-und-Dreck-Film – der in einer so ziemlich wunderschönen Kopie lief.
Der von Rourke gespielte Harry Angel ist ein Großstadtnihilist. Religion ist ihm fremd, in seinen Augen sieht sie nach janusgesichtiger Heuchelei aus, unter deren Oberfläche Wahnsinn und Horror lauern. Die impressionistische Werbeclipinszenierung baut seine Welt aus geloopten Eindrücken, aus Gewalt und vorzivilisatorischer Raserei, aus Zauberkraft und bedrohlichen Stimmungsbildern. In dieser Form ist nicht verwunderlich, dass am Ende nichts solide ist. Alles ist falsche Maske und Aufblitzen eines dämonischen Grunds. Identitäten zerfließen, verschmelzen.
Die Bedrohung und die Gewalt werden lange durch Voodoo dargestellt, durch Afroamerikaner und deren Kultur. Sicherlich ist es eine simple und vll. auch problematische Trope: Das Fremde und ultimativ Andere der weißen Hauptfigur ist schwarz. Es ist aber bewusstes Spiel mit der Weltwahrnehmung unseres Protagonisten, eine Weltwahrnehmung die letztendlich aus den Angeln fallen wird. Wie bei Lovecraft ist das Böse eben nicht da draußen im Anderen, sondern in einem selbst – und im Fall von Harry Angel eben weiß*. Der Horror, auf den dieser Bildtaifun hinausläuft, liegt im Schrecken der eigenen Identität.
Was uns zum Twist bringt. Andy Cairns, der Sänger von Therapy?, hat in einem Interview mal gesagt, dass er zu den Idioten gehört, die das Ende von ANGEL HEART nicht kommen sehen. Bei meinen ersten beiden Sichtungen als Teenager habe ich auch erst auch am Rande der Pferdebahn beim Gumbotopf kapiert, was los ist. Seitdem wundere ich mich jedes Mal, wie zahlreich die Hinweise sind. Ein Bisschen scheint es mir inzwischen, dass der Film seine Hauptfigur mit assoziativen Hinweisen foppt, die er einfach nicht erkennt. Vll. ist es auch eine Studie, wie lange es dauert, bis das unter die Nase gehaltene erkannt wird. Tatsächlich würde ich gerne wissen, wann ich es heutzutage durchschauen würde.) Aber nicht im Twist liegt die Qualität des Films, sondern in seiner schummrigen, schwülen, zwielichtigen Verfolgungswahnatmosphäre, in dem der Wissende den Unwissenden trollt, im ständigen Wechsel zwischen Hitze (New Orleans, Schweiß, kochendes Blut) und Kälte (New York, die riesigen Eiswürfel, der Hohn, den Robert DeNiros Figur darstellt). Als seliger Paranoiker bin ich von Parkers Film immer ganz beglückt.
*****
* Ich habe dieses Jahr einige Bücher über Glauben in der frühen Neuzeit gelesen und von den afrikanischen Rhythmen vll. abgesehen, findet sich alles, was mit Voodoo verbunden wird, auch in Europa. Selbst die Voodoopuppen.
Dienstag 01.09.
nichtssagend
Sichtlich ist diese Folge vom letzten Moment her gedacht, der auch wirklich ganz amüsant ist. Alles arbeitet daraufhin … und weil der Weg dorthin kurz und naheliegend ist, füllt Reinecker die Laufzeit/das Drehbuch mit Männern (vor allem: Curd Jürgens*), die von der Lebendigkeit und Reinheit der ermordeten jungen Frau (Uschi Glas) schwärmen. Die Frauen im Leben der Männer ziehen dessen eifersüchtig eine Schnute. Aber vor allem immer wieder das betont sexlose, aber doch libidinöse Anhimmeln eines ätherischen Wesens. Ganz, ganz harter Tobak.
*****
Mit zweitem bzw. sechstem Vorname hieß er übrigens Jürgen. Gut und gerne hätte er also als Jürgen Jürgens Karriere machen können. Eine verschenkte Chance.
großartig –
Im Koreakrieg wird ein Handvoll Soldaten zurückgelassen, um den Rückzug der Armee zu sicher, d.i. um zu sterben. Wir sind irgendwo hingeworfen worden, um zu bestehen; mit den Mitmenschen, die uns gegeben sind, muss das Beste gemacht werden: Dieser grobe Kriegsfilm ist eine kurze, knackige Parabel aufs Leben. Und das Leben ist weiße, erbärmlich kalte Ödnis. Diese ist zwar sichtlich im Studio gedreht und nur bedingt effektiv im Eindruck bitteren Frosts, dafür latschen die Soldaten immer wieder durch den kleinen, dreckigen Teich in der Mitte ihrer Höhle, die ihnen als Hauptquartier und Rückzugsort dient. Schon beim Zugucken fallen einem die eigenen Füße ab … und es bedingt die schönste Szene des Films, bei der die Soldaten ihre nackten Füße zusammenstecken und sich gegenseitig wärmen. Ein Knäuel zusammengepresster Füße, die trotzdem nicht alle vorm Erfrierungstod gerettet werden können: das Leben.

August
Montag 31.08.
gut
Der Täter wird uns umgehend und aufdringlich nahegelegt. Mitten in der Folge tauchen auch neue Protagonisten auf, mit denen nahegelegt wird, dass es noch zu einem Twist bzgl. der Identität eines der Protagonisten kommen wird. In den letzten Minuten holt Reineckers Drehbuch aber etwas ganz anderes aus dem Sack, und es ist kaum von der Hand zu weisen, dass die gesamte Folge nur aus Zeitschinderei und Fehlleitungen bestand, mit denen wir am Ende billig an der Nase herumgeführt werden sollten. Aber sobald Becker den Aufhänger Reineckers inszeniert – Vereinsamung in der Moderne macht verrückt, also tatsächlich schizoid –, kennt er kein Halten. Er flutet die Folge immer wieder kurzzeitig mit expressiven Impressionen von Fragmentierungen, Melancholie und Überforderung am Sein. Trotz aller Limitierungen ist es so doch tief traurig.
gut
Immer wieder rennt Lefty Merrill (James Cagney) weg, vor Lynchmobs, Konsequenzen oder seiner Bloßstellung, die Straßen entlang oder Treppen hinunter. Mit diversen halbseidenen Plänen versucht er ans schnelle Geld zu kommen und scheitert. Bis, ja bis er eine Treppe hinunterhetzt – alle sechs Etagen eines weiten, eigenschaftslosen Treppenhauses, die er bewältigen muss, werden uns gezeigt –, um etwas zu einzufangen, um etwas zu behalten, was er sich erarbeitet hat. Vom Gejagten ist er zum Jäger geworden, und LeRoys Film ist von der unsteten verspielten Collage diverser Filmentwürfe zum unsteten romantischen Morality-Play geworden. Die Zungen sind flink, die Schlagzahl hoch. Nur wird mit der Zeit überdeutlich, dass nur James Cagney und Ruth Donnelly (seine Schwiegermutter in spe) den Film antreiben, während fast alle anderen Charaktere blasse Statisten ihres Chaos bleiben, dass die unbekümmerte Jugend des Films mit vielmehr Ideen glänzt als sein gesetztes Alter und dass es ihm an Substanz, Wahnwitz und bei aller Unstetigkeit an Ideen mangelt. Und trotzdem: dies steckt uns a golden spoon in the kisser.
Sonntag 30.08.
großartig +
Grob: In der ersten Hälfte verlaufen die stilvollen Actionsequenzen* mit einem Moodpiece aus Erinnerungsfetzen und Impressionen. Die Handlung kommt vor omnipräsent dargestellten Schuld- und Reuegefühlen kaum voran. Dieses Teilstück gehört zum Besten in Ishiis Werk. Die zweite Hälfte bringt einen Yakuzaplot. Dieser fügt die Vergangenheit zum verständlichen Bild zusammen und bietet den Figuren reinigende Schießereien, um ihre Traumata zu bewältigen. Stattdass Ishii bei seiner Version von WOMEN OF THE NIGHT (siehe 21. März) bleibt, folgt etwas Handelsüblicheres. Aufklärung und Klarheit statt triefenden Gefühls – was ich schade finde, aber nicht überraschend.
Anders als KILL BILL bieten die beiden Bände keine fortlaufende Geschichte. Wie so oft bei Ishii überschneiden sich nur Themen – Auftragsmörderin, Rache innerhalb der Yakuza, traumatisierende Vergangenheit – und Namen – in beiden Filmen heißt die Auftragskillerin Mayo, im ersten wird sie von Takashima Reiko dargestellt, im zweiten von Amami Yuki. Tatsächlich war dies aber als fortlaufende Reihe gedacht, die leider schon nach zwei Einträgen abbrach. Und das Wissen, dass dies wie die ANGEL-GUTS-Reihe weiter und weiter sich um diese Motive hätte drehen können, ist noch bedauernswerter als die nicht wahrgenommenen Potentiale des Films selbst.
*****
* Black Angel läuft mit oval beglaster Sonnenbrille und wehendem schwarzen Mantel zum Auftragsmord. Eins zu eins ist sie wie Neo angezogen. Und ja, Takashis Film kam ein halbes Jahr nach THE MATRIX in die japanischen Kinos, im Abspann ist das Copyright aber für 1998 angegeben. Wer hier wen inspiriert hat, würde mich schon interessieren.
gut
Der dramatische Höhepunkt dieser kurzen Doku über einen Schäfer in den schottischen Highlands ist faszinierend. Die Musik und der Erzähler künden von einem Stürmen und von rasend schnell einsetzenden Kältetoden, die drohen. Die Bilder zeigen aber nur einen grundentspannten Schäfer, der herumspaziert und gelegentlich einem Schaf oder einem Lamm unter die Arme greift. Sichtlich wollte der Film etwas zeigen, was nicht da war, aber auch nicht darauf warten. Am krassesten ist hingegen – für unbedarfte Stadtkinder wie mich –, dass der Schäfer, als eines seiner Lämmer stirbt, einer anderen Schafsmutter eines ihrer Zwillinge wegnimmt und es ins gehäutete Fell des verstorbenen Kindes steckt, damit die Mutter das neue Kind als ihr altes erkennt und annimmt. Ein Prequel zu DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER.
ok
Ein kurzer informativer Film über eine schottische Stadt nahe der englischen Grenze namens Hawick – Hoick wird sie ausgesprochen. Das heißt: Einblicke zum Kampf gegen die Engländer und in eine Wollpullovermanufaktur werden gewährt.
gut +
Reflektierende Oberflächen spielen kaum eine Rolle. Spritzen, medizinische oder audiovisuelle Technik gibt es eigentlich auch nicht. Aber nicht deswegen ist dies ein eher untypischer Satō, sondern weil es eine Komödie und mehr noch ein Märchen ist. Zwei Frauen brechen aus ihren Welten aus, die eine aus dem Leuchtturm, wo sie von ihrem Vater festgehalten und sexuell missbraucht wird, die andere aus einer lieblosen, unbefriedigenden Zweckehe – inkl. einer inzestuösen, unablässig Leistung und Nachwuchs fordernden Schwiegermutter. Liebespartner werden dessen per Wem-passt-der-Schuh? gesucht, Obdachlose haben Sex mit einer Meerjungfrau, Dominas greifen zur Kettensäge und ritzen damit die Windel des Subs an, einer Tasche voll Geld wird gejagt, neue sexuelle Identitäten gefunden, wie in SOME LIKE IT HOT schippert jemand mit einem Mann in Frauenkleidern ins abstruse Happy End. Es ist eine fröhliche surreale Sause durch eine kaputte Welt.
Sonnabend 29.08.
großartig +
Im Film im Film führt die sich nicht einstellende Erektion zu einem Selbstmordpakt. In der Realität des Films scheitern die Imitationsversuche dieser Fiktion (des Films im Film) dermaßen, dass es sogar zur Erektion und damit zum Sex kommt. Glücklich wird so aber auch niemand. Oder anders: Die Außenwelt ist bitterkalt – Schals spielen eine bedeutende Rolle – und immer wieder wird sich in warme Räume mit anderen Leuten vorgekämpft. Aber auch dort lässt der Frost nicht nach. In warmen Häusern ist er eben sozial geworden. Jede gesellschaftliche Situation ist nämlich unangenehm und verkrampft. Ein soziales Wesen zu sein bedeutet in diesem meditativen Film nie hineinpassen zu können. Und mit sich und dem eigenen Leben allein zu sein ist schon eine soziale Situation. In den kleinen, unbedeutenden und doch so schmerzhaften Momenten dieses fragmentierten Films fühlt sich jedes Wort, jede Bewegung wie ein Tasten in einem verdunkelten Labyrinth an. Es gibt kein entkommen. Nur versteht Hong Sang-soo dies, wie in eigentlich all seinen Filmen, nicht als Grund sich die Laune verderben zu lassen. Ein Bisschen ist es wie ein Produkt Larry Davids nur mit noch weniger Sinn für klare Pointen.

fantastisch –
Ein Knopf am Tatort, Fingerabdrücke an der Leiche und das verwendete Fesselungsmaterial deuten auf die Schuld des untersuchenden Kommissars (Yakusho Koji), der alle Indizien pflichtschuldig einbringt, obwohl er vor allem nur perplex ist. Kurosawa schickt ihn durch eine dauernde Schuldverschiebung. Mal scheint er schuldig, dann war er nicht der Täter, vll. geht aber ein kollektives-schlechtes-Gewissen-Gespenst um. Schließlich tauchen immer mehr Schuld auf, bis am Ende die ganze Menschheit, jedes Leben schuldbelastet ist. Und vor die Wahl gestellt, einen Kommissar für all unsere Sünden zu strafen oder die Apokalypse heraufzubeschwören, entscheidet sich Kurosawa erwartungsgemäß richtig. Das Zentrale ist aber, wie wenig all diese Sündigkeit wiegt. Sicherlich, Kurosawa orchestriert wieder eine Welt voller Schatten, in denen es nur darauf lauert, uns unsere Abgründe als bildgewaltigen Terror auf den Hals zu hetzen. Nur ist es dieses Mal verspielter, fast schon tänzerisch. Vll. sind die sphärischen Geisterschreie und die dazugehörigen unheimlichen Bewegungen auf uns zu hier schon sowas wie Musicaleinlagen. Geradezu harmonisch beschwingt wird hier festgestellt, dass wir nicht allein sind.
Freitag 28.08.
großartig –
Hinter dem dt. Titel versteckt sich natürlich MOTHRA VS. GODZILLA, doch zumindest deutet dieser Name, der gemeiner Weise gerade Kaijū-MVP Mothra verschweigt, auf das unfassbare Highlight des Films: zwei Raupen, Nachkommen des verstorbenen Mothra, weben Godzilla mit einem Kokon ein und retten die Menschheit – bzw., wonach es eher aussieht: zwei gigantische Kackwürste decken Godzilla solange mit Cumshots ein, bis er kraftlos zusammenbricht. Aber schon davor ist Godzilla kein mutwillig zerstörendes Ungeheuer, sondern ein Tollpatsch, der Häuser und Strommasten ausversehen umreißt. Der windige und elektrisierende Kampf mit Mothra ist einer der epischsten – von mir gesehenen. Und die kleinen Frauen, mittels derer die Menschen mit Mothra kommunizieren können, werden für zarte Psychedelik benutzt. Es ist größtenteils einfach nur wunderbar. Es ist einzig trüb, dass der Film Menschen nur als hilflose Opfer dieser Naturkatastrophe versteht, mit ihnen aber doch eine Geschichte erzählt, die vortäuscht, dass es auch um sie als Akteure ginge.
ok –
Diese nie aufhörenden Metawitze, mit denen der Film darauf hinweist, dass die Serie damals schon lachhaft war, dass sie aber trotzdem geliebt wird, haben elendig genervt. Auch dass Skeletor (Jared Leto) einen englischeren, charismatischeren Dr. Evil darstellt und mit ihm Jahrzehnte alter Pointen wieder aufgewärmt wurden, dass die ganze Geschichte eine amüsante, dezidiert gegen toxische Männlichkeit gerichtete Rechtfertigung des Namens He-Manist, dass Nicholas Galitzine die Hauptfigur entsprechend als nerdig-verschämtes Lächeln mit schlimmer 1980er Jahre Frisur ohne allzu viel Charisma spielt, das ein positives Männlichkeitsbild finden muss, dass sich immer und immer wieder bei dem MCU-Thor-Filmen bedient wurde, dass die fast zweieinhalb Stunden Laufzeit viel zu lang und komplett unpointiert geschnitten sind, half auch alles nicht. Und eigentlich war ich fast die ganze Zeit über enerviert, weshalb ich mein Gutunterhaltensein fast den Film durch erstaunlich empfand. Sicherlich Idris Elba und Alison Brie sind toll, vor allem aber waren Jared Letos gerollten Rs sensationell. Ich verstehe es trotzdem nicht ganz.
Donnerstag 27.08.
großartig
Ridley Scotts Filmographie ist ein ständiges Auf und Ab. Konstanz ist ihm ein Fremdwort – was zum Hin und Her des dieses Mal wieder schönen Films passt. Mehr dazu bei critic.de.
Mittwoch 26.08.
gut +
Das Finale in der Ballettschule ist Wahnsinn in Tüten, auf diverse Weise, zwischendrin wird es kurzzeitig zum Actionfilm – Harry wird während einer Schlägerei fast mit einem Draht erwürgt –, patzige Prostituierte sagen nichts, wollen von der Polizei aber alles wissen, und die Liebesgeschichte zwischen einem Alkoholiker und einer alten Prostituierten ist zwar arg gewollt und aufgesetzt, aber durch deren Schauspieler Klaus Behrendt und Mady Rahl doch berührend. Nur ist die Annäherung der Ermittler an den Alkoholiker, damit der Fall schön verrätselt bleibt, zu ausgedehnt. Die Folge besitzt so viele Trümpfe, verschwendet seine Zeit zu oft aber anderswo.
nichtssagend
Nehmt den Hippies die Kamera weg. So sah das Fazit von Lukas F. nach einem Film während eines lange zurückliegenden außerordentlichen Filmkongreß des Hofbauer-Kommandos aus. Die BFI hatte in den frühen Siebzigern ein paar jungen Gegenkulturellen eine Kamera gegeben, die damit mal witzige surreale Miniaturen schufen, oft einfach nur die Kamera irgendwohin hielten. Wäre alles ganz schön, wenn sie sich nicht auch noch als Provokateure und so verstehen würden. Und so musste ich bei diesem Anarchochaos immer wieder an Lukas denken.

Dienstag 25.08.
fantastisch –
Von drastischer medizinischer Realität (Aufschneiden einer Bauchdecke, hervorholen der darunter liegenden Organe, puhlen an einem Gehirn) über Patienten, die nicht verstehen (wollen), was von ihnen gewollt ist, über Patienten, die in drogeninduzierter Paranoia den kompletten Boden einer Kammer vollkotzen, über Angehörige, die verstehen, was los ist und denen die Tränen kommen, über Angehörige, die es gar nicht so interessiert, über Ärzten, die gerade nicht so viel Nerv für die drogeninduzierten Paranoiaprobleme ihres Patienten haben, über ständig anwesend scheinende Polizisten bis hin zum Kampf um Hilfe beim Sozialamt, d.i. der Kampf gegen Windmühlen, war alles dabei. Selten war ich nach einem Film in letzter Zeit so mitgenommen. Mehrmals war ich dankbar, dass die Bilder nur Schwarzweiß sind.
Die Stärke des Films liegt dieses Mal aber weniger bei der Darstellung des unlösbaren Konflikts einer Institution, sondern in den Blicken in die Kamera. Der Mann, der sich frei machen soll, schaut unsicher ins Objektiv/uns an, wie der Typ, der von Fremden Meskalin im Park annahm und Angst hat nun zu sterben, sich ständig nach uns umschaut. Wir verfolgen eben extrem Intimes und werden dabei als Voyeure entdeckt. Der unlösbare Konflikt der Dokumentation zwischen Authentizität und perverser Schaulust guckt uns aus beklemmten, bangen Augen immer wieder an.
Montag 24.08.
großartig –
Schnell ist klar, wer die Täter sind, nicht aber, wie sie es anstellten. Die Folge wechselt während den Ermittlungen immer wieder zwischen der Villa des ermordeten Geigenspielers und der dürftigen Mietwohnung des mittellosen Malers und Geliebten der Ehefrau des Ermordeten. Letzteres bietet mit Heinz Bennent und Erik Schumann patzige, abgeklärte Typen, es ist kaum der Rede wert. In der Villa herrscht überartikulierte Aussprache und passivaggressiver Hass zwischen Ehefrau (Sonja Ziemann) und Schwiegermutter (Elisabeth Flickenschildt). Vor allem Ziemanns aufgerissenen Augen in Verbindung mit der romantischen, kalt-wahnwitzigen Musik von Mendelssohn Bartholdy (Violinkonzert e-Moll op. 64: Satz 1) ergeben eine fast surreale Überspanntheit. Das Finale mit der selbigen Musik – mit Vollgas jagt ein Auto durch Matsch und Eis, die Ehefrau am Steuer ist nicht mehr berechenbar, Kommissar Kellers Hand ist in den Griff über der Beifahrertür gekrallt – gehört dann zu den Highlights der Serie.
Sonntag 23.08.
verstrahlt
Das filmische Äquvivalent eines LoFi-Albums, dass den Spaß an der Arbeit mit begrenzten Mitteln metatextuell huldigt. Mehr dazu beim Perlentaucher.
großartig +
Ein weißer Polizist (Ben Bigelow) kann einen flüchtigen schwarzen Verbrecher nicht aufhalten, weil er seine Pistole nicht aus dem Halfter bekommen. Aus Rache für diese erlebte Impotenz will er einen gefassten schwarzen Verbrecher kastrieren. Dieser, Charles (Marlo Monte), landet statt des gewalttätigen Polizisten im Knast, und als er aus dem Gefängnis entlassen wird, hypnotisiert er die Frauen des Polizisten und des Richters mit seinem Penis und macht sie zu willenlosen Sklaven. Bedrohungsgefühle durch die in unendliche Ausmaße imaginierte Potenz des schwarzen Manns packt Fanaka in überdeutliche, hemmungslos überzogene Bilder. Sein roher, handwerklich ungeschliffener Blaxploitationrachethriller gehört sicherlich zum wahnwitzigsten, was das Medium Film zu bieten hat.
Gleichzeitig ist doch deutlich, dass Fanaka Teil der L.A. Rebellion war, dass er also Regisseuren wie Charles Burnett, Larry Clarke oder Haile Gerima nahestand. Statt testosterongeladen auf die Katharsis zuzusteuern und sich auf den Thrilleranteil zu konzentrieren, folgt Fanaka seiner Hauptfigur nach dessen Entlassung durch seine Nachbarschaft. Statt alle aufgeworfenen Konflikte zu lösen, schaut der Film impressionistisch in Charles Lebenswelt.
Und am Ende weiß ich nicht, was kruder ist: die Mischung aus comichaft überzogenem Genrekino und ungerichtetem, unaufgeregtem Drama oder doch das finale irrwitzige Motiv schwarzer Potenz, von dem ich nicht sicher bin, ob ich das wirklich gesehen habe oder nur träumte.
*****
Die DVD von Mr. Banker Films gibt das Bild von Fanakas UCLA-Studentenarbeit in 16:9 wieder. Ich war mir eigentlich sicher, dass es das falsche Seitenverhältnis ist, weil ständig oben Köpfe abgeschnitten sind. Auf der blu-ray von Vinegar Syndrome ist es genauso…
Sonnabend 22.08.
gut
Das Camorra-Seifenoper-Musical hat viele tolle Ideen – wie die im Hintergrund stehenden Toten, die beim finalen Aufeinandertreffen zweier Brüder gefühlvoll mit der Musik mit schnipsen, oder der Besuch von Touristen in Neapels berühmten Armenviertel Scampia, der zum Powerdiscomusical wird, weil eine Urlauberin ihr Glück kaum fassen kann, tatsächlich hier ausgeraubt worden zu sein, welch Lokalkolorit. Sobald die Songs aber verklingen, ist kaum zu übersehen, wie blass der klischeehafte Plot erzählt wird, mit wie wenig Übertreibung und Wahnwitz sich die Manettis zufriedengeben, obwohl hier alles nach Übertreibung und Wahnwitz schreit, und wie ernst sie die Gangsterballade vll. doch nehmen. Im zweiten Teil wird jedenfalls kaum noch gesungen. Definitiv die falsche Entscheidung.

großartig
Es gibt keine simple rote Linie, keinen Ruhepol, keinen Rückzugsort. Die Situation ist durchaus klar: Nelly (Isabelle Huppert) verlässt ihren elitären, jähzornigen, besitzergreifenden, reichen Freund André (Guy Marchand) für die ungebildete, streunende, mittellose Bombe im Bett Loulou (Gérard Depardieu), nach ein paar Woche fallen ihr aber doch wieder Andrés Vorzüge (Stabilität) ein. Pialat zeigt es als fragmentarische Abfolge eines dysfunktionalen Zusammenlebens, von Leuten, die voneinander angezogen sind, aber nicht zueinander passen. Dass wir dabei durch immer neue Situationen, Orte und Konstellationen schlingern, dass der Film eben nie zur Ruhe kommt, stellt dabei aber nicht Loulou Unstetigkeit dar, sondern Nellys Unentschiedenheit – die Ausweglosigkeit zwischen ihren im Konflikt stehenden Bedürfnissen. Und das ist dann zuweilen deprimierend und schmerzhaft, vor allem entsteht aus Frust und Eifersucht immer und immer wieder Gewalt, aber der Ton des Films ist genauso unentschieden wie der Rest. All das Unangenehme steckt nämlich in einem legeren Treibenlassen mit lustvollen Schauspielern, die wie ihre Figuren auch ihren Spaß haben. Gerade wenn Loulou und Nelly sich kennen lernen, scheinen sie, aber auch Huppert und Depardieu die Zeit ihres Lebens zu haben.
Freitag 21.08.
gut
Die Busby-Berkeley-Tanz- und Esther-Williams-Schwimmnummern sind schon nice. Nicht so schön ist der Versuch, die Show dergestalt in einen Film zu übersetzen, dass wir immer wieder bei Stargästen landen, die kurze, überflüssige Auftritte haben. Selbst John Cleese ist fürchterlich unwitzig. Und auch dass Charles Grodin, kein Stargast, sondern Maincast, versucht sich wie ein Muppet zu benehmen, wo der Witz des Films ja darin liegt, dass die Verrücktheit der Muppets auf eine normale Welt trifft, stört. Was im Grunde heißt: Muppets hui, Menschen pfui.
ok
Schürzenjäger Alfie (Michael Caine) redet den ganzen Film über in die Kamera und vor allem gegen die Erkenntnis an, was er eigentlich tut, welche Konsequenzen sein Handeln hat. Natürlich werden nicht nur die Frauen, von denen er nur als it redet, weil birds, Narben durch ihn davontragen, sondern auch er selbst. Und natürlich kann nachdrückliche Eindimensionalität spannend sein, aber nicht, wenn mit dieser betonten Cleverness. Irgendwann ging mir jedenfalls selbst Caine einzigartige Stimme auf die Nerven.
Donnerstag 20.08.
ok +
Der Krimi bietet zwar nicht so viel – höchstens Evelyn Opela als Amüsiermädchen und Horst Tappert als viel zu schnell an den Rand delegierte Geschäftsführer halten ihn am Leben. Dafür treten im Nachtclub, dessen Besitzer ermordet wurde, immer und immer wieder die Les Humphrie Singers auf. Der psychedelische Gospelpopchor, der auch während der Verhöre im Club als akustisches Grundrauschen dient, durchzieht die Folge doch etwas mit dem Gefühl, in der Twilight Zone gelandet zu sein.
Mittwoch 19.08.
fantastisch –
Mickey (Ava Gardner – Augen voller Hass und Angst), womöglich eine Hexe, hat so etwas wie einen Peter-Pan-Komplex. Sie umgibt sich mit jungen Menschen, vor allem Hippies, also mit Lost Boys, um das eigene Alter nicht zu sehr wahrzunehmen. Die ewige Jugend erreicht sie quasi durch Stellvertretung. Die gerade zuende gegangenen Swinging Sixties gleichen dabei einem Feenreich – die lockerleichte, naturgebundene Lebenswelt um eine Villa wird von verträumt elegischem Folk von Pentangle elfengleich kommentiert; es vergrößert die Entrückung der Bilder noch.
Kaum überraschend handelt die Geschichte aber davon, dass aus diesem Albtraum aufgewacht werden muss, dass sich Tom (Ian McShane) durch die Liebe zu Janet (Stephanie Beacham), durch ihre Schwangerschaft und zunehmende Urbanisierung des Films dem Ernst des Lebens stellen muss. Vorher muss er aber noch einen surrealen Entzug von Nimmerland durchleben.
McDowall geht es aber sichtlich nicht um die triste Realität, den Fluchtpunkt der Erzählung, sondern um Märchenwälder, symbolische Parallelwelten, Räusche und die folgenden Katerstimmungen, die Schwierigkeiten sich in dieser unseren mysteriösen, unübersichtlichen Welt zu entscheiden. Selbst die Agenten der Realität begleiten seltsame, rätselhafte Auren. Wie die Frau, die Janet eine Abtreibung vermittelt, aber eher wie eine gute Hexe wirkt. Oder Janets Vater, der zwar voller Liebe ist, der aber statt zu helfen, nur schweigend an Janets Seite steht und in dessen Vergangenheit irgendein Ballast zu lauern scheint. Kurz: McDowalls Film vermittelt, dass der Traum irgendwann aus ist und dass die Realität schlussendlich alternativlos ist, aber auch, dass der Weg dahin nicht überstürzen werden muss.

Dienstag 18.08.
großartig
Erwachsenwerden bedeutet hier auf den Fahrersitz zu wechseln, auch wenn die Fahrt und vor allem das Parken dann etwas holpriger wird. Sophie (Sunny Sandler) lässt sich jedenfalls fast den ganzen Film lang von den Eltern, Großeltern, Freunden und Kollegen kutschieren. Parallel nehmen dazu die Dramen langsam überhand. Ihre Mutter (Melanie Lynskey) hat Krebs, ihr Schwarm will oder will vll. doch nichts von ihr, mit der besten Freundin überwirft sie sich wegen unterschiedlicher Lebensprioritäten, und für die Hauptrolle im Schultheater fühlt sie sich auch nur als so semigute Wahl.
Im Endeffekt sehen wir trotz dieser Coming-of-Age-Konfliktkompilation aber den Wunschtraum von Eltern, die miterleben, dass ihrer Tochter alle Wege offenstehen, dass sie ihr Leben im Griff hat. Die Dramen kochen nämlich nie hoch, sie gleichen eher einem ständig mitlaufenden Tinnitus, nicht diversen Vulkanen. Fast lösen sie sich auch alles von allein, während einfach im Beifahrersitz gesessen wird. Überhaupt geht es darum, dass das Leben kurz ist, und doch sind am Ende alle Prioritäten unter einen Hut bringbar. Und Sunny Sandler spielt halt auch überzeugend jemanden, der mit Charisma und Gesang alles im Griff hat und nur etwas mehr Selbstbewusstsein bedürfte, um dies auch zu erkennen.
Diese Grundentspanntheit und die erfrischende Insistenz darauf, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht ist, sollte aber nicht mit Belanglosigkeit verwechselt werden. Vielmehr schafft der Film eine nonchalante Mischung aus der Beschissenheit der Dinge beim Heranwachsen, einer lässigen Coming-of-Age-Komödie und dem gefühlvollen Hinweis: Lebbe geht weider.
Und wie immer: Vetternwirtschaft ist falsch! Wir können uns nichtsdestotrotz glücklich schätzen, dass das Adam Sandler weiterhin kein Bisschen interessiert.
Montag 17.08.
großartig –
Der Titel der Folge klingt mit seinem abgekürzten Nachnamen schon nach Bildschlagzeile. Die Folge lässt sich entsprechend auch nicht lumpen. Mord, Erpressung, sexueller Missbrauch, Hörigkeit und (angedeuteter) Inzest werden aufgeboten. Zwei Etagen, zwei Frauen: die eine, klassengesellschaftlich in der unteren Etage lebend, braucht männliche Nähe und verkauft dafür auch ihre Tochter; die andere, klassengesellschaftlich oben lebend, ist rasende Eifersucht und Distinktionswille. Zwischen ihnen befindet sich Harald Leipnitz als menschgewordenes Hier gibt es nichts zu sehen!. Er ist Geliebte der Frau unten und der Bruder der Frau oben – wobei nie ganz klar ist, ob er nicht auch der Vater seines Neffen ist, der dem Kommissar so keck vorauseilend mitteilt, dass er unehelich ist. Vor allem ist es eine Folge von Gespenstern, die, von ihren Begierden nicht losgelassen, durchs Haus irrlichtern.
Sonntag 16.08.
verstrahlt
Ein weiterer Eintrag im Genre des küchenpsychologischen Films. Eine junge Frau ist durch den Krieg traumatisiert. Die daraus erwachsenen Symptome – aus einem zu identifizierten Grund wehrt sie Nähe mit patzigem Flittchensein ab – trägt sie so nachdrücklich durch den Film, dass sich ihre psychologische Konstitution nicht nur uns aufdrängt, sondern auch die anderen Figuren des Films Hobbydiagnosen stellen lässt. Später wird sie ihr Trauma erneut durchschreiten, und alles wird wieder in Sahne sein. Heißt: Sie wird wieder fröhliche gutbürgerliche junge Frau.
Die Qualität des Films liegt nun darin, dass Rabenalt das didaktische Drehbuch in eine klare optische Dualität übersetzt. Das Trauma und deren Bewältigung stellt sich in einem expressiven bis psychotronischen Genrefilm dar, während die Normalität eines scheinbar trauten Heims, in dem Martina sich einzufinden versucht, die Form einer ganz anders gelagerten Expressivität annimmt, nämlich eine fast schon psychotronischen Biederkeit. Und in letzterer finden sich die subtileren, endemischen Fälle. Jeder scheint nämlich traumatisiert, nur fällt es in der Allgemeinheit der Symptome nicht auf. Die Leute sind distanziert, können nicht zuhören oder aufeinander eingehen, ihr Geduldsfaden ist kurz. Fast scheint es, als wäre es kurz nach dem Krieg, kurz nach Nazideutschland nicht so gesund, weiterzumachen als wäre nichts gewesen. Als wäre es ungesund, schon jetzt wieder zu fordern, dass Deutschland in der Volksgemeinschaft behandelt werden muss.
gut
Lehrreiches über friesische Bauernhausarchitektur. Läuft alles unter dem Motto: gut zu wissen. Aber Türck weiß auch, dass eine affektive, realistische Note jeder Wissensdoku guttut, also wurde sich für den Kameraschwenk durch den Stall entschieden, bei dem eine Kuh groß vor die Kamera scheißt.
Sonnabend 15.08.
fantastisch
In den Anfangstagen des Internetbooms erkennt Kurosawa umgehend darin einen Einsamkeitsvirus, der in die (soziale) Apokalypse führt. Kaum hat sich Wirtschaftswissenschaftsstudent Kawashima (Kato Haruhiko) ins Internet eingewählt, fluten die gespenstischen Bilder anderer Internetnutzer seinen Bildschirm. Jedes ist für sich eine düstere Ikone suizidaler Verzweiflung, zusammen sind sie purer Horror und, na klar, ansteckend. Jeder, der dem hypnotischen Sog der Bilder zu sehr nachgibt, wird zur apathischen Nonexistenz, von der bald nur noch ein schwarzer Russchatten an Wand und Boden bleibt.
Die Leute des Geschehens ergeben keinen einheitlichen Plot, sondern Fragmentiertes, Vereinzeltes. Die Welt leert sich zunehmend, die Leute werden einsilbiger, trauriger. Verramschte, düstere Buden, anonyme mit Computern und Kabeln erfüllte Hallen, ein Kleingartenhandel – mit Topfpflanzen zugestellter Beton – bilden die Handlungsorte. Und die ersten drei Viertel sind einfach nur Horrormasterclass eines sich heranschleichenden, nicht abschüttelbaren Grauens, dass trotz seiner Effektivität zu hundert Prozent versponnen ist. Heißt: Selten war ich mir sicher, was hier los ist, trotzdem war ich maximal beunruhigt. Ein weitsichtiger Film also.
Das letzte Viertel ist dann eine Odyssee durch eine verlassene urbane Postapokalypse, Haupthandlungsort: eine Industriehalle. Auf den Horror des Blicks in die Leben anderer folgt also Alleinsein und Verlorenheit, auf das Entsetzen die Melancholie.
großartig –
Der Yakuzathriller handelt von Vorbildern und Selbstentwürfen. Eine Yakuzabosstochter im Exil kehrt heim, um Rache zu nehmen, und nennt sich nun Black Angel – in Anlehnung an die Frau, die sie einst rettete. Black Angel selbst ist inzwischen gebrochene Alkoholikerin. Im Angesicht der Verehrung versucht sie die alte Glorie aber wieder auferstehen zu lassen und dem von ihr gemachten Bild zu entsprechen. Grundsätzlich ist dies Post-Tarantino-Kino mit coolen Gangstern und der Betonung verschiedener Zeitebenen. Das pseudogriechische Rachedrama einer mordenden Frau nimmt auf gewisse Weise auch gleich KILL BILL vorweg. Dieser unübersehbar in den späten Neunzigern entstandenen Film ist aber doch deutlich ein Werk Ishiis. Nicht nur wirkt alles fast schon wie ein Manga (mit Bewegtbildern), auch ist der Höhepunkt eine Sequenz in einem Krankenhaus, dessen Flure voller Pfützen sind, deren Wasser rotes Licht spiegelt, in dem die Orientierung zusammenbricht. Hier drängen seine wiederkehrenden Motive und sein eigener Stil alle anderen Einflüsse aus dem Film.

fantastisch –
Dies ist sowas wie Bressons Halbstarkenfilm, sein ganz eigener …DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN. So trotten alle Protagonisten – vor allem: Jugendliche auf Mofas – ihren Lastern – Stolz, Lust, Sadismus, Selbstverachtung, Suff – hinterher … wie Esel, die keinen Einfluss auf ihre Zukunft nehmen. Balthasar, der tatsächliche Esel des Films, wird dessen in einer Tour geschlagen und für die Fehler seiner Eigner verantwortlich gemacht. Vll. sollte das Mitleid, das wir mit ihm haben, das Mitleid mit diesen an sich leidenden, in sich gefangenen Figuren sein. Aber Bresson ist keinesfalls daran interessiert, Mitleidheischendes zu machen. In seiner fragmentierten, kargen Lyrik und Ambivalenz sowie seiner zwischenmenschlichen Härte, die nach Erlösung verlangt, bietet sich sein Film offensiv als unklares religiöses Gleichnis an. Wie jeder guter Bibelfilm steckt er aber auch knietief in menschlichen Niederungen und damit im Genre, im B-Movie.
Freitag 14.08.
großartig
Hier finden sich ein paar von Satōs hypnotischsten Bildern, doch seine Albträume – übermächtigen Begehren, Einsamkeit in der Masse, Verlorenheit in einer technisierten Welt, die alle gemeinhin zum (Er-)Starren vor einem Strudel führen – vertragen sich irgendwie nicht mit dem Abhörparanoiathriller des Films, der nach Aktion verlangt. Hören ist vll. einfach nicht sein Sinn, da dessen Eindrücke vage sind, ihnen muss nachgegangen werden, während die tollen Soundscapes seiner Filme sonst nur die in die Ecke drückende Qualität der Bilder unterstützt.
Donnerstag 13.08.
großartig –
Dies würde ein schönes Horrorsommer-in-der-Vorstadt-Double-Feature mit ICE CREAM MAN abgeben. Mehr zum eigentlichen Film bei critic.de, wo vergessen ist zu erwähnen, wie toll Anne Hathaway ist.
Mittwoch 12.08.
großartig –
Ich werde aus Theodor Grädler auch nach sonst wie vielen Ringelmannkrimiregiearbeiten nicht schlau. Mal ist er der kalte Erfüllungsgehilfe der Drehbücher Reineckers, der deren Irrwitz sich entfalten lässt, indem er ihnen kahle, sich jeden Schnörkel verbietende Bühne bietet. Mal, wie in TOD EINES HIPPIEMÄDCHENS zuletzt, scheint er ungeschickt und lustlos Kunst machen zu wollen, was in hilflosen Bergmankopien scheitert – oder sind es Parodien auf das Kunstkino seiner Zeit. Mal, wie in dieser Folge hier, baut er seinen irrsinnig werden Figuren, die an einer gefühlskalten Welt zugrunde gehen – hier eine alte Ehefrau (Käthe Gold), die gegen jede Realität hofft, dass ihre Söhne mit ihren Familien bei ihr einziehen, damit sie jemanden zum Umsorgen hat und Leben in ihrem Leben –, mit absurd kalten, distanzierten, expressiven, geradezu surrealen Einstellungen triste Käfige.
Dienstag 11.08.
großartig –
Der Versuchsaufbau ist sensationell durchgedreht. Beziehungen und Identitäten sind hier Rollenspiele, die zum Scheitern verurteilt sind. Ehemann Theo (Peter McEnery) spielt für seine Ehefrau Vivien (Glenda Jackson) den Frauenmörder Dr. Crippen, für seine Geliebte Reingard (Diane Cilento als Teufelin einer Wagner Operette, wenn dieser solche geschrieben hätte) den roten Baron von Richthofen. Zwar klappt es dergestalt halbwegs mit Erektion und Feuchtigkeit, aber am Ende herrscht nur Frust … und ein Inferno scheiternder Männlichkeit. So sitzt Theo zum Höhepunkt in einem irrwitzigen Symbol seiner Impotenz, in einem fluguntüchtigen Doppeldecker mit leeren Maschinengewehrhalterungen und tut so, als wäre er der Herr der Lüfte, während er in Wirklichkeit nur ein schmelzender Gartenzwerg ist.
Peter Medak hat ein feines inszenatorisches Gespür für die überschwängliche wie ätzende Sexual- und Geschlechterkampfsymbolik. Immer wieder steht einem der Mund offen, und es ist kaum zu glauben, was hier zu sehen ist. Aber ihm fehlt leider das Gespür Naruses, der bei den Drehbüchern gnadenlos die Dialoge strich, bis nur noch das Nötigste übrigblieb. Medak hingegen lässt die wortreichen Erklärungen der Absurdität und schwerwiegenden Seelendurchmessungen gewähren und trübt damit leider alles ein wenig ein.

Montag 10.08.
ok
Ein Mann stirbt und alle sind froh. Gerade das Desinteresse der erwachsenen Kinder (Ingrid Steeger, Wolf Roth) ist toll, aber sie bleiben Randerscheinungen. Zu sehr geht es um die Aufklärung der scheinbaren Unmöglichkeit des Tathergangs. Aber auch um die Vorbereitung und Hinauszögerung des netten finalen Twists, dass nicht die Verderbten, sondern deren Opfer, die scheinbar Tugendhaften den Mord begingen. Am Ende war aber eher die Frage, was – ohen Sarkasmus – schöner war: Udo Vioffs Überkämmfrisur oder Leopold Rudolfs Tolle (ein Fifi?!), die mit ihrem Volumen oben und der Plattheit an den Seiten gen Joe Strummers Mischung aus Pompadour und Iro strebt.
Sonntag 09.08.
ok +
Dieses subpar Tennessee-Williams-Seelendrama spielt in einem Bordell. Statt sich aber auf die dort gefundene psychosexuelle Garstigkeit einzulassen, wurde der Film auf die Ausstellung der eigenen Kultiviertheit ausgelegt. Höchstens geilt er sich an der Aufrichtigkeit seiner tragischen männlichen Hauptfigur (Laurence Harvey) auf, die vergeblich gefallene Frauen retten möchte. Dass diese Hauptfigur dann auch noch Dove heißt, ist der enervierende oder absurde Höhepunkt des Ganzen – ich bin noch unentschieden. Oder anders: Wäre die von einer sensationell überdrüssigen Capucine gespielte Hallie im Zentrum des Films, die sich der obsessiven Liebe ihrer Puffmutter (Barbara Stanwyck) erwehrt, und nicht der eindimensionale Dove/Harvey, dann wäre es vll. was gewesen.
großartig –
Eine Peanutwelt – die Eltern sind fast durchgängig abwesend, die Jugend sitzt auf der Veranda und lässt die Zeit verstreichen – wird von einer sexuell übertragbaren Krankheit heimgesucht. Wobei der Sex ja zu keinem körperlichen Leiden führt, sondern dazu, dass das entspannt sinnlose Vergehen der Zeit durch untote Wesen beendet wird, die unbeirrt und tödlich auf die Angesteckten zulaufen. Vll. ist den Jugendlichen einfach plötzlich der Ernst des Lebens auf den Füßen… Die Optik des Films spricht dafür: Wo UNDER THE SILVER LAKE über weite Strecken sehr schön anzusehen ist, zeichnet die Bilder hier das stählerne Grau einer unnachgiebigen Wirklichkeit aus. Erst die ziellose Melancholie abhängender Jugendlicher verleiht dem Ganzen eine angenehm ätherische Atmosphäre und sowas wie einen Grund am Leben bleiben zu wollen.
Sonnabend 08.08.
verstrahlt
So wie dies hier stelle ich mir einen David Lynch Film vor, der nicht den Horror sexuellen Versagens ver-, sondern sich an Comics, Musik und Filmen abarbeitet, der also das Jugendzimmer nicht verlassen hat. In der ersten Hälfte, der besseren, ist es nicht so deutlich. Dort erleben wir die Odyssee durch einen entrückten, paranoiden Alltag. Statt sich die Miete zu besorgen und die Obdachlosigkeit abzuwenden, folgt Sam (Andrew Garfield) fremden Menschen und zufälligen Eindrücken, die für ihn verschlüsselte Bedeutungen sind. Er lässt sich durch die Straßen Los Angeleses und unsere Popkultur treiben, in der Hoffnung Sinn zu finden. In der zweiten Hälfte findet er dann surreale Antworten, wie parallelweltliche Kulte und den Mann, der alle Hits der letzten 70 Jahre geschrieben hat. Das wunderschön gelegene Observatorium aus REBEL WITHOUT A CAUSE führt in die kahlen, verschlungene Gänge ohne Atmosphäre einer Verschwörung gegen den Tod. Dass ist dann bedeutungsschwangerer Nerdüberfluss, der selbst mir Berufsjugendlichen zu viel ist, der mir vll. auch zu schmerzhaft einen Spiegel vorhält.
Mitchells selbst deutet seinen Film spät zum Trennungsdrama um – aus dem kalten Fiebertraum des Geschehens schält sich langsam heraus, dass ihn Nachwirkungen einer just gescheiterten Beziehung bestimmen. Immer wieder sind zudem die pubertären Verschwörungstheorien offensichtlich Ablenkung vom Schmerz einer öden, banalen Existenz, in der die Träume der Jugend endeten und die einfach ignoriert wird. Je länger ich aber darüber nachdenke, desto deutlich scheint mir dieser Überbau lediglich eine Suche nach Sex darzustellen, der Sam wie eine Karotte vor der Nase hängt und dem er überall hin nachrennt. Als FENSTER ZUM HOF-Spanner fängt er an und immer wieder wird er (mysteriös) gecockblockt. Der vor Popkultur triefender Typ findet also keine Sexualpartnerin und nerdet deshalb vollkommen ab. Es ist die einfallsreichste Pointe. Aber dermaßen unter Nerdphantasmagoriekladeradatsch vergraben, finde ich sie doch amüsant und krude selbstironisch.
Freitag 07.08.
großartig +
Cockneygangsterboss Harold Shand (Bob Hoskins) sieht in London unendliche Perspektiven und Möglichkeiten abzusahnen, er will sich legalisieren und sich als Teil des Establishments verstehen. Es stört lediglich, dass ohne erkennbaren Grund Bomben seine Leute, Geschäfte und Immobilien hochjagen. Sand im Getriebe irritiert so zusehends das Hochgefühl des Gangsters. Auf gewisse Weise trollt dieses geschmeidige Halbwelt-Murder-Mystery-Procedural aber beständig das aufziehende Thatcher-England. Endlich könnte in England jetzt eben wieder alles richtig sein, aber irgendwas Störendes will einfach nicht verschwinden. Möchte Shand dann am Ende mit ein, zwei Morden auch noch einfachmal die Troubles beenden, ist dieser gesetzt erscheinende Film nur noch bitterböse Komödie zu kurz gedachter Lösungsansätze.
Parallel ist es eine Meditation über Klasse. So behauptet Shand den Besitz von Klasse mit prunkvollen Fassaden und großen Geschäften. Mit jeder Irritation seiner heilen Welt wird er aber zusehends wieder zum Straßenschläger. Mackenzies Film hingegen ist ein ruhiger Fluss von Geschehnissen, der uns nicht ständig unter die Nase hält, was das alles soll. Er ruht in sich und ist eine Ausgeburt von Stil und Eleganz. Selbst wenn in schwülen öffentlichen Bädern gemordet wird, selbst wenn Hoskins duscht – begleitet von einem schmierigen Saxophon – und er dabei inszeniert ist, als wäre sein emotionaler und geschäftlicher Zusammenbruch ein Aphrodisiakum, dann erscheint es nicht vulgär. Gerade hier zeigt sich die Selbstverständlichkeit jahrhundertealter Distinktion, die dem Film zu eigen ist und die selbst niederste Affekte als Teil seines Privilegs versteht.
ok
Irgendwas mit Hippies, wie sie sich in Reineckers Kopf darstellen. Vor allem enthält die Folge aber den vll. witzigsten Moment in seinem Schaffen – wobei durchaus möglich ist, dass es nicht im Drehbuch stand, sondern es jemanden hereinschmuggelte, weil er es nicht mehr ertrug. So sagt ein Mordverdächtiger jedenfalls beim Verhör enerviert: Wieso wiederholen sie alles, was ich sage? Er stellt damit die Frage, die beim Kommissar und bei Derrick eigentlich zu jedem Zeitpunkt gestellt werden kann.
Auch so wiederholt Reinecker wieder ein Motiv, das ihn einfach nicht loslässt und das er in seinen Serien immer wieder aufgreift. Eine Frau wurde erstickt, und die Kenner wissen, was das heißt, dass sie nämlich bei einem Vergewaltigungsversuch starb. Leute näherten sich, sie wollte um Hilfe rufen, der Vergewaltiger hielt ihr also Nase und Mund zu – bis etwas geschah, was er gar nicht wollte. Wieder dieser spezifische Mord aus Versehen also.
großartig –
Als Martin Short 12 Jahre alt ist, stirbt sein geliebter großer Bruder, mit 18verliert er seine Mutter, mit 20 seinen Vater. Später wird seine Ehefrau, die Liebe seines Lebens, sterben. Er lernt aus den Schicksalsschlägen, dass das Leben kurz ist, so wird gesagt. Während die letztens veröffentliche Doku über John Candy die Karriere von jemanden nachzeichnet, unter dessen Humor eine tiefe Traurigkeit lauerte, wird in diesem losen Portrait kaum die Karriere Shorts verfolgt und vor allem keine Traurigkeit gefunden. Immer und immer wieder werden seine Heimvideos gezeigt, in denen er Spaß mit seiner Familie hat und jedes Anzeichen von Streit und schlechte Laune humoristisch und mit endlosem Spieltrieb abwürgt. In denen er mit Tom Hanks, Steve Martin et al seine Freizeit genießt und jede freie Minute mit Quatsch und überschwänglicher Fröhlichkeit füllt. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich eine beneidenswerte Persönlichkeit gezeigt bekam oder eine tragische Selbstinszenierung, die alle negativen Gefühle hermetisch aus der Öffentlichkeit abriegelt. Vll. ja beides.
Donnerstag 06.08.
großartig
Bei Schauen wurde ich von Flashbacks an einer der wunderbartsten Folgen einer wunderbaren Serie wach, in der es auch um Sommer, Kinder und Eismänner geht. Und das Tolle ist, dass ich feststellen durfte, dass es sie in nicht mieser Qualität bei youtube gibt. Also schaut doch mal WHAT WE DID ON OUR SUMMER VACATION von THE ADVENTURES OF PETE & PETE. Mehr zu Roths Film bei critic.de.
Mittwoch 05.08.
gut
Schauspielkino im Fernsehen: Siegfried Lowitz spielt einen aalglatten Lebemann, der tagsüber seine Zeit als Geschäftsmann füllt. Ernst Schröder spielt einen Felsen, der alle Probleme an sich abprallen lassen möchte, aber einfach nur erstarrt lebt und erträgt – wenn ihm nicht gerade beim Puffgang seine Tochter angeboten wird. Ilona Grübel spielt eine Tochter, die vom Vater das Schweigen geerbt hat. Edda Seippel spielt das Abdriften einer Unbegehrten, die nachts die Pufffeiern ihres Ehemanns mit anhören muss, in den Wahnsinn. Sky du Mont spielt ein selbstbewusst herablassendes Ekel, das trotzdem noch Grün hinter den Ohren ist. Auch Hildegard Krekel hat eine kleine Rolle.
Dienstag 04.08.
gut –
Pro: das psychotronische Gastmahl, bei dem Odysseus Gefährten in Schweine verwandeln und bei dem wir etwas Verstörendem beiwohnen – es ist als sauge sich das schmierige Kraut des Eintopfs selbstständig in die Münder von Menschen, die nicht mehr Herr über sich sind; die Umdeutung des Trojanischen Pferds zum Zivilisationsbruch, von dem sich die Menschheit/die westliche Kultur bis heute nicht erholt hat; Robert Pattinson als schmieriger, intriganter Bewerber um Penelopes Hand, den zu hassen wir lieben. Inszenatorisch, intellektuell und schauspielerisch ist es immer wieder was.
Contra: die schwerfällige, alles durcherklärende, überdeutliche Erzählung; die unansehnliche Endschlacht; der Realismus, der Grau mit Ernst verwechselt; Matt Damons Normaloübermensch. Erzählerisch, inszenatorisch, intellektuell und schauspielerisch ist es oft eine etwas dröge Veranstaltung.
Montag 03.08.
ok +
Ein Frauenversteher, so das Urteil seiner Mitmenschen, der sich durch die Betten seines Umfelds arbeitet, wurde ermordet. Die Rückblenden offenbaren aber ein arschlochiges Alphatier. Und Reinecker geht es sichtlich darum, freie Liebe und Polyamorie mit gezinkten Karten und überdeutlichen Dialogen zu widerlegen. Am Ende schreit die Folge quasi: Denkt auch mal jemand an die Kinder?! Naja.
Sonntag 02.08.
großartig
Der entspannt-romantische Film forciert seinen Horror einfach nicht. Mehr noch, mit zunehmender Laufzeit macht sich eher Solidarität als Unbehagen breit. Das Phantom, die Sängerin und der Produzent erkennen in sich die gemeinsame Opferschaft. Trennwände und Zwietracht verschwinden. In dieser gotisch-entrückten Welt der Blumen und nassen Katakomben sind Willkür und sexuelle Gewalt der Mächtigen – eines superschmierigen Impresarios (Michael Gough!) – das Problem. Und weil das schnell klar ist, bietet Fisher so etwas wie eine krud-barocke Verwechslungskomödie voller harmonischer Qual.
gut
Voller Phantasie und Hingabe wird sich dem ersten Mord des Serienkillers und dem Drumherum gewidmet. Von diesem Süßigkeitenverkäuferableben an legt sich Bava aber in diesem Film, in dem sich ein seelisch Zerbrochener versucht mit fremden Organen wieder aufzubauen, immer weniger ins Zeug. Je näher wir der Auflösung kommen, desto routinierter und kraftloser wird es. Hinzukommt eine nicht vorhandene Chemie zwischen Ermittler (Tomas Arana) und Final Girl (Joanna Pacula), deren Annäherung es knistern lassen soll. Und so schwelt es einfach nur.
Sonnabend 01.08.
großartig –
Ich hatte ein wenig Bammel, aber es war alles kein Problem. Lotti Z. (10 Jahre) verstand sofort, dass dies eine Komödie mit Schluffis ist und kein Horrorfilm. Sie lachte also und gruselte sich nicht. Weil ich als Kind so ängstlich war, unterschätze ich sie womöglich noch in Sachen Gespenster …

Juli
Freitag 31.07.
ok
Stilisierte Gewalt, verschobene Zeitebenen, coole Genrezitate: Eigentlich habe ich gedacht, dass die Zeit der Tarantino-Clone vorbei ist, zuletzt sah ich aber wieder mehr – wie diesen eben hier. Und ich weiß nicht, ob ich das brauche, aber sei es wie es sei. Hier jedenfalls mit etwas Sam Raimi und einem tollen Schweinskopfendgegner.
ok
Bar jeder Emotion oder emotionaler Verstrickung ist dies ein keimfreier Disneyfilm nach Vorschrift. Und doch ist er so bunt, divers und zuckrig, als ginge es darum die Elite aus den Hunger Games zu rehabilitieren. Auf gewisse Weise ist es Camp mit Angst vor Subversion.
fantastisch +
Leute spritzen sich hier vampirisch Blut anderer Leute. Es geht aber weniger um Drogenrausch und Sucht, al um Untotsein, um ein Leben nach dem Ende. Ziellos herumlaufen, Sex, sich Blut spritzen, die Ahnung eines Plots erleben: Alles drückt die Hoffnung aus, nochmal etwas Leben in sich zu spüren … und doch ist es endloses melancholisches Scheitern am Leben, das trotzdem nicht aufgegeben wird. Es ist einer der ruhigeren Filme Satōs, vll. sogar ein etwas trister, mehr noch ist es ein endlos traurigster.
Donnerstag 30.07.
gut
Bei Partys eines Drogenbarons läuft Pink Floyds ONE OF THESE DAYS, eine bayrische Wiese wird von hitziger griechischer Musik untermalt: Der Musikeinsatz ist mal wieder sehr expressiv. Erzählt wird einerseits von Generationen, die nicht miteinander reden können. Ein arschig fordernder Vater verzweifelt, weil er junge Menschen und vor allem seinen Sohn nicht versteht. Er meckert und meckert auf alles ein, aber ausnahmsweise sieht es in stillen Momenten aus, als ob er eigentlich weinen möchte. Die jungen Leute hingegen schweigen, weil sie den Graben spüren und wissen, dass es keine Worte gibt, die der anderen Generation vermitteln können, was Mykonos heißt, Freiheit, Weite, sich Ausprobieren. Andererseits ist es die Folge eines Drehbuchautors, der organisiertes Verbrechen immer und immer wieder nicht als Struktur versteht. Stattdessen besteht der Drogenhandel aus kleinen, depperten Truppen, die mit ihren Tölpeleien nur darauf warten, gefangen zu werden.
Mittwoch 29.07.
uff
Eine neue Generation von Magiern kommt hinzu und fügt dem Kreis der Illusionisten moderne Fähigkeiten bei, nämlich Exitroomrätsellösen, Parkour und Nerdwissen. Das Wenige, was die Filmreihe aufzuweisen hatte, wird durch dieses noch mehr an nichtssagenden Protagonisten aber nur noch mehr verwässert. Rosamunde Pike kratzt hier und da an einer Campperformance, aber es ist zu gewollt, zu gezügelt.
ok –
Becket Redfellow (Glen Powell) kämpft um sein Erbe – er tötet seine irre reiche Familie, die seinen Familienstrang vom Vermögen ausschloss –, und der Film zeigt dabei einen Mann, der sich machtlos seinem Erbe überlässt, der immer wieder willenlos und wie ein Automat tötet und auf Beerdigungen landet, während er das lebenswerte Leben vor seiner Nase nie wahrnimmt. Wie oft bei solchen Filmen sind die Mitglieder eines exzentrischen Adels die Highlights (Topher Grace als paranoider Rockstar und Ed Harris als elegant-tödlicher DALLAS-Familienpatron sind wirklich toll), zu sehr konzentriert sich Ford aber auf einen Trübling und dessen wirkungslose Konflikte – wer sich selbst nie als Handelnden erkennt, hat halt keine Verantwortung und keinen Konflikt – und zu sehr glaubt er an die Cleverness seines Films, statt sich seiner niederen Instinkte Spielraum zu geben. Heißt: Weder als (gorige) Komödie, Satire oder Thriller funktioniert es sonderlich.
nichtssagend
Sinnloserweise ist Wrights Film völlig überladen – und dabei doch leer. Sichtlich soll uns dies verdeutlichen, dass wir in einer Brot-&-Spiele-Welt leben, aber weder das Brot, noch die Spiele gibt er ein affektives Gesicht. Vielmehr verliert er sich in tausend Ansätzen und wirklosen Versuchen etwas über unsere Gesellschaft zu sagen und dabei einen ironisch-nerdigen Actionreißer zu machen. Am besten ist er noch in seiner Resignation und seinen Ressentiments gegenüber blinden Massen, aber selbst darauf holt er nicht viel. Besser wäre vll. eine Sitcom mit Michael Ceras wokem Unabomber, der mit seiner Mutter, einem abgehängten Trumpsloganpapagei, zusammenwohnt.
gut
Die vll. größte Qualität des Films ist Ansaris mangelnde Eitelkeit – nicht selbstverständlich, wenn jemand Regisseur, Autor und Hauptdarsteller ist. In dieser Prinz-&-Bettelknabe-Geschichte ist sein Leiden als Mann, der trotz mehrerer Jobs und Talente nur in seinem Auto wohnt, etwas zu real für eine Komödie. Selbst als Prinz ist sein dekadenter Genuss immer mit dem Nachhall seines Schmerzes behaftet. Und für dramatische Effekte ist er vll. doch zu sehr gequälter Hundewelpe, zu überzeichnet. Sein Konterpart Seth Rogen hingegen ist sowohl als reicher Zeit- und Geldverschwender, als auch als in der Straße gelandeter Hungerleider, der nun menschenverachtend jobben muss, die Idealbesetzung. Genießt er, wirkt es schlicht als hätte er noch nie davon gehört, dass es Leid auf der Welt gibt. Leidet er, scheint er nicht zerstört zu werden, sondern einfach nur bis in seinen Kern überrascht zu sein, dass es sowas gibt. Weshalb Ansari sich mit zunehmender Laufzeit immer mehr zurückzieht, und Rogens Millionär mit der Erkenntnis der Schattenseiten des Neoliberalismus zurücklässt.
Vor allem kommt aber die immer größere Rolle Keanu Reeves‘ dem Film zugute. Zuerst dient er als schluffiger Schutzengel, der von der Welt nichts weiß, nur dem Plot. Mit begrenztem melancholischen Witz bedingt er lediglich den Tausch der Leben des Millionärs und des Arbeiters. Als er zur Strafe aber vermenschlicht wird, formt sich die Erzählung zum grundentspannten Abhängfilm. Ein Bisschen ist es nun, als entdeckten wir mit Ted aus BILL & TED’S EXCELLENT ADVENTURE die Wunder und Bummer der Erwachsenenwelt. Vor allem scheint sich der Film aber so davor zu drücken, uns schließlich doch die bittere Pille des Plots schlucken zu lassen, dass nämlich Armut so schlecht nicht ist.
Dienstag 28.07.
nichtssagend
Ein Heistmovie mit Illusionisten ist eine charmante Idee. Nur wird uns der Allstar-Cast nur immer wieder unter die Nase gehalten, als wäre es schon ein Zaubertrick, dass sie alle anwesend sind. Die Identitäten ihrer Figuren beschränkt sich darauf, dass sie jeweils ein anderes magisches Spezialgebiet haben. Ansonsten bleiben sie Schemen, die durch den Film geistern, um einem erzählerischen Taschenspielertrick zu dienen. Einen plumpen Twist, der noch unbeeindruckender ist als die Zaubertricks und Heists im Film. Mit ihm entwertet sich der ganzen Film, da alles halbwegs interessante weggekehrt und uns die nervigste Figur/der nervigste Schauspieler als Hauptperson und Zentrum des Films verkauft wird.
uff
Im Grunde verfolgt auch die Fortsetzung eine gute Idee, noch dazu führt sie den Quatschlevel enorm hoch – Woody Harrelson spielt seinen Zwilling mit einer sensationell schlechten Böser-Zwillingsperücke –, mehr noch als der Vorgänger wird diese aber für einen erwartbaren, mechanischen, selbstverliebten Twist an die Wand gefahren. Eines der spannendsten Motive aller drei Filme sind die frenetisch jubelnden Massen, die uns die populistischen Robin-Hood-Zauberheist-Räuber als die Beatles ihres Metiers verkaufen sollen. Vor allem scheinen aber die Macher aller drei Filme wie von ihnen hypnotisiert. Sie werfen jedenfalls halbarschig hingerotzten Scheiß in der Zuversicht auf die Leinwand, dass die Jubelarien zwangsläufig folgen werden. Nur Lizzy Caplan scheint das alles verdächtig leblos, weshalb sie zwanghaft überkompensiert und irgendwas zu bieten sucht und es so eigentlich noch schlimmer macht. Dabei bräuchte sie nur ständig von überallher Tauben hervorzuschießen, wie es isoliert in ihrem besten Auftritt geschieht, und der Klassefilm wäre vorprogrammiert.
Freitag 24.07.
gut –
Auf den dritten Teil folgt seine Antithese: Suchen/bekommen die Empty Nester dort ein neues Kind, damit sie sich nicht allein und nutzlos fühlen, geht es hier darum endlich loszulassen. In vielerlei Hinsicht werden hier also die interessanteren Ansätze gewählt. Statt aber mit dem gelungenen Horrorfilm, der Verlorenheit im Antiquitätengeschäft, und dem unentschiedenen Kampf zwischen Unabhängigkeit und Pflichterfüllung durchzuziehen, verliert sich der vierte Teil in einem fürchterlichen Mäandern durch lehrreiche Schicksale auch noch jeder Figur. Aus dem vll. besten Teil der Reihe wird so ein ödes Hin und Her, das die Probleme des Vorgängers noch potenziert.
ok
Mit zu viel nervigem metatextuellem Bewusstsein seiner selbst wird eigentlich etwas Schönes gemacht, der zweite Teil nämlich auf ein kurzes Maß zurechtgestutzt.
gut
Hier der Gipfel cooler Spielzeuge, d.i. natürlich biotronische Saurier. Dort eine Weihnachtsengelkatze, die zwar urst süß ist, aber auch das dominanteste Wesen der Urzeit sein kann. Hier also eine verlockende Form roher Männlichkeit, dort die Freiheit und das Glück, sich gewitzt und flexibel selbst bestimmen zu können. Und natürlich steht die Technik zusätzlich noch für Kinder, die vor Bildschirmen sitzen, während Kinder ohne Technik mehr Phantasie besitzen. Klar, ist dass alles hemmungslos voreingenommen und dient einem Zweck, aber der Pluspunkt des Films ist, wie wenig didaktisch er es angeht und seine kurze Geschichte als phantasiereiches Abenteuer versteht.
Mittwoch 15.07.
ok –
Das Nichtstehenbleibenkönnen, die endlos gleichbleibende Bewegung fängt der Film schon ganz schön ein, aber vor allem ist er doch unbefriedigend – was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass ich das Buch mit 14 oder 15 verschlungen habe und dieses mich so beeindruckte, dass ich während meiner Studienzeit siebenmal an der 100km Wanderung um Jena teilgenommen habe.* So zieht der Film Kings dystopischen Ansatz in den Vordergrund und wird zur Parabel über Trumps USA, ohne dabei aber etwas Originelles einzubringen. Die Figuren bleiben weitestgehend blass, keiner der Tode entwickelt Gravitas – wobei zumindest das gesichtslose Sterben schon eine spannende Darstellung von Unmenschlichkeit ist. Vor allem aber: So sehr der Film nach Schweiß aussieht und riecht, so wenig ist der Eiter aus den Blasen zu spüren, der Krampf im Körper.
*****
*Gegen Ende brauchte ich stets fast genau 17 Stunden, und eine Optimierung wäre nur durch Training zu erreichen gewesen. Dafür war mein Leben aber nicht dystopisch genug.
ok
Als Anthologiefilm mit Twilight-Zone-artigen Kurzfilmen funktioniert es noch am ehesten. Immer wieder pausiert der Hauptstrang, und die Vergangenheit einzelner Figuren setzt ein. Jeweils sind es Grotesken über unsere unmittelbare Zukunft. Kinder werden durch Handys zu Zombiehorden. Warum nicht verstorbene Kinder klonen, um sich den Schmerz zu ersparen? Wie erhält sich Liebe, in einer Welt allgemeiner Sucht, in der sich alle auf sich selbst zurückziehen? Kurze Schlaglichter reflektieren das Unbehagen an der Moderne im Gewand kurzer, knackiger Genresentenzen. Nur geht es Verbinski um den großen Bogen, das versponnene Konzept mit der ambivalenten Botschaft. Nur ist die dortige Cleverness nicht so versponnen, ambivalent und clever, wie sie denkt, vor allem wird dort in der Ausdehnung der Einzelschicksale aber deutlich, wie blass und egal jede einzelne Figur ist.
Dienstag 14.07.
nichtssagend
Ein ungelenkes Potpourri aus Wiederkehr des ersten Teils und Versuchen, etwas aus einem schiefgehenden Familienurlaub herauszuholen. Ersteres steht orientierungslos herum, weil der Grundwitz – ein bedröppelter Niemand ist in Wirklichkeit John Wick – nicht mehr funktioniert. Dem zweiten Ansatz fehlen die Ideen. Am Ende kommt eine bestenfalls solide Actionkomödie mit Hinterwäldlern heraus. Die Versprechen eines Griswold-Urlaubfilms mit dubiosen Actioneinschüben, die der Trailer versprach, verwirklichen an keiner Stelle.
*****
* Die am 14., 15., 28. und 29. August geschauten Filme liefen in Flugzeugen. Ich mutmaße, dass sie unter anderen Sichtungsbedingungen wohl besser weggekommen wäre, ohne Müdigkeit, Ablenkungen und schmerzendes Sitzfleisch. Vor allem bin ich aus den Texttafeln zu Beginn nicht ganz schlau geworden, inwieweit die Filme für die Fluglinie angepasst wurden, sprich, ob es Kürzungen gab. Als ich am Abend des 15. aufs Aussteigen wartete, lief zwischen der Masse wartender Passagiere THE DRAMA auf einem der Bildschirme. Ich wartete sehnsüchtig darauf, dass endlich die Sex- bzw. Rammelszene mit Pattinson und Hailey Gates einsetzte, die kurz bevorstand. Leider liefen die Leute los und das Flugzeug leerte sich, bevor es losging und vll. einige peinlich betroffen gewesen wäre. Bzw. bevor ich sichergehen konnte, dass sie noch vorhanden war.
Montag 13.07.
ok +
Eine neue Welt aus Angst und Terror – ein Kindergarten – steht für die Angst ein, von Kindern nicht mehr gebraucht zu werden und dann keinen Sinn mehr im Leben zu haben. Nur wurden Ecken und Kanten inzwischen weitestgehend abgeschliffen, und zuoft versandet der Film im Anspruch, jedermanns Schicksal bedeutsam ausarbeiten zu müssen. Nur, und dass ist die große Ironie der Reihe, für Buzz Lightyear, das einstmals schöne, neue Spielzeug, das alle in den Schatten stellte, hat eigentlich keine Verwendung mehr. An ihm zeigt sich der Horror, wenn jemand mit einem nur noch aus Pflichtbewusstsein Zeit verbringt.
gut +
Wie Dreyer beruft sich Bresson in seinem Jeanne-d’Arc-Film auf die Transkriptionen des damaligen Prozesses. Kategorisch verweigert er sich aber der Emotionalität und Expressivität des Vorgängers. Leute sagen einfach die Sprachbeiträge aus den Protokollen auf und machen zaghafte Gesten. Statt Leben in seinem Film zu behaupten, versucht Bressons karg-expressive Anti-Expressivität das innere Wanken der Protagonisten spürbar zu machen.
Gleichzeitig erinnert es auch wieder eklatant an Monty Python. Besonders wenn die Menschen dann doch leblos emotionale Ausbrüche haben. Immer wieder rufen bspweise Zuschauer Sachen wie: Burn the Witch! In der gediegenen Sachlich- und Reglosigkeit ist es nur grotesk. Weshalb dies sowas wie eine existentielle geschichtsanalytische Komödie ist … und vll. auch der Film, der an ehesten wie die Parodie Bressons Werk wirkt.
Sonntag 12.07.
nichtssagend
Alles, was am ersten Teil toll war, fehlt hier weitestgehend. Der konflikt, an dem alles aufgehangen ist: der Wert des Alters vs. die Angst, für etwas Neues ersetzt zu werden. Die Lösung des Konflikts: lieber einmal von einem Kind geliebt worden, als immer nur in der kalten Beziehung zu einem Nerd zu leben, der einen nicht auspackt. Naja.
gut –
Die ersten Dialoge zwischen Fred MacMurray und Barbara Stanwyck sind krass eindeutig Zweideutig. Tatsächlich ist der Film auch zynisch und unmoralisch – durch die ganzen Off-Kommentare über tonlos gefilmte Bilder wirkt es zuweilen wie ein Roughie mit etwas mehr Budget. In kürzester Zeit wird aus brodelnder sexueller Energie aber kalte Berechnung. Und der Mord, der nur begangen wird, um zu sehen, ob damit durchgekommen wird, führt weniger zu menschlicher Verkommenheit, als zu buchhalterischer Cleverness, die Protagonisten und Film zueigen sind. Überhaupt wird Stanwyck viel zu wenig genutzt. Und die Frisur, die sie tragen muss…
Sonnabend 11.07.
ok
Statt wieder das Grauen eines Altenheims zu beschwören, wendet sich Reinecker einer Erziehungsanstalt für Jugendliche zu, ohne groß etwas am Konzept zu ändern. Die Gegenwart desselben ist auch das Beste der Folge. Putzkolonen in den Gängen, ein Keller für die Einzelhaft in Dunkelheit, Flucht aus dem Arbeitstrupp im Wald: Gerade in der ersten Hälfte ist es ein kaum Verstellter Gefängnisausbruchsthriller mit potenten Bildern. Dann setzen aber die den Mordfall aufklärenden Rückblenden ein, und so sehr in diesen Verwahrlosung, Alkoholismus und Generationskonflikte zutage treten, so wenig gelingt es den Machern hier etwas Nennenswertes herauszuholen. Übrigens: Der blutjunge Martin Semmelrogge spielt mit.
gut
Für einen Kinderfilm ist schon erstaunlich, wieviel sexuelles Innuendo in den Dialogen steckt und wie sehr das Kinderzimmer des Nachbarjungen einem Albtraum aus der Twilight Zone gleicht. Aber der ganze Rest, in dem ein Spielzeug (ein Vater) Angst hat, obsolet zu werden, sobald das Kind sich etwas Neuem (einem neuen Vater) zuwendet, ist eben vor allem sehr nett.
gut
Diese Episode besitzt das Potential, Scorseses KING OF COMEDY in den Schatten zu stellen. Doch sosehr sie sich aber auf die heftige Unkomik seines Humoristen versteift – in Verbindung mit dessen unbändigen Willen, Bühnen besteigen zu wollen, selbst nach dem Mord an seiner Tochter –, so sehr verwässert der mitlaufende Krimi das Ergebnis. Diese Folge tut nur ein Bisschen weh, könnte aber ein Psychogram aus dem Tal des Schmerzes sein.
Freitag 10.07.
großartig –
In diesem nigerianischen THE GODFATHER erlebt die Patin (Sola Sobowale) parallele Angriffe aus Politik, den eigenen Reihen, dem Unterbau ihres Syndikats und von der Konkurrenz. Noch dazu geht die eigene Familie in Chaos unter. Darauf reagiert sie aber nicht als reinkarniertes Böse, wie sie sagt, auch nicht mit kalter Hand wie Michael Corleone, sondern einfach nur mit einem bösen Blick und einem Überfluss an Gefühlen. Sie verlangt, schreit, weint, resigniert. Statt das Heft in die Hand zu nehmen, ist sie statisch bleibende Energie und erlebt vll. einfach die fünf Phasen der Trauer. Womöglich ist genau das ihr Mittel für den Triumph. Auf jeden Fall ist sie wie der Film ein unklares, unaufgeräumtes, seltsames Durcheinander.

fantastisch –
Wiseman verbringt ein paar Tage (oder ist es nur einer?) in einem Amt und nimmt auf, wie Leute Sozialhilfe bei ihren Sachbearbeitern beantragen. Selten schaut er hinter die Kulissen des Amts, selten schaut er nur auf die Sozialhilfeempfänger. Sein Blick richtet er auf ihr Zusammentreffen und sein eines Auge findet quasi eine Bürokratie, die mit ihrem Vorschriftenwald und Zuständigkeitsrückweisungen kurz davor steht den Passierschein A38 von den Empfängern zu verlangen, während das andere uneinsichtige, dreiste, lügende, überforderte Leute entdeckt, die nicht nur im Amt verloren scheinen, sondern in ihrem gesamten Leben.
Das Scheitern aneinander ist monumental. Die einzelnen Momente erschreckend, berührend, irreal. Wie das Zusammentreffen einer jungen, verschüchterten, traurigen Frau, die wohl schon von Pontius zu Pilatus geschickt wurde, auf einen Mann, der nicht zu fassen bekommt, an welcher Stelle ihr Problem zu lösen ist – zu verworren sind ihre Aussagen, zu verworren die Regularien. Immer wieder kreisen die Gespräche um die gleichen Punkte und kommen nicht vom Fleck, aus dem gereizten Ton spricht der Frust beider Seiten. Alle reden gleichzeitig, jeder ist in seinem eigenen Teufelskreis gefangen. Am krassesten ist vll. als eine alte, spanisch sprechende Frau sich plötzlich in das Durcheinander einer Diskussion stellt, kontextlos mitnölt und so dem dissonanten Chor der Situation eine dritte oder vierte Stimme beifügt. Schwer zu sagen ist also, was schlimmer ist, die irrlichternden Mono- und Dialoge oder knappe sachliche Feststellungen, wonach eigentlich nur noch der Galgenstrick hilft.
Die grobkörnigen Bilder sind wunderschön, zu sehen ist aber eine soziale Apokalypse. Dass dieser Film derselben Realität entsprungen sein soll wie MODEL oder ASPEN oder JACKSON HEIGHTS, ist kaum zu glauben.
Donnerstag 09.07.
großartig –
Weniger wird eine Geschichte erzählt als in Stellung gebracht, was an Brasilien in den 1970ern arg ist. Das Land selbst befindet sich im Aufbruch – Wissenschaftler arbeiten an technischer Innovation, die Sitten werden liberaler, Männer tragen lange Haare. Der korrupte Machismo-Ballast an Stellen der Macht sieht im Zeitgeist aber nur Individuen, die durch Leichen in den Straßen eingeschüchtert werden können. Willige Handlanger in der Verarmung der Favelas werden sich immer finden lassen. Dabei geht es dem Film aber nicht um Analyse, Betroffenheit oder so, sondern um das Abhängen in der Ungewissheit. Um den Blick zurück in eine unaufgelöste, nie kathartische Gegenwart.
gut
Der große Twist für die Figuren ist, dass nicht die Indianer die Ursache der Probleme für die Siedler sind, sondern die reichen Großgrundbesitzer. Darüber hinaus darf Barbara Stanwycks Figur den Ritter in strahlender Rüstung (Ronald Reagan) retten und so die Hose anhaben. Die Intentionen des Films sind also nobel. Es geschieht, was damals vll. schon längst hätte Usus sein müssen. Nur leider steckt es zu oft in der Resterampe besserer Western. Es ist also eher ein faszinierend krudes Untersuchungsobjekt, als ein mitreißendes Garn.
*****
Zwar hat meine knappe Recherche im Internet keine belastbaren Beweise gefunden, doch aber genügend Anhaltspunkte, die meinen Verdacht verstärken, dass dies wie der ein Jahr später veröffentlichte PEARL OF THE SOUTH PACIFIC ein Superscopefilm ist. Das 4:3-Bild auf der DVD zeigt oben und unten also Dinge, die weggehören, links und rechts fehlt dafür etwas.
Mittwoch 08.07.
großartig –
Das zugrundeliegende Stück legt auch hier langsam einen Feuersturm zurecht, der am Ende in expressiv züngelnden Flammen und Wahnsinn losprescht. Auch für Autor Gerhart Hauptmann scheint Naturalismus zu bedeuten, dass Leute unter einer unnachgiebigen Realität zusammenbrechen müssen, dass Figuren in die Enge getrieben werden, bis der Dampfkochtopf ihrer Seelen explodiert. Ein genügsamer, gutherziger Mann (Walter Richter, ganz Puppe des Stücks) heiratet eine ihn betrügende Frau (Nadja Tiller, eine faszinierende Mischung aus aufrichtiger Zuneigung und garstiger Hinterhältigkeit). Als er die Wahrheiten hinter seinem Rücken erfährt, zerbricht er und gibt sich dem Wahn hin.
Wiederholt wirkt es aber so, als versuche ein Heimatfilm das naturalistische Stück zu kapern. Prominent besetzt (vor allem die Comic-relief-Ikone des Genres: Walter Gross) kommt bspweise eine Touristenfamilie aus der Stadt im Dorf der Handlung an. Sommer, Sonne und leichtes Tohuwabohu scheinen sie im Gepäck zu haben, doch nach ihrer Ankunft verschwinden sie ohne weitere Erwähnung aus dem Film – als wäre alles verschluckt/herausgeschnitten worden, was nicht für die Mechanik des Stücks gebraucht wird. Oder die Jukebox des Verderbens, die genretypisch urbane Dekadenz in die Heimat bringt und klamottige Konflikte bedingen müsste. Sie wird aber nur als Fremdkörper, als Agent von Sex und Leidenschaftsausbruchs genutzt. Die Genreversatzstücke tauchen immer wieder auf, das Stück stößt sie aber ab.
Henschel ist als Hauptfigur schnell verstanden und folgt einfach den engen Bahnen des von Hauptmann angelegten Schicksals – womit er die Eindimensionalität des Stücks spiegelt. Seine beiden Frauen, die erst stirbt vor Eifersucht gegenüber der kommenden zweiten Frau Henschel, sind polyvalenter. In ihnen gibt es Widerhaken, Brüche, Unklares, womit sie nicht nur entscheidend zur Klasse des Films beitragen, sondern auch dessen Qualitäten reflektieren. Am besten ist der Film aber, wenn kein Blatt zwischen Stück und Film passt, wenn bspweise ein kleines, verstoßenes Mädchen in einer Kneipe Lieder singen muss, um Geld zu verdienen und sentimentalitätstriefendes Leid in den Film bringt. Im Doppelpack aus Heimatfilmverstrahlung und Hauptmanns Seelenfeuer ist der Film kaum schlagbar.
fantastisch –
Da ich eine Bollywood-Megaschmonzette erwartete, war ich sehr lange von der Aufdringlichkeit der männlichen Hauptfigur (Shah Rukh Khan) bestenfalls irritiert. Er trifft eines nachts eine Frau und entscheidet im Moment, dass es sie die Liebe seines Lebens ist. Er verfolgt und stalkt sie, versucht Besitz von ihr zu ergreifen und akzeptiert kein Nein, obwohl er nichts von ihr weiß, obwohl er sich gar nicht dafür interessiert, sie kennenzulernen, obwohl sie ihn beständig abweist. Die Toxizität des Films ist trotz des ungebrochen behaupteten Bollywoodschmalzes sagenhaft und abstoßend.
Erst in der letzten Stunde, als der bis dahin schwelende Kaschmirkonflikt in einem durchzuführende/zu verhindernden Terrorakt offen ausbricht, fielen mir die Schuppen von den Augen: Dies ist eine politische Parabel. Der Mann ist nicht weniger als Indien und die Frau Kaschmir. Nur weil ich mich so einfach einlullen ließ, hatte ich es nicht verstanden. Wahnwitzig, eskalierend, überfordernd führt Ratnam nicht nur sein Genre ad absurdum, sondern auch die Politik seines Landes … mit diesem so simplen und effektiven Twist, der M. Night Shyamalan vor Neid erblassen lässt.

Dienstag 07.07.
großartig –
Demonstrativ beginnt es mit Muslimen, geht es doch um den Kampfbegriff Überfremdung und darum, diesem einen Kessel Buntes entgegenzustellen. Ein New Yorker Stadtteil porträtiert, und den halben Film wird dabei eben Spanisch gesprochen, nicht Englisch. Von muslimischen Sonntagsschul-Lehrerinnen, bei denen lediglich die Augen nicht verhüllt sind, geht es bis zu Transsexuellen, die um ihre ungehinderte Sichtbarkeit geht. Der gemeinsame Nenner/Feind ist die Gentrifizierung, die immobiliengeschäftige Verdrängung der zahlreichen Subkulturen, die das Viertel prägen. Wisemans Stil – assoziative Kumulation und Nebeneinanderstellen im Gegensatz zu klaren erzählerischen Bögen und Einordnungen – verhindert, dass dabei das Bild eines utopisch-harmonischen gallischen Dorfes entstehen würde. Vielmehr entsprechen sich filmische Form und porträtiertes Objekt, sind beide doch Flickenteppiche, an denen zerreißende Kräfte anliegen – die scheinbar willkürliche Montage von zufälligen Dingen bzw. der Wunsch der Leute, etwas für sich zu haben, was oft Segregation bedeutet – als auch zusammenführende – wie durch Zauberhand kreisen die Einzelteile alle um verbindende Themen bzw. gibt es immer wieder die Treffen, die Zusammenhalt gegen die Verdrängung aus dem Stadtbild beschwören. Bei einer Versammlung schwuler Leute in einer Synagoge kommt es vll. am besten auf einen Nenner: Per Definition gehört die Gruppe nicht in dieses Gebäude, sie ist fremd dort. Einige plädieren also, sich einen eigenen Versammlungsort zu suchen, einen Ort der nur für einen selbst da ist. Auf der anderen Seite bietet die Synagoge auch anderen Gruppen Obdach, und sollten sich diese alle ihren eigenen Platz suchen, wäre die Synagoge bald obsolet und würde der Gentrifizierung Platz machen müssen. Die Synagoge braucht die Gruppen eben genauso wie die Gruppen ein kraftvolles Obdach brauchen.
großartig –
Für Geld würden Leute alles tun, deshalb sorgt eine Banknote für die Zerstörung mehrerer Leben – so die wenig überraschende Weltsicht, die dem Film zugrunde liegt. Das Rascheln von Geldscheinen, die durch die Hände wechseln, treibt den Film an und erzeugt ein Gift, eine Sucht, die durch Religionslehrer, erleuchtete Gefängnisinsassen und bescheidene, in sich ruhende Omis nicht aus Körper/Seele vertrieben werden kann. Oder kurz: Mit diesem meditativen Film, einem audiovisuellen ASMR-Vergnügen, macht Bresson im Grunde einfach nur Bresson-Dinge – und doch überrascht er, weil in dieser bitteren Welt Gott nicht mehr nur abwesend schein, sondern bar jeder Kraft, noch eingreifen zu können … und weil Bresson dieser Resignation entsprechend hier förmlich einen Slasher abliefert.
Montag 06.07.
ok +
Manchmal wirkt es wie eine Collage aus Überbleibseln und Schnipseln anderer Filme. Der Plot ist überladen mit Figuren und Schlenkern, diverse Plots kündigen sich an und werden alsbald wieder abgeschlossen, um schnell noch woanders hinzukommen. Diese Betriebsamkeit lässt den wenigen Highlights keinen Platz sich zu entfalten – wie dem Tanz in einem leeren Zimmer, im Schatten einer grauen Nachwelt, oder dem Riesen und die Koffer, die er wie Spielzeug auf einen Schrank legt. Am auszuzelndsten aber: Woanders werden Darsteller mit Glamour und Charisma gesucht, im dt. Nachkriegskino gibt es Rudolf Prack, jemand der noch hölzerner und glanzloser ist als Ronald Reagan.
nichtssagend
Fünf Episoden in klar unterscheidbaren Stilen stellen wohl symbolisch die Filmgeschichte nach. Es beginnt mit einem Stummfilm, es folgt der Film Noir, danach wird es unklar. Drittens ist vll. etwas Neuwelliges/New Hollywood, Viertens Indiekino und Fünftens Arthouse/Slow Cinema mit ausgiebigen Plansequenzen.
Dass nach dem Noir schwerer einzuordnen ist, reflektiert indirekt, dass die Filmgeschichte mit Auftauchen des Fernsehens und des dadurch bedingten Endes des Studiosystems ausfranst, unübersichtlich wird. Gleichzeitig zeichnet sich darin das größte Problem des Films ab, nämlich dessen Limitierung. Die Indiefilmepisode steht Bi Gan noch am besten zu Gesicht, passt sie doch zu ihm. Die anderen Episoden sind stilistisch, ob es nun um Mimikry von Vergangenem geht oder um einen eigenen Stil, eher sowas wie ein Offenbarungseid. Der phantastische Realismus, das sentimental-anspruchsvolle Nichts, es ist flach, öde, eindimensional.
Ob es nun eine Lebensgeschichte des Kinos von der Geburt bis zu seinem Tod verkürzt oder nicht, es geht offensiv um die Wichtigkeit von Träumen. Darin ist es aber nur das Kino Jean-Pierre Jeunets ohne alles Krude, PLEASENTVILLE ohne Gefühlsmanipulation und dafür mit der Bräsigkeit von Michael Endes MOMO. Zuweilen ist es berührend oder witzig – Was kann nie wieder eingefangen werden, sobald es verloren wurde? … Ein Furz. –, aber dann wird erst richtig schmerzlich bewusst, wie ernst und steif es sonst ist. Sähen Träume (oder Filme) großflächig so aus, wäre ich mir nicht sicher, ob ich ihnen nachtrauern würde.
Sonntag 05.07.
großartig –
Aus vielen Gründen sollte das Anschauen dieses Films eine Bürgerpflicht sein. Was wiederum den zweischneidigen Charakter des Films verdeutlicht: Er ist wichtig, faszinierend und inhaltsreich, vor allem aber zeigt er, warum wir lieber Katzenvideos schauen, als uns dem endlosen Geschwätz endloser Sitzungen auszusetzen, als uns also mit der Tristesse politischer oder gesellschaftlicher Themen jenseits der sozialer Medien auseinanderzusetzen.
großartig
Dies ist schon sehr hässlich. Aus grau-brauner Dunkelheit stechen bestenfalls noch die Gesichter heraus … oder auch nicht. Warum sollte diese soziale Postapokalypse aber auch schön aussehen? Warum sollte ein Film, in den alle Figuren sich selbst verkennen und für die Identitäten ihrer Gegenüber keine Augen haben, auch so aussehen, als habe jemand Durchblick?
Und sicherlich ist dies ein Horrorfilm über Nähe, Missbrauch und einen Wunschtraum, der durch Übererfüllung in einen Albtraum überführt wird. Ein junger, unsicherer Mann wünscht sich von seinem Schwarm geliebt zu werden, und bekommt einen versklavten, seiner Identität verlustig gegangenen Menschen, bzw. die Hülle von jemanden, die den jungen Mann nur für sich haben möchte. Auf verquere Weise steckt da aber zusätzlich die paranoide Erkenntnis drin, dass egal wie obsessiv und eindeutig die Zuneigung sein mag, immer noch Zweifel entstehen können, dass der andere einen in Wirklichkeit gar nicht mag.
Sonnabend 04.07.
fantastisch –
Unmittelbar macht Lang klar, dass wir uns auf einen wilden Ritt eingelassen haben. Kaum sind im Film, hält er nämlich schon eine Vergewaltigung für uns bereit … durch einen Mann, der auf Kinder und seinem Partner in den Rücken schießt. Die die Erzählung flankierenden Baritonballaden sind dann das unpassende I-Tüpfelchen dieses Irrwitzes.
Es folgt eine CITIZEN-KANE-Drama und ein fiebriger Rachewestern. Hier die männerreitende Saloonsängerin Altar Keane (Marlene Dietrich), die einfach nicht in die Gesellschaft ihrer Zeit passt, die in die Wüste flieht und dort ihr eigenes Reich aufbaut, einen Umschlagplatz für vom Gesetzt Gesuchte. Ein Reich, in der alles nach ihrer Pfeife tanzt. Dort Vern Haskall (Arthur Kennedy), der verkrampft und gebückt steht und geht, der gewalttätig aus seinem Paradies vertrieben wurde und der nun Blut sehen möchte, aus dessen Augen seine obsessive Rachsucht leuchtet. Offensichtlich bleibt dies ein Western, darunter wird aber ein sentimentaler psychosexueller Vernichtungskrieg geführt. Wenn es hier Liebe gibt, dann liegt diese nur in der Selbsterkenntnis im Wahn des anderen.
Freitag 03.07.
gut +
Mglweise ist dies Happy Madisons Cassavetes-Film. Die Formel ist klar: Zwei Freunde werden zusammengesperrt, die ihre Bedürfnisse nicht kommunizieren können und die ihre Neurosen mit sich durchgehen lassen, bis sie zu erbitterten Feinden geworden sind. Als Komödie funktioniert dies aber kaum, als sentimentaler Film über Freundschaft und das Überkommen von Problemen gleich gar nicht. Eher wohnen wir einem bitteren Untergang bei, in dem nichts zusammenpasst. Statt uns zu geben, was wir wollen, erwarten oder genießen können, fährt dieser Film fröhlich, garstig, unbelehrbar vor die Wand.
uff
Nach ca. der Hälfte wird das filmische Aufpoppbuch aufgegeben – Figuren, Szenerien, vergangene Szenen ploppten bis dahin ständig auf –, und damit fällt auch die Ambitionen weg, einen Genrefilm mit Affekten und Ästhetik zu erzählen. Es folgt ein erzählerischer und inszenatorischer Offenbarungseid, ein ödes Themengehuber, das in seiner ideellen Diversitätswelt mit Kolonialismus abrechnet.
Donnerstag 02.07.
gut –
Ich erwartete einen Eric-André-Film. Dessen Chaos und ekelbasierten Gags sind aber lediglich dezent eingesetzte Katalysatoren, um ein John-Cena-als-verzweifelter-Straight-Man-Reaktionshots-Festival auszulösen. Für meinen Geschmack wird Cenas Steingesicht etwas zu oft gemolken, zu sehr im Bewusstsein, diese Cashcow gnadenlos leersaugen zu müssen … aber dafür dürfen wir auch sehen, wie ihm der Arsch geleckt wird, was uns als ultimative Befriedigung und der Weg zur Ausgeglichenheit verkauft, was natürlich nicht zu verschmähen ist.
Mittwoch 01.07.
verstrahlt
Kommissar Keller folgt äußerst vagen Hinweisen zielsicher zum unbekannten Tatort und zu den Tätern, als würde er von ihnen wie eine Kompassnadel angezogen. Schnell drängt sich der Verdacht auf, dass wir ihm nicht bei realen Ermittlungen, sondern auf einer Traumreise folgen. Kellers gerichtetes Streunen führt ihn in eine leere Kneipe, in eine entrückte Villa, auf einen verlassenen Tennisplatz, zu einem nachdrücklichen Schweigen, in dem jeder Bescheid weiß, ins Herz einer nach unten tretenden Gesellschaft, in eine Vision absoluter Niedertracht. Vll. reist er ja wirklich durch das kollektive Unterbewusstsein der Nation und findet Deutschland nach dem Holocaust.
