STB Robert 2024 I

„The bourgeois world was haunted by sex, but not necessarily sexual promiscuity: the characteristic nemesis of the bourgeois folk-myth […] followed a single fall from grace, like the tertiary syphilis of the composer Adrian Leverkuehn in Dr. Faustus.“ (The Age of Capital)

„If Krupp commanded his armies of workers, Richard Wagner expected total subservience from his audience.“ (The Age of Capital)

„Er hatte von allem gekostet, und er hatte sich nicht satt gegessen, da er, wie er glaubte, weder Gelegenheit noch Zeit gehabt hatte, tief genug in die Menschen und in die Dinge hineinzubeißen. […] Und sie fand auch Gefallen an den vom Geld geschlagenen Wunden, an den Bankrotten, an den Feuersbrünsten, bei denen man geschmolzenen Schmuck stehlen kann.“ (Das Geld)

„This tropic of cancer answered: Drink the quicksand.“ (Lopsided)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wurde, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache lief, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 15 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (16 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II | 2021/I | 2021/II | 2022/I | 2022/II | 2023/I | 2023/II

Februar
Mittwoch 28.02.

Dune: Part Two
(Denis Villeneuve, USA/CA 2024) [DCP, OF]

nichtssagend

Dienstag 27.02.

The Rough House / Fatty als Brandstifter m
(Roscoe Arbuckle, Buster Keaton, USA 1917) [blu-ray, OZ]

gut

Montag 19.02. – Dienstag 27.02.

Hausen
(Thomas Stuber, D 2020) [blu-ray]

gut +

Montag 26.02.

Poor Things
(Yorgos Lanthimos, USA/UK/IR 2023) [DCP, OmU]

ok

Sonntag 25.02.

Spy Kids
(Robert Rodriguez, USA 2001) [stream] 2

gut

Spy Kids 2: The Island of Lost Dreams / Spy Kids 2 – Die Rückkehr der Superspione
(Robert Rodriguez, USA 2002) [stream]

großartig

河边的错误 / Only the River Flows
(Shujun Wei, CHN 2023) [stream, OmU]

großartig

Am verwirrendsten empfand ich, dass, wenn ich genau hinschaute, Ma gar nicht von Tony Leung spielte wurde, den ich durch Trägheit des Auges immer wieder zu sehen dachte. Mehr zum sich auch oft täuschenden Ma bei critic.de.

Sonnabend 24.02.

Sherlock Holmes in Washington / Verhängnisvolle Reise
(Roy William Neill, USA 1943) [blu-ray, OF]

ok

Ein Mikrofilm wurde in einem Streichholzbriefchen versteckt. Es gibt eine tolle Szene, in der dieses von Hand zu Hand geht und nur wird wissen um den Wert des Wegwerfgegenstands. Und es gibt diverse Witze darüber, dass den Mikrofimsuchende ihn in der Hand halten, ohne es zu wissen. Ansonsten: Business as usual.

Deep Blue
(Alastair Fothergill, Andy Byatt, UK/D 2003) [blu-ray]

gut

Zu Beginn wird lapidar in den Raum geworfen, dass das Meer extrem reichhaltig an Leben ist, aber auch eine endlose Weite aus Nichts, aus verknappten Ressourcen. Um Leben und Tod ginge es deshalb ständig. Ergo ist die rote Linie in dieser ansonsten zusammenhangslosen Sammlung wunderschöner und erhabener Naturaufnahmen, denen fast jede Kontextualisierung vorenthalten wird, das Fressen-und-Gefressen-Werden. Orcas fressen Robben- und riesige Walbabys, Robben jagen durch einen Fischschwarm, sekundiert von Albatrossen, Delphinen und Haien, Haien fallen im Rudel über sich versteckende Einzelgänger her uswusf. Die elegische Schönheit in Verbindung mit dieser Insistenz auf Blut, Gemetzel und Terror könnte noch etwas mehr herausgearbeitet werden, dann wäre DEEP BLUE auch einen Tick weniger beliebig.

Freitag 23.02.

The Internship / Prakti.com – Die klicken nicht richtig
(Shawn Levy, USA 2013) [stream, OF]

ok

Zwei Gen-Xer verlieren ihren Job und müssen sich nun in der Welt der Millennials zurechtfinden, womit vor allem zwei Kommunikationsstörungen aufeinandertreffen. Die Charaktere von Vince Vaughn und Owen Wilson reden, reden und reden ohne etwas zu sagen, während die ihnen bei einem Praktikum bei Google an die Seite gestellten jungen Leute auf Bildschirme starren, eine Sprache voller artifizieller Begriffe nutzen und ihre Leere hinter einer Mauer aus Coolness verstecken. Also Generationskonflikt und so, der sehr bemüht, bequem und ganz nett umgesetzt ist.

Donnerstag 22.02.

All of Us Strangers
(Andrew Haigh, UK/USA 2023) [DCP, OmU]

gut

Teils eine tolle Schnulze über eine gelingende, postmortale Aussprache mit den Eltern und eine innige Liebesbeziehung, ein Hoch auf die Phantasie, wenn die Realität Scheiße ist – mit einem Gespür für den Einsatz von Pop-Musik, mit säuselnden, kunstvollen Bildern, mit Andrew Scott als schüchternen Bill Paxton. Teils aber auch eine aseptische Ansammlung von wohlfeilen Ideen in einer leblosen, allgemein bleibenden Lebensrealität, die in der zweiten Hälfte nichts mehr mit den Eltern und der Liebe – mit der gewonnenen Schönheit anzufangen weiß – und diese lustlos (und mit einem 08/15-Twist) aus dem Film komplementiert.

Mittwoch 21.02.

Hot Rods to Hell
(John Brahm, USA 1967) [16mm, OF]

verstrahlt

Kurz nachdem die 1950er Bilderbuchfamilie auf die Hot-Rod-Rowdys trifft, auf eine außerkontrolle geratene Jugend, bezeichnet Tom Phillips (Dana Andrews), der Vater, die lebensmüde vorbeirasenden Teenager als Animals. Höchst moralisch werden diverse Leute in gecrashten Autowracks enden, also in den Symbolen ihrer heruntergekommenen Charaktere, die Jugendlichen werden irre lachend das Adrenalin genießen, während die rückenprojezierte Landschaft an ihnen vorbeirast, schließlich ist dies Problemfilm, der seinen Zeigefinger erhebt und uns etwas beweisen möchte. Diese Wortwahl ist aber der erste Marker, dass es vll. nicht ganz so einfach ist.
Tom Phillips hat gerade einen Autounfall und eine schwere Reha hinter sich. Sein Rücken schmerzt bei jeder Bewegung und wahrscheinlich leidet er an einer posttraumatischen Belastungsstörung – durch sein Alter könnte spekuliert werden, dass der Unfall etwas aus dem Zweiten Weltkrieg getriggert hat. Keiner Auseinandersetzung kann er sich stellen, weil sein Rücken ihn hilflos macht, wenn er doch mal seine Angstgefühle überkommen kann. Keine Möglichkeit wird ausgelassen, um seine Impotenz schmerzhaft, geradezu hysterisch ins Bild zu setzen. Der Beschützer seiner Familie kann er nicht sein – und diese sind auch nur als Schutzbedürftige da, die Tom den 1950er Himmel auf Erden schenken, so sauber und ordentlich glänzen die Bilder, sobald die Kernfamilie alleine ist und sich ihrer Konflikte kurzzeitig entledigt hat. Und weil er hilflos ist, reagiert er über. Er zornt und wütet … und statt seinen jugendlichen Widersacher im Affekt zusammenzuschlagen, würgt er, will töten. Tom Phillips ist nicht der Sympathieträger des Films, sondern ein kurz vorm Ausbruch stehender Vulkan.
Die Jugendlichen hingegen haben Fieber. Sie sind emotionale Zeitbomben und Irrsinnige. Mimsy Farmer lässt uns förmlich das Jucken unter ihrer Haut spüren, weil ihr alles zu ruhig, zu harmonisch, zu beschützt ist. Lieber ein Feuer legen, lieber mit Bierdosen nach Kindern schmeißen. Sie sind vll. auch keine Sympathieträger, aber zwischen all den biederen Moralpredigten und vor allem zwischen all der Herablassung der um ihre Macht besorgten Erwachsenen mag es trotzdem ein wenig nachvollziehbar scheinen, wie aufgekratzt sie sind.
Brahm selbst hällt es sichtlich mit dem Besitzer eines Hotels und Tanzlokals. Der ist flexibel und betreibt eine Bar, wo die Alten sitzen und ihre Trinks schlürfen, während die Jugend hippe Musik macht und tanzt, wo die Generationen sich begegnen und miteinanderleben. Von dieser Utopie aus beobachtet er diesen aus dem Ruder laufenden Generationenkonflikt, genießt den Nebel und die ständigen Brüche zwischen grenzenloser (beängstigender) Harmonie und rauschhafter, geschwindigkeitsversessener Lebenslust.

Sonntag 18.02.

Ein Tag mit dem Wind
(Haro Senft, BRD 1978) [DVD]

großartig

Marcel zieht früh los, um für seinen Hasen einen Spielgefährten zu besorgen. Ca. 24 Stunden begleiten wir ihn und sehen dabei, wie er zu 6 Mark kommt, die nicht für den Kauf eines Karnickels reichen und die er wieder ausgibt, wie eine goldene Kugel geschenkt bekommt und sie wieder verschenkt, wie er mit Pfeil und Bogen ein Mädchen befreit, wie er Musikern zuhört, fremde, oft seltsame Leute trifft, wie er durch den Wald schlendert, in einer Kommune übernachtet, wir sehen Pfützen, Blätter, Straßen mit Leuten, Impressionen eines sonnigen Tages. Kurz: Nichts passiert und doch ist es ein Abenteuer, ein Märchen. Oder eben: Der ottonormale Kinderfilm, in dem ein Kind sich Frühs selbst ein Rührei brät, weil der Vater weg ist und die Mutter bei ihrem neuen Freund schläft, und das bei fremden Leuten ins Auto steigt und mit ihnen in den Wald fährt.

Sherlock Holmes and the Secret Weapon / Die Geheimwaffe
(Roy William Neill, USA 1942) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Moriarty, Nazis und nichts ist los. Zudem wird mir immer mehr bewusst, dass ich Rathbones Version von Sherlock Holmes höchst enervierend finde. Aber es sind ja nur noch 10 Filme.

Sonnabend 17.02.

The Butcher Boy / Der Metzgergeselle m
(Roscoe Arbuckle, USA 1917) [blu-ray, OZ]

gut

Dass Slapstick-Nickelodeons zwangsläufig auf eine Tortenschlacht hinauslaufen, schien mir immer eine Übertreibung. Als ich jung war, liefen solche Filme ja immer noch am Wochenende im Vormittagsprogramm. In meiner Erinnerung war da immer viel mehr. Stürze von Verkehrsmitteln zum Beispiel. Oder Türen, die gegen Leute schlagen. Aber ach! Kaum tauche ich etwas tiefer als High-Concept-Buster-Keaton-Comedy und schon fliegen die Torten.

Batman
(Tim Burton, USA 1989) [blu-ray, OmeU] 6

großartig

Unter der Oberfläche der Superheldencomicverfilmung findet sich der Psychothriller einer verhängnisvollen Affäre. Direkt auf die Exposition folgt eine Parallelmontage. Die Modefotografin Vicki Vale (Kim Basinger), die in den Krieg ging, um ernst genommen zu werden, hat ein Rendezvous mit dem bodenständigen, aber exzentrischen Multimilliardär Bruce Wayne (Michael Keaton). Nach dem Sex steht er auf, hängt sich an seinen Füßen auf und lässt sich kopfüber baumeln. Scheinbar kann er mit seinem Fledermausfetisch nicht im Bett schlafen.
Während der harmonische Abend also zu einer immer bedenklicheren Nacht für Vicki wird, zeigt uns BATMAN parallel, wie der in den Wahnsinn getriebene kriminelle Ehebrecher Jack Napier (Jack Nicholson) die Herrschaft in der Unterwelt an sich reißt … der Mann, der von Batman zum Joker gemacht wurde und der aus Bruce Wayne Batman erwachsen ließ. Weshalb sich Vicki nicht einfach nur mit einem Mann mit einem Alter-Ego einließ, sondern erlebt wie in dieser besorgniserregenden Nacht das zusätzliche Alter-Ego des gespaltenen Manns Macht erlangt.
Auf diese Parallelmontage folgen Dates zwischen Vicki und Bruce, die zu Treffen von Vicki und dem Joker werden, zu Androhungen von Entstellung. Oder der erste Besuch Vickis in der Bathöhle, wo Batman sie mit einem Mal gepackt. Nach einem jähen Schnitt wacht sie in ihrem eigenen Bett auf … nur fehlt nun etwas, was sie in ihrer Unterwäsche versteckt hatte. Mittels Tanz, überdrehten Wahnwitz und psychosexuellen Terrors bewegen wir uns so auf eine Hochzeit zu. Auf das Finale in der Kirche, in der der Joker stirbt, weil Vicki nun um Bruces Doppelidentität weiß und sich die Ahnung, an einen Wahnsinnigen geraten zu sein, auflösen kann. Hach, Liebe!

Freitag 16.02.

Biloxi Blues
(Mike Nichols, USA 1988) [DVD, OF] 2

großartig

Der Off-Kommentar aus Eugenes (Matthew Broderick) Tagebuch ist schlimm – etwas Nostalgie, etwas Beweisführung, dass Neil Simons Stand-In Eugene literarisches Talent besäße. Vor allem ist es banal und schwülstig. Aber vll. ist dieser Off-Kommentar auch das Biestigste. Diese George Costanza beim Militär-Jugenderinnerung kreuzt FULL METAL JACKET – erste Hälfte – mit EIS AM STIEL. Militärische Erniedrigung steht neben ersten Erfahrungen mit Sex und Liebe. Eine zusammengewürfelte Gemeinschaft schwankt zwischen gegenseitigem Terror und Annäherung. Und beim schikanierenden Ausbilder (Christopher Walken) liegen der psychopathischste und der sympathischste Moment direkt nebeneinander. Nur der Off-Kommentar mag von den Ambivalenzen nichts wissen. Er streicht glatt und erklärt das Trauma zur schönsten Zeit des Lebens. Womit er nochmal eine weitere Ebene der Brüche einfügt.
Christopher Walken als Offizier ist mega. (Eugene stellt ihn zwar wiederholt als Psychopathen dar, während andere Ausbilder zurechnungsfähig seien. Nach meinem Dafürhalten und meinen Erfahrungen schien er mir aber relativ normal für einen Offizier in einer Grundausbildung – von besagtem psychopathischen Moment abgesehen.) Auch Matthew Broderick ist toll mit seinem grundsympathischen Lächeln und Dackelblick, der aber doch einer Art hat, die nur allzu verständlich macht, wieso ihn Walkens Figur nicht leiden kann. Und alle anderen auch Probleme mit ihm haben. Er ist schlicht ein wunderbares Gefäß für unsere Selbstwahrnehmung. Denn unsere Handlungen scheinen uns natürlich nachvollziehbar und logisch, während wir auf uns aus einer anderen Perspektive wie ein Stück Scheiße wirken. Am besten ist aber, wenn auf einen Fremdschambordellbesuch eine Liebesszene folgt, in der die Kamera atemberaubend und intim um ein Paar in ein Ballsaal kreist.

Donnerstag 15.02.

We Can Be Heroes
(Robert Rodriguez, USA 2020) [stream]

ok

Robert Rodriguez‘ KINDER AN DIE MACHT. Aber das Beste ist, dass ich jetzt ein erfolgsversprechendes Argument habe, dass ich SHARKBOY AND LAVAGIRL in den DVD-Player legen darf.

Le Amiche / Die Freundinnen
(Michelangelo Antonioni, I 1955) [blu-ray, OmeU] 2

gut +

Fünf Freundinnen und jede stellt einen eigenen Typus dar. Jede mit einem anderen Verhältnis zu den Männern, zu Selbstständigkeit und der Liebe. Irgendwo handelt es sich schon um einen sehr schematischen Film. Aber Antonioni, der seinen Stil gerade findet, verbindet die Ansätze des ihm später Typischen mit einem Melodrama voller Bitches und Cat-Fights. Ganz toll ist Yvonne Furneaux als eiskalte, garstige Soup-Opera-Diva, aber auch die sich in die Stille schleichende Musik Giovanni Fuscos oder die feuchtfröhliche Dysfunktionalität bei einem Strandbesuch.

Mittwoch 14.02.

Elgar: Portrait of a Composer
(Ken Russell, UK 1962) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ein dokumentarisches Essay über einen armen Jungen aus Worchester ohne institutionelle musikalische Ausbildung, der als junger Mann für die lokale Kirche oder die Band der Irrenanstalt komponiert und nach jahrlanger Ablehnung so weit aufsteigt, dass sein THE LAND OF HOPE AND GLORY während des Ersten Weltkriegs und danach sowas wie die zweite Nationalhymne wird. Russell zählt die biographischen Dinge zwar auf, ihm geht es aber vor allem darum, Elgars Musik in seine Lebensumstände zu beten. Sie wird unterlegt von Fahrradfahrten und Wäldern, Grübeln und Schützengräben, staatlichen Empfängen und Depressionen, weil es ihm um die Musik geht und den Menschen, der in ihr zu hören ist.

Dienstag 13.02.

Daddy Daughter Trip
(Rob Schneider, USA 2022) [digital, OF]

verstrahlt +

Wußte man denn niemals in der Kunst, wo der Wahnsinn begann? Alle verkannten Genies rührten ihn zu Tränen, und je abwegiger ein Bild oder ein Buch wurde beim grotesken und jammervollen Sichmühen, um so mehr erbebte er vor bamherziger Liebe und spürte das Bedürfnis, diese Armen, die das Werk wie ein Blitzstrahl zu Boden schmetterte, fromm einzulullen in die Verstiegenheit ihrer Träume.
(Emile Zola – Das Werk)

Rob Schneider ist anstrengend. Denn er fordert Liebe ein, ohne aber liebenswert sein zu wollen. Seine Figuren gleichen vom Typus denen Adam Sandlers. Beide spielen eigenwillige Außenseiter, nur herrscht ein grundlegender Unterschied: Sandler vertraut darauf, dass er, egal was geschieht, geliebt wird – Rollen wie in UNCUT GEMS funktionieren gerade so gut, weil Erwartung und Realität dermaßen auseinanderdriften –, während Schneiders Rollen immer davon ausgehen und darauf angelegt sind, dass sie verachtet werden, dass sie jämmerlich sind, dass sie abstoßen, dass sie ausgegrenzt werden. Selbst die daraus resultierende Komik zielt nicht darauf ab, dass wir zwangsläufig lachen, setzt uns penetranter Geschmacklosigkeit aus. Einer, der wenigen sich bietenden Auswege, wäre vll. trotzdem zu lachen, weil es schwer ist, diesem Wahnsinn anders zu begegnen.
Auch wenn ich seine anderen beiden Regiearbeiten noch nicht gesehen habe, scheint mir DADDY DAUGHTER TRIP nun Schneiders TEXAS CHAINSAW MASSACRE, sein APOCALYPSE NOW! zu sein. Nichts bleibt von THE HOT CHICK oder THE ANIMAL, die noch als klassische Komödien funktionierten und gekonnt mit Schneiders-Rollentypus spielten. Stattdessen werden die Gigolo-Filme potenziert, die schon nur noch bedingt witzig waren. Vor allem scheinen Film und Hauptfigur dezidiert etwas sein zu wollen, das nur eine Mutter lieben kann. Dieses Mal scheint Schneider keine Gefangenen machen zu wollen.
Rein optisch ist DADDY DAUGHTER TRIP so unansehnlich wie die Frisur, die Schneider trägt. Keine der Figuren wäre in einem anderen Film mehr als eine Randerscheinung. Selbst seine Tochter Miranda, die auch im Film seine Tochter spielt, wird in diesen Irrsinn hereingezogen. Sie kommt eher nach ihrem Vater und kann das niedliche Kind nur bedingt darstellen, das die Herzen im Sturm erobert, das zum Star geboren ist. Die Witze sind krass und derb und reihen sich gnadenlos aneinander. Fürze, Slapstickgewalt, Leute, die in der Waschanlage auf der Windschutzscheibe liegen. Die 10 Minuten nachdem der mittellose Vater mit seiner Tochter aufbricht, um ihr etwas in den Frühlingsferien zu bieten, mit dem sie sich nicht vor ihrer Klasse schämen muss, sind so schmerzhaft und niederschmetternd, dass A WOMEN UNDER INFLUENCE zum Wohlfühlfilm verblasst. Ein unfassbares Monument menschlicher Unzulänglichkeit und eines Willens trotzdem nicht aufzustecken.
Strukturell sehen wir durchaus einen Wohlfühlfilm: Leute raufen sich zusammen, lernen sich wertschätzen und bekommen die Anerkennung, die Liebe und den (familiären) Erfolg, den sie verdienen. Und vll. ist dieses verdienen der springende Punkt. Sie verdienen es nicht, weil sie irgendwas können, weil sie witzig sind, gute Erzähler oder charmant, sondern weil sie Menschen sind. Sie verdienen es, auch wenn sie sich entstellen wie Rob Schneider hier – vll. stellt die Fratze, die er für seine Comedy aufträgt, eine kompromisslose Form dessen dar, wie er sich von anderen wahrgenommen fühlt.
Die eingangs benannten Horror- und HERZ DER FINSTERNIS-Filme sind deshalb ein passender Ausdruck für die Härte und das Megalomane dieses Films, die passendste Referenz bietet jedoch das Kino John Cassevetes. Ein Kino der Kämpfer, die nach dem Leben greifen, egal wie sehr es sie ausspuckt, die Teil sein wollen, auch wenn sie nirgendwo hineinpassen. Nur dass Schneider dies nicht mit den Mitteln des Dramas angeht, sondern in Form einer an Wahnsinn grenzender Katastrophe einer Komödie, die so irrsinnig und eben doch auch mit zweifelhaften Mitteln witzig ist, dass wir nur froh sein können, dass wir nicht wieder mit einer zu erwartenden, funktionierenden abgespeist wurden.

Sonntag 11.02.

Sherlock Holmes and the Voice of Terror / Die Stimme des Terrors
(John Rawlins, USA 1942) [blu-ray, OF]

ok

Die Voice of Terror-Eingangssequenz führt eindrucksvoll vor, wie einem Bange werden musste, als die Achsenmächte Europa scheinbar unaufhaltbar überrannten. Danach darf Basil Rathbone eine fusselige Frisur tragen, um anzuzeigen, dass er alt geworden ist, da sein Sherlock Holmes für den Kampf gegen Hitler aus der Rente kommt. Der Rest sind etwas beliebige Krimischachzüge, in der Sherlock alle Strippen in der Hand hat, aber so tut, als spiele er Katz-und-Maus.

Sonnabend 10.02.

Neighbors / Buster Keaton verliert die Hosen m
(Buster Keaton, Edward F. Cline, USA 1920) [blu-ray, OZ]

großartig

Im Grunde genommen ist das Pong – also das frühe Videospiel –, in dem sich lebensmüde, schauspielende Stuntmen zwischen zwei Häuserfronten, getrennt von einem Zaun, hin und her bewegen … nur das ihnen unterwegs mehr absurde Dinge passieren. Zwei Hosen werden auch rutschen, wieso sie für den deutschen Titelgeber so zentral sind, weiß ich aber auch nicht.

Schock – Kein Weg zurück
(Denis Moschitto, Daniel Rakete Siegel, D 2023) [stream]

gut

Ich mag ja Denis Moschitto sehr und finde es schade, dass der Regisseur/Autor seines neuen, ziemlich guten Films ihm keine bessere Rolle gegeben hat. Mehr dazu bei critic.de.

Freitag 09.02.

Another Man’s Poison / Gift für den anderen
(Irving Rapper, UK 1951) [stream, OF]

gut

In diesem großen theatralischen Schauspielkino dürfen Bette Davis und Gary Merrill mit großen Monologen und unzähligen Beweisen ihrer Hassliebe gegen die hölzerne Langeweile des Skripts anspielen. Am besten ist aber die Figur des Tierarztes (Emlyn Williams) von nebenan, der immer schon weiß, wer welche Leiche im Keller liegen hat, und ganz zufällig und unbedarft darauf zu sprechen kommt und den aufgekratzten Leute damit noch mehr die Nerven raubt.

Saltburn
(Emerald Fennell, USA/UK 2023) [stream, OmeU]

großartig

Badewasser wird geschlürft, in das hineingewichst wurde; ein frisch geschaufeltes Grab gefickt; Cunnilingus zelebriert, der sich in Regelblut suhlt; nacktes Tanzen durch einen leeren Palast per Plansequenz: Einiges an diesem twistreichen Thesenfilm ist lasch, lau und viel zu nett, aber seine Darstellung des Papiertigers der Reichen und Einflussreichen, der perfide unterwandert wird, ist so unverschämt lustvoll, dass es ein Heidenspaß ist.

Donnerstag 08.02.

Derrick (Folge 281) Das Abschiedsgeschenk
(Dietrich Haugk, D 1998) [DVD]

nichtssagend

Auch ein Geschenk an mich für das vergangene Lebensjahr: Die letzte Folge Derrick nach fast sieben Jahren chronologischen Schauens. Am 3. April 2017 hatte es mit WALDWEG begonnen, bis zum Juni 2020 war ich bei Folgen 240 angekommen, dann begann das Stocken. Die Doppelbewegung der Serie machte mir zu schaffen. Einerseits hatten Regisseure wie Brynych, Vohrer, Goslar, Gräwert und Becker ihre letzten Folgen gedreht. Der Versuch eines aufregenden deutschen Genrekinos im Fernsehen verebbte in den 1990ern zusehends. Andererseits fielen die simple, biedere Krimikost weg, Folgen wie MADEIRA, da sich der alleinige Drehbuchautor gleichzeitig in seine von der Moderne bestürzte Parallelwelt einschloss. Aus dieser Position bekam er keinen Krimi ohne Mahnung mehr hin. Das Ergebnis waren durchgehend wirre und/oder unangenehme Episoden – was sie vll. mit Abstrichen schon davor waren, nur sah es nun, da es eskalierte, nicht mehr nach einem TWIN PEAKS-Vorläufer aus, sondern nach Demenz.
Für die letzten 40 Folgen habe ich fast vier Jahre gebraucht, weil die tollen Folgen rarer wurden, weil ich sie kaum noch erwartete. Aber auch gegen Ende hatte es die Serie in sich, und langweilig wurde es gerade in der finalen Phase der weltmüden Entrücktheit nie. Jetzt, wo ich wieder über die Serie nachzudenken beginne, falle mir umgehend Folgen ein, auf die ich mal wieder Lust hätte. Und die Aussicht auf DER ALTE, eine ähnlich gelagerte Serie, die nicht von Reinecker geschrieben wurde, scheint nun umso verlockender.
Die letzte Folge ist übrigens kein gelungenes Abschiedsgeschenk. Haugk, der für ein paar der allerbesten Folgen verantwortlich zeichnet, kann der Struktur des Drehbuchs kaum etwas entgegenstellen. Derrick läuft im Kreis zwischen Verwandten und Freunden eines inhaftierten Verbrecherbosses, der Derrick töten lassen möchte. Schön: überall hängen die riesigen Portraits des Bosses. Unschön: immer wieder die ums gleiche kreisenden Dialoge, als hätte die Platte über die Beförderung Derricks nach Brüssel und seine Versuche, die Menschen der Gegenwart aus ihrer moralischen Lethargie zu reißen, einen Sprung. DERRICK tritt trübe ab, leider. Als Schlussstrich ist es aber umso effektiver. Der nie junge, aber inzwischen etwas arg alte Derrick hatte seinen Ruhestand sichtlich nötig.
*****
Spontan wären das meine 20 Lieblinsgfolgen, vor allem aber hat mir der Versuch, mir einen Überblick zu verschaffen, wieder vor Augen gehalten, wie viele, viele tolle Folgen zur Auswahl stehen:

(01) Pfandhaus (Dietrich Haugk, BRD 1975)
(02) Pecko (Zbyněk Brynych, BRD 1976)
(03) Tod des Wucherers (Zbyněk Brynych, BRD 1977)
(04) Der Mord, der ein Irrtum war (Dietrich Haugk, D 1997)
(05) Steins Tochter (Wolfgang Becker, BRD 1978)
(06) Die Puppe (Theodor Grädler, BRD 1979)
(07) Eine Nacht im Oktober (Wolfgang Becker, BRD 1977)
(08) Karo As (Dietrich Haugk, BRD 1979)
(09) Hoffmanns Höllenfahrt (Theodor Grädler, BRD 1975)
(10) Dr. Römer und der Mann des Jahres (Theodor Grädler, BRD 1983)

(11) Der Schlüssel (Zbyněk Brynych, D 1994)
(12) Kaffee mit Beate (Alfred Vohrer, BRD 1978)
(13) Der Fall Weidau (Alfred Weidenmann, BRD 1986)
(14) Stellen Sie sich vor, man hat Doktor Prestel erschossen (Zbyněk Brynych, BRD 1984)
(15) Der Mann aus Portofino (Dietrich Haugk, BRD 1976)
(16) Familie im Feuer (Zbyněk Brynych, BRD 1985)
(17) Tote Vögel singen nicht (Alfred Vohrer, BRD 1976)
(18) Auf Motivsuche (Zbyněk Brynych, BRD 1988)
(19) Die Nacht des Jaguars (Jürgen Goslar, BRD 1987)
(20) Alarm auf Revier 12 (Zbyněk Brynych, BRD 1975)

(Die Reihenfolge ist wahrscheinlich etwas davon verzerrt, dass mir die Folgen aus den 1970ern wohl am ehesten in Erinnerung geblieben sind, weil ich da noch weniger glauben konnte, was in dieser Serie alles passiert. Mir scheint es jedenfalls nicht stimmig, dass die ebenso tollen 1980er Jahre unterrepräsentiert sind.)

Mittwoch 07.02.

American Flyers / Die Sieger
(John Badham, USA 1985) [35mm, OF]

fantastisch

Eine Straße im Mittleren Westen. Staubige, felsige Weite und die untergehende Sonne, die die Szenerie in ein warmes, orangenes Licht taucht und die Luft flirren lässt. Bei diesem Anblick fing Tino S. einen Platz neben mir an zu fachsimpeln – über die 1980er, das Filmjahrzehnt der Sonnenunter- und -aufgänge. Seinen kurzen, entzückten Einwurf schließt er damit, dass dieses Bild auch in TOP GUN passe. Was durchaus stimmt, mich faszinierte aber etwas ganz anderes. Die Straße, auf der David (David Marshall Grant) und Marcus Sommers (Kevin Costner) mit ihren Rennrädern langsausen, sah in der gewählten Perspektive aus, als würde sie vor der Kamera gleich einem Wasserfall abfallen. Als würden die beiden Brüder augenblicklich senkrecht nach unten fahren. Das Bild ist Feier der Weite des Westens, des stattfindenden Aufbruchs, des Mythos der USA. Mittels dieser optischen Täuschung ist es aber auch das bizarre Bild eines kommenden Absturzes, eines mit Spannung betrachteten Paradoxons, einer Straßenführung die wider die Vernunft ist. (Leider wird weggeschnitten, bevor David und Marcus ankommen.)
Dieses zwiespältige Bild bringt ganz allgemein das Hollywoodkino der Zeit noch mehr auf den Punkt, als wenn da einfach nur ein Sonnenuntergang gewesen wäre. Vor allem steht es sinnbildlich für AMERICAN FLYERS. Auf der einen Seite ist dieser alles, was wir von ihm erwarten. Er ist bunt, er pumpt, ihm strömt Pop aus jeder Pore. Er sieht wunderschön aus. In seiner Verschmelzung von schmieriger Lebensfreude mit berührendem Drama, von Quatsch mit Blut (tödliche Krankheiten), Schweiß (sportlicher Wettkampf) und Tränen (Abschied und Familiendrama) ist er aber zudem höchst uneben … gerade weil dramaturgisch eher gar nicht so abläuft, wie es erwartbar wäre. Kaum ist auszurechnen, ob Kevin Costner als nächstes seinen Arsch auf dem Rad entblößt oder ob ihm eine Hirnblutung auf einer Abfahrt aus der Nase zu läuft. Es macht den Film charmant und voller Überraschungen.
Hinzukommen bizarre sekundäre Kontrahenten – ein sowjetischer Randfahrer mit aufgepumpten Armen –, eine zarte Frau aller Rassen, die Haare auf der Zunge hat und Autoreifen wechselt, oder die Szene, in der der Hauptkontrahent David mit seinem Kinn in einem Abgrund drängen möchte. Ganz großes Kino eben, wie es in der Art nur die 1980er Jahre vermochten.

Dienstag 06.02.

Derrick (Folge 280) Mama Kaputtke
(Alfred Weidenmann, D 1998) [DVD]

gut

Eine junge Frau wird ermordet. Ein Ornithologe hat statt Vogelgesang zufällig ihren Todesschrei aufgenommen. Aber Derrick muss sich nicht wie Harry Caul durch die Tonbandaufnahme Richtung Wahrheit kämpfen, sondern spielt es ruinierten Stadtmenschen vor, die er damit mürbe macht. Mit dabei: eine Mutter, die ihren in München lebenden Kindern (u.a. Thomas Schücke), nach dem Mord als erstes vorwirft, dass sie nicht auf ihre Schwester aufpassten; zwei Geschwister, die Fragen nach ihren Jobs mit vielsagenden Nichtantworten begegnen, die zunehmend naheliegen, dass sie ihr Geld mit Sex und Kriminalität verdienen; ein lebensmüder Pianist (Volker Lechtenbrink), der vll. seit der Hochzeit des Film noir in seinem Hotel vor sich hin klimpert und in ewiger, besserwisserischer Desillusion festsitzt; ein Ehepaar (u.a. Wolf Roth), das gerne mondän verkommen wäre, aber doch noch von sowas wie Eifersucht und Liebe verfolgt wird. Also ein ganz netter Cocktail eines schlimmen Großstadtmolochs – Reinecker-Style.

Montag 05.02.

Derrick (Folge 279) Herr Kordes braucht eine Million
(Wigbert Wicker, D 1998) [DVD]

nichtssagend

Ein verschuldeter Geschäftsmann entführt die Tochter eines entfernten Konkurrenten, um per Lösegeld liquide zu bleiben. Aus Gründen schaltet der Erpresste aber Derrick ein, der bei der Übergabe den Täter dingfest macht. Der hat zwar ein stimmiges Alibi, aber unser Stephan durchschaut dessen genialen Plan. Wir verfolgen also ganz klassisch den Kampf zweier Intellekte und, wie Derrick einen Mann mit schlechten Gewissen moralisch bricht, indem er den Täter vor seiner Familie unmöglich macht. Was heißt, dass wir uns größtenteils in einer biederen Reinecker-Parallelwelt bewegen, die das Perverse und Abgründe – die Entführte, die tagelang in einem Käfig hockt und von der Folge einfach vergessen bleibt – für moraline Debatten links liegen lässt. Nur zu Beginn gibt es ein paar tolle Momente, wenn Kordes (Lambert Hamel) in einer Baumkrone hockt, um sein Opfer bei der Fitnesstanzerei zu beobachten, oder wenn er mit seiner Tochter das Bild einer heilen Vorabendfamilienserie abgeben soll, beide aber mit Reineckerdialogen miteinanderreden. Die Vorstellung, dass Reinecker den Krimi Krimi sein lassen könnte und einfach mal ein paar Folgen UNSER LEHRER DOKTOR SPECHT bei DERRICK eingebracht hätte, empfand ich an diesen Stellen als erfreuliche Vision.

Sonntag 04.02.

Home Alone / Kevin – Allein zu Haus
(Chris Columbus, USA 1990) [stream] 15

großartig +

Ich saß lesend im Wohnzimmer, der Fernseher ging an, HOME ALONE begann, weil Kinder mit 8 Jahren längst selbstständig sein können, und ich legte das Buch zur Zeite, weil dies eine gute Wahl war.

The Deep House
(Alexandre Bustillo, Julien Maury, F/B/USA 2021) [stream, OmeU]

großartig

Im Entwurf des Textes wurden die kleinen, weichen Teile, die im Brackwasser schwimmen, natürlich Buffen genannt. Maurice L., der critic.de-Lektor, fragte daraufhin, was das sei. Ich googlete nach Synonymen, und Google kannte das Wort nicht. Irgendwas mit kiffen kam, aber nicht die, wie ich immer dachte, allgemein gebräuchliche Wortbedeutung. Mir wollten auch kein ansatzweise passendes Synonym einfallen. Vll. war ich in einer alternativen Realität aufgewacht, in der alles gleich war, nur den kleinen Buffen war verschwunden. Zur Sicherheit aller fällt in diesem Text das Wort Buffen nun nicht mehr.

Sonnabend 03.02.

Silent Night / Silent Night: Stumme Rache
(John Woo, USA 2023) [DCP]

großartig

Mit der Träne, die im Fall zur Patronenhülse geworden ist, hat Woo eines der eindringlichsten Motive der letzten Filmjahre geschaffen. Nur steht es durchaus quer zum Rest des Films, der mit seinem Genre nicht eins zu werden vermag – es steht quer, wie das Lächeln von Brian Godlocks Ex-Frau, das kurz vor Schluss dessen Rache zu sanktionieren scheint.
Pro forma handelt es sich bei SILENT NIGHT um einen Rachethriller, mit Abstrichen um Heroic Bloodshed. Zu Heiligabend verliert Brian Godlock (Joel Kinnaman) durch verirrte Kugeln einer Gangschießerei seinen innig geliebten Sohn, sowie seine Stimme. Weil die Täter nicht gefasst werden, bringt er sich in Form und trainiert ein Jahr verbissen Nahkampf und den Umgang mit Feuerwaffen. Er spioniert das Milieu und seine Ziele aus, um zum nächsten Weihnachten Rache zu nehmen. Was er auch eindrucksvoll tut, schließlich befinden wir uns in einem Film von John Woo.
Zu Beginn läuft Brian in einem Weihnachtswollpullover – Rudolf ist darauf und dessen Nase bommelt am Bauch unseres Protagonisten – durchs sonnige L.A. und stellt die Täter, die ihn mit einem Schuss in den Hals exekutieren – daher der Stimmverlust. Nichts davon will optisch passen. Das Wetter und der Pullover, der biedere Jedermann und die Gangschießereien, es steht verquer zueinander. Es ist aber nicht ein konzeptuelles Gimmick, sondern der zentrale Punkt. Denn die Rache reinigt nicht die geschundene Existenz mit Blut, schafft weder Abschluss, noch Neuanfang. Der Film ist im Grunde eine Ansammlung von Markern wie impotent Brian bleibt, obwohl er zur Kampfmaschine wird.
Seine Ehe geht vor die Hunde, da er nur noch in der Garage hockt und seine Frau kaum eines Blickes würdigt. Erste Annäherungen an die Objekte seiner Rache verlaufen demütigend. Und ob Brian nun tötet, seinen Hass in Gewalt ausagiert, trainiert oder sonst wie Kontrolle zu gewinnen versucht, seine Selbstbeherrschung bleibt oberflächlich. Trotz aller Muskeln, die Joel Kinnaman präsentieren darf, bleibt er ein kleiner Tropf, der mit seinen traurigen Blicken noch den größten Triumph seines Actionfilm-Ichs bricht. Nicht der Tod anderer wird ihn heilen können, nur sein eigener. Was Woo dieses Mal eben nicht als melodramatischen, tränenreichen Reißer umsetzt, sondern als Film, in dem sich alles fremd bleibt. Kalte, nagende Leere im ewigen Sommer Kaliforniens.

Freitag 02.02.

The Adventures of Sherlock Holmes / Die Abenteuer des Sherlock Holmes
(Alfred L. Werker, USA 1939) [blu-ray, OF]

großartig

Das Kräftemessen zweier selbsternannter Genies, deren Pläne höchste durchschaubar und simpel sind und deren deduktive Schlüsse löchrig und verkürzt ausfallen, ist hanebüchen. Wer gerissene Leute mit durchtriebenen Plots und Gegenplots sehen möchte, ist hier völlig falsch. Aber als Film grotesker Vorlieben, perversen Beziehungen und sagenhafter Dummheit ist es ein Fest.

The Italian Job / Charlie staubt Millionen ab
(Peter Collinson, UK 1969) [stream, OmeU]

großartig

Eine banale Geschichte von Dieben führt in eine endlose Autoverfolgungsjagd. In dieser Struktur gleicht THE ITALIAN JOB dem rüpeligen GONE IN 60 SECONDS, nur ist die britische Version viel, viel bunter und poppiger. Im Heistkrimi, der zum Ziel führen sollt, sucht Michael Caine Geld und Leute für einen perfekt getimten Diebstahl. Wie bei Halickis Film ist es Mittel zum Zweck, nur ist eben süffig und mit ständigem Augenzwinkern. Als Komödie taugt das vll. nichts, als Ouvertüre für diese ausgedehnte, launige Zirkusnummer von einer Autoverfolgungsjagd setzt es aber den Ton perfekt. Und dann halt: Kino als perfekt choreographierte, atemberaubende Bewegung.

Donnerstag 01.02.

Das Beil von Wandsbek
(Falk Harnack, DDR 1951) [DVD]

nichtssagend

Ein paar Wochen nach Kinostart wurde Harnacks Film verboten, auch wenn er völlig auf Parteilinie war. Ein Metzger (Erwin Geschonneck) kollaboriert mit den Nazis. Er hat eben nichts gegen sie. Solange er profitiert, setzt er sich gerne zu ihnen an den Tisch und säuft oder macht ihre Drecksarbeit – wofür er mittels eines Melodramas gerichtet werden wird. Der Stein des Anstoßes war jedoch (von Seiten der UdSSR), dass die Zuschauer Mitgefühl haben könnten. Dass es Zweifel, Ambivalenzen, falsche Sympathien geben könnte.
Das Melodrama um den verblendeten Metzger, dem brutal die Augen geöffnet werden, beschränkt sich auf die letzten Meter. Davor findet sich nur ein systematischer Aufbau aus simplen Bausteinen: Aufrechte bis störrische Widerständler landen im Knast oder im Tod, Schwache verstecken sich, Zeternde mit Hoffnung suchen nach Rechtschaffenheit im Unrechtstaat, den sie langsam erkennen, und die bösen Nazis genießen ihre Macht.
Von der Unsicherheit nach der Machtübernahme der Nazis wird erzählt. Niemand weiß, wie es enden wird. Alles könnte noch gutgehen. So schlecht können sie doch nicht sein. Der Blick aus der Zukunft richtet sich aber auf stolze Märtyrer und falsche Hoffnungen, er ist mitleidig und bemitleidend. Schulmeisterlich. Die einzige Tragik ist im Grund keine individuelle, sondern dass es die Naziherrschaft überhaupt gab. Was zu aus einem Pateibuch geschnitzten Figuren führt, die uns die Tragik Deutschlands als erstem von den Nazis besetzten Staat trocken vorkauen. Das bisschen Leben am Ende musste da vll. stören.

Januar
Mittwoch 31.01.

Derrick (Folge 278) Anna Lakowski
(Wigbert Wicker, D 1998) [DVD]

gut

Eine vereinsamte Frau hängt sich an Derricks Rockzipfel, der damit nicht ganz klarkommt. Seit Jahrzehnten hat sie nicht verkraftet, dass ihr damalige Lebensgefährte verlassen hat und dass sie auf sein Bitten hin abtrieb. Nun klammerte sie sich an ein imaginäres Kind und nun eben Stephan Derrick. Eine nette, traurige Geschichte … in der sich die Mörder spiegeln, die bei einen Einbruch jemanden töteten und von Anna Lakowski erkannt wurden. Abend für Abend gehen sie in einen supertristen Stripschuppen, in dem Steffi Graf-Lookalikes und aufgereite jungen Frauen ihre Brüste schütteln, so auf ihre Weise ihre Leere füllend … statt mit imaginären Kindern. Nur Pierre Franckhs V-Mann-Geschichte steht irgendwie im Weg rum.

Dienstag 30.01.

Anna Karenina
(Clarence Brown, USA 1935) [DVD, OF]

ok +

Fredric March in Hollywood-Verfilmungen der großen Tolstoi-Romane: Es ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Der Auftakt soll sichtlich MGMs Version von THE SCARLET EMPRESS sein und schafft ein erstaunliches Dekadenzportrait, mit einer scheinenden Oberfläche und einem verkommenen Unterleib. Danach schleppen sich Handlung und Dialoge in schwerwiegender, nuancenfreier Deutlichkeit dahin, und nur an manchen Stellen – Greta Garbo wird als Anna Karenina aus dem Haus ihres Mannes gejagt oder das Geisterhaus-Nachtlicht ihres Sohnes – schaffen es Clarence Brown und Co. sich optisch gegen die schematischen Verkürzungen des Romans zu stemmen. Und dann eben Fredric March als Wronskij, der einem nie Argumente dafür liefert, warum sich Anna Karenina in ihn verliebt, der von Beginn weg, einen eitlen Pfau spielt, der das Ende in jeder Szene vorwegnimmt, der schlicht kaum erträglich ist…

Montag 29.01.

The Holdovers
(Alexander Payne, USA 2023) [DCP, OmU]

großartig

Die zweite Hälfte wird zum Roadmovie, und Payne kann sich das schlimmste Stilmittel des Genres nicht verwehren – bzw.: er setzt es schlimm ein: zu melancholischem Folkpop fahren oder laufen die Protagonisten dahin. Es ist schön, es ist anschmiegsam, es ist unangenehm. Gefühle zum Nulltarif möchte er … und bekommt sie von mir in Form von Zweifeln und Missgunst.
Aber warum eigentlich? Sein Film handelt von zwei sich spiegelnden Protagonisten – der eine ist die ältere Version des anderen und Vice versa –, die ihr allgegenwärtiges Scheitern mit einer großen Klappe, zwischenmenschlichen Sadismus und Alkohol betäuben wollen. Paul Giamatti spielt seinen verbitterten Lehrer als eine Form von E.T., als etwas, das nur von seiner Mutter geliebt werden kann, aber endlos knuffig ist. Während Dominic Sessa ein Emo-Posterboy gibt. Beider werden konstant an Beziehungen mit Frauen scheitern, beide mit dem Verdacht der Jungfräulichkeit belegt, und doch werden sie als liebenswerte Partien fürs andere Geschlecht inszenieren. Auch sie sind Marker des Feel-Good-Movies.
Mit dem von Giamatti gespielten, idealistischen wie leidenschaftlichen Geschichtslehrer, trägt der Film das Motiv mit sich, dass sich die Vergangenheit nur im Erscheinungsbild von der Gegenwart unterscheide, dass es aber nichts gibt, was es noch nicht gab. Damit bietet THE HOLDOVER, der alles tut, um wie ein Film der 1970er auszusehen und der auf einem Film Marcle Pagnols aus dem Jahr 1935 basiert (MERLIUSSE), aber wenig Argumente dafür, eine Rückkehr eines klassischen Mid-Budget-Erzählkinos zu sein, als zeigt den Antrieb seiner Hoffnung und seines Pessimismus. Denn die Geschichte ist so für unsere Protagonisten ausweglos, aber auch beruhigend: ihr Scheitern ist nicht besonders, sondern altbekannt.
Also nochmehr Feel-Good-Energie. Aber was ist daran schon schlimm. Payne schmiert es uns nur zuweilen dick aufs Brot und vertraut stattdessen lieber auf lakonische Unglücksminiaturen und seine beiden Hauptdarsteller. Diese nutzen den ihnen geboten Raum und lassen sich liebgewinnen – was in einem Payne-Film bisher nicht zwangsläufig funktioniert hat. THE HOLDOVERS bietet einem so eine schöne Zeit im Versagen.

Sonntag 28.01.

The Navigator / Buster Keaton, der Matrose
(Buster Keaton, Donald Crisp, USA 1924) [blu-ray, OZ] 2

großartig

Wieder mit Lotti Z. (8 Jahre) geschaut. Der ganze Kannibalenkram war etwas zu viel für sie, weshalb sie es vorzog nur hier und da anwesend zu sein – ganz offensichtlich (noch) nicht wegen politisch-unkorrekten Inhalten, sondern weil es plötzlich um Leben und Tod ging –, davor aber, solange zwei Lebensunfähige alleine auf einem Schiff zurechtzukommen versuchen, auf dem sie alleine gestrandet sind, solange sie alles falsch machen, was falsch zu machen geht, und der Film sie immer irrwitziger an sich und den Umständen scheitern lässt bzw. sie irrwitzige Lösungswege beschreiten, war sie dermaßen am Feiern, dass ich jetzt alle Kurzfilme von Buster Keaton besorgt habe, weil ich mehr davon möchte.

Interlude / Der letzte Akkord
(Douglas Sirk, USA 1957) [blu-ray, OF] 2

fantastisch +

Douglas Sirks TOBACCO ROAD. Ford löst die Dichotomie seiner Werke – (Selbst-)Kontrolle vs. Chaos/Emotionalität – in seinem Film exemplarisch einmal in Richtung der sonst favorisierten Gefühle auf und lässt die Kontrolle komplett unter den Tisch fallen. Das Ergebnis ist ein Terrorfilm, dessen Plot und Witz am Zuschauer nagen. Ein Film so weich und verfault, dass er kaum zu goutieren ist … und der genau darin seine Qualität findet. Sirk hingegen lässt in INTERLUDE einmal die Restriktion der US-amerikanischen Kleinstadt der 1950er Jahre nur am Rand mitlaufen. Es gibt keine Nachbarn, Freunden und Kindern, die sich der Liebe in den Weg stellen, sondern nur Liebe, Romantik und überschäumende Gefühle. Wofür der Film nach Bayern geht – wohlgemerkt das Bayern der Bundesrepublik –, um seinen ganz eigenen Horror aufzufahren.
Helen (June Allyson) – all-american Hausfrau in spe – steht zwischen zwei Grauen. Auf der einen Seite: Dr. Dwyer (Keith Andes), ihr all-american Versorger in spe, der nicht viel Gefühl in eine Ehe mitbringen würde, aber grundsolide Biederkeit. Aber wie gesagt, er ist eine Randnotiz, der Ausgangspunkt, vor dem sie mehr oder weniger nach Bayern geflohen sein wird. Auf der anderen steht Dirigent Tonio Fischer (Rossano Brazzi): unzuverlässig, fahrig, exzentrisch, ein Musiker, der nur Gefühl ist. Während einer Touristengruppe erzählt wird, dass das Schloss, in dem sie sich befinden, für Ludwig II. gebaut wurde, kommt er wie aufs Stichwort die Treppen hinab und begrüßt Helen. Doch sein Ludwig II.-Exzentrikpotential wird von seiner nervenkranken Ehefrau übertroffen, die noch mehr Romantik, Fieber und Fäule ist.
Eine weitere Dichotomie findet sich in dieser Gegenüberstellung. Die USA sind ein frisches Land mit frischen Leuten – zumindest in INTERLUDE auch dezidiert biedere, langweilige. Europa bietet hingegen ein grimmiges, komplexes Erbe mit komplexen Familien( und )Geschichten voller Krebsgeschwüren. Helen und Dr. Dwyer arbeiten in aufgeräumten, hellen Büros respektive einem solchen Krankenhaus, während Fischer nicht nur in Ludwig II.-Gebäuden dirigiert, sondern auch in seinem eigenen Schloss Neuschwanstein lebt, dessen Interieur ein Großangriff auf die Sinne ist.
Helen erlebt mit Fischer eine kurze Romanze. Im malerischen Panorama von Salzburg oder bei einem malerischen Picknick, das sie wegen Unwetters in das nahe Strandhaus Fischers verlegen müssen. Eine halbe Stunde ist INTERLUDE eine Liebesschnulze aus dem Effeff. Nur hier und da gibt es Bilder der Ehefrau, die sich als verzerrte Spiegelung im Klavierflügel ins Bild schleicht. Sobald Helene aber mit dieser Frau den Wahn kennenlernt, der ihr mit Tonio, mit all dieser zügellosen Romantik blüht, dringen Horror und Wahn immer deutlicher in den Film. Leute rennen in Selbsttötungsabsicht dem Kini in den Starnberger See hinterher, die Farben wollen unsere Augäpfel fressen, Brazzi spricht mit säuselnder Stimme, guckt aber, als wolle er sie – ihren Körper, ihre Seele – endlich rannehmen: alles an INTERLUDE wird zu viel, zu arg, zu überbordend. Helene bleibt also die Wahl, diesen Horror annehmen oder sich in das stille Grauen der anderen Sirk Melodramen zu retten.

Sonnabend 27.01.

Batman
(Tim Burton, USA 1989) [blu-ray, OmeU] 5

gut +

Mitten im Film kommt eine Zeitung rotierend auf uns zu, um zum Stillstand gekommen eine dringliche Schlagzeile präsentieren. Wie sehr Burtons BATMAN noch sehr in der Serie mit Adam West verwurzelt war, hatte ich gar nicht mehr vor Augen. In diesem Moment war es jedoch unabstreitbar. Auch der Joker ist noch keine leidende Seele, sondern einfach nur ein sadistischer Psychopath without a Cause, der – es sind die von Prince-Songs unterlegten Highlights des Films – Kunstmuseen stürmt, um Gemälden mit Fingerfarben einen neuen Anstrich zu verpassen oder seine eigene toxische Parade zu veranstalten. Statt hintersinniger Absurdität ist er auch eher eine Fips-Asmussen-Kalauermaschine.
Der Joker hat auch die besten Momente. Er wird von Drehbuch und Ausstattung hervorragend bedient. Und doch ist er die Schwachstelle. Von Nichelson wird er hüftsteif gespielt – überhaupt ist es ein Marker kultureller Veränderungen in den letzten 35 Jahren, wie schlecht die Besetzung des Jokers mit einem alten Mann gealtert ist; nicht wegen der fehlenden Diversität, sondern weil Nichelson nur deshalb einen aufstrebenden Gangster spielen kann, weil der Mafiaboss über ihm mit dem famosen Jack Palance geriatrisch besetzt ist. Vom natürlichen Jokerlächeln abgesehen, müht er sich unter einer Maske, die nur bedingt passen möchte, wie auch Burton hier noch sichtlich nach der passenden Form sucht … weil er noch zuviele Konzessionen an besagte Serie macht.
Trotzdem ist sofort zu spüren, dass Burton und Batman sich gesucht und gefunden haben und es schade ist, dass er nur zwei Teile inszenieren durfte. Gotham ist durchgehend eine Mischung aus Noir Krimi, schwarzromantischer Verzerrung und einem vergärten Jugenstil-Cartoon. Die Gangster sehen aus, als müssten sie in Quarantäne oder wie Mitglieder der S1W. Michael Keaton spielt seinen Bruce Wayne als weltfremden Exzentriker und nicht als Partyboy. Und selbst die Liebesgeschichte mit Kim Basinger wirkt eher wie Teil eines Comicbooks und nicht wie etwas romantisches. Überall sind die Marker wie toll die Fortsetung werden sollte.

Freitag 26.01.

The Hound of the Baskervilles / Der Hund von Baskerville
(Sidney Lanfield, USA 1939) [blu-ray, OF] 2

gut

Wenn Basil Rathbone verkleidet durchs Moor läuft und alle narrt, dann kommen leichte Mr.-Moto-Vibes auf, ansonsten ist das – abgesehen von Moor und Seancen – alles etwas umständlich und pflichtschuldig zusammengeschustert. Dass Lanfield für keinen weiteren der 13 Filme verantwortlich war, nehme ich als Versprechen für die Reihe.

Terms of Endearment / Zeit der Zärtlichkeit
(James L. Brooks, USA 1983) [stream, OF]

gut +

Das Paradox dieser Geschichte, in der eine Mutter und eine Tochter in der Trennung zueinander finden und in der Zeitspannen mehr über gegenseitige Gefühle aussagen als die dramatischen Situationen, in den sich gerade befunden wird, ist, dass ich Debra Winger (gerade in den jungen Jahren ihrer Figur) am besten finde, obwohl ihre Rolle denkbar undankbar ist, wenn sie am Ende etwas lieblos für die Dramaturgie Krebs bekommt. Die, die unkittbar zerrissen ist, muss für die große familiäre Kommunion in der Trauer alle auf sich vereinen. Auch der Film selbst bricht darunter entzwei: auf der einen Seite bleibt er komisch, unausrechenbar und ungebunden – in der Liebesgeschichte der Mutter (Shirley MacLaine) mit Jack Nicholson, einem verletzlichen Wilden, der die meiste Zeit befreit von den Schlingen der Liebe lieber vor den Kopf stößt, als Nähe zu riskieren –, während TERMS OF ENDEARMENT auf der anderen zu einem schablonenhaften Werbefilm für familiäre Gemeinschaft wird, dessen einzige nicht völlig sentimentale Note die makabre ist, dass für das Glück eine Tochter (und Mutter) sterben muss.

Mittwoch 24.01.

Derrick (Folge 277) Die Tochter des Mörders
(Dietrich Haugk, D 1998) [DVD]

nichtssagend

Manchmal zeigt uns Haugk Derrick offen als Horrorgestalt oder lässt die Folge mit Eurodance und Aluhüten kurz in hysterische Blödelei ausbrechen oder übersetzt die reineckerschen Moralvorstellungen in dementen Ultrakitsch, aber es bleiben kleine Triumpfe im Abnutzungskampf gegen ein ziemlich blödes Drehbuch. In ihren besten Momenten zeigt uns die Episode in ihrer benebelten Entrückung, dass etwas zu tun besser ist als gar nichts tun, wenn sich Derrick tattrig, weltfremd und unfähig um die traumatisierte Tochter eines flüchtigen Mafiamörders kümmert, in seinen doofsten Momenten, also meistens, hat DIE TOCHTER DES MÖRDERS zumindest sehr viel Potential als Metaerzählung, als (Alp-)Traum, den jemand haben könnte, wenn er zu viele späte DERRICK-Folgen am Stück geschaut hat und jetzt durch ein Mafia- und Weltverwahrlosungsdelirium voller biedermännischer Rechthaberei gegeißelt wird … wobei das Schlimme ist, dass sich dies nicht in etwas Delirantes übersetzt, sondern in moralinsaure Schwerfälligkeit.

Dienstag 23.01.

A Time to Love and a Time to Die / Zeit zu leben und Zeit zu sterben
(Douglas Sirk, USA 1958) [DVD, OF] 2

großartig +

Der Moment, in dem Wehrmachtssoldat Ernst (John Gavin) etwas trotzig, aber immer noch lapidar in den Raum stellt, dass dann vll. alle Schuld haben, nachdem der Film minimal, aber unablässig an der Gegenüberstellung zwischen Nazis und den von ihnen unterjochten Deutschen kratzte, ist markerschütternd.

Montag 22.01.

Derrick (Folge 276) Pornocchio
(Helmuth Ashley, D 1997) [DVD]

gut +

Einer der Gründe, warum ich demnächst wahrscheinlich doch noch die Ziellinie nehmen und DERRICK durchgeschaut haben werde, heißt PORNOCCHIO. Der Name, der Leumund: kühne Träume malte ich mir aus, was sich hinter diesem Namen in diesem Kontext verbergen könnte. Das Ergebnis: Reinecker-Schlock, um die pöse, pöse Pornoindustrie und eine von dieser geschändeten reinen Jungfrau. Ashley übersetzt den Widerspruch aus Reinheit und Verderben, zwischen Natur und Moderne, zwischen Herrenhaus und Mietapartment in die Gegenüberstellung von gleisendem Licht und Weichzeichner hier und nüchterne Normalität da. Und das Ergebnis ist durchaus jenseitig und kann auch ein wenig mit den TWIN-PEAKS-Parallelwelten mithalten, die es gerade in den ersten 15 Jahren der Serie immer wieder gab. Aber gerade diese Ansammlung reineckerscher Motive und seinen damit verbundenen zeigefingerischen Moralhaushalt finde ich inzwischen auch sehr betrüblich und auszuzelnd.

Sonntag 21.01.

Girl You Know It’s True
(Simon Verhoeven, D 2023) [DCP]

gut

Simon Verhoeven ist Kamerafahrten verliebt. Zumindest wenn diese durch Räume gehen, in denen die Überbleibsel einer eskalierten Party durcheinanderliegen: Kleider, Zertrümmertes, Essensreste, Alkohol, Koks, benommene Gäste. Vll. auch, weil er von Milli Vanilli wie von einem Börsencrash erzählen möchte. Der Erfolg setzt ein, bevor sich der kleinen Ungereimtheiten entledigt wurde. Schnell ist viel zu viel und immer mehr Geld im Spiel. Immer noch mehr Leute wollen sich bereichern. Immer mehr wollen Rob & Fab beweisen, dass sie wertige Menschen und nicht nur Puppen (von Produzenten und Eltern) sind. Es muss im herben Kater enden, weil nichts zusammenpasst.
Ein sicherlich pedantischer Vorbehalt lässt mich aber nicht los. Beispielsweise Frank Farian: Als musikalischer Autist kommt er gut weg. Er hockt in seinem Studio und fandet nach dem bestmöglichen Drum- oder Streicher-Sound, um allen (vor allem den USA) zu beweisen, dass er kein Provinzheini ist … der aber trotzdem trotzig immer wieder die geliebte Kartoffelsuppe auftischt. Als jemand der die Kritik an Boney M. und Milli Vanilli nicht versteht, weil für ihn feststeht, dass das Gesamtpaket stimmen muss. Womit zusammenhängt, was vom Film nur indirekt erzählt wird: Fabian scheint besessen vom Gedanken, dass er als Sänger scheiterte, weil er aussah wie er aussah und eben nicht wie Rob & Fab. Weshalb seine Bands auch immer aus dem Willen geboren scheinen, der Popkultur zu geben, wonach sie verlangt – womit er sie – die Charts, die Leute – eben auch trollt. Als wolle er nicht nur den Erfolg, sondern auch immer damit beweisen, dass diesen nur (schwarze) Hingucker mit tollen Bewegungen haben können, deren Gesangsparts von weniger Ansehnlichen wie ihm stammen.
So schön so gut. Aber Matthias Schweighöfer spielt es als Show. Sein Fabian ist einen Tick zu sehr Witzfigur und Brückentroll. Und vll. lag es nur an der hundselenden Synchro, aber irgendwie wirkte der Film dann doch einen Tick zu sehr daran interessiert, das Ereignis Milli Vanilli als amüsante Anekdote zu erzählen, als Witz über eine dieser Frisuren, die man einmal getragen hat und die einem nach ein paar Jahren nur noch peinlich sind.

Stella. Ein Leben.
(Kilian Riedhof, D 2023) [stream]

ok

Ich habe beim Text für den Perlentaucher nicht erwähnt, dass der Cast – vor allem Paula Beer – ziemlich toll ist, weil ich mit mir kämpfte dem Film nicht zu offen vorzuwerfen, dass er ein jüdisches Leben instrumentalisiert, um deutsche Selbstbefindlichkeiten auszudrücken. Was er tut, aber eben nicht nur.

Sonnabend 20.01.

The General / Der General
(Buster Keaton, Clyde Bruckman, USA 1926) [blu-ray, OZ] 2

großartig

Nächster Versuch des erneuten Näherbringens alter Filme an junge Zuschauer. Und dieses Mal schaute Lotti Z. bis zum Schluss und war interessiert und engagiert … auch wenn deutlich zu bemerken war, dass sie nicht daran gewöhnt ist, sich Handlungen lediglich über Bildinhalte zu erschließen … bzw. war es interessant zu erleben, wie komplex THE GENERAL in seiner Einfachheit doch ist.

One from the Heart / Einer mit Herz
(Francis Ford Coppola, USA 1981) [blu-ray, OF] 2

fantastisch

Hank (Frederic Forrest) und Frannie (Teri Garr) haben genug von den Kompromissen und Selbstverleugnungen einer Beziehung und leben in einer Nacht ihre Wünsche aus. Doch Coppola lässt weder Hank mit den lasziven Lippen Nastassja Kinskis in dessen Traum eines exotischen Abenteuers glücklich werden, noch Frannie mit dem kultivierten Traum von Distinktion und Latin Lover Raúl Juliá. Ersteres endet ernüchtert auf einer Müllhalde voller aussortierter Las Vegas-Dekors, also auf einer Deponie verglommener Traumversprechen, während Zweiteres in einem billigen Hotelzimmer trotzig verglimmt. Und vll. ist es einer der größten Ausdrücke filmischer Romantik und Fantastik, dass das finale Zufriedengeben miteinander kein melancholisches oder bitteres Ende ist, sondern dass es ein Happy End sein soll, dass Teri Garr den immer wieder präsentierten undefinierten Oberkörper Forrests und seine wenig glamouröse Persönlichkeit Raúl Juliá vorzieht.
Bei der ersten Begegnung nahm ich ONE FROM THE HEART lediglich als seelenlose Ausstattungshuberei wahr. Es stimmt gewissermaßen, ist aber auch total falsch. Die Handlung vollzieht sich in einem Randgebiet von Las Vegas, dass komplett in einem Studio nachgebaut wurde. Coppola lebt eben megaloman seinen Traum aus, Studiomogul und Regisseur in den 1920ern oder 1930ern gewesen zu sein. Klaustrophobisch sitzen Hank und Frannie in einer Spielzeugwelt ohne Außen fest. Nicht minder artifiziell ist der Film beleuchtet und in seinen Bildern entworfen. Sie wohnen in einer Liebeserklärung an das Medium Film, bei der obsessiv die optischen Möglichkeiten eingesetzt werden. Auslaugend, verdreht und aufrichtiger wird so von der Existenz in einer kruden, überdrehten, brüchigen Welt erzählt, von einem ebensolchen bizarren Sein … angetrieben von der himmelschreienden wie beruhigenden Erkenntnis, dass Verzicht immer und überall auf einen wartet. Die romantische Schönheit der Desillusion.

Freitag 19.01.

Steamboat Bill, Jr. / Wasser hat keine Balken
(Buster Keaton, Charles Reisner, USA 1928) [blu-ray, OZ]

großartig

Die Tragödie dieser Sichtung war, dass ich STEAMBOAT BILL, JR. auch angemacht hatte, um mal wieder Lotti Z. (7 Jahre) mit altem Kram zu ködern. Sie spazierte wie erwartet kurz nach Beginn ins Wohnzimmer und blieb sofort hängen, war fasziniert und interessiert. Kurz bevor aber der Sturm losbrach, der den Film völlig durch die Decke gehen lässt und den vll. aberwitzigsten Stunt der Filmgeschichte enthält, wurde sie von einem ihrer großen Brüder gefragt, ob sie etwas mit ihm spielen wolle. Sie ging und ich musste – pädagogisch gescheitert – alleine staunen.

Superbad / Superbad – Meine letzte Nacht als Jungfrau
(Greg Mottola, USA 2007) [stream, OF]

gut +

Jedes Mal, wenn sich zu dem Strang zurückbegeben wird, in dem Bill Hader und Seth Rogen zwei Nerd-Slacker-Polizisten spielten, die in einer Nacht aus Chaos die Trauer bekämpfen, dass sie in einem biederen, geregelten Leben geendet sind, war ich raus. Das dort gebotene Bro-Nerdfest fand ich schwer erträglich. Die im Grunde sehr schöne Bromance zwischen Foul-Mouth-Jonah Hill und dem aufrechten Verzichter Michael Cera, die sich lange über Slapstick sowie derbe Sprache und Witze aufbaut und dann auf ein eigentlich erstaunlich zärtliches Finale zuläuft, wäre ohne diese besser dran gewesen. Vll. ist die bei Hader und Rogen gebotene Show zweier Verklemmter, die gerne cool sein würden, mir im ersten Moment aber auch viel zu heftig gewesen. Mal sehen, was die Zweitsichtung sagt.

Donnerstag 18.01.

Anyone But You / Wo die Lüge hinfällt
(Will Gluck, USA 2023) [DCP, OF]

gut

Einerseits ist es schön, dass es diese RomCom voll Sex, Anzüglichem und nackten (weiblichen wie männlichen) Körpern gibt. Eine RomCom, die in ihrem Schmier aufgeht. Andererseits will es mit der Romantik und der Comedy nicht so wirklich klappen. Bzw. an manchen Stellen schon, aber über weite Strecken wirken Gefühle und Witz wie Pflichtübungen, auf die sich niemand vorbereitet hat. Mit Sozialschamdrastik wird gegen die Ideenlosigkeit vorgegangen, wie Witzigsein funktionieren könnte, während sich die Romantik auf Formeln zu verlassen scheint. Es ist hochsympathisch und spannend, wie hilflos nach Selbstverständnis gesucht wird, oft aber auch etwas arg blutleer.

Mittwoch 17.01.

Derrick (Folge 275) Das erste aller Lieder
(Horst Tappert, D 1997) [DVD]

ok +

In München flötet eine südamerikanische Sagengestalt in Form eines Obdachlosen(?). Er sucht nach dem ersten aller Lieder, während Reinecker sich in eine Parallelwelt der Drogen und des Verbrechens schreibt, in der Süchtige Maschinen gleichen, die jedem – einem verinnerlichten Programm folgend – Sex für Geld anbieten. Der Regisseur heißt nun wirklich Horst Tappert, der es ernst nimmt und so inszeniert, wie er selbst in der Folge rumsitzt: mit nachdenklicher, bestürzter Miene. Irgendwie ist kaum zu glauben, was hier geschieht, und trotzdem ist es öde. Nach Haugks Irrsinn ist es doppelt schmerzhaft.

Dienstag 16.01.

Carrie
(William Wyler, USA 1952) [DVD, OF]

großartig

Zuerst: das Melodrama einer jungen, naiven Frau (Jennifer Jones), die in die große Stadt kommt, wo sie sich von einem Hallodri (Eddie Albert) in eine unschickliche Lage bringen lässt, nur um danach die Geliebte eines verheirateten Mannes (Laurence Olivier) zu werden. Ohne nachzudenken wird sie sich von Männern und aufpoppenden Gedanken treiben lassen. Und der Schmerz liegt dabei in den Schatten, den unzähligen Momenten optischer wie zwischenmenschlicher Ausgrenzung und der Ahnung wie schlimm es kommen muss … und in der alptraumhaften Ehefrau Oliviers (Miriam Hopkins!).
Nach einer Stunde bricht der Film in eine andere Richtung aus, in eine Variation von A STAR IS BORN. Erst der langsame Abstieg von Oliviers Großbürger, der nicht mehr Herr über das besten Restaurant Chicagos ist, sondern erst Oberkellner in einer Kaschemme und dann von einer Spirale gen Straße und Tod erfasst. Es ist vielleicht der beste Teil des Films, wenn Olivier aus jeder Pore den Snob dringen lässt, der nur beim Schritt vor die Tür – ob der Menschen und des Drecks um sich – innerlich zergeht. Carrie steigt in der letzten halben Stunde zum Star auf und das Drama packt zusehends seine Sachen zusammen. Durch Stolz versiegen die Lebenskräfte des einen, während die andere blind für das Ausmaß des Schmerzes des anderen unbedarft leidet.

Montag 15.01.

Derrick (Folge 274) Der Mord, der ein Irrtum war
(Dietrich Haugk, D 1997) [DVD]

radioaktiv

Als ich die Folge begann, erinnerte ich mich dunkel, dass bei einer der verbleibenden Folgen Horst Tappert nochmal Regie geführt hatte. Beim Schauen überlegte ich folglich, ob seine Handschrift erkennbar sei. Bzw.: Je seltsamer die Folge wurde, desto mehr überlegte ich, ob Dilettantismus am Werk sei oder ob Horst Tappert doch dazu in der Lage sein könnte, diesen Wahnsinn mit Methode entstehen zu lassen. Beispielsweise wird Derrick völlig erratisch zwischen das Geschehen geschnitten, wie er in seinem Büro sitzt und wie für den Zuschauer Denksprüche aufsagt. An einer Stelle wird ein Dialog nicht per Schuss und Gegenschuss aufgelöst, sondern durch einen Kameraschwenk … von Derrick durch den Raum und auf dem gleichen Weg wieder zurück. Nur blieb die Antwortende unsichtbar, weil die Kamera bei einem leeren Teil des Wohnzimmers anhielt und diesen zeigte. Spaziergänge, Reaktionen auf Mitteilungen, einfachste Dinge: Noch das Kleinste war seltsam und/oder schossen emotional von Null auf Hundert. Immer mehr bezweifelte ich, dass dies Tapperts inszenatorische Hand sein konnte, immer deliranter wurde es … bis sich in Gebiete vorgewagt wurde, die ich der Serie nicht mehr zugetraut hatte … zu TRISTAN UND ISOLDE Unbeschreiblich. Unbeschreibliche Wonne. Als der Name des Regisseurs im Abspann erschien, war zumindest ein Mysterium geklärt.

Sonntag 14.01.

Babylon
(Franco Rosso, UK 1980) [stream, OmU]

gut +

Bevor Franco Rosso dies drehte, hatte er eine Doku über Linton Kwesi Johnson für die BBC gemacht. Vll. ist deshalb auch die Musik von Denis Bovell, der eben für LKJ die Riddims bastelte, die Hauptfigur des Films. Mehr dazu bei critic.de.

Sonnabend 13.01.

ゴジラ-1.0 / Godzilla Minus One
(Yamazaki Takashi, J 2023) [DCP, OmU]

gut +

Godzilla fällt nach dem Zweiten Weltkrieg über Japan her – wie im ersten Film von 1954. Aber weder wird der Oxygen-Destroya reanimiert, noch steht das Monster für die Atombombenabwürfe ein. Dieses Mal stapft er durch Tokyo als Bild für die Traumata des (kollektiven) Versagens und der verheerenden Folgen des Krieges. Ein Kamikaze-Flieger, der sich gedrückt hatte, muss beweisen, dass er sehr wohl mutig sein und Opfer bringen kann, wenn er denn einen Sinn darin erkennt. Ausgiebig werden patriotische Militärgrüße gezeigt und ein Melodrama um ein zu rettendes Waisenkind und eine zu heiratende Frau lädt den toll getricksten Katastrophenfilm emotional auf. Klassisches Hollywoodblockbusterkino, der seinen US-amerikanischen Widerparts zeigt, wie so ein GODZILLA-Film funktioniert.

Freitag 12.01.

洪文定三破白蓮教 / Clan of the White Lotus
(Lo Lieh, HK 1980) [stream, OmeU]

großartig

Um Rache an ruchlosen Handlangern der Manchu für ruchlose Morde zu verüben, muss Hung (Gordon Liu) lernen, nicht nur auf Kopf und Hoden seiner übermächtigen Gegner zu schlagen, sondern auch mit seiner femininen Seite in Einklang kommen, er muss nähen lernen, zärtlich sein und brutale Mikroschläge anbringen. Was Chang Cheh wohl dazu gesagt hat?
Besonders schön ist auch, wie sich wieder zeigt, wie wenig ein Drehbuch in der Hongkonger Filmindustrie wert war. Der Film beginnt mit einem Endkampf, danach folgt die Wiederholung des immer gleichen Musters, in immer kürzeren Abständen: Hung wird gedemütigt, muss – geradeso mit dem Leben davonkommend – untertauchen und lernt eine neue Kung Fu-Technik, die er aber nie bis zum Ende lernt, sondern sich schon zu früh ins Getümmel aus spaßigem Kampfkunstballett stürzt, weshalb alles wieder beginnt. In dieser Unfertigkeit, dieser Kunst, Dinge nicht bis zum bitteren Ende zu dramatisieren und durchzudenken, sondern es fließen zu lassen und auch Zirkuläres in Kauf zu nehmen, liegt noch mehr Schönheit als in der der Bewegungen.

Land der Unmöglichkeiten k
(Bruno Sukrow, D 2020) [stream]

gut +

Kolportage Geschichte à la ISLAND OF LOST SOULS, nur dass die Wesen auf der Insel nicht Schrecken verbreiten, sondern ihre Ruhe wollen. Eindringlinge werden einfach nur ins Meer geworfen. Eine entscheidende Wendung der Trope.

Janus k
(Bruno Sukrow, D 2015) [stream]

gut

Zwei Männer, eine Bar, eine Tasche: Kurzfilmtwistzeug mit Absurdität und schräger Atmosphäre. Während meiner Arbeit für ein Kurzfilmfestival in Jena habe ich sowas, glaube ich, zu oft gesehen. Der Sukrow-Touch ist fast nur außerhalb der Bar spürbar, wo grundlos überall Flammen züngeln.

Inferno
(Ron Howard, USA 2016) [stream, OmeU]

ok

Ein Schulausflug ins Museum gekreuzt mit 12 MONKEYS. Tom Hanks sucht Fanatiker, die die Weltbevölkerung mittels eines Krankheitserregers halbieren wollen – statt es mal mit Umverteilung zu versuchen. Vor allem versucht er sich aber zu erinnern, wem er vertrauen kann. Etwas Paranoia, Gemälde, Skulpturen und grobschlächtige historische Anekdoten und schon ist verschmerzbar, wie wenig erfreulich dieses INFERNO ist.

Donnerstag 11.01.

The Banshees of Inisherin
(Martin McDonagh, IR/UK/USA 2022) [stream, OmeU]

ok +

Dass eine Komödie über Dämonengeisterfrauen, eine zerbrechende Freundschaft zweier Trinker und über abgeschnittene Finger so bieder sein kann, ist schon ein kleines Wunder … und dennoch der beste Film Martin McDonaghs.

Dienstag 09.01.

L’Été dernier / Im letzten Sommer
(Catherine Breillat, F/N 2023) [stream, OmU]

großartig

Ein Sommerfilm … von Catherine Breillat. Weshalb er Haken hat … zumindest für die Protagonisten. Mehr dazu auf critic.de.

05.01.-07.01.: 21. außerordentlicher Filmkongress des Hofbauer-Kommandos
Sonntag 07.01.

[Spielo]
(Johannes Lehnen, D 2024) [blu-ray]

großartig

Mehrmals zu Beginn: Untertitel über Schwärze – als würde uns eine gähnende Leere, etwas das visuell nicht darstellbar ist, übersetzt werden. Die dann doch gezeigten Bilder bleiben Verzerrungen der Realität von vier Casinos in Frankfurt: extrem nahe Großaufnahmen einarmiger Banditen, Kamerafahrten durch gebastelte Minireplikas der Handlungsorte, Blicke auf Flure und Gänge, Hallenböden, die mit Fotografien der Angestellten, mit Impressionen wie gekachelt sind. Alles unterlegt von einem Soundtrack, der sich Schicht um Schicht aufbaut, der aus Loops von Spielautomatensounds, Drones und Dschungelgeräuschen die hyp-notische Vertonung eines Abgrunds bastelt. So entsteht ein erratisches Portrait verlorener Existenzen und eines Orts, an dem von Glück und Nähe nur geträumt werden kann.

I miracoli accadono ancora / Ein Mädchen kämpft sich durch die grüne Hölle
(Giuseppe Maria Scotese, I/USA 1974) [35mm]

ok +

Wiederholt werden in Großaufnahme fette Maden mit dem Messer aus offenen Wunden gepuhlt. Für kurze Momente ist Scoteses Film affektives Kino par excellence. Von dieser Drastik abgesehen, bleibt die grüne Hölle des Titels jedoch eine Behauptung.
Die Jugendliche Juliane Koepcke (Susan Penhaligon) überlebt als einzige einen Flugzeugabsturz mitten im peruanischen Dschungel und schleppt sich über zehn Tage hinweg durch diesen, bis sie Waldarbeiter und damit ein Tor zur Zivilisation findet. Diese durchwanderte Hölle besteht aus ein paar Schlangen hier, ein paar Kaimane dort. Diese bedrängen Juliane aber nie, sondern sind lediglich anwesend. Das einzige Ausdrucksmittel für die Zeit und die Strapazen bleibt auch ihr apathisches Voranschleppen. Wie ein Zombie auf der Suche nach Gehirn schreitet sie geistlos voran, wie eine junge Frau unter Schock, die keinen Gedanken mehr fassen kann … auf einem Nachmittagsspaziergang.
Die Rettungsmaßnahmen und das Entsetzen und das Warten des Vaters dramatisieren ihr Wandern oder den Film ebenso wenig. Sie nehmen nur Platz ein. Einzig Gott wird durch dieses Außen in den Film getragen, der vll. seine schützende Hand über Juliane hält, weshalb die Hölle eben ausbleibt.
Zumindest mittels der Tieraufnahmen erhalten wir einen filmischen Ausflug durch eine bezaubernde Welt, die mit einem wehklagenden, verträumten Synthesizer-Dschungel-Vogelgezwitscher-Soundtrack unterlegt ist. Als eigenwilliger Nachmittagsspaziergang ist es schon toll.

Otto und die nackte Welle
(Günther Siegmund, BRD 1968) [35mm]

gut

Der einzige Kinofilm des Ohnsorg-Theaters ist ein elaborierter Witz über die Hysterie bzgl. der nackten Welle. Ein Film schmieriger, alter Herren, die es ganz schön und natürlich finden, dass ihre Welt mit nackten Frauen angereichert wird. Alten Herren, die unfassbar viel und in einer Tour saufen. Das Ergebnis gleicht einer deutschen Version von ZAZ, mit deutlicher Betonung von deutsch. Nur die Prä-Benny-Hill-Filmchen von George Harrison Marks, die die grassierenden Erotikfilme der Zeit als Traumsequenzen im Film unterbringen, waren das beste Argument für die Ablehnung der nackten Welle.

Anna und Elisabeth
(Frank Wisbar, D 1933) [35mm]

großartig +

Verzweiflung an der eigenen Rolle ist wie in NEON GENESIS EVANGEL-LION der Antriebsmotor. Nachdem ihr Gebet scheinbar den totgeglaubten Bruder wiederbelebt, wirkt Anna (Hertha Thiele) wie von Gott auserwählt. Wenn doch mal einer der vor das Haus pilgernden Kranken zu ihr vordringt, ist diese trotz aller Abwehr doch geheilt. Was Anna zusehends einem Nervenzusammenbruch näher bringt, will sie doch eine einfache junge Frau bleiben.
Elisabeth (Dorothea Wieck) verzweifelt ebenfalls an ihrem Selbst, nur ist ihr Pein bereits in Wahn gekippt. Wisbar lässt es eben nicht so aussehen, als ob Anna oder Gott ihre gelähmten Beine heilen würden. Ihre manische Ekstase erweckt den zuvor leblosen Unterleib. In ihrem Wahn versteift sie sich jedoch darauf, dass sie nicht ohne Krücken leben kann. Sie tauscht den Rollstuhl gegen den Glauben an Anna, der sie ihr Seelenheil auflädt. Ein Film der Augen ist das Ergebnis, der gesenkten, zitternden (Anna) und der aufgerissenen, drängenden (Elisabeth).
Das sich widersprechende Ringen um Ruhe und Heilung findet in einem Fischerdorf statt. Karge Architektur herrscht vor. Die huckeligen Wege sind grob gepflastert. Über der Ortschaft thront das Herrenhaus einer aristokratischen Familie. Ein Außen ist ebenso abwesend wie die Moderne. Immer wieder auch Einstellungen, in denen sich Gesichter expressiv entgegenstehen oder kubistisch ineinander verkeilen. Dieses anscheinende religiöse Gleichnis ist deshalb eher ein emotionaler Horrorfilm aus Klaustrophobie und seelischem Fieber. Das Mürbewerde beim Waten durch einen Sumpf.

Sonnabend 06.01.

Wanted: Billy the Kid
(Jack Deveau, USA 1976) [16mm, OF]

großartig

Wie in DRIVE wird eine Ansammlung diverser Arten geboten, Sex haben zu können. Nur verzichtet Deveau nun fast vollständig auf eine Geschichte und damit auf ein Drama. Stattdessen wechseln lediglich die Orte und damit die Milieus. WANTED ist dabei warm, anschmiegsam und zärtlich. Nette Leute zeigend, die zusammen etwas genießen. … und wie um den Ausschluss des Leistungsprinzips zu unterstreichen, sind die Penisse selten steinhart.

आन / Mangala – Indische Liebe und Leidenschaft
(Mehboob Khan, IND 1952) [35mm, OmeU]

gut +

Eine Nathan-Juran-Technicolor-Version von KÖNIG DROSSELBART mit der auf Anschlag gedrehten Emotionalität eines Fassbinder-Films. Grob. Große Gefühle gehen in Khans Film jedenfalls erst los, wenn das gesamte Land in Feuer aufgeht. Starrende, eindringende, manische Augen in maximal geschminkten Gesichtern und die Blickduelle zwischen ihnen kommunizieren nachdrücklich, dass Hass auch nur Liebe mit anderen Mitteln ist. Liebe bedeutet für unseren Helden, dass er sich die Frauen – körperlich wie seelisch – unterwerfen muss, während Nadira als stolze, widerspenstige Prinzessin Marlene Dietrich potenzieren will/soll, gerade was Stolz und Widerspenstigkeit angeht. Ständig geht es drunter und drüber und schlägt Haken nach links und rechts … und fährt final noch eine sagenhafte Traumsequenz auf. Irgendwo ist Mehboobs Khans-Film also sehr super. Das Problem war für mich lediglich, dass er nur einen Gang hat und trotz seinem heißen Temperament lediglich das ewig Gleiche bietet.

Der wahre Froschkönig k
(Bruno Sukrow, D 2004) [digital]

gut

Ein Frosch möchte geküsst werden und setzt sich deshalb eine Krone auf, damit Frauen denken er sei verzaubert. Seiner Täuschung geht er aber selbst auf den Leim und beginnt es zu glauben. Ein kurzer Spaß mit Schenkel-klopfern an dessen Grund die Trauer der Selbsterkenntnis lauert. Bzw.: Die Trauer der Selbsterkenntnis wird auf die leichte Schulter genommen.

Im Namen des Königs m
(Bruno Sukrow, D 2015) [digital]

fantastisch

Die Geschichte und die Dialoge sind simpel. Zumindest stellt es kein Problem dar, ihnen zu folgen. Sie zu erklären, ist aber eine andere Sache. Die willkürlich geschlagenen Haken und das Eigensinnige des Erzählens, das keinem großen Bogen folgt, schaffen doch Erratisches, Komplexes.
Worauf sich am leichtesten der Finger legen lässt, ist das Nebeneinanderstehen zweier inszenatorischer Strategien: Fast durchgängig erden Kalauer, Flachwitze, idiosynkratische Absurdität und geniale Dummheit das Geschehen. Sie ziehen es in den Dreck und lassen nie die Idee aufkommen, dass wir etwas Ernstzunehmendes sehen könnten. Die leichte, bekloppte Muse ist offensichtlich das Ziel. Gleichzeitig durchziehen atmosphärische, mystische Flächen die Erzählung. Die Baumkronen des Waldes rauschen und der Wind weht durch das hohe Gras. Die Farben sind entrückt und intensiv. Horror und Unheimliches gehen von ihnen aus. Abgründe werden angedeutet, die unter der einfältigen Oberfläche zu lauern scheinen. Zusammen ergibt das Taumeln, ein fremdes, grimmiges, albernes, existentialistisches Meisterwerk.
Am Ende wartet ein Monument der Befreiung. Eine Frau versteckt sich vor den Häschern des Königs im Kloster zum keuschen Joseph. Die Mönche beginnen umgehen sie zu bespannen und behandeln sie wie die Motten das Licht. Doch bringt dies nicht Verfall und Verderbnis, sondern lässt die Strenge abfallen. In Folge wird weicht die strenge Bibelstudie dem Schaukeln.

kurze Alcotronic-Werkschau
(Alcotronic, D) [digital]

verstrahlt +

SAUFMASCHINE (2021)
IBU1000 (2020)
*****
Die Saufmaschine läuft / Die Menschmaschine säuft. Alcotronics stoisches Herumstehen und seine wie in Stein gemeiselte Delivery, es ist der Fels an dem gute Vorsätze zerschellen.

Oh Schreck mei Hos‘ is weg
(Hubert Frank, BRD 1975) [35mm]

verstrahlt

BRINGING UP BABY mit hysterischem Sexverzicht in einer aggressiv sexualisierten Welt aus Titten, Prostitution, Dauergeilheit und organisiertem Verbrechen. Aber auch hier kann sich niemand beim Denken hören, weil dies ein Großangriff auf Ratio und Kontemplation ist. Spaß als Geiselnahme.

Virginia
(François About, F 1990) [VHS, ≠]

fantastisch

Dies war mein liebster Film des Festivals und meine seltsamste Sichtung. Mehr dazu sowie weitere Perspektiven finden sich auf critic.de.

Freitag 05.01.

Ein Herz voll Musik
(Robert A. Stemmle, BRD 1955) [35mm] 2

großartig

Die DVD belässt das Bild unmaskiert in 4:3, bei der analogen Projektion beim Kongress wurde der Film aber korrekt in 1:1,66 gezeigt. Die Romkulisse in der entsprechenden Tanzszene sieht gleich weniger nach Albert Speer aus. In dieser Begrenzung wirkt alles wenig statisch und leer. Und es wird deutlicher, dass der Film im Grunde aus drei aufeinander folgenden Folgen einer möglichen Sitcom besteht. Denn trotz aller erzählerischen und optischen Entwicklungen geschieht immer wieder das Gleiche mir den gleichen Typen. Running Gag folgt auf Running Gag. Die bundesdeutschen Filme der 1950er verschränken sich in ihrem Willen zum Simplen und Schönen, in der Variation des immer Gleichen vll. mit einer Serie wie FRIENDS.
Meine liebste Figur war der Baron Karl-Heinz von Schlankenhalten (Boy Gobert). Ein trauriger Psychopath, der den Traum von Liebe und Zuneigung einer verachtenden Mutterfigur nicht aufgeben kann, deshalb im frostigen Schatten eines unerfüllbaren Wunsches lebt und damit am Rockzipfel der exzentrischen Millionärin Ellinor Patton (Fita Benkhoff) Entwürdigung auf Entwürdigung erlebt. Sichtlich ist er einer der Running Gags, ein Unhold, der zum Vergnügen des Publikums den Löwen des Spaßes zum Fraß vorgeworfen wird. Und doch bekommt er die traurigsten, empathischsten, intensivsten und komplexesten Momente des Films ab.
Im Gegensatz dazu wird irgendwann der ewig schimpfende Vater unserer von Vico Torriani gespielten Hauptfigur nicht mehr aufgegriffen. Energisch pocht dieser auf Reichtum und Distinktion und ist dabei eine wunderbare Witzfigur in seiner nie abflauenden Erregung. Dass Torrianis Figur nicht wie der Baron ein Gefangener seines Wahns nach Zuspruchs bleibt, ist die Utopie des Films. Passend dazu endet alles in einem himmlischen Meer aus Flieder.
Der Wehrmutstropfen des Ganzen: Die DVD wird der bonbonbunten Farbigkeit des Films gerecht, das rötliche Bild des gezeigten Kodakmaterials nicht.

Les Garçons sauvages / The Wild Boys
(Bertrand Mandico, F 2017) [DCP, OmU]

gut

Wahrscheinlich ein Fall von Devil’s Candy: das optische Äquivalent eines verträumtes Pop-Up-Buchs, indem an Penissen gelutscht wird, die aus Bäumen wachsen, oder sonst ein durchgedrehter Sexkram geschieht. Vom Start weg ist die ein Versprechen einer sehr eigenen Stimme. Aber darin bleibt es stecken. Der Film ist sich seiner selbst zu bewusst, allzu sehr in seine sexuelle Progressivität verliebt und nie wirklich herausfordernd und wild.

We Will Dance Again k
(Andreas Beilharz, D 2024) [digital]

ok

Drei Musikvideos, die – einfach hintereinander abgespielt – Resonanzen bilden. Im ersten wird zu Pharrell Williams‘ HAPPY in Teheran (illegalerweise) getanzt. Im letzten sehen wir letzte Handyaufnahmen von entführten und ermordeten Menschen vom Musikfestival in Israel, dass am 07.10. Hamas-Terroristen zu Opfer fiel.) Leider kann ich mich gerade nicht entsinnen, was das zweite Video war.) Jedenfalls finde ich das Statement an Ort und Stelle mehr als angebracht und unterstütze die Intention voll und ganz. Mit seiner Form hadere ich. Vll. etwas zu viel Pathos.

Tanzen Tun Wir Nicht k
(Andreas Beilharz, D 2024) [digital]

großartig

Ein Testament dafür, dass ich der Gehemmtheit noch nicht entwachsen bin. Diesen Familienfeierhomevideoausschnitt, in dem zwei kleine Jungs vor tanzenden Verwandten stehen und nicht mitmachen wollen, sich nicht trauen, konnte ich vollkommen nachfühlen. Oder: die Kongresse werden wieder familiärer, nur mit anderen Mitteln.

Wir lassen uns das Singen nicht verbieten
(Tillmann Scholl, BRD 1985) [16mm]

großartig +

Als Schleife legt Tillmann Scholl wiederholt Satzfetzen – bspweise: alles neu – über seine Erzählung von abgehängtem Leben und Gentrifizierung. Wie die Gedanken, die die Protagonisten in Filmen nicht loslassen, verfolgen sie das Geschehen. Es ist die entradikalisierte Version früher Musikstücke Steve Reichs, mit denen die Gegenwart von einer entstehenden Moderne heimgesucht wird.
Es beginnt als launiges Portrait St. Paulis, das zum realen Wiedergänger von DER GOLDENE HANDSCHUH umschwingt. Daraufhin wird es zur sympathisch stolpernden Mischung aus Abrechnung mit der Gentrifizierung der Reeperbahn und Portrait eines Einzelschicksals, in dem jemand nach dem Verlust seines natürlichen Habitats ein neues Leben sucht, in dem jemand nach dem Abriss des Schlottermanns(?) nicht mehr Barkeeper sein kann/will und deshalb Bauarbeiter u.ä. wird.
Erst die Liebeserklärung an verlorene Seelen, die vom Kapitalismus, dem gesellschaftlichen Zusammenleben oder einfach vom Schicksal zerkaut und ausgespuckt wurden. Nicht einmal Platz für die Putzfrauen ist darin, die hinter ihnen den hinterlassenen Sumpf der Bar aufräumen müssen. Auch nicht für die Prostituierten, die den sehnsuchtsvollen Fluchtpunkt mancher Erzählung und womöglich die letzte Bastion menschlichen Kontakts bilden. Denn diese haben ihr Leben anscheinend mehr im Griff als die Säufer in dieser derben Parallelwelt, von der mit einem Auge für Schwächen, Stolz und bittere Lebensfreude erzählt wird. Ohne den Leuten wirklich nahzukommen, werden sie trotzdem als Menschen sichtbar gemacht.
Darauffolgend die Geschichte des Abrisses ihrer räudigen Zufluchtsstätten, die bei Flut gern mal bis zu den Knöcheln unter Wasser stehen. Damit gesichtslose Promenaden entstehen und ein sauberes Stadtbild. Vorgetragen im Ton persönlicher Beleidigung. Weil die Verlierer der Moderne auch noch physisch vertrieben werden. Weil jemand wie Jürgen, um den sich der Film zunehmend dreht, sich nun ein neues Leben schönreden muss, aber dieses am Ende vll. doch nicht ertragen hat. Es ist, was es ist: ein sehr persönlicher, unfertiger Blick, der erstaunlich intuitiv, seinen Blick ins Licht zu stellen vermag.

白日夢 / Träume im Zwielicht
(Takechi Tetsuji, J 1964) [35mm] 2

großartig

Ein durchkomponierter Ort der Entfremdung und Paranoia, in dem langsam und benommen von Fetisch zu Fetisch gewechselt wird. Der Aufwand in der Inszenierung und das Zeitschinden, weil das Drehbuch kaum Inhalt bietet, ergänzen sich auf wundersame Weise, wenn es darum geht, die Auslieferung an ein sexuelles Unwohlsein zu porträtieren. Wir sind schon ohnmächtig und es bohrt und bohrt weiter … bei diesem Zahnarzt.

Kokain – Das Tagebuch der Inga L.
(Günter Schlesinger, BRD 1986) [VHS]

großartig

Inga (Renee Zalusky) wird von ihrem Freund Bodo (Toyo Tanaka) im Puff als Sicherheit hinterlegt. Sonst bezieht ihn Drogenbaron Stone (Hans-Jürgen Wolf) nicht in seine großen Geschäfte ein. Dort lernt Inga die minderjährige Petra (Marina Braun-Goedelt) kennen, die sie führsorglich aus dem Abgrund retten möchte … während sie sich um sich selbst kaum Sorgen macht. Das Ergebnis ist ein wenig 1980er Actionthriller, mehr noch Mafia-Epos, vor allem aber moralische Empörung ins Korsett geistiger Umnachtung gepresst. Mit Dialogen, die wirken, als müssten sie die Figuren erst im Nebel ihres Verstandes mühsam suchen … oder als würden sie wie ein trotziger Eisberg aus diesem hervorschnellen. Mit Petra N. ist rauschgiftsüchtig oder Die Drahtzieher des Todes werden die Bilder mitunter untertitelt und liefern die Kolportage-schlagzeile gleich mit. Bodo lacht ständig das Lachen eines Jokers, das zwischen Verlegenheit und Psychose liegt. Und die Füllszenen zeigen einen deutlichen Fußfetisch: Stiefeln werden mittels Cadrage vom Rest des Körpers abgetrennt. Leitersprossen werden erklommen und Wege gegangen, als gäbe es nichts Wichtigeres. Mit anderen Worten: ein schön entspannter Film aus einer surrealen Parallelwelt … oder vll. doch knallharter Realismus.

Mittwoch 03.01.

La Llorona / The Crying Woman
(Ramón Peón, MEX 1975) [blu-ray, OmeU]

ok +

Ein Gespenst geht um in einer mexikanischen Villa, das Rache für die Vergewaltigung und Ausbeutung der Azteken durch die Konquistadoren nehmen möchte. Es entführt und tötet immer wieder die Erstgeborenen einer spanischen Familienlinie, deren blutiges Erbe in zwei Geschichten etabliert wird. Verzweifelte Mütter ermorden in den Geschichten verzweifelt ihre Kinder und doch sehen wir kein Melodrama, sondern einen heruntergekochten Thriller, der mehr Abenteuerfilm als Horror ist. Der nicht anklagt, sondern das beschriebene Erbe nur als bunte Exotik verhandelt. Dass am Ende die Familie dem Gespenst ihr Kind entreißen kann, ist schön aber durchaus auch bitter, wie es auch bitter ist, wie viel Potential hier für einen atemberaubenden Film lauert, wenn er nicht ganz so verschlafen wäre.

Dienstag 02.01.

Schließfach 763
(Wolfgang Staudte, BRD 1975) [DVD]

ok

Der Schmuggler Richard Rolander (Horst Frank) will seinen Chef und Kriegskameraden Erik Hoopen (Harry Meyen), der selbst von einem Chef des organisierten Verbrechens (Rudolf Lenz!) unter Druck gesetzt wird, übers Ohr hauen. Dabei geht es um Vertrauen, um Täuschung und Gegentäuschung, um die Sehnsucht nach mehr, nach Palmen und Liebe … mit Schauspielern, die unter ihrer coolen, arschlochigen Oberflächen den geschlagenen Hund spüren lassen oder die nichts sind, aber so gerne etwas wären. SCHLIESSFACH 763 – von Staudte charmant inszeniert – könnte etwas sein, das zu der Zeit eher aus Frankreich kommen würde, … wenn nicht nach der Hälfte die volle deutsche Miefigkeit einschlagen würde. Denn plötzlich ist Rolander tot und wir verfolgen die Nachforschungen der Polizei … in denen keine charismatischen Ermittler, sondern bauernschlaue Sesselpupper das Heft in der Hand haben. Diese müssen sich damit rumschlagen, dass gesagte Straßennamen wiederholt werden müssen, weil sie nicht richtig verstanden wurden, oder mit dem Überschlagen kurzer Wegstrecken. Der Glamour verbrauchter Gangster weicht dem Glamour deutschen Beamtentums. Der harte Wechsel von Aperol Spritz zu Boonekamp.

Montag 01.01.

Derrick (Folge 273) Die Nächte des Kaplans
(Eberhard Itzenplitz, D 1997) [DVD]

großartig

Nach einer Ewigkeit, in denen die Drehbücher Reineckers Folge auf Folge in völlig entrückte Bereiche verdrangen, ist es eine kleine Sensation: DIE NÄCHTE DES KAPLANS ist einfach eine tolle Folge. Der Reinecker-Krimi wird routiniert abgespult: Eine Puffbesitzer- und Mörderfamilie (u.a. Hanns Zischler) beabsichtigt einen Kaplan (Michael Maertens), der der Telefonseelsorger aller Selbstmordgefährdeten sein will, zum Zeugen eines vorgetäuschten Selbstmordes zu machen, der eigentlich Mord ist.
Itzenplitz – ich mutmaße, dass er der Rädelsführer gegen das Drehbuch war, und verwehre mich der Hinweise, dass Reinecker vll. mal einen lichten Moment erwischt haben könnte – hat aber keine Lust auf die Verteuflung von Sodom und Gomorrha. Stattdessen lässt er die Spitzbuden mit der Energie von Kinderfernsehmoderatoren durch ihre Schande und ihren Sündenpfühl hüpfen. Der Moment des verzweifelnden Pfarrers, der in einen Puff muss, ist ein kleines Späßchen. Die zwangsläufigen Debatten über Gott und die Verzweiflung an der Welt werden überwiegend links liegen gelassen, und der große Monolog eines Schauspielers über seine Verführung zum Schlechten wird äußerst hanswurstig zur Aufführung gebracht. Der Diagnose einer nahenden Apokalypse und dem Ringen nach Menschlichkeit wird nicht ganz nachgegeben.
Wieder und wieder wird stattdessen ein Kaplan gezeigt, der bei nächtlichen Anrufen aus dem Bett springt und sich in der Hoffnung, das Haus(?), seine Mutter(?) oder die eigene Verlorenheit(?) hinter sich lassen zu können, schon die Schuhe schnürt, bevor er überhaupt weiß, was los ist. Der nicht helfen möchte, sondern auflegen und davoneilen. Der am Ende willfährig auf einen verkappten Selbstmord zusteuert. Ohne es nur mit einem Ton zu erwähnen, ist dies das stille Psychogramm eines Mannes, der leidet und seine Verzweiflung nach außen projiziert. Eines Mannes, den Derrick erst herausfordert und den er zuletzt zurück ins Bett scheucht, weil er, der früher den Leuten routiniert und eisig ins Herz blickte, mal wieder jemanden erkennen durfte.

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