STB Robert 2022 II

„So sehr verblüfft sie diesen Gecken […], daß er vor dem tiefen Wallen in eine beschauliche Benommenheit zu verfallen scheint, ein Träumer am Meeresrand. […] Worauf ihn eine goldene Klinge der Wonne vom Geschröt bis hinauf zum Herzen entzweischneidet, was dieser Tage ein längerer Weg ist.“ (Mason & Dixon)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wird, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache läuft, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 20 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (21 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
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August
Sonntag 13.08.

Coco / Coco: Lebendiger als das Leben
(Lee Unkrich, USA/MEX 2017) [blu-ray]

ok +

Captain Marvel
(Ryan Fleck, Anna Boden, USA 2019) [blu-ray, OmeU] 2

uff

Sonnabend 12.08.

Underwater / Underwater – Es ist erwacht
(William Eubank, USA 2020) [stream, OmeU]

gut +

Freitag 11.08.

Supernatural
(Victor Halperin, USA 1933) [blu-ray, OF]

großartig

Così fan tutte / Eine unmoralische Frau
(Tinto Brass, I 1992) [35mm] 2

verstrahlt +

Eine Altherrenphantasie, in der Frauen immer willig sind und die aus Fetischen – vor allem: Ärsche – besteht, die in wunderschönen Bildern zwischen Hochglanzporno und Art déco eingefangen werden. Tatsächlich ist COSÌ FAN TUTTE aber kein sehr erotischer Film, weil er (bewusst oder unbewusst) für zwei Dinge ein sehr präzises Auge hat. Weil alles Erotische eben auch ins Bittere neigt.
Erstens scheint offensichtlich, dass nämlich die Männer – auch wenn sie mit mehr Unsicherheit kämpfen können – die Profiteure der sexuellen Befreiung nach 68 und der Obsession sind, dass Frauen hier nie nein sagen. Unablässig grabschen sie in COSÌ FAN TUTTE. Ihre Hände auf den Fetischen der weiblichen Körper sind selbst nicht ganz so angenehmer Fetisch des Films. Und wenn es dann zu Sex kommt, dann rutschen sie nur mechanisch über die Frauen drüber, ohne Rücksicht auf deren Bedürfnisse zu nehmen. Sie rammeln sich an ihnen ab und freuen sich, dass Frauen es jetzt toll finden dürfen.
Zweitens grenzt COSÌ FAN TUTTI an einem Horrorfilm, in dem eine Frau bei allen Übergriffen manisch erheitert lacht und die davon schwärmt, wie sie in den Arsch gefickt wurde, wo der Film doch zeigte, dass dieser ihr dabei aufgerissen wurde. Symbolisch, in dem sie in das Gemälde eines Arsches gestoßen wird und wir dann in das schwarze Loch schauen, das mitten im zerstörten Körper klafft. Die Hauptfigur wirkt so nicht fröhlich, sondern traumatisiert. Als rede sie sich ihre Erfahrungen schön. Vor allem da es sich sichtlich um keinen realen weiblichen Charakter handelt, der das vll. wirklich gut finden könnte, sondern um eine Marionette der Phantasie Tinto Brass‘. Die Übergriffigkeit hat so schon einen doppelten, einen Metacharakter.

Mittwoch 10.08.

Made for Each Other / Ein ideales Paar
(John Cromwell, USA 1939) [blu-ray, OmeU]

großartig

Carole Lombard wird als Energiebündel in ein puritanisches Umfeld gesperrt, womit für Anwalt und Ehemann James Stewart die Qual seines Lebens aufgespannt ist. Hier der langsame, despotische Chef, der verlangt, aber nicht gibt, oder die Mutter, die ihren Sohn nicht hergeben möchte und Achtung erpresst, in dem sie an allem etwas zu Mäkeln hat, dort die Frau, deren Sprache lebhaft losprescht, die auch mal etwas für sich/den Ehemann möchte, die Kampf und Spaß mit sich bringt. MADE FOR EACH OTHER macht aus dem unauflöslichen Widerspruch für den netten Stewart erst eine Gesellschaftsliebeskomödie sozialer Awkwardness, dann ein Horrormelodrama, in dem eine Lungenentzündung, ein Sturm über den USA und der Umstand, dass alle Medikamente in Utah sind, das Leben eines Kindes bedrohen, d.i. die Liebe der beiden, die von überall nur Kälte erfahren. Das Ergebnis ist ziemlich waghalsig und schräg, mal trocken, mal hemmungslos expressiv, aber in all seinen Elementen, so sehr sie zu heftigen Stimmungsschwankungen führen, auch ziemlich super. Und das willkürliche Happy End, in dem nichts grundlegend gelöst ist, hat sich jeder verdient … als Atempause.

Dienstag 09.08.

Prey
(Dan Trachtenberg, USA 2022) [stream, OF]

gut

Pussyface mit Eichelhelm – der ominöse Robert W. schaut wieder Filme und sieht überall Schmuddelkram. Wie er bei critic.de schreibt.

Sonntag 07.08.

Der junge Häuptling Winnetou
(Mike Marzuk, D 2021) [DCP]

nichtssagend

Dass Daniel Christensen, der Flötzinger aus den Eberhofer-Krimis, seine Flötz-Brille nicht tragen darf, obwohl er genau als solch eine Figur gecastet wurde, ist vll. der größte Makel des Films. Mehr gibt es beim Perlentaucher.

Ant-Man and the Wasp
(Peyton Reed, USA 2018) [stream, OmeU] 2

uff

Das ist sicherlich alles etwas besser inszeniert als INFINITY WAR, ich finde es aber ähnlich ermüdend, weil diese raffinierten, raffinierten Späße einfach nicht aufhören wollen.

Sonnabend 06.08.

Man of the World
(Richard Wallace, USA 1931) [blu-ray, OF]

ok +

Ein zynisch gewordener Zeitungsmann (William Powell) erpresst die Reichen und Angesehenen unter den US-amerikanischen Touristen in Paris damit, dass er ihre schlüpfrigen Geheimnisse nicht in seiner Yellow Press veröffentlicht. Nur verliebt er sich in die Tochter (Carole Lombard) seines neusten Opfers (Guy Kibbee). Es ist unscheinbar geschrieben und inszeniert … und irgendwie ist bis auf das tieftraurige Ende kaum etwas bemerkenswert, wären da nicht die Hauptdarsteller. Powell, der wie ein ausgehungerter, verlorener Geier aussieht, der gleichzeitig so wirkt, als müsse er nur mal richtig geknuddelt werden, und als beiße er dann zwangsläufig zu. Und Lombard, die jedes Mal aufblüht, wenn sie etwas sagen darf, wenn Sekundenwasserfälle aus ihren Mund sprießen, die jeden Wortschwall wie eine Befreiung wirken lassen … die Fesseln des Drehbuchs und ihrer gesellschaftlichen Stellung scheinen für kürzeste Momente abgelegt … es ist schön und traurig.

Avengers: Infinity War
(Anthony Russo, Joe Russo, USA 2018) [blu-ray, OmeU] 2

uff

Ironische Alpha-Honchos reden miteinander und ein lila Ultrahoncho, der böse ist, weil er schon mal nicht ironisch ist, hat einen selten doofen Plan-der (hingerotzte) Film.

Freitag 05.08.

Kaiserschmarrndrama
(Ed Herzog, D 2021) [blu-ray]

großartig

Mein Highlight im sehr spielfreudig aufgelegten KAISERSCHMARRNDRAMA war, als sich Rudi nach 75 Minuten des Films, die er im Rollstuhl saß, erhob und auf einen der zu stellenden Mörder zuläuft. In orangener Beleuchtung torkelt er Richtung Bösewicht und es sieht aus, als lerne Frankensteins Monster gerade laufen, als wäre dies die Mel Brooks Version eines Universal Monsterfilms. Was ich nur nicht verstehe, ist, warum der Name des Films jetzt immer im Film selbst genannt werden muss.

Donnerstag 04.08.

Turning Red / Rot
(Domee Shi, USA 2022) [stream]

gut

Irgendwann wird es dann sehr erbaulich, wenn es darum geht, dass Frauen sich und ihre Bedürfnisse (ua. Boybands) akzeptieren müssen. Solange es aber um ein Mädchen geht, dass ihre Menstruation in der Form bekommt, dass sie sich in einen riesigen, muffelnden roten Panda verwandelt, sobald sie zu sehr über Jungs mit Six Packs geifert und emotional wird, dann hat TURNING RED einen riesigen Spaß daran, seiner Hauptfigur eine richtig bunte, peinliche Menstruationsparty zu schmeißen … was super ist.

Guglhupfgeschwader
(Ed Herzog, D 2022) [DCP]

ok +

Spoiler: Franz Eberhofer legt eine Leberkassemmel weg, weil ihm die Lust darauf vergangen ist… Zum Rest gibt es einen Text bei critic.de.

Mittwoch 03.08.

Passage to Marseille / Fahrkarte nach Marseille
(Michael Curtiz, USA 1944) [stream, OF]

gut +

Eine Matrjoschka. Auf einem Fliegerstützpunkt in England, der als idyllisches französisches Farmland getarnt ist, erzählt Captain Freycinet (Claude Rains) davon, wie er auf einer Schifffahrt von Panama nach Marseille fünf Ausbrecher von der Teufelsinsel (ua. Humphrey Bogart und Peter Lorre) kennenlernte und wie Jean Matrac (Bogart) auf der Teufelsinsel landete, wie sich die fünf dort kennenlernten, wie sie flüchteten, und wie sich die fünf auf dem Schiff nach Marseille bei einer Schlacht mit Nazifliegern in der Luft und opportunen französischen Offizieren (Sydney Greenstreet) vor Ort, die sich Vichy andienen wollen, beweisen müssen, um dann Teil der Bomberbesatzung zu werden, die Deutschland nach und nach von dem Flugplatz aus zerstört. Mal ist PASSAGE TO MARSEILLE ein CASABLANCA-Rip-off, mal PAPILLON-Miniatur und dann auch dieser Film über diesen außerirdischen Flugplatz. Vor allem ist es aber Kriegspropaganda aus vielen netten kleinen Einzelteilen, die in seinem besten Moment interessanterweise sehr unangenehm ist. Wenn einer der Kollaborateure der Schiffsmannschaft zusammengeschlagen wird und die guten Franzosen reglos vor der Tür stehen und zuhören … wie die Polizisten nur vor der Tür standen und zuhörten, als die Geschäftsräume von Matracs Zeitung wegen antideutscher Propaganda von einem Mob auseinandergenommen wurde und seine Mitarbeiter zusammengeschlagen wurden.

マイマイ新子と千年の魔法 / Das Mädchen mit dem Zauberhaar
(Katabuchi Sunao, J 2009) [DVD] 2

gut

Eine Nostalgiebombe über den Sommer in einer Kindheit voller Tagträume, gemeinsamer Staudammbauarbeiten und über verliehene Luxusbleistifte, die von Ignoranten mit Messer brutal gespitzt werden. Alles ist schön und die Probleme scheinen ganz einfach. Nur, dass dies eine Film gewordene Verdrängungsarbeit ist. Erst betrunken erzählen ein Mädchen, dass ihre Mutter tot ist. Und erst am Ende werden die Yakuza und die Prostituierte aufgesucht, die einen Polizisten und Vater der Freunde in den Tod trieben. Das ist tatsächlich alles faszinierend … nicht nur die Frage, wer hier die Zielgruppe sein soll … lediglich funktioniert die Parallelhandlung einer Fürstentochter, die mit niemanden spielen darf, in der sich die Vereinsamung eines der Hauptfiguren spiegelt, selten und bremst den Film ständig aus.

No Man of Her Own
(Wesley Ruggles, USA 1932) [blu-ray, OF]

gut

Die Kamera fährt nach oben, damit wir aus erhöhter Perspektive zwischen die Bücherregale der Bücherei schauen können, in der Connie (Carole Lombard) arbeitet und gerade alle Lichter verlöschen möchte. Irgendwo zwischen den Regalen lauert Falschspieler Babe Stewart (Clark Gable – noch ohne Schnauzer), und wir sehen so einen kleinen Urwald, in dem ein Raubtier um seine Beute schleicht. Eine Beute, die gerade erklärt hat, dass dieser Jäger zu sehr daran gewöhnt sei, Ja! von den Frauen zu hören, weshalb sie ihm erstmal ausgiebig Nein! sagen werde … obwohl er doch so unfassbar heiß ist. Womit wir wissen, dass der Jäger die eigentliche Beute ist.
Solange es um diesen Kampf geht, um Gable, der eine Frau ins Bett, und Lombard, die einen Mann in die Liebe locken möchte, ist NO MAN OF HER OWN wie in die beiden verliebt und schwirrt beschwingt um sie … und kredenzt den beiden illustre Duschszenen. Wo das Happy End aber ein paar kurze Abläufe am Schluss hätte sein können, da baut es NO MAN OF HER OWN aus und fällt sein letztes Drittel in ein Schwarzes Loch aus Reinlichkeit und lieblosem Zuendebringen … wo einem nur noch Clark Gables Gewohnheit bleibt, seine Lippen zu kräuseln, wenn er Carole Lombard im Arm hält … als lutsche er ein Bonbon.

Dienstag 02.08.

Mr. & Mrs. Smith
(Alfred Hitchcock, USA 1941) [DVD, OF]

gut

Es gibt ein Bild, in dem die umschlungenen Mr. Smith (Robert Montgomery) und Mrs. Smith (Carole Lombard) aussehen, als würden sie sich als nächstes in die Gurgel beißen wollen. Kurz vor Schluss bricht in MR. AND MRS. SMITH die Liebe zum offenen Schlagabtausch aus, die Leidenschaft als Kampf mit allen Bandagen versteht und die vorher nur unter der Oberfläche brodelte. Bzw. die zu amüsanten Momenten sozialer Awkwardness und passiv-aggressiven Verhalten führten. Und in diesen letzten Minuten wird klar, dass der offene Krieg und die sadomasochistischen Tendenzen dieser Liebenden nach dem schönen Auftakt viel schneller hätten eskalieren hätten müssen. Dass Hitchcocks Stil diese Komödie in einen Käfig aus raffinierter Steifheit sperrte, wenn die Energien und das Charisma der beiden Stars doch viel mehr zu einer Barschlägerei der Liebe tendieren.

Montag 01.08.

猫の恩返し / Das Königreich der Katzen
(Morita Hiroyuki, J 2002) [blu-ray] 2

großartig

Der Film ist ein wenig plemplem, geht es doch um ein Mädchen, dass irgendwo erotisch von Katzen angezogen ist. Zudem wird mit der selbstgerechten Unzurechnungsfähigkeit des Bösewichts optisch so umgegangen, dass die entsprechende Katze sichtlich chinesisch sein soll, womit die japanischen Zeichner sich quasi eine animatorische Form von Yellowface verwendet haben. Aber die Kleinigkeiten, zu denen der Film sich kurz hinbewegt, wie die untergehende Sonne, die durch die Fensterscheiben der Häuser, die einen kreisrunden Markt einschließen, gebündelt werden, auf eines der Häuser im Schatten fällt und dort die Hauptattraktion des Films, den Baron, quasi zum Leben erweckt, sind zudem auch sehr, sehr schön.

Juli
Sonntag 31.07.

The Wizard of Oz / Der Zauberer von Oz
(Victor Fleming, USA 1939) [DVD] 6

fantastisch

Bevor ich laufen konnte, hatte ich schon meinen ersten Film gesehen. THE WIZARD OF OZ – vor einem Schwarzweiß-Fernseher wie eine Bulldogge dasitzend, so mein Vater, und jeden Versuch, mich vom Film wegzubewegen, mit lautstarkem Protest beantwortend. Erst als er vorbei war, war ich befriedet. Tatsächlich sind auch ein paar meiner ersten Erinnerungen an Filme aus dem Zauberer, dann aber schon in einem Farbfernseher. An die gute Hexe und die Munchkins und daran, wie die Hexe die fliegenden Affen losschickt. Und es ist nicht verwunderlich. Was für ein schöner, wundersamer Film.

Sonnabend 30.07.

となりのトトロ / Mein Nachbar Totoro
(Miyazaki Hayao, J 1988) [blu-ray] 3

fantastisch +

Nur eines von vielem: Diese Musik ist so schön. Es ist einfach nur pervers.

Black Panther
(Ryan Coogler, USA 2018) [blu-ray, OmeU] 2

nichtssagend

Der KÖNIG DER LÖWEN des MCU, bei dem es zumindest einen Krieger gibt, der auf einem gepanzerten Nashorn reitet.

Freitag 29.07.

Luca
(Enrico Casarosa, USA 2021) [blu-ray] 2

gut +

Beim zweiten Mal störte mich Ercole nicht mehr so sehr, sondern passte sich schlichtweg in die Dramaturgie ein … weshalb ich aber Probleme mit der stimmigen Dramaturgie hatte. Der sonnige Sommertag voller Entdeckungen und ohne großen Antrieb kam mir dieses Mal einen Tick zu kurz.

Texas Chainsaw Massacre
(David Blue Garcia, USA 2022) [stream, OF]

gut +

Zwei Influencer reisen – er mit seiner Verlobten, sie mit ihrer Schwester – in eine texanische Geisterstadt, um dort die heruntergekommenen Häuser an Gleichgesinnte zu versteigern. Sie streben einen gesellschaftlichen Mikroneuanfang an, indem die Waffen, die Rassisten, die Umweltverschmutzern und alles, was eben gegen die Agenda verstößt, hinter sich gelassen werden.
Eine der zentralen Anliegen von TEXAS CHAINSAW MASSACRE besteht nun darin, die beiden vorzuführen. Eine alte, kranke Frau werfen sie zum Beispiel vor Ort aus ihrem Haus. Nicht weil sie sich sicher sind, dass ihnen inzwischen das Haus gehört, sondern weil die überraschenderweise noch anwesende Frau – aus welchen Gründen auch immer – eine Südstaatenflagge am Haus angebracht hatte und das Wort Negro benutzt. Schnell stehen sie damit wie selbstgerechte Schnösel da und nicht mehr wie die Vertreter einer besseren Zukunft.
Damit lösen sie zudem das Massaker aus und dieses führt zu einem Hipsterpartybus, in dem die hippe Crowd weltvergessen feiert, während draußen die Leute vor die Hunde gehen … und wo der eindringende Leatherface per Livestream in die sozialen Netzwerke geschickt wird, statt den Ernst der Lage zu erkennen.
So offensichtlich der Film darin ist, die beiden Weltverbesserer trollen zu wollen, so simpel ist er eben durchgängig gestrickt. Der Spannungsbogen, die Geschichte, die Charakterzeichnungen, der Subtext: nichts ist wirklich filigran … und im Gegensatz zum Influencertrollen ist es auch wenig gelungen. Darauf legt es TEXAS CHAINSAW MASSACRE aber auch nicht an. Der Film geht ca. 80 Minuten und will damit vll. auch nichts anderes als ein kurzer Punkrocksong sein. Und als solcher ist er ziemlich gut. Weil die Gewaltspitzen ziemlich drastisch sind und gerade in der Partybusszene das Wort Massaker mehr als verdienen. Weil er ein kurzes, simples Vergnügen darstellt.
Und dann ist da eben noch ein endlos großes Feld aus vertrockneten Sonnenblumen, in dem Leatherface zu sich findet. Und gerade wegen dem goldenen Braun seiner Instragramfilter ist es von einer garstigen Schönheit.

Donnerstag 28.07.

Saw V
(David Hackl, USA/CA 2008) [blu-ray, OF]

uff

Eine Journalistin zweifelt und nimmt mit ernsten Blick Notizen von Nichtigkeiten auf. Ein FBI-Agent schaut immer wieder auf eine banale Namensliste oder studiert alte Tatorte, wobei ihm die Geistesblitze wie Teer aus dem Kopf fließen. Es sind Momente von SAW V, wo ich nur noch leide. Ich finde die Figuren schlecht geschrieben und hölzern gespielt. Das zunehmende Kreisen, um die immer gleichen Momente aus den ersten drei Teilen, von denen noch alles bebildert wird, was diese nicht ausbuchstabierten, bringen nichts als Redundanz. Es ist eine Qual, wie sich die Filme zunehmend nicht von ihren Vorgängern lösen können. Zumindest auf dem Papier ist es eine spannende Qual, aber: der Twist riecht zehn Meter gegen den Wind, nichts an Figuren, Schauspielern, Inszenierung und Erzählung finde ich interessant und sehenswert. Als rumpliger Experimentalfilm mit drastischer Ausstaffierung von Urängsten wäre es vll. noch was, aber da sind die Gewaltspitzen inzwischen so Barock, dass es schon ein wenig ins Komödiantische reicht, wenn hier das Gedärm nach links und rechts fliegt. Gerne würde ich vornehmlich das erkennen, was Jochen W. bei critic.de anlässlich des sechsten Teils beschrieben hat. Ich sehe zwar, dass dies in den Filmen steckt, aber es ist wie das manchmal eingesetzte Rot, dass im Kontrast zum ewigen Grün von SAW V wunderschön ist. Aber in der sonstigen Soße des Films geht es einfach nur unter.

Mittwoch 27.07.

The Raven / Der Rabe
(Louis Friedlander, USA 1935) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Bela Lugosi spielt hier als Foltergenießer auf, wie er es davor und danach nie wieder schaffen sollte. Boris Karloff offenbart hingegen, wie Öde er im Vergleich zum deutlich limitierteren Lugosi ist. Aber doch ist es Karloff, der das Top Billing erhält. Verstehe, wer will, nach diesem Film, der eigentlich nur eine Stelle wirklich arg in den Sand setzt. Gegen Ende sperrt Lugosis Mediziner und Poe-Verehrer ein Liebespaar – die Frau begehrt er, kann sie aber nicht bekommen – in einen Raum und prophezeit ihnen, dass er sie dort ewig einsperren werde. Es scheint, dass er ihre Liebe zerstören möchte, indem er die beiden auf sich zurückwirft. Bis sie sich – durch die Isolation zugrunde gerichtet – gegenseitig zerstören werden. Bis von der Liebe nur noch neurotische Ruinen übrig sind. Nachdem die Tür zu ist, feiert sich Lugosis Dr. Vollin in einem Wahn, der unvergleichlich ist. Nicht mal Poe hätte sich so etwas makabres ausgedacht. Übertrumpft hätte er ihn. … Woraufhin er einfach die Wände auf sie zukommen lässt. Nicht metaphorisch, sondern tatsächlich. Er, das exaltierteste Element in einem mehr als exaltierten Film über die Lust an der Qual, wollte sie nur banal zerquetschen.

Dienstag 26.07.

My Little Pony: Equestria Girls – Friendship Games
(Ishi Rudell, USA/CA 2014) [DVD]

ok

Da, wo die EQUESTRIA GIRLS-Filme eigentlich ihre größte Stärke haben, da hat FRIENDSHIP GAMES seine Achillesferse. Die Musik ist einfach mau, wodurch die Geschichte, die uninspiriert Versatzstücken der anderen Teile neu zusammensetzt oder einfach gleich aufwärmt, nur bedingt einen Groove entwickelt.

Mr. Moto Takes a Vacation / Mr. Moto und sein Lockvogel
(Norman Foster, USA 1939) [DVD, OF]

großartig

Mr. Moto trifft auf seinen verbrecherischen Wiedergänger und jagt den im Offenen versteckten durch ein expressionistisches San Francisco, durch einen expressiven Krimiplot mit lieber zu viel kriminellen Parteien als zu wenig, durch den Wirbel des besten und überdrehtesten Comic Relief-Mitarbeiter Mr. Motos und eigentlich ist alles nur noch Kabinett der voll aufgedrehten Stilmittel. Am besten: Der traurige Meisterverbrecher, der versucht Mr. Moto aus dem Hinterhalt zu erschießen, der es aber auch im strömenden Regen nicht schafft, eine freie, ungestörte Schussbahn zu bekommen. Es ist wahrlich Mitleid erregend.
Seltsam in dem Zusammenhang ist, dass die Comic Relief-Figur bei einer Kostümparty in Blackface herumsitzt … und ich fand es fremdschamig. Mehr noch als Peter Lorre als Mr. Moto. Bei Moto sind Verkleidungen, die vom Zuschauer der Filme aber nicht von seiner Umwelt erkannt werden, teil des Konzepts. Es ist wie bei Clark Kent und Superman. Das Blackface aber ist einfach nur eine bekloppte Kostümwahl eines Dämlacks. Also auch wieder passend.

Montag 25.07.

20,000 Leagues Under the Sea / 20000 Meilen unter dem Meer
(Richard Fleischer, USA 1954) [stream, OF]

gut

Dass Jules Verne, der große Schriftsteller der Fantastik und Prophet einer Welt voller Möglichkeiten, und Émile Zola, der große Schriftsteller eines düster-romantischen Naturalismus, der sich manisch in die Abgründe der Menschen eingrub, nicht nur Zeitgenossen, sondern auch Landsmänner waren, fand ich immer faszinierend. Zu sehr wirkten sie wie Gegensätze. Diesen Juni habe ich meinen zweiten Roman von Verne gelesen – nachdem ich vor Jahrzehnten mal REISE UM DIE ERDE IN 80 TAGEN las – und durch 20.000 MEILEN UNTER DEN MEEREN denke ich, dass ich besser verstanden habe, wie nah sie sich eigentlich sind. Denn dem Verne-Roman geht es zwar auch um die Abenteuer mit Riesenoktopussen und eines Besuchs in Atlantis, vor allem ist es aber die Wissenschaft, die das Abenteuer ist. Die Wissenschaft, der sich auch Zola verschrieben hatte, wenn er mit genauem Beobachten und methodischem Vorgehen seine Romane anging.
Thermodynamik und Zoologie sind in 20.000 MEILEN UNTER DEN MEEREN die staunenswertesten Dinge, die Prof. Aronnax auf der und durch die Nautilus begegnen. Und so kommen Zola und Verne in einem einfachen Umstand zusammen: sie zählen für ihr Leben gern auf. Prof. Aronnax kommt aus dem Staunen nicht heraus, was er alles an Meereslebewesen sieht, und Verne lässt diese simple Freude an der Vielzahl der Meereswesen aus seinem Buch schwappen. (Nur bei einem kommen beide nun wirklich nicht zusammen. Wo Verne die Wunder dieser Welt durchgehend auch kulinarisch auskostet und das Überlegen eines vom Aussterben gefährdeten Tier auch gegen dessen leckeren Geschmack aufwiegt, da kann ich mich an eine solch positive Genusslust bei Zola nicht erinnern.)
Was Disney der Verfilmung dieses Romans am ehesten hätte mitgeben können, wäre die Attitüde ihrer Naturfilme gewesen – DIE WÜSTE LEBT war gerade ein Jahr vorher in die Kinos gekommen. Nachdem Prof. Aronnax (Paul Lukas – wegen seines ungarischen Akzents hatte ich ständig das Gefühl den mir deutlich vertrauteren Bela Lugosi zu hören) die Nautilus betritt, gibt es auch Aufnahmen aus der Unterwasserwelt, die diese wie sehenswerte Wunder ausstellen. Fische in vielen Farben schwimmen unter Wasser uswusf. Oder der Antrieb der Nautilus ist es, der atemberaubend leuchtet. Aber das ist nicht das, was der Film für längere Zeit verfolgen würde.
Was ihn dann interessiert, erklärt uns nicht nur einiges über den Unterschied des prosaischen und des filmischen Erzählens, sondern auch darüber, was Hollywood für ein Ort ist. So ist Ned Lang (Kirk Douglas) nicht der symbolische Fluchtversuch, der wie im Buch mitgeschleppt wird, sondern die am ehesten die Hauptfigur. Wissenschaft und Überlegungen sind Dinge, die 20,000 LEAGUES UNDER THE SEA fremd sind. Douglas als impulsiver Racker, der lieber zwei Frauen als eine im Arm hat, der auf tropischen Inseln nicht nur nach Fluchtmöglichkeiten, sondern ziemlich unverschämt nach Eingeborenen zum Ficken sucht, der mit einem lustigen Seehund als Gefährden anbandelt, der muss der Held sein. Aronnax ist wie der Fanatiker Nemo (James Mason) suspekt, weil er zögert und versucht eine breitere Perspektive der Vorgänge zu erhalten.
Weil Ned Land aber zur Hauptfigur wird, ist die Nautilus nicht das Gefährt, dass den Film mit sich nimmt. Sondern ein Gefängnis, auf dem sich nur so lange wie nötig aufgehalten wird. Sie ist ein Ding, wo Kapitän Nemo apokalyptisch Bachs Toccata und Fuge spielt, weil das eben der Quatsch ist, den diese Nerds machen. 20,000 LEAGUES UNDER THE SEA zieht es zu dem Riesenoktopus und Eingeborenen einer Südseeinsel, den Kannibalismus unterstellt werden kann und die deshalb zur Erquickung ein paar Stromstöße bekommen. Das Ergebnis ist dann eben vor allem nett und wird von Kirk Douglas‘ Agilität und seinem Seehund getragen, aber ansonsten verfehlen die Ansätze zur Epik ihr Ziel.
Wenn Kapitän Nemo aber an einer Welt verzweifelt, die den Wegs des Fortschritts immer auch in Richtung gesteigerter Vernichtungskraft und Ausbeutung nimmt (und schlussendlich zu Atombomben und Arbeitslagern führen muss), und gegen diese in den Krieg zieht, wenn Prof. Aronnax zum Teil von diesem Fatalismus angesteckt wird und den Terror der Nautilus an einer grausamen Welt – in der sie Schiffe mit Rohstoffen für Waffenbau versenkt – nicht sofort verdammt und hadert, und wenn der all-american Arbeiter Ned Lang dies sofort anprangert, bekämpft und keinen Blick auf die negativen Seiten seiner geliebten Welt werfen möchte, sondern zum Fanatiker des Status quo wird, dann ist 20,000 LEAGUES UNDER THE SEA ein erstaunlich hellsichtiger Film bzgl. dessen, was der westlichen Welt im kommenden Jahrzehnt bevorstand.

Sonntag 24.07.

Bibi & Tina – Einfach anders
(Detlev Buck, D 2022) [DCP]

verstrahlt

Niemand ist, was diejenige dachte, was er ist … falls die Leute überhaupt einmal wussten, wer sie sind … oder falls sie sich nicht hinter einem ständigen Wechsel aus Maskeraden verstecken: B&T – EINFACH ANDERS ist eine grelle Annäherung und/oder Satire an/über Postmoderne Identitäten und vor allem ein Film über die Hysterie, welche diese begleitet. Dazu noch bunte Musikvideos und eine völlig ungezügelte Geschichte, die hin und her schlenkert, fertig ist das giftig-amüsante Erlebnis im Gewand eines Kinderfilms.

Mr. Moto in Danger Island / Mr. Moto und die geheimnisvolle Insel
(Herbert I. Leeds, USA 1939) [DVD, OF]

gut

Es kommt alles zusammen, was bisher gegen Mr. Moto arbeitete. Das Drehbuch war in seiner ursprünglichen Fassung für Charlie Chan gedacht, Regie führt deshalb auch nicht Norman Foster und abgesehen von vielen Proto-James-Bond-Elementen ist dies ein Whodunnit. Aber wenn es darum geht einen Diamantenschmuggelring in der Karibik zu überführen, dann steht Mr. Moto wenigstens nicht nur herum und grinst, sondern muss agieren … in den Sumpf gehen, Wrestling-Kämpfe bestreiten oder sich mit einem überzeichneten Comic Relief herumschlagen. Das Ergebnis ist schon ganz nett. Dass Leon Ames hier aber eins zu eins wie Steve Carell aussieht, war am faszinierendsten.

Sonnabend 23.07.

The Lodger / Scotland Yard greift ein
(John Brahm, USA 1944) [DVD, OF]

großartig

THE LODGER sieht deutlich besser aus als Fregoneses MAN IN THE ATTIC. Ein gotischer Traum aus Nebel und expressiven Einstellungen. Nur ist Laird Cregar kein Jack Palance – der Mann mit dem Haifischlächeln spielt seinen Jack The Ripper mit Charme, oberflächlicher Contenance und sich abzeichnender Verzweiflung, wo bei Cregar nur Auflösung herrscht. Nur hat Fregonese ein Gespür für Figuren und ihre seelischen Kämpfe, ein Gespür dafür, wie die Jäger auf die Opfer wirken, und lässt nicht nur Typen durch eine lediglich nach typischen Genrekonventionen aufgebauten Geschichte ablaufen. Brahm und Fregonese zusammen, das wär’s gewesen.
Absolutes Highlight: Ein Vater springt begeistert auf, um seiner Tochter bei einer Vaudeville-Tanznummer, in der sie mehr oder weniger strippt, Standing Ovations zu geben.

The Lodger: A Story of the London Fog / Der Mieter – Eine Geschichte aus dem Londoner Nebel
(Alfred Hitchcock, UK 1927) [blu-ray, OZ] 2

gut +

Der Auftakt sieht vor allem mit seiner repetitiv hineingeschnittenen Leuchtreklame unfassbar modern aus und dürfte Godard entscheidend beeinflusst haben. Sobald der Mieter aber seinen Auftritt hat, hinter einer sich langsam öffnenden Tür erscheint und sich aus dem Nebel schält, wirkt Hitchcocks THE LODGER, als solle NOSFERATU umgedeutet werden. Nicht der unheimliche Fremde mit seinem Sex führt zum Tod, sondern der übergriffige, creepy Liebhaber und Polizist, der aus Eifersucht nur ein Monster in seinem Kontrahenten erkennen kann.

The House of the Devil
(Ti West, USA 2008) [blu-ray, OF] 2

großartig

Exposition und Aufbau hin zu der letzten Viertelstunde satanistischer Riten, Gewalt und Flucht vor Wahnsinnigen werden jede Sekunde genossen. Und das an den Nerven Reißendste in diesem geschmeidigen Vorspiel aus Andeutungen ist der Umstand, dass alle Pizzas in dem Film so schlecht sind, dass sie liegengelassen oder weggeworfen werden. Eine solche Welt: The Horror! The Horror!

Freitag 22.07.

Mr. Moto’s Last Warning / Mr. Moto und die Flotte
(Norman Foster, USA 1939) [DVD, OF]

gut

Novelty-Kintopp vom Feinsten, in dem ein enttarnter Spion in einer Taucherglocke auf den Meeresgrund herabgelassen wird, wo er verloren aber neugierig aus den Bullaugen auf die Wunder um ihn schaut, während ihm langsam die Luft ausgeht, in dem Peter Lorre als trauriger Clown auftritt, in dem komödiantisch verheimlicht wird, welche Nation es denn nun im Film war, die einen neuen Weltkrieg anzetteln wollte, in dem es um Verkleidungen, Prügeleien, Explosionen und Comic Reliefs geht, und in dem tatsächlich John Carradine und George Sanders mitspielen.

Justine: A Matter of Innocence
(Roberta Findlay, USA 1980) [blu-ray, OmeU]

großartig

Bei der ersten Penetration geht Justine (Hillary Summers) ein Licht auf. Jedenfalls befindet sich hinter ihrem Kopf eine Lampe, die ihre Erleuchtung anzeigt und ihr einen Heiligenschein aufsetzt. Womit der Film darin gipfelt, dass der Marquis de Sade aus dem Film exorziert wird, der mit seinem Roman JUSTINE ODER VOM MISSGESCHICK DER TUGEND dafür Pate stand, dass hier ein unschuldiges Mädchen in ein Purgatorium aus Sex und Perversion versetzt wird, die zumeist in einem aggressiven Rot leuchtet. Aber sobald es einem Spaß macht, ist es eben alles anders.

Donnerstag 21.07.

Chip ’n Dale: Rescue Rangers / Chip und Chap: Die Ritter des Rechts
(Akiva Schaffer, USA 2022) [stream]

uff

Dies möchte sichtlich das neue WHO FRAMED ROGER RABBIT sein, es ist aber der Wow, dass diese Cartoon-Figur hier auch noch auftritt, krass-der Film, der eine hyperironische Metahandlung auffährt, um im Hintergrund gefällige Gags mit einem Who-is-Who aus dreißig Jahren Kinderprogramm macht.

Mittwoch 20.07.

Elvis
(Baz Luhrmann, USA/AUS 2022) [DCP, OmU]

verstrahlt

Das Portrait einer Karriere, die zu Beginn das Potential zu haben schien, einen Rasen-, einen zweiten Bürgerkrieg auszulösen und damit in drastischer Form vorweggenommen hätte, was in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre folgte, eine Karriere, die musikalisch wie gesellschaftlich Großes hätte erreichen können, nachdem Elvis genau in dieser zweiten Hälfte wieder zu sich fand – es sind die schönsten Momente des Films, wenn Elvis bei sich ist, und der Film groß ausstellt, was die Macht des Kings ausmacht –, und doch ist ELVIS das Dokument ein einziges Scheitern an diesen Potentialen. Womit der Film eine klare Erklärung liefert, was Elvis ausmacht. Weil er eine Sternschnuppe zu sein scheint, der zweimal so hell aufleuchtet, dass der ganze Kram, in dem der Rest, der größere Teil seiner Karriere untergeht und Randerscheinungen bleiben kann.
ELVIS ist also einerseits die Feier dieser beiden Sternschnuppenmomente seiner Karriere, aber auch der Versuch zu zeigen, woran es lag, dass es bei diesen blieb. Warum die fast 10 Jahre in Hollywood mit einer Montage – zumindest vor Hintergrund der Persona Elvis – ausreichend erklärt sind, und warum Las Vegas und das ewige Touren – das zweite monetär erfolgreiche Schwarze Loch seiner Karriere – ihn schließlich auffraß.
Fadenscheinig und offensichtlich versucht Elvis‘ Manager Colonel Tom Parker (Tom Hanks) als Erzähler des Films uns einzuseifen und die Unsicherheit seines Klienten und dessen Vater in den Mittelpunkt zu rücken. Zwei Männern, die unfähig gewesen seien, eigene Entscheidungen zu treffen. Und besonders Elvis sei von der Liebe seiner Fans abhängig gewesen und an der Angst, diese zu verlieren, gescheitert.
Aber so laut diese Stimme ist, so sehr sich die unsicheren, verlorenen Blicke der Presley Männer auch in den Film brennen, so sehr arbeitet ELVIS daran zu zeigen, dass diese Argumentation in Anbetracht des Managementstils des Colonels ein Hohn ist und das diese Unentschlossenheit nur Mittel für ihn war, die beiden besser ausnutzen zu können. Das TCB (Taking Care of Business) des Namens von Elvis‘ Backing Band der 1070er Jahre, die genauso gut als Bezeichnung des Management Parkers dient, könnte in der Buchstabenanordnung des Logos und in der Ausrichtung des Films gut und gerne als CTB gelesen werden – Colonel Tom Bastard. So sehr steht seine Ausbeutung und hinterhältige Manipulation im Bild.
Der groß aufspielende Tom Hanks ist als Gegenstück zur Einfachheit und Schönheit Elvis‘ geschminkt. Seine Biographie wird zum Schatten inszeniert, die über der Karriere Presley hängt, weil sie seinen Feinden Druckmittel gegen sich zu geben scheint. Und als verführerische Stimme im Ohr tritt er auf, die bei Vertragsunterschriften wie der Teufel wirkt, der eine Seele einfängt. Ein Teufel, der seine Zähne erst zeigt, wenn er mit harten Bandagen um seinen Profit kämpft. Der Elvis nur zur Rettung des eigenen Fells an den Wehrdienst verkauft und nicht um Elvis oder das Land zu schützen.
Übrigens: eine der wenigen eher subtileren Dinge des Films ist, dass in Folge des Wehrdienstes in Deutschland Elvis keinen Kontakt mehr zu Afroamerikanern zu haben scheint, obwohl diese davor so wichtig für ihn waren. Es wird nie erwähnt, aber doch ist das plötzliche vornehmliche Weiß um ihn überdeutlich. Und wohl nicht nur Auswirkung des damaligen noch sehr weißen Hollywoods, sondern Produkt der Einflussnahme des Colonels, der sich aus Geldgier der WASP-dominierten USA andiente.
Doch wenn Tom Parker zu Elvis sagt, dass sie zwei von einem Schlag seien, dann ist das nicht nur manipulative Sophisterei von seiner Seite, sondern die schmerzliche Wahrheit des Films. Hier der Rock ’n‘ Roller mit dem Hang zur tacky Mode, dort der Manager, der alles auf ein maximal niedriges Niveau holt, um mit tacky Merchandise noch möglichst viel Kohle aus Elvis zu schlagen … und dort der Baz Luhrmanns Film selbst, der keine Möglichkeit auslässt, tacky und reißerisch von dem Mann der glitzernden Oberfläche zu erzählen. So campy ist ELVIS, dass er damit doch den aufrichtigen Kern der Geschichte trifft und damit um einen Menschen und eine Karriere trauert, die so viel mehr hätte sein können.

旅のおわり、世界のはじまり / To the Ends of the Earth
(Kurosawa Kiyoshi, J/UZ 2019) [stream, OmU]

großartig

Ein Film darüber, nicht zu wissen, ob die Welt oder man selbst das Problem ist. Und der deshalb wie unsere aktuelle Welt einem wilden Karussell gleicht … wie es irgendwie beim Text bei critic.de vll. rauskommt.

Dienstag 19.07.

Mr. Moto’s Gamble / Mr. Moto und der Wettbetrug
(James Tinling, USA 1938) [DVD, OF]

nichtssagend

Es war schon einiges von CHARLIE CHAN AT THE RINGSIDE abgedreht, als Warner Olands Alkoholismus und seine gesundheitlichen Probleme, die in seinem Tod kumulieren sollten, die Produktion zum Erliegen brachten. Damit das bereits investierte Geld nicht verloren ging, wurde der Film zu einem Mr. Moto-Vehikel umgearbeitet. So wirklich mag es aber nicht passen.
Chans Sohn Nummer Eins (Keye Luke) erhält einen ganz netten Nebenplot, der aber nie wirklich zu einem gelingenden Cross-Over mit Mr. Moto führt. Zumal der (Pseudo-)Japaner auch nicht die väterliche Enervierung Chans aufbringen kann.
Aber es ist eben nicht nur der fremde Sohn, der nicht zu Mr. Moto passt, sondern der ganze Fall. So bekommt er kaum bis keine Gelegenheit sich zu verkleiden oder Leute per Judogriff durch den Raum zu werden. Statt einem wilden Agentenactiongetummels gibt es eben eine einfache Detektivgeschichte, die genau das verstärkt, was sonst nur Teil der Performance Lorres ist, hier aber sein volles nerviges Potential entfaltet. Weil er nichts anderes zu tun bekommt, steht er im Plot und grinst ein herablassendes pseudojapanisches Lächeln, als sei er nur von bemitleidenswerten Nichtskönnern umgeben.

Sonntag 17.07.

To Be or Not to Be / Sein oder Nichtsein
(Ernst Lubitsch, USA 1942) [blu-ray, OF] 2

fantastisch

Wiederholungen und Running Gags, die darauf hinauslaufen, dass die Witze über Nazis nicht so plump sein können, dass die Imagination von selbstverliebten Schmierenkomödianten über die Leute der NSDAP und der SS nicht so halbseiden sein können, dass sie sich nicht genau auf dem Niveau der realen Nazis des Films befinden. Wo Hans Landa in INGLOURIOUS BASTERDS der Ausdruck der Angst René Clairs nach der Projektion von TRIUMPH DES WILLENS sein könnte, da ist TO BE OR NOT TO BE im Geiste der Belustigung Charlie Chaplins nach der gleichen Vorstellung ersonnen, der das alles nur Lächerlich fand und wie eine Selbstparodie empfunden haben musste.

To Be or Not to Be / Sein oder Nichtsein
(Ernst Lubitsch, USA 1942) [blu-ray, OF] 3

fantastisch

Nachmittags, als ich den Film zuerst sah, saß Sabrina Z. im Nebenzimmer und beömmelte sich anschließend darüber, dass sie nur mein ständiges Kichern die Stille von nebenan durchbrach. Deshalb musste ich ihr TO BE OR NOT TO BE abends zeigen, auf das sie verstehe … und ich mich beömmeln könne, wenn sie sich wegen des Film beömmelt. Aber ich habe dann gar nicht so sehr auf sie geachtet, wie ich wollte, weil ich wieder im Film versank und mich wegen ihm beömmelte.

Sonnabend 16.07.

The Black Cat / Die schwarze Katze
(Edgar G. Ulmer, USA 1934) [blu-ray, OF] 2

großartig

Es herrscht allgegenwärtige Starre in einem Designerhaus – nur der Soundtrack von Kraftwerk fehlt irgendwie. Bela Lugosi spielt zwar mit und ist wie immer eine Variation seines Grafen Dracula, aber es ist Boris Karloffs Film – schon weil Lugosi weder Lust auf die weibliche Hauptfigur (Julie Bishop) hat, noch solche in ihr weckt. Stattdessen steht Poelzigs (Karloff) Keller im Zentrum, in dem er tote (auf Wiederbelebung wartende?) Frauen in Glaskästen aufbewahrt – wo doch die Leichenberge zu finden sein müssten, die der Verräter vor Ort im Ersten Weltkrieg verursacht hatte. Lust und Tod, Tod und Lust – eine seltsamer, schöner Film.
*****
* Kann ich den als Kind gesehen haben? Dieser Traum aus meiner Kindheit kam mir beim Schauen in den Sinn.

Mysterious Mr. Moto / Mr. Moto und der Kronleuchter
(Norman Foster, USA 1938) [DVD, OF] 2

gut +

Slowley, slowley, catchee monkey. Auch wenn der Film mit einem Ausbruch aus einem mörderischen Dschungelgefängnis beginnt und mit Mr. Moto, der sich per Hilfe bei diesem Ausbruch bei einem Verbrecher unabdingbar macht, um dessen Organisation zu infiltrieren, auch wenn MYSTERIOUS MR. MOTO also als Wiedergänger von DIE NACKTE KANONE 33 1/3 beginnt, dauert es doch etwas, bis dieser Eintrag in die Reihe Fahrt aufnimmt. Spätestens wenn Massenschlägereien übernehmen, die Geschichte zum Intrigen- und Gegenintrigenspiel auf kleinstem Raum wird, wo jeder weiß, dass der andere weiß, dass man weiß, dass der andere weiß … und sobald sich Peter Lorre, der sich wie gehabt als Japaner verkleidet, als deutscher Troll in einer Kunstgalerie verkleidet, dann hat dies eine sehr, sehr schöne Betriebstemperatur erreicht.

Leberkäsjunkie
(Ed Herzog, D/A 2019) [blu-ray, OmU]

großartig

Die unförmige Auflehnung gegen die Respektabilität, die der Vorgänger so gerne installiert hätte, die aber nicht nur davon weggefegt wird, dass auch LEBERKÄSJUNKIE alles wieder gnadenlos auf Null setzt, sondern auch weil dieses Mal alles systematisch aus der Form fällt. Oder noch besser, wie es Lukas auf letterboxd sagt.

Freitag 15.07.

Mr. Moto Takes a Chance / Mr. Moto und der Dschungelprinz
(Norman Foster, USA 1938) [DVD, OF] 2

großartig

Vor Archivaufnahmen eines Dschungels zeigt MR. MOTO TAKES A CHANCE zwei Kameramänner, die in der Realität des Films die Rückprojektionen abfilmen, um Archivaufnahmen Asiens für Hollywood zu machen. Und es gibt auch hier wieder unseren österreichischen – deutschen? jüdischen? – Emigranten, der einen Japaner spielt, der sich als (wahrscheinlich) burmesischer Priester verkleidet. Wobei: bei der Blindheit der Figuren des Films, die Rückenprojektionen für reale Landschaften halten, die sie filmen, und die noch die offensichtlichste Verkleidung nicht erkennen, wäre es kaum überraschend, wenn Mr. Moto einfach nur ein verkleideter Europäer wäre.
Erzählt wird eine Spionagegeschichte. Mit von der Partie sind eine nationalistische, antimodernistische, antiwestliche Revolutionszelle*, ein lokaler Machthaber, der sich als dumme Marionette der britischen Kolonialherren darstellt, um im Schatten seines Images die Macht an sich zu reißen und der der einzige ist, der Mr. Motos Übermenschlichkeit Paroli bieten kann, Spione der Kolonialmächte (u.a. Mr. Moto), die den Status quo erhalten sollen und die lokales Kulturerbe einfach in die Luft jagen, wenn es dem Machterhalt dient, und die beiden US-amerikanischen Kameramänner, also zwei naive Nichtchecker, die sich in der Fremde auch ein bisschen als Herrenmenschen fühlen und sich unbewusster, unklarer und als Elefanten im Porzellanladen ins lokale Spiel der Macht einbringen.
Zentrales Motiv dieses Proto-James-Bond-Films sind somit die konstanten Versuche sich gegenseitig zu täuschen und der Umstand, dass nur Naivlinge in den südostasiatischen Mitmenschen rückständige Untermenschen sehen. MR. MOTO TAKES A CHANCE ist so schlicht kein Film über das damalige Burma, sondern ein Film der Dopplungen und Projektionen, die offen vor den Augen liegen. Ein Film der klar vor uns ausbuchstabiert, was er ist: ein um Exotik bemühter Hollywoodactionfilm.
*****
* Gewehre und Bomben aus Europa werden aber nicht aus Effektivitätsgründen, sondern liebend gerne genutzt.

Nachtgestalten
(Andreas Dresen, D 1999) [35mm]

uff

SHORT CUTS im End-1990er Berlin, in dem Schicksale kurz vorm Allgemeinplatz gekreuzt werden. So lose die Kamera die Leute umfliegt, so wenig ist sie in der Lage die klischeehaften Erzählungen von ihren engen Korsagen zu befreien. So sehr hier die Sexszene zweier Obdachloser in einem Hotelzimmer – umgeben von gleisendem Licht, während die Realität in Form der Hotelbesitzerin draußen anklopft, dass nun doch bitte endlich ausgecheckt werden müsse – tatsächlich Schönheit und Inspiration aufblitzen lässt, so sehr ist es doch das Ende, bei dem die Kamera ein paar aufgereihte Punks mahnend abfährt und bei dem der letzte der Gezeigten auch noch bedeutungsschwanger für Sekunden in die Kamera schaut, das zeigt, wieso das eigentlich alles großer Mist ist.

Donnerstag 14.07.

Murders in the Rue Morgue / Das Geheimnis des Dr. Mirakel
(Robert Florey, USA 1932) [blu-ray, OF]

großartig

MURDERS IN THE RUE MORGUE zeigt uns zwei Wissenschaftler, von denen jeder eine Hälfte des Films dominiert. Dr. Mirakel (Bela Lugosi) ist anscheinend über die Evolutionstheorie (und entrückte, wahrscheinlich rassistisch begründete Theorien über Blut) wahnsinnig geworden. Frauen möchte er mit einem Gorilla paaren und prüft ihre Kompatibilität, in dem er schaut, ob eine Bluttransfusion möglich ist. Wissenschaft ist bei ihm ein Jahrmarkt der Schatten, aus dem nur seine starrenden Augen herausleuchten, ein Jahrmarkt voll Freude am Entsetzen, voll Perversion – für die Wissenschaft müssen Frauen eben halbnackt an Holzkreuze gefesselt werden, wo sie für die Wissenschaft verzweifelt schreien dürfen, während der Gorilla – ständig im Wechsel eine Archivaufnahme und ein Schauspieler im Kostüm – auf sie zur Begattung wartet.
Auf der anderen Seite findet sich der Schatten von Poes Meisterdetektiv C. Auguste Dupin (Leon Ames), zu dessen Ehrenrettung die Figur im Film einen anderen Vornamen erhält. Hier ist er ein lebensferner Hobbydenker, mit in seiner Wohnung mit seinem Hobbychemiekasten spielt, der zu keinem deduktiven Gedanken in der Lage ist und der besser in die sonnigen Landpartien des Films passt als in den moralisch heruntergekommenen Krimi, der ihn umgibt. Mit ihm nähert sich der Film der Vorlage an, was Film wie der Geschichte nicht zu Gute kommt.
Unschwer sollte also zu erkennen sein, dass die erste Hälfte, in der Bela Lugosi in einem Jahrmarktszelt predigt und Frauen entführt, die bei weitem bessere Hälfte ist.

Dienstag 12.07.

The Man Who Knew Too Much / Der Mann, der zuviel wußte
(Alfred Hitchcock, UK 1934) [blu-ray, OF]

großartig

Unter anderem folgt die Hauptfigur der Spur eines Terroristenrings zu einem Zahnarzt. Einen Kompagnon schickt der unbescholtene Bürger, der in einen Spionageplot landete, zur Behandlung, damit er sich im Vorraum umsehen kann. Und während er im Wartezimmer guckt, hören wir gedämpfte Schmerzenslaute. Der Sinn des Ganzen liegt weniger in Suspense und der Ahnung, dass ein teuflischer Nazizahnarzt hinter der Tür wartet, sondern Amüsement.
Bei mir kamen aber plötzlich verdrängte Erinnerungen hoch. Wie ich als Kind beim Zahnarzt sitze und aus dem Behandlungsraum die von Wand und Geräten im Mund gedämpften Schmerzenslaute in den Warteraum dringen. Wie mein Arsch auf Grundeis geht und ich nach Fassung suche. Wie ich immer wieder nachzähle, wie viele noch vor mir dran sind – während das Jammern, die unterdrückten Schreie und das Brummenden und Jaulen der Bohrer in morbider Regelmäßigkeit zu und abnehmen, aber nie aufhören, bis ich selbst dran bin.
Da fiel mir auf, dass meine Wartezimmererfahrungen dies seit Jahrzehnten nicht mehr hergeben. Dass mir das eher wie ein Alptraumszenario vorkommt. Keine filmreifen Erfahrungen mehr, über die man trotzdem lacht. Hach, es ist einfach nichts mehr wie es war.

Montag 11.07.

Zwischen gestern und morgen
(Harald Braun, D 1947) [blu-ray]

gut

Manche sagen, ich hätte Harald Braun bei critic.de mal wieder mit Ideologiekritik niederprügelt. Manche meinen, ich lobe ihn indirekt für seinen unangenehm angenehmen Film. You say goodbye, I say hello.

Sonntag 10.07.

未来のミライ / Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft
(Hosoda Mamoru, J 2018) [blu-ray, OmeU]

großartig

Dickens WEIHNACHTSGESCHICHTE für das Erwachsenwerden. Eine Junge lernt mittels der Geister von Hunden, der Zukunft und der Vergangenheit kein egoistischer Störenfried zu sein, sondern sich als Teil einer Linie zu begreifen. Es zeigt Hosoda schon ziemlich oft on top of his game. Ich konnte nur nicht abschütteln, wie didaktisch die Geschichte strukturiert ist.

Thank You, Mr. Moto / Mr. Moto und der China-Schatz
(Norman Foster, USA 1937) [DVD, OF] 2

gut

Schnelle Autos und Judo-Griffe … und ein österreichischer Emigrant, der in den USA einer Japaner spielt, der sich als Mongole verkleidet.

Sonnabend 09.07.

Thor: Ragnarok / Thor: Tag der Entscheidung
(Taika Waititi, USA 2017) [DVD, OmeU] 2

nichtssagend

Jede, wirklich jede Figur macht die gleich Art Witze. Die Bösen und die Guten, die Ernsten und die Scherzbolde, alle sprechen sie fließend Ironisch. Es ist wie bei Terrence Malick, wo auch alle mit derselben Stimme reden. Nur ist es hier (noch) unerträglicher.

Freitag 08.07.

Think Fast, Mr. Moto / Mr. Moto und der Schmugglerring
(Norman Foster, USA 1937) [DVD, OF] 2

gut

Ein österreichischer Emigrant (Peter Lorre) spielt in den USA einen Japaner, der sich als Araber verkleidet… Sowas kann sich wirklich nicht ausgedacht werden.

Mittwoch 06.07.

Exotica
(Atom Egoyan, F 1965) [35mm, OmU] 6

großartig +

Atom Egoyan ist für die Struktur seiner Filme bekannt. EXOTICA handelt von (Seelen-)Striptease, so sagt er, weil nach und nach die Wahrheit freigelegt wird. Statt linear zu erzählen, sehen wir also eine Art von Mosaik. Nur finde ich nicht, dass es um ein Freilegen geht, sondern um ein zersprungenes Bild, dass wieder zusammengesetzt wird. Denn die Figuren sind allesamt und jeder auf seine Weise kaputt. Wenn am Ende das Bild zusammengesetzt ist, dann herrscht die Hoffnung einer Kommunion, nach der alles Sinn ergibt – weil die Geschichte dann Sinn ergibt.
Diese Struktur macht EXOTICA ziemlich starr und mechanisch. Es wirkt schon dadurch konstruiert, weil am Ende die Figuren in einem klaren Verhältnis zueinanderstehen. Und weil es eben ein klares Bild ergibt, dass uns lange vorenthalten und nur angedeutet wird, scheint die Konstruktion überdeutlich hervor. Was ich nun emotional nicht sehr ergreifend finde … trotz dem ganzen abfallenden emotionalen Ballast der Einzelteile der Geschichte.
Egoyan zeigt sich aber trotzdem als suggestiver Filmemacher. Der Aufhänger ist, dass das Ding der Begierde beim Strip vor einem steht, es aber nicht berührt werden darf. Und so befinden sich den gesamten Film lang, das, was die Leute wollen, direkt vor ihren Nasen, aber eine physische, wie mentale Trennwand hält sie auf Distanz. Weshalb EXOTICA im Grunde nur aus Szenen von Intimität und Nähe, voller Hitze* und Einblicke besteht, die aber die Beteiligten, die nicht wissen, wie sie mit ihrer Außenwelt sein können, wie sie sind, frustrieren – oder aufgeilen. Die einzelnen Szenen und die Details** arbeiten so gegen eine klare Wahrheit an und handelt von den Lücken in den Leuten.
*****
*Aufgeheitzt durch Leonard Cohen, Prokofjew, den exotisch-arabischen Originalsoundtrack und das Tondesign.
** Die ultrasiffigen Aquarien in der Zoohandlung sind ebenso kollosal sinnlich, wie der Umstand, dass das Geheimnis des Bruders einer Hauptfigur durch seine Bob Marley- oder Freiheit für Südafrika-T-Shirst angedeutet wird, sensationell dreist ist.

24.06-03.07.: Il cinema ritrovato
Sonntag 03.07.

Christmas Carole k
(Agnès Varda, F 1965) [DCP, OmeU]

ok

Der blutjunge Gérard Depardieu wandert mit zwei anderen Schauspielern durch Paris und es geschehen Dinge. Testaufnahmen.

Pasolini A New York k
(Agnès Varda, F 1967) [DCP, OmeU]

gut

Agnès Varda filmt Pasolini auf dem Broadway und dieser erzählt im Offkommentar über die Realität des filmischen Bildes, das real ist, weil es eben entweder einer Person zeigt, die wirklich vor der Kamera stand, oder eben einen Schauspieler, der schauspielt … was keine Lüge ist.

Saddle Tramp / Ohne Gesetz
(Hugo Fregonese, USA 1950) [35mm, OF]

gut

Nach wenigen Momenten ist jeweils klar, was los ist und passieren wird. Chuck Conner (Joel McCrea) wird vom unabhängigkeitsliebenden Fremden zum liebenden Vater von drei Waisen und zum Mann einer Ausreißerin (Wanda Hendrix). Und die Vorsteher zweier verfeindeter Ranchen stecken selbstredend unter einer Decke, um die Rinder ihrer Bosse zu stehlen, während die von ihnen angestiftet aufeinander losgehen. Chuck wird es verhindern. Und weil alles ziemlich solide und offensichtlich ist, ist umso schöner, dass es den Mittelteil gibt, bevor sich das ereignet, was sich eben ereignen muss. In diesem macht Chuck dem Mann klar, bei dem er zwischenzeitlich arbeitet, dass es Kobolde sind, die das Essen klauen und Chuck helfen, und eben nicht Kinder. Und doch ist SADDLE TRAMP genau hier zeitweise sehr lustlos inszeniert, wie wenn eines der Kinder einen Puma vor den Augen des Chefs erlegt, und dieser das Kind nicht sieht, obwohl alles an der Inszenierung darauf hindeutet, dass das Kind direkt vor ihm stehen müsste. Aber vll. ist das auch nur eine Spitze. Dass der Wille, Kobolde zu sehen, schon extrem ausgeprägt sein muss, wenn jemand Kobolde sieht.

Sonnabend 02.07.

剣鬼 / Sword Devil
(Misumi Kenji, J 1965) [DCP, OmeU]

großartig +

SWORD DEVIL ist nicht von so auserlesenem Stil wie SWORD-CUT. Was etwas komisch anmutet oder nur zwangsläufig ist, weil die Geschichte eines Gärtners erzählt wird, der der Sohn eines Hundes und einer Frau sein soll – so mutmaßt der Klatsch der Stadt – und der deshalb versucht die Natur in und um sich zu kultivieren.
So baut er als Gärtner eine immer größere und schönere Vielzahl von Blumen an, bis er eine ganze Lichtung im Wald in eine völlig entrückte, deutlich von Menschenhand entworfene Blumenwiese umwandelt. Und als Rächer an den Menschen, die ihn und seine Mutter mobbten bzw. zerstörten, wird er zum unbesiegbaren Schwertkämpfer, nur indem er einen Meister und seine Bewegungen genau beobachtet.
Diese Zivilisation seiner selbst und seiner Umwelt ist aber nicht gegen die/seine Natur gerichtet, sondern krönt sie. So ist er eben auch Hundemensch, wenn er wie der Flash rennend Pferde einholt. Instinkt und der Wille zur Selbstverfeinerung fallen in ihm zusammen, weshalb er Natur selbst zu etwas Besseren und Schöneren macht, als wie seine menschliche Umwelt in Ignoranz zu versinken.
Als Assassin wird er Gefolgsmann eines völlig sozialen Wesens, der wiederum Gefolgsmann eines wahnsinnigen Fürsten ist, der nur noch aus Instinkten besteht. Lange scheint es, dass unsere Hauptfigur auch die sozialen Rangstufen aufsteigen werde und seinen Fürsten von seiner Zurückwerfung auf die Natur befreien könnte. Es ist aber das Übermaß an giri (familiärer und gesellschaftlicher Pflicht) und das Fehlen von ninjo (Mitgefühl), in dem er so landet, was ihn, diesen Übermenschen, zerstören wird und seine Blumen zum schönst möglichen Massengrab macht.

One Way Street
(Hugo Fregonese, USA 1950) [35mm, OF]

ok +

Wieder einmal gibt es bei einem Film Fregoneses einen Gefangenen. Nur ist es dieses Mal die Figur des Antagonisten, der nur sporadisch im Film auftaucht. Dan Duryea spielt den Gangsterboss Wheeler, der seine Wohnung nie verlässt und deshalb in einem Noir-Krimi gefangen bleibt. Anders unsere Hauptfiguren (James Mason & Märta Torén), die während ihrer Flucht vor den Handlangern Wheelers in einem Dorf an der Karibikküste stranden. Sie erweitern so ihren Horizont und ihre Herzen, weshalb sie (zwischenzeitlich) den Noir verlassen und etwas Bergdoktoridylle erfahren können.
Dies ist aber ein fatalistischer Film, der einem am Ende nicht auf dem offensichtlich aufgebauten Weg des Todes das Happy End verbaut, sondern viel willkürlicher, wenn dieser Weg passiert ist. Das Ende wirkt wie ein Eingriff Gottes oder eben des Drehbuchautors, der zwanghaft das Messer in der Wunde umdreht.

Le joueur k
(Victorin-Hippolyte Jasset, F 1909) [35mm, OZmeU]

ok

Die ersten drei Kurzfilme dieses Victorin-Hippolyte Jasset-Programms machten für mich nochmals deutlich, dass das Konzept mit Texttafeln anzusagen, was in den nächsten Minuten zu sehen sein wird, ein klein wenig anstrengend ist, weil die Spannung bei mir abfällt, wenn Schauspieler überdeutlich darstellen, was ich eh schon gesagt bekommen habe.

La fleur empoisonnée / The Poisoned Flower k
(Victorin-Hippolyte Jasset, F 1909) [35mm, OZmeU]

ok

Morgan le pirate – La cage k
(Victorin-Hippolyte Jasset, F 1910) [35mm, OZmeU]

ok

Balaoo / Balaoo the Demon Baboon m
(Victorin-Hippolyte Jasset, F 1913) [35mm, OZmeU]

großartig

Ein Wissenschaftler hat einen Affen fast zum Menschen hochgezüchtet. Dieser wird aber durch schlechte Einflüsse, weil er sich in der Gesellschaft der Menschen nicht auskennt, zum Entführer und Mörder. Die Maske des Schauspielers sieht aber eher nach Totenmaske aus und macht aus Balaoo einen Psychoclown, dessen Präsenz – wenn er von Bäumen auf seine Opfer stürzt oder seine Pranke von der Decke, an der er magischer Weise laufen kann, zu seinem Mordopfer herunterhängt – den Film ausmacht.
Vor allem sind aber die Spezial Effekte sensationell. Es wird beispielsweise rückwärts abgespielt, wie sich ein dünner Baum unter Balaoos Gewicht nach unten beugt bis er abspringt, um seine kinderleichten Sprünge auf Bäume zu zeigen. Oder dass er eben einen Raum entlangläuft, der auf den Kopf stehend eingerichtet ist, um ihn mittels gedrehtem Bild an der Decke laufen zu lassen.

Canoa / Canoa: A Shameful Memory
(Felipe Cazals, MEX 1976) [DCP, OmeU]

ok +

Eine Anklageschrift, die ganz postmodern auf mehrere Wege seine Informationen über einen furchtbaren realen Lynchmord an den Mann bringen möchte. Mittels gestellter Doku-Elemente, dokumentarischer Spielszenen, fingierter Interviews und mittels Horrorfilmstilistik stellt sich der Mord eines Dorfes an Verwaltungsangestellten einer Uni dar. Nur führen die Mittel zu dem immer gleichen Bild: Dort sind die Bösen, da die Unschuldigen und hier wie es dazu kommen konnte. Plump dürfen die Opfer in den Dialogen erzählen, wie gemäßigt sie sind und beileibe nicht die linksradikalen Studenten, die die Dorfbewohner erwarten … als ob es einen Unterschied machen würde. Plump ist der ewig währende Infodump, der auf verschiedene Weise immer wieder nur erklärt, dass ein Priester seit langer Zeit zur eigenen Bereicherung und Machterhaltung die Stimmung aufheizte, bis es dann zum Unglück kam.
Einzig: Wenn der Film zu seiner Klimax schreitet, wenn der Mob dann nach langem Aufbau über die Uniangestellten und die Dorfbewohner, die ihnen Unterschlupf gewährten, herfällt, dann ist Wahn und Gewalt durch nichts zu erklären. Theoretisch ja, aber praktisch sehen wir nur noch drastischen Hinterwäldlerhorror, der alle Erklärungen in Matsch und Blut versinken lässt.
*****
In der Einführung zum Film kam zur Sprache, das Opfer am Set waren und für Authentizität sorgten und dass ein echter Katholik den niederträchtigen Priester spielte. Zudem wurde einige Grundinformationen über den Hintergrund geliefert, die aber größtenteils im Film auch vorkommen. Vor allem war die Einführung aber nicht sehr pointiert und kam ohne noch etwas hinzuzufügen doch nicht zum Ende. Dadurch habe ich schätzungsweise die letzten drei bis vier Minuten des Films verpasst, weil ich losmachte, damit ich noch bei SO EIN MÄDEL VERGISST MAN NICHT Einlass erhalten würde.

Scherben bringen Glück m
(Curt Bois, D 1932) [35mm, OmeU]

gut

Etwas, das bisher in der Reihe und in den deutschen Komödien, die ich kenne, völlig fehlte, wird hier deutlich kopiert ohne lediglich Kopie zu sein: der Slapstick von Buster Keaton und Charlie Chaplin. Und es geht dabei um einen tollen Scam, der noch toller an der deutschen Gründlichkeit scheitert.

So ein Mädel vergißt man nicht
(Fritz Kortner, D/A 1932) [35mm, OmeU]

gut

Von Beginn weg ist es einer der schönsten Filme der Reihe. Durch die beschwingten Songs, die Running Gags, die Schauspieler und das irreale Berlin, das Lukas auf letterboxd beschreibt. Doch irgendwann wird dies zur Verwechslungskomödie, die sich auf die beiden immer gleichen Lieder verlässt, auf die gleiche Art von Witz, wobei aber die Running Gags über Bord gehen. Es trübt sich ungemein ein … und es ist purer Irrsinn, das sagen zu müssen, aber etwas mehr Theo Lingen hätte dem Film gutgetan.

Noi vivi – Addio Kira! Ayn Rand Cut
(Goffredo Alessandrini, I 1942) [DCP, OmeU] 1,5

ok +

Bei meinem ersten Besuch beim Il cinema ritrovato 2011 hatte ich ADDIO KIRA! gesehen, ohne vorher gewahr zu sein, dass es ein zweiter Teil ist. Ich fand mich zwar schnell rein, trotzdem war dieser Film eine bleibende Erinnerung, weil alles so seltsam und fremd war. Dieses Jahr kam eine gestauchte Fassung von 1986, die den Zweiteiler zu einem dreistündigen Film zusammenfügte und wohl noch von Ayn Rand höchstselbst approved wurde.
Jetzt weiß ich, dass mich der zweite Teil deutlich mehr interessiert, weil er nicht nur seltsam romantische Kommunismuskritik wie sein Vorgänger ist, sondern einfach nur noch seltsam. Das Problem war aber, dass ich 2011 eine 35mm-Kopie gesehen hatte und jetzt eine DCP vorgesetzt bekam, die eine Zumutung war. Denn was da auf die Leinwand projiziert wurde, war ein ruckelnder, mies digitalisierter 360p youtube-stream mit einem durchgehend nervenfräsenden Quietscherauschen auf der Tonspur. Es war ein Folterwerkzeug, das sich DCP schimpfte.
*****
WE THE LIVING heißt der Debütroman von Ayn Rand, in dem sie ihre Geschichte als weiße Russin in der jungen Postbürgerkriegs-Sowjetunion beschreibt. Hauptfigur des Films ist Kira (Alida Valli), die kein Geheimnis aus ihrer Verachtung für das neue Regime und die neue Ideologie macht. Sie sagt es sogar Andrei (Fosco Giachetti), einem Agenten der GPU in aller Öffentlichkeit ins Gesicht. Woraufhin dieser sie fragt, ob sie selbstüberschätzend mutig ist oder unglaublich dumm. Und tatsächlich ist NOI VIVI – ADDIO KIRA! das Portrait einer Frau, die sich für sehr mutig hält, aber einfach nur dumm zu sein scheint.
Die Kritik an den Zuständen in der Sowjetunion und an deren Ideologie, die der Film durch Kiras Augen in einem gleisendem, optisch hochromantischem Liebesmelodrama aufzeigt, ist seltsam … grün. So wird der Umstand, dass ihr Geliebter Leo (Rossano Brazzi) wegen seinen Ansichten und wegen seines Vaters, der Offizier in der zarischen Marine war, keinen Job findet, wie der Beweis für eine einmalige Ungleichheit in der UdSSR behandelt. Dass der realexistierende Sozialismus an seinen eigenen Ansprüchen scheitert, dass es auch in ständisch und kapitalistisch organisierten Gesellschaften Ungleichheiten gibt, als das zeichnet sich nicht mal am Horizont als Argument ab. Lediglich das trotzige Empfinden ob des eigenen Schicksals steht im Mittelpunkt und soll nicht den einen Trotzkopf (Kira), sondern den Anderen (den Kommunismus) ins Unrecht setzen. Das Elend um sich, sieht Kira ebenso wenig wie die Ungleichheit in den Wirtschaftskrisen anderer Orts … oder das die westlichen Gesellschaften der Zeit ihr als Frau den Traum eines Ingenieursstudiums nicht ebenso behindern und canceln würden. So verrennt sich Kira und Alessanrinis Film in eine persönliche Vendetta, die zumindest der zweite Teil melodramatisch, mittels einer Hassliebe zwischen Kira und Andrei gegen seine Hauptfigur wendet.
Die Kulissen an der Uni und in Andreis Büro sind – neben den glitzernden Leuchten in den Augen, die den Wahn hinter diesen anzeigen – das Faszinierendste. Sie zeigen nämlich bürgerliche Säle und Wohnungen, über die behelfsmäßig Propagandaposter und -parolen gekleistert wurden. Dieser Kommunismus scheint im Stadium eines Provisoriums zu verbleiben, das nicht in das Alte einzudringen vermag. Die Korruption kommt wieder, nur mit einem anderen Gesicht als im Kapitalismus. Alles scheint eben gleich zu bleiben, nur ändert sich die Oberfläche rudimentär. Womit tatsächlich ein stimmiges Argument über das Scheitern des Kommunismus in dieser Form geliefert wird.

Freitag 01.07.

در غربت / In der Fremde
(Sohrab Shahid Saless, IRN/BRD 1975) [DCP, OmeU]

großartig +

Dem Film ist eine Texttafel vorangestellt. Saless wolle Elend portraitieren, was ursprünglich mal das Sein in der Fremde bezeichnete. Die Ausgrenzung, welche die gezeigten Gastarbeiter von Deutschen erfahren, ist präsent, aber nicht das Hauptthema. Viel essentieller ist es. Der Hohn der Fließbandarbeit, bei der Husseyin (Parviz Sayyad) stupide und immer gleich Metalplatten presst, wo er doch viel lieber eine Frau ebenso eintönig mit seinem Penis pressen würde, ist schon elend, aber die Fremde fängt schon in seinem Heim an. In einer heruntergekommenen Kölner Wohnung, die behelfsmäßig als Unterkunft für eine Gruppe von Gastarbeitern herhält. In der niemand mit Husseyin Backgammon spielen möchte, wo nur unbeholfener Small Talk stattfindet. Das Elend kommt aus einer allgemeinen Isolation und Tristesse und der herbstlichen Kälte Deutschlands, aus einem eintönigen, tristen Film, dessen Horror darin liegt, dass dem allem kein Drama und kein Angebot für Katharsis innewohnt. Und zur Abrundung des Ganzen stand im Esszimmer dieser symbolisch für Elend einstehenden Wohnung der Küchenschrank, der zwölf Jahre in meiner WG- bzw. Familienwohnungsküche stand.

Seven Thunders
(Hugo Fregonese, UK 1957) [35mm, OF]

großartig

Ein Nazi-Offizier erklärt in SEVEN THUNDERS einem Vorgesetzten, dass die Altstadt von Marseille ein Sumpf sei. Die Gassen bilden ein unübersichtliches Gewirr und die Häuser sind zudem unterirdisch durch die Kanalisation verbunden und erreichbar. Arme, Deserteure, Kleinkriminelle und die Résistance finden ein Habitat, in dem die Besatzer keinen Zugriff auf sie bekommen. Unmöglich sei es, dieses Viertel trocken zu legen.
Die Geschichte über zwei britische Soldaten auf der Flucht wird von einer Liebesgeschichte begleitet, von schrulligen Nachbarn, von einem Grundvertrauen in die Leute, obwohl den beiden initial geraten wurde, niemanden zu vertrauen, von einem Ehedrama, einem verspotteten und vergewaltigenden Nazi-Soldaten, von allgegenwärtiger Klaustrophobie in der engen Weite des Viertels, von einem Serienmörder, dessen gutbürgerliches Heim wie eine Parallelwelt in Plot und Viertel wirkt.
Es ist also ein ziemliches Gestrüpp und doch ist es nie unübersichtlich, weil alles durch Kanäle miteinanderverbunden ist und es weniger Sumpf als stimmiges Miteinander ist. Ein Pandämonium eines gesellschaftlichen Gefängnisses unter Naziherrschaft und ein naiver, unverbesserlicher Blumenstrauch für menschliche Solidarität und Gemeinschaft … wo derjenige, der sich dieser nicht anschließt, eben Serienmörder ist.

Бунт на куклите / The Rebelion of the Dolls k
(Dimitrie Osmanli, Y 1957) [DCP, OmeU]

ok

Ein Mädchen zerstört ausversehen den Spielzeugpanzer eines Jungen. Dieser reißt daraufhin der Puppe des Mädchens ein Bein aus – vor den Augen eines Kriegsveteranen, dem ein Bein fehlt. In der Nacht träumt sich der Junge zum allmächtigen Ritter, in dem er jedoch gleich Ebenezer Scrooge lernen muss, welchen Schaden seine Einstellung anrichtet, wie schlimm Krieg und Gewalt sind. Diese jugoslawische quasi TWILIGHT ZONE-Folge hat gerade optisch tolle Ansätze, doch werden die Potentiale etwas mehr als ein biederes Fass für die Botschaft zu sein, viel zu selten wahrgenommen.

Zaseda / Der Hinterhalt
(Živojin Pavlović, Y 1969) [35mm, OmeU] 2

großartig

Scheinbar reichten bedeutungsschwanger gezeigte Bilder von Stalin zu Anfang und Ende, um den Zensoren zu vermitteln, dass es sich hierbei um eine Abrechnung mit dem Stalinismus handelt und nicht gleich mit dem ganzen Kommunismus (hinter dem Eisernen Vorhang). DER HINTERHALT zeigt ausschnittsweise den Aufbau des Kommunismus in Jugoslawien nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein idealistischer Junge reist herum und sucht mit Vorgesetzten nach einer verbleibenden faschistischen Miliz. Und neben dem eigenschaftslosen Jungen gibt es eigentlich nur Arschlöcher, Karrieristen, Ignoranten und bestenfalls Lebemänner. Weshalb sein Idealismus vom Dreck der Wirklichkeit, vom Dreck eines sämigen, sumpfig aussehenden Films ausgelöscht wird. Oder: Mit diesen Leuten ist Kommunismus nicht machbar, der hin und her schlingerte Film.

Kabarett-Programm Nr. 1 m
(Kurt Gerron, D 1931) [35mm, OmeU]

gut

Otto Wallburg – heimlicher MVP der Operettenfilmreihe in Bologna – setzt auch hier die Highlights … dieses Mal als manisch verstockter Kleinbürger außer sich … bzw. der völlig zu sich kommt.

Das Kabinett des Dr. Larifari
(Robert Wohlmuth, D 1930) [35mm, OmeU]

verstrahlt +

Die drei Hauptdarsteller von DAS KABINETT DES DR. LARIFARI (Carl Jöken, Paul Morgan & Max Hansen), die als Drehbuchautoren und Produzenten auch die Verantwortlichen Filmemacher hinter der Kamera sind, gründen im Film wie in Realität die Trio-Film GmbH um den Film Das Kabinett des Dr. Larifari zu produzieren. Erzählt wird aber keine Geschichte. Stattdessen folgen Variety-Einlagen, die in den Hauch einer fiktiven Entstehungsgeschichte eingelassen sind. Zuweilen ist das Ergebnis schrullig, dem Witz eines Theaterstadls verschrieben und qualitativ divergent. Im Ganzen aber ist dies schon sowas wie die Vision eines deutschen Marx Brothers-Film, in dem drei Versionen von Zeppo durchdrehen.

Apache Drums / Trommeln des Todes
(Hugo Fregonese, USA 1951) [DCP, OF]

großartig +

Ein Dorf wird von Apachen belagert. In einer Kirche, die mit ihren dicken Mauern wie eine Festung wirkt, wird die lokale Gemeinschaft zuletzt eingeschlossen. Die feurig bis gespenstisch leuchtenden Mescaleros, die durch die überdimensionalen Schießscharten unter der Decke der Kirche kommen und die gegen die langsame Sterben durch die gegen sie gerichtete Politik der USA aufbegehren, sind aber wenig überraschend nur die Materialisation der Probleme der Gemeinde. Bzw. ist ihre Belagerung vielmehr die Verfestigung der Klaustrophobie, die die Figuren in sich tragen.
Einfache Typen sind die Hauptakteure jedenfalls nicht. Der Priester (Arthur Shields) tut sich unablässig mit rassistischen, bigotten und abergläubischen Kommentaren hervor. Seine Haltung, seine Brille, sein Gesicht: alles an ihm vermittelt, dass er ein verklemmter Fanatiker ist, der unablässig Benzin ins Feuer der Gesellschaft gießt, nur um seinen Willen durchzusetzen. Und doch ist er der erste, der seinen Mitmenschen zu Hilfe kommt, der sich für sie aufopfert und eben auch den Leuten zur Seite steht, die er nach seinem Zeugnis innig verachtet. Spieler Sam Leeds (Stephen McNally) hat als Hauptfigur natürlich trotz seiner Verantwortungslosigkeit ein Herz aus Gold … und McNallys Physiognomie tut ihren Rest, damit er nicht zu sympathisch aussieht. Und der Bürgermeister (Willard Parker) möchte sichtlich das Beste für seine Mitmenschen, findet aber keinen Weg als mit faschistischer Herablassung vorzugehen.
Die Zähmung und zivilisatorische Erschließung des rechtlosen Wilden Westens ist in APACHE DRUMS kein Widerstreit unterschiedlicher Menschen, sondern unterschiedlicher Impulse in den Leuten selbst. Während die Mescaleros in den Tod gehen, um als Geisterkrieger ihr Glück zu suchen, da versucht sich APACHE DRUMS an einer todessehnsüchtigen Kommunion der ganzen Widersprüche in sich.

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