STB Robert 2021 I

„Walking alone in the desert is wonderful. It’s like walking on the face of a clock that’s stopped.” (Legend of the Lost)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbst erklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wird, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache läuft, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 20 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (21 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II

Mai
Sonntag 09.05.

Varsity Show
(William Keighley, USA 1937) [DVD, OF]

ok +

Niagara
(Henry Hathaway, USA 1953) [blu-ray, OF] 3

großartig +

Sonnabend 08.05.

Twixt / Twixt – Virginias Geheimnis
(Francis Ford Coppola, USA 2011) [3D-blu-ray, OF]

fantastisch

Arrival
(Denis Villeneuve, USA 2016) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Freitag 07.05.

座頭市鉄火旅 / Zatoichi’s Cane Sword
(Yasuda Kimiyoshi, J 1967) [blu-ray, OmeU]

gut

Donnerstag 06.05.

Cosmos
(Andrzej Żuławski, F/P 2015) [stream, OmU]

fantastisch

Mittwoch 05.05.

神勇雙妹嘜 / Doubles Cause Troubles
(Wong Jing, HK 1989) [stream, OmU]

gut +

Dienstag 04.05.

The Mummy / Die Mumie
(Stephen Sommers, USA/UK/MOR 1999) [DVD, OF] 4

ok

Montag 03.05.

The Mummy / Die Rache der Pharaonen
(Terence Fisher, UK 1959) [stream, OF]

gut

Sonntag 02.05.

The Mummy / Die Mumie
(Alex Kurtzman, USA/CHN/J 2017) [3d-blu-ray, OF]

ok +

The Mummy / Die Mumie
(Karl Freund, USA 1932) [blu-ray, OF] 3

gut

Sonnabend 01.05.

Gold Diggers in Paris
(Ray Enright, USA 1938) [DVD, OF]

ok +

Das, was bei GOLD DIGGERS OF 1937 steht, dass die Busby Berkeley-Tanznummer nur eine hinausgezögerte Coda, eine nicht sonderlich inspirierte noch dazu, in einem nicht sonderlich inspirierten Film ist, könnte auch auf diesen Film zutreffen. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, auf welchen der beiden der Punkt mit den zehn Minuten wirklich zutrifft. Es ist aber auch sprechend dafür, dass beide Filme nicht wirklich Highlights ihrer Reihe sind.
Faszinierend ist zuvorderst Hauptdarsteller Rudy Vallee. Er hat zwar eine ebenso ölige Stimme wie Dick Powell, aber sein Gesicht ist es nicht. Die Augen stehen zu sehr zusammen und sehen auch noch aus, als würde die Stirn auf sie drücken. Sonderlich Charisma hat er ebenfalls nicht. Zu sehr ist er Sonnyboy. Wie er es zum Hauptdarsteller in Hollywood schaffte, ist sicherlich eine interessante Geschichte.

迷城 / Wild City
(Ringo Lam, HK 2015) [DVD, OmeU]

gut +

Im Mittelpunkt dieses Thrillers befindet sich eine Tasche voll Geld und eine zu rettende Frau. Es sind die MacGuffins eines ehemaligen Polizisten (Louis Koo). Dieser wird zwischen einer mehrdeutigen familiärer Verantwortung/Schuld – gegenüber Vater, Stiefmutter und Halbbruder ist diese jeweils anders ausgeprägt –, zwischen moralischen Fragen bzgl. Gerechtigkeit und/oder Gesetzesdurchsetzung, einem scheinbar allmächtigen korrupten System, Verfolgung durch die Polizei und einer kriminellen Spiegelung seiner selbst durch eine familiär organisierte Gangsterbande zerrieben. Die Zutaten für einen über die Stränge schlagenden Film, der sich über das ständige Verengung von Handlungsmöglichkeiten und die darauffolgenden Gefühlsausbrüche organisiert, sind so gegeben. Es könnte klassisches Ringo Lam Kino sein, ist es aber nicht.
Vor allem da sich WILD CITY seinem Hauptdarsteller anpasst. Louis Koo ist in seiner Verbissenheit, im Grunde wie geschaffen, um durch seine inneren Kämpfe zersetzt zu werden. Da sind aber auch seine harten Züge und seine Abgeklärtheit: Irgendwie hat er auch alles stets im Griff. Und WILD CITY hat bei allem Durcheinander nie den Hang zum Zuviel, zum Orkanischen, was Lams Filme so oft auszeichnet. Fast werden die Schritte fein säuberlich – einer nach dem anderen – genommen.

パプリカ / Paprika
(Kon Satoshi, J 2006) [blu-ray, OmU] 2

großartig +

Aus psychoanalytischem Zweck haben Wissenschaftler ein Gerät entwickelt, mit dem in Träume eingestiegen werden kann. Die Probleme der Menschen/Menschheit sollen so verringert werden. Doch dieses surreale Noir-Krimi-Anime lässt die Wissenschaftler nicht an einem festen Grund ankommen, sondern in einem paranoiden Plot und einem popkulturellen Referenzsystem. Irgendwann zerfließt die Grundfeste der Realität und die Gegner eines Siegs der puren Vernunft und des Apollinischen lassen eine Parade gleich einem rasanten Gletscher aus Wahnsinn über eine Stadt ergießen. Die große Freude und das Können von PAPRIKA liegt darin, den dionysischen Reigen von der Leine zulassen und die Realität in Artefakte zerfließen zu lassen, in dem Struktur nicht aus einer Geschichte erwächst, sondern aus Assoziativität. Manchmal wankt der Film unter seinem Übermut, aber er schafft es immer wieder dem Aufmarsch der trompetenden Frösche und wankenden Kühlschränke die Tür zu öffnen. Der Fluss des Sommers und des Tanzes kommt aus dem Westen und greift nach den Schädelknochen. Der April vergeht und das Leben kehrt in die Mühle zurück. Bohrend suchen sich die Medikamente den Eingang … zur Achterbahnfahrt des Taus.

April
Freitag 30.04.

Saskatchewan / Saskatschewan
(Raoul Walsh, USA 1954) [blu-ray, OF]

ok

Über diese Version von FORT APACHE, in der jede Ambivalenz hinweggefegt wird, damit klare Fronten und moralische Verortungen entstehen, lässt sich vor allem sagen: Die Landschaft ist wirklich wunderschön in Szene gesetzt.

Donnerstag 29.04.

新最佳拍檔 / Mad Mission 5 – Die Terrakotta Krieger
(Liu Chia-Liang, HK 1989) [blu-ray, OmeU] 4

nichtssagend

Wenn Lau Kar-Leung (oder eben Liu Chia-Liang) Action- und Kampszenen inszenieren darf, dann scheint der Film sich automatisch zu fokussieren. Es ist deutlich spürbar, dass hier jemand in sein Element wechselt. Die Geschichte drumherum, in der Sam (Sam Hui) und Kodijack (Karl Maka) den Staffelstab an eine neue Generation (Leslie Cheung und Nina Li) weitergeben, in der Festlandchina besucht und geprobt wird, wie 1997 nicht ganz zum Alptraum mit Gefangenenlagern werden muss, in der die Rettung der Terrakotta-Krieger vor Weißen Teufeln die Chinesen vereint, ist aber kein bisschen fokussiert und schlingert, wie von einem Kellner serviert, der keinen Gleichgewichtssinn hat. Es kommt einfach kaum etwas an.

Gold Diggers of 1937
(Lloyd Bacon, USA 1936) [DVD, OF]

ok +

Diese Komödie, in der Theaterproduzenten ihren Wohlstand durch Versicherungsbetrug erhalten wollen und in der angeschlagene idealistische Kulturschaffende durch frisches Blut und Sex wieder kraftvolle Wesen werden, scheint zwanzig Minuten vor Schluss endlich in die Busby Berkeley-Show abzubiegen. Doch dann geht sie doch noch weiter und streckt die durchwachsene Handlung und ihren Spaß, um der Künstlichkeit nur noch die letzten zehn Minuten zu lassen. Und selbst dieser abschließende Teil ist mehr auf der semiinspirierten Seite.

Plenty of Money and You k
(Friz Freleng, USA 1937) [DVD, OF]

nichtssagend

Ein Straußenbaby wird in einen Hühnerstahl hineingeboren. Ich muss aber gestehen, dass mir einige der Merrie Melodies aus den Dreißigern überhaupt nichts sagen. Es geschieht einfach irgendetwas. Wobei am interessantesten scheint, dass sich nicht wirklich dafür interessiert zu werden scheint, was das nun ist. Einfach Bewegung und Hast.

Speaking of the Weather k
(Frank Tashlin, USA 1937) [DVD, OF]

gut

Eine animierte Karikaturversion einer Zeitschriftenauslage. Überraschenderweise ganz unterhaltsam.

Mittwoch 28.04.

My Best Friend’s Wedding / Die Hochzeit meines besten Freundes
(P.J. Hogan, USA 1997) [blu-ray, OmeU]

großartig

Wenn diese auditiv und optisch phantasievolle Romanze gegen Ende Restaurantkritikerin Julianne (Julia Roberts) nicht einsehen lassen würde, dass sie sich fast den ganzen Film grenzpsychopathisch benommen hat, weil sie in Torschusspanik ihren besten Freund die Eheschließung vermasseln möchte, um ihn doch den zu behalten, den sie als kritische Kritikerin als Liebespartner ausgeschlossen hatte, und dabei auch andere dazu bringt sich grenzpsychopathisch zu benehmen, dann wäre dieser ambivalente, dysfunktionale Liebesfilm wahrscheinlich ein Meisterwerk.

Sonntag 25.04.

Godzilla: King of the Monsters
(Michael Dougherty, USA/J/CA/CHN 2019) [3D-blu-ray, OF]

nichtssagend

Mothra ist mal kurz als riesige Raupe zu sehen, die naturalistisch – wie jedes riesige Insekt – erstmal ein außergewöhnlicher Anblick ist. Später, wenn sie zur Motte transformiert ist, dann leuchtet sie ein, zwei Mal wunderschön. Ansonsten spielt Mothra aber keine Rolle und ist unfassbar verschwenkt. Und ob es nun Monster, Menschen oder ein Atlantis, dessen Existenzgrund die Anbetung von Godzilla zu sein schien, sind, sie alle bleiben nette Ideen, mit denen der Film nichts anstellt.

種鬼 / Seeding of a Ghost
(Yang Chuan, HK 1983) [blu-ray, OmeU]

gut +

Gewalt erzeugt Gegengewalt und diese wieder Gegengewalt. Um sich gegen den Verführer, die Vergewaltiger und Mörder seiner Frau sowie den Verdacht, selbst der Mörder zu sein, zu wehren, lässt ein Taxifahrer schwarze Magie anrufen. Eine so schon eskalierende Gewaltspirale von Leuten, die es noch nicht so wirklich gelernt haben, in einer Zivilgesellschaft zu leben, bekommt dadurch seinen übersteuernden Anteil an Blut, Gedärm und Verwesung gepaart mit Sex. Das Ergebnis steht im Zeichen der glorreichen Lust am Zeigen.

Sonnabend 24.04.

海辺の映画館-キネマの玉手箱 / Labyrinth of Cinema
(Ōbayashi Nobuhiko, J 2019) [stream, OmeU]

gut +

Ich habe mal auf eine Auschreibung eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters in der hiesigen Filmwissenschaft geantwortet. Völlig illusionär und ohne große Hoffnung. Der hier beschriebene Film transportiert ungefähr den Inhalt meiner Bewerbung. Und ist wahrscheinlich genauso bekloppt.

Freitag 23.04.

ねらわれた学園 / School in the Crosshairs
(Ōbayashi Nobuhiko, J 1981) [BLU-RAY, OmeU]

großartig

Die Exposition verspricht eine High-School-Liebesgeschichte mit enormer Coming-of-Age-Schlagseite und möglicherweise einer kleinen hineinschwingenden telekinetischen Note. Nach einer halben Stunde, wenn mehr oder weniger klar zu sein scheint, mit was für einem Film wir es zu tun haben könnten, treten noch mehr telekinetisch Begabte auf den Plan, die Nazitruppen an der Schule aufbauen, zwischendimensionale bzw. außerirdische Wesen und ein optischer Overkill, der die Bilder zunehmend zu grellen Farbflüssen verwandelt. Ein großes Vergnügen also.

Donnerstag 22.04.

Forgetting Sarah Marshall / Nie wieder Sex mit der Ex
(Nicholas Stoller, USA 2008) [stream, OF]

ok

John Cleese hat einmal in etwa erzählt, dass der Vorteil davon ist, Drehbücher zu schreiben, dass seine Rollen dann die schönen Frauen abbekommen würden. Ähnliches scheint auch der Hauptgrund für Jason Segel gewesen sein, als er das Drehbuch hierfür schrieb. Denn beständig geht es darum, dass er Mitleid erhaschen und angehimmelt werden soll. Und das ziemlich hölzern. Lediglich wenn Mila Kunis auftaucht, dann füllt sich der Film sofort mit Leben – auch wenn sie größtenteils auch nur anhimmeln darf, aber selbst das macht sie toll.

Dienstag 20.04.

Rosen blühen auf dem Heidegrab
(Hans H. König, BRD 1952) [DVD] 2

fantastisch

Ein Heimatgothichorrorfilm, in dem es in der Heimat nicht mehr so richtig zu stimmen scheint. Ein Film der Nebelschwaden. Mehr dazu findet sich auf critic.de.

Montag 19.04.

彼のオートバイ、彼女の島 / His Motorbike, Her Island
(Ōbayashi Nobuhiko, J 1986) [BLU-RAY, OmeU]

fantastisch

Alles was ich bisher über Ōbayashi wusste, war, dass HAUSU nur der Auftakt und der (kommerzielle) Höhepunkt im Werk eines sagenhaften Regisseurs sein musste. Eines Regisseurs, der sich im Populärkino seiner Zeit völlig idiosynkratisch austobte. Alles was ich über ihn und seine Post-HAUSU-Filme las, deutete darauf hin. Ich verstand nur nie, warum außer dem einen Film dann aber nichts greifbar war. Warum HAUSU wie ein singuläres Werk behandelt wurde. Ich ahnte, dass es einiges zu entdecken geben wird. Wie schön es dort aber sein könnte und sein wird, habe ich mir nicht träumen lassen.

Sonntag 18.04.

Gold Diggers of 1935 / Die Goldgräber von 1935
(Busby Berkeley, USA 1935) [DVD, OF] 2

großartig

Es gibt wohl keinen schöneren und beschwingteren Film, der unerbittlich aufzeigt, dass ein ungebremster Kapitalismus Leute zu Verbrechern macht. Bzw. das Verbrechen dann eben ein Gentlemens Sport ist und der Sinn von Hotels nur noch daran zu finden ist, seine reichen Gäste möglichst unnachgiebig zu schröpfen. Dass Geld alles wird, wenn niemand eine Chance hat, an es zu kommen.

Deadpool 2
(David Leitch, USA 2018) [stream, OF]

ätzend

David Leitch drehte tatsächlich einen schöner anzusehenden Film … mit einem besser ausgearbeiteten emotionalen Mittelpunkt … was aber nichts daran ändert, dass die Neben- und Hauptfiguren und das zentrale Konzept des Films noch mehr nervten.

Sonnabend 17.04.

Godzilla
(Gareth Edwards, USA 2014) [3D-blu-ray, OF] 2

ok

Unter Gareth Edwards ist GODZILLA eine Art Anti-Lubitsch-Film: Überall schließen sich Türen und hinterlassen nur Trauma. … Es ist aber auch ein Umstand, der sich darin begründet, dass es immer wieder schöne Entwürfe toller Szenen gibt, die sich in einer schlicht ablaufenden Handlung befinden, sie sich weder für die Leute, noch für die Monster interessiert.

Deadpool
(Tim Miller, USA 2016) [stream, OF]

ätzend

Der Besserwisser, der einem mit seinen ständigen Kommentaren den Film vermiest, ist in DEADPOOL nicht nur integriert, sondern ist die einzige Daseinsberechtigung des Films. Ich zumindest kann mit einer dermaßen enormen Verschanzung hinter Ironie, hinter der tatsächlich etwas Gefühl hervorzulugen scheint – vll. aber auch nicht –, nichts anfangen.

Freitag 16.04.

座頭市海を渡る / Zatoichi’s Pilgrimage
(Ikehiro Kazuo, J 1966) [blu-ray, OmeU]

gut +

Zatoichi pilgert. So der Titel. Weil es sich aber um einen Actionfilm handelt, kann er nicht ewig Treppen erklimmen, um schweigsam zu buddhistischen Tempeln zu gelangen. Stattdessen landet er in seinem persönlichen HIGH NOON, wo er von einem ewig dahin grinsenden Bürgermeister instrumentalisiert wird, dass er die das Dorf bedrohenden Yakuza besiegen möge. Selbst möge man aber lieber Bonsai stutzen … weil: Wer durch das Schwert lebt, wird auch durch es zur Strecke gebracht.. Und Zatoichi, hier in eine feuchtfröhliche Seeschwimmerei mit einer jungen Dame verwickelt – das Highlight des Films –, opfert sich nur zu gern, weil sein ständiges Morden ihn zusehends ins Gewissen zwickt. Was heißt, dass er, wenn er durchs Dorf läuft, durch Ritzen in Türen und Fenstern vorsichtig beäugt wird, von Leuten die sich hinter Holz und Zenbuddhismus verstecken, und dass er in seinen Kämpfen weit entfernt von der Unbesiegbarkeit früherer Tage agiert – es muss ja auch für ihn um was gehen. Es ist eine seltsame Form von Glück, die sich hier findet.

Mittwoch 14.04.

Thunder Force
(Ben Falcone, USA 2021) [stream, OF]

ok

In meinem Text hierzu auf critic.de plädiere ich indirekt für mehr Superheldenliebeskomödien mit Männern mit Scherenhänden.

Dienstag 13.04.

Kick-Ass 2
(Jeff Wadlow, USA/UK 2013) [stream, OF]

nichtssagend +

Weil diese Fortsetzung sich kurzzeitig für die Idee begeistert, dass eine misanthropische Killermaschine in einem Mädchenkörper (Hit-Girl) in eine High-School muss, und Aaron Taylor-Johnsons Körper tatsächlich lüstern angegiert wird, ist sie ein wenig erträglicher als der erste Teil.

Montag 12.04.

Kick-Ass
(Matthew Vaughn, USA 2009) [stream, OF]

nichtssagend

Es gibt einiges, was mich an KICK-ASS stört. Nichts aber so sehr wie der Umstand, dass der größte Nervsack des Films dessen Hauptfigur (Aaron Taylor-Johnson) ist und am Ende sogar noch die Gnade bekommt, den Tag und die interessanteste Figur des Films (Chloë Grace Moretz als Hit-Girl) retten zu dürfen. Zwischendrin sitzt dann auch Dave Lizewskis/Kick-Ass’ Love Interest Katie (Lyndsy Fonseca) nachts in der Drogenhilfe und macht wirklich etwas Hilfreiches für ihre Gesellschaft, statt sich bunt anzuziehen, sich wie ein Trottel zu benehmen und eben unvorbereitet zusammengeschlagen zu werden. Diese eine Einstellung stellt tatsächlich sowas wie einen weiteren Angriff auf die narzisstische Idiotie der Superhelden des Films dar. Es ist aber auch so, dass es nichts Katies Film ist, sondern ein Film, der sich an der Realitätsvergessenheit dieser toxischen Vigilantencomicnerds abarbeitet und aufgeilt. Und das ist einfach sehr enervierend.

Sonntag 11.04.

Justice League
(Zack Snyder, USA/CA/UK 2017) [3D-blu-ray, OF]

nichtssagend

Irgendein Megabösewicht, der alles Leben auf der Erde bedroht, taucht kurz auf, damit es einen Grund gibt, Superman wieder zum Leben zu erwecken, und damit schreckliche Oneliner – am schrecklichsten und für den Film am unnötigsten sind die zwangsneurotischen Cool-ismen von Aquaman – auf ein Publikum losgelassen werden können. Irritierenderweise glaube ich aber noch daran, dass der Snyder-Cut an diesem Nichts etwas retten kann.

Knight of Cups
(Terrence Malick, USA 2014) [blu-ray, OF] 2

verstrahlt

Laut Klappentext der blu-ray rechnet Terrence Malick in KNIGHT OF CUPS mit der Oberflächlichkeit Hollywoods ab. Es ist eine Möglichkeit den Film zu lesen. Aber es ist nicht die sonderlich interessanteste. Zumal das Narrativ Künstler geht durch ein Trauertal der Oberflächlichkeit und findet durch eine Paarbeziehung mit Kind zu sich zurück/zur Erlösung gar nicht so aufgehen möchte. Besagte Paarbeziehung hebt sich, wenn sie sich in den allerletzten Minuten des Films dann realisiert, gar nicht von dem vorherigen Bewusstseinsstrom ab. Es ist nur eine weitere Frau – diesmal mit Kind – die in dieser (scheinbar) chronologischen, impressionistischen Aneinanderreihung von Bezugspersonen auftaucht.
Und tatsächlich ist es stets ein Auftauchen von Personen. Ohne Einführung erscheinen sie, bestimmen kurz das Geschehen und verschwinden dann wieder ohne Erklärung, Auflösung oder Katharsis. Meist sind es Lebensgefährtinnen, ab und zu auch der Bruder (Wes Bentley) und der Vater (Brian Dennehy). Es ist gerade so, dass gar kein Narrativ zum Geschehen angeboten wird. Außer dass allesamt nicht so richtig wisse, wohin mit ihrem Leben. Die Oberflächen in Hollywood sind allgegenwärtig in diesem Bilderfluss, aber eine kausale Verbindung zu dem existentiellen Leiden aller wird nicht postuliert. Es ist einfach der Ort, an dem die Leute des Films nicht so genau ein noch aus wissen.
Drehbuchautor Rick (Christian Bale) wird nie bei der Arbeit gezeigt, es wird höchstens hier und da darüber gesprochen. Was ihn abseits von den Auftauchenden oder selbst in der Beziehung zu ihnen ausmacht, bleibt eine Blackbox. Vor allem redet er aber höchstens mal per Off-Kommentar. Wenn ich mich nicht irre, gibt es nur einen mageren hörbaren Dialog mit ihm. Er ist im Grunde nur ein passives Medium, das flüchtige Dinge aufnimmt. Vll. ist er auch nur im Zentrum dieser Dinge, ohne dass wir unbedingt seine Perspektive zu sehen bekommen. Aus KNIGHT OF CUPS wird so jedenfalls kein Film der Introspektion und der Entwicklung. Er gleicht mehr der Perspektive eines Steines, an dem Eindrücke von Leben vorbeispülen. Wir sehen kein Erlösungsnarrativ, sondern eine apathische Rekapitulation einer existentiellen Verlorenheit. Und als solche Wäscheleine des Lebens ist dieser Film ziemlich gut.

Sonnabend 10.04.

Wreck-It Ralph / Ralph reichts
(Rich Moore, USA 2012) [blu-ray]

gut

Etwas krude ist, dass sich die Exposition dieses Kinderfilms hauptsächlich an Zuschauer über 30 richtet. Danach lässt er seinen postmodernen Referenzansatz aber hinter sich und wird zur schönen Verbindung von STARSHIP TROOPERS und einer optischen Zuckerüberdosis.

Ice Age: The Meltdown / Ice Age 2 – Jetzt taut’s
(Carlos Saldanha, USA 2006) [blu-ray] 2

uff

Den einen makabren Pupswitz, wenn die Hoffnung eines Mammuts, nicht der letzte seiner Art zu sein, in der Latrine endet, finde ich einzig amüsant an einem Film, der darauf hinausläuft, einmal richtig zu feiern, dass eine Frau akzeptiert, dass ein Mann sich gar nicht entschuldigen muss, obwohl sie sich gekränkt fühlt.

Valkyrie / Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat
(Bryan Singer, USA/D 2008) [DVD, OF]

ok

Es handelt sich durchaus um effektives Spannungskino. Und das obwohl von Anfang an jeder weiß, dass von Stauffenberg (Tom Cruise) scheitern wird. Das Mittel dafür ist aber nicht nur recht simpel, sondern erzählt vom Kern des Interesses des Films. Immer wieder sind Flaggen und Hakenkreuze zu sehen. Selbst am Boden eines Pools. Diesen Markern eines gleichgeschalteten Landes stehen die Spannungsmomente entgegen, wenn Verschwörer gegen diese Gleichschaltung kurz vor der Enttarnung stehen, wenn es nur von der Entscheidung einzelner Zahnräder im System abhängt, ob der nationalistische Militärputsch gelingt und die NSDAP entmachtet wird. Immer wieder wird in Gesichter geschaut, die sichtlich überlegen, mit wem sie es halten. In die das Schwingen zwischen Opportunismus, Idealismus, Chauvinismus, Angst, Diensteifrigkeit, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit gelesen werden. VALKYRIE ist so einerseits ein Film der Undurchdringlichkeit der Menschen, denen wir uns gegenübersehen, andererseits aber auch ein merkwürdig motivierter Film, der zeigen möchte, dass Deutschland in seinem Kern nicht gleichgeschaltet war. Am Ende des Tages habe ich den Film aber nur wegen der einen Einstellung von Tom Cruises Arsch geschaut und weil Rajko B. als Komparse zu sehen ist. Und das waren schließlich auch die interessantesten Aspekte.

Freitag 09.04.

神々の深き欲望 / Profound Desires of the Gods
(Imamura Shōhei, J 1968) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch +

Imamura befindet sich hier einmal mehr auf der Suche nach einem Naturzustand des Menschen. Dafür begibt er sich an den südlichsten Zipfel von Okinawa und damit so weit wie möglich weg von Industrialisierung, Urbanisierung und den modernen Lebensweisen. Okinawa, das Urlaubsziel vieler Japaner, ist dabei nicht das Herz der Finsternis, sondern ein sonniges Paradies. Ingenieur Kariya (Kitamura Kazuo) reist dorthin, um die Zuckerproduktion für sein Unternehmen an diesem Standort zu rationalisieren. Und wie Imamura vor Ort versandete und die Produktionszeit gnadenlos überzog, scheitert Kariya daran, sich gegen die Bräuche durchzusetzen und dem einfachen Leben mit einer Geliebten und ohne größeren Druck zu widerstehen.
Dieser Naturzustand vor Ort ist gleichfalls nicht paradiesisch. Zentrum seiner Erzählung ist die Familie Futori, die durch Aberglauben ausgegrenzt wird – bzw.: deren Ausgrenzung mit Aberglauben legitimiert wird –, die von inzestuösen Beziehungen geprägt ist und sich innerhalb der Inselgesellschaft nochmal eine Stufe weiter weg von der Zivilisation befinden. Es zeigt sich also einerseits eine Idylle, die gerade zu Beginn mehrmals mit dazwischen geschnittenen Tieraufnahmen mit Bedeutung aufgeladen wird, und ein atavistisches Reich, in dem Rituale mehr bedeuten als Vernunft und in dem blutige Legende gerade am Entstehen sind.
Vor allem findet er aber nichts Essentielles oder Grundlegendes, dass weiter ausgestellt werden müsste. Die Moderne hat ihre Spuren überall hinterlassen und bricht im Laufe des Films immer mehr ein. Mit den Vorteilen einer Eisenbahn oder der zunehmenden Korruption, für die die eigene lokale Identität verkauft wird. Das Verhalten der Menschen ist durch Adaption bestimmt … Adaption an Neues (Sprengfischen, Popmusik und Tänze), Altes (die Arbeit für einen Arbeitsgeber nicht mehr ganz so ernst nehmen), an Gegebenes (die Insel mit ihrem Klima und ihrer Flora und Fauna). So werden auch Tabus zunehmend verändert. Einen reinen Urgrund gibt es nicht.
Das Einzige, was gefunden wird, ist eine Welt der Erzählungen. Immer wieder erzählt ein Mann im Rollstuhl die Entstehungslegende der Insel. Oder es gibt die Erzählung, warum die Futoris erst einen enormen Stein aus einem Reisfeld ausgraben müssen – weshalb auf ihrem Grundstück seit Jahrzehnten eine behelfsmäßige Baustelle steht – bevor sie wieder Teil der Gesellschaft sein dürfen. Erzählungen begründen das Zusammenleben und die Geschehnisse für zu neuen Erzählungen. Die Mythologie einer Gesellschaft, soweit sie entfernt scheint, ist hier eben doch zeitlich als auch in Ursprung und Wirkmacht ziemlich nah.
Es ist tatsächlich nichts Aufregendes oder Revolutionäres. PROFOUND DESIRES OF THE GODS ist kein diskursiver Film, sondern einer, dem es um Erleben geht. Das Erzähltempo ist sehr gemächlich. Schlendern in der Sonne des Pazifiks statt Hektik eben. Es handelt sich aber nicht um Slow Cinema, sondern um eine Konzentration auf Kleinigkeiten. Auf viele, viele Kleinigkeiten, die aus Relaxtem, Legendenhaftem, Irritierendem und Obskurem, aus Widersprüchen, Sex, Lust und Unbehagen ein Mosaik erstellt. Ein wunderschönes anthropologisches Mosaik, in das sich wie in ein Schlammbad fallengelassen werden kann.

花筐 / Hanagatami
(Ōbayashi Nobuhiko, J 2017) [blu-ray, OmeU]

verstrahlt

Japans Weg in den Zweiten Weltkrieg als Geistergeschichte, in der die Oberstufenschüler, die für Japans verlorene Zukunft einstehen bzw. dessen Todessehnsucht, zwar noch leben, aber in dieser Fiebervision, die aus dem Wissen über den kommenden Untergang entstand, schon das Diesseits verlassen zu haben scheinen.

俠盜高飛 / Full Contact
(Ringo Lam, HK 1992) [DVD, OmeU] 2

fantastisch

Ringo Lams Magnum Opus, in dem das 80er Jahre-Actionkino Hongkongs seinen überdrehten Höhe- und Endpunkt erreicht. Auch weil es mit der Ästhetik von STREET FIGHTER II fusionierte.

Donnerstag 08.04.

Apocalypse Now – Final Cut
(Francis Ford Coppola, USA 1979/2019) [blu-ray, OF]

fantastisch

Dies ist wahrscheinlich die beste Version, die 1979 in die Kinos hätte kommen können. Die Reise ins Herz der Finsternis ist länger, epochaler, reichhaltiger und nicht so überstürzt, wie mir die Kinofassung nun seit 20 Jahren erscheint, und doch reichen die 15 Minuten Straffungen im Vergleich zur Redux-Fassung, damit der Film stringent bleibt. Es ist schlicht die perfekte Version seiner selbst … zumindest nach den Ansprüchen eines Erzählkinos. Durch die Verstümmelungen der Kinofassung 1979 haben wir aber das Glück gehabt, dass 2001 ein übereifriger Francis Ford Coppola einfach alles wieder reinpackte. Scheinbar im taumelnden Glück operierend, der Schere nun doch noch alles entreißen zu können. Es ist eine Art Revanche-Werk. Die Redux-Fassung verliert sich deshalb zeitweise, ist megalomaner, zu lang und ein riesiger Sumpf, durch den sich geschleppt werden muss. Der Final Cut ist die perfekte Version, aber wer will im Angesicht dieses Wahnsinns und der Verirrung Perfektion. Unpassende Perfektion.

Bible!
(Wakefield Poole, USA 1974) [DVD, OF]

gut

Das FANTASIA unter den Erotik-/Pornofilmen des Golden Age of Porn. Mit Zeitlupen und bunten, phantasievollen Kulissen/Ausstattungen werden 3 und ein bisschen Bibelstellen zu erotischen Tänzen von Körpern entworfen und etwas bis gänzlich gegen den Strich bekannter Interpretationen gedeutet. Adam und Eva entsteigen dem Meer, erkunden ihre Körper und kuscheln episch. Seine Lyrik findet der Abschnitt in Exotik und Simplizität. Das Abschneiden der Haare von Samson sowie die im Vergleich zum Rest des Films sehr kurz gehaltene Schwängerung Marias sind wunderschöne, surreale Träume. Und dann ist da noch das Lustspiel von David und Batseba, der einzigen Episode der deutlich anzumerken ist, dass verdammt wenig Inhalt verhandelt wird. Während die anderen aber formal das langsame Tröpfeln der Zeit versüßen, sind Kostüme, Kulissen und Schauspiel hier Bauerntheater, dass einfach nichts außer zähen, stählernen Klamauk versprüht.

無味神探 / Loving You
(Johnnie To, HK 1995) [stream, OmU]

großartig

Inspektor Lau (Lau Ching-Wan) kämpft gegen einen Verbrecherwidergänger seiner selbst, der gleichermaßen von Machtbeweisen besessen ist. Um die Liebe zu seiner Frau (Carmen Lee) wird er kämpfen müssen, die sich von ihm abwendet, weil er nur für seinen Job lebt. Und mit den Folgen einer Kugel, die durch seinen Kopf geschossen wurde und die ihn seinen selbstgerechten Heroismus überdenken lässt, der sich darin äußerst, dass er andere/sich grundsätzlich runtermacht. In schmalen 80 Minuten werden diese Kämpfe aber nicht ausgearbeitet. Stattdessen werden Frust, Überforderung und Hoffnung impressionistisch innerhalb eines Actionfilms stehen gelassen. In einem STIRB LANGSAM-artigen Finale wird Lau die Möglichkeit geben, seine Kämpfe zu bewältigen. Mit Gewalt und einer klaren, messbaren Zielsetzung: seinen Gegner besiegen und seine Frau vor ihm retten. Die breit über den Film verstreuten Impressionen aber – in denen Lau überarbeitet an einer roten Ampel einschläft und dort die Nacht verbringt, auch um sich vor einem familiären Termin zu drücken; in denen seine Frau immer wieder auf die Männer vor sich oder in die Leere schaut und überlegt, welche ihre Optionen für die Zukunft, die schlimmere ist; in denen geschrien wird und danach mit dem entstandenen Frust umgegangen werden muss, von den Angeschrienen und den Schreienden –, diese Impressionen zeugen von Leuten, die nach einem festen Selbstverständnis suchen, die aber von ihren Mustern eingeholt werden und mit ihren guten Vorsätzen im Regen stehengelassen werden, die keine Ahnung haben, wie sie mit sich umgehen sollen, geschweige denn mit anderen, Leuten, die nach einem Weg suchen, in dem Ehe- und Männlichkeitsdrama aber keine einfach Entscheidungsoption finden, die dem Drücken eines Abzugs gleicht.

Mittwoch 07.04.

How the West Was Won / Das war der wilde Westen
(Henry Hathaway, John Ford, George Marshall, USA 1962) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Wenn historische Begebenheiten wie Theaterstücke für einen pädagogisch wertvollen Schulausflug aufbereitet ist, die Geschichte des Wilden Westens ehe auf seine rudimentärsten Allgemeinplätze heruntergeschraubt wurde und Cowboys arttypisches Aufführen dürfen, wie von Pferden und Zügen in Kakteen zu springen, dann entspricht HOW THE WEST WAS WON meiner Horrorvision einer Wild-West-Show, die in Bad Segeberg zur Aufführung kommt. Hier und da gibt es in Schnitt und Handlung wilde Schlägereien, wie wenn sich James Stewart an Wegelagerern rächt, und überhaupt ist durchaus faszinierend, dass die Geschichte des Westens als Geschichte von Frauen erzählt wird, die von ihren Männern verlassen werden, aber das sind die wenige Trostpflaster dieser übergenerischen Monstrosität.

箱の中の女 処女いけにえ / Woman in a Box: Virgin Sacrifice
(Konuma Masaru, J 1985) [DVD, OmeU]

verstrahlt

Durch das Aufkommen von Videos war Nikkatsu in den 80er Jahren abermals, wie die gesamte filmische/kinoorientierte Pornoproduktion weltweit, in Schwierigkeiten geraten. Sie reagierten darauf mit einer neuen Sparte, den RomanX-Filmen. Dabei handelte es sich um Videoproduktionen, in denen Hardcoresex zu sehen war – auch wenn der Schambereich wie für pinku eigas und roman pornos üblich weiterhin großflächig retuschiert wurde. Die Handlung wurde entsprechend auch heruntergefahren. Nach der vollständigen Umstellung der Produktion Nikkatsus auf ihre Variante von Pinkfilmen war dies eine abermalige Verschärfung des Prinzips von schnell und dreckig.
WOMAN IN A BOX: VIRGIN SACRIFICE war der erste RomanX-Film, in dessen erster Hälfte eine Geschichte auch fast vollständig abwesend ist. Ein Paar, das keinen Kick mehr durch ihren öffentlichen Sex in einem Bus mit abgetönten Scheiben bekommt, entführt eine junge Frau und misshandeln, foltern und vergewaltigen es. Wie ein Kind wolle sich der Mann diese Frau zurechtbiegen und (um-)erziehen. Die sich dann verdichtende Handlung fügt dem körperlichen Horror dieser Erziehung noch die Vorstellung hinzu, dass diese erfolgreich sein könnte. Das Drehbuch von Gaira doppelt das Unbehagen des Zuschauers, der möglicherweise selbst mit seiner Lust anhand des Unaussprechlichen, des Gezeigten kämpfen muss.
Das Ergebnis ist alles andere als einfach verdaubar. Zusehens entreißt WOMAN IN A BOX: VIRGIN SACIFICE seinem Horror aber unwirkliche Momente, die zur Homevideoästhetik passen. Das langsame, klinische als auch schwarzromantische Verbluten des Mädchens an einem unbevölkerten Strand wird beispielsweise zur Familienurlaubsaufzeichnungen. Die Filmmacher habe noch spürbar eine filmische Ausbildung erhalten, die Ästhetik des Videos gibt dem Film aber auch eine Unmittelbarkeit: das Gefühl eines Dokuments. Die durchaus vorhandenen Qualitäten eines unangenehmen Erlebnisses verstärken sich nur.

最佳拍檔千里救差婆 / Mad Mission 4 – Man stirbt nicht zweimal
(Ringo Lam, HK 1986) [blu-ray] 2

gut

Als Kind war MAD MISSION II eine Zeit lang mein absoluter Lieblingsfilm. In der Videothek, als sich mir diese Welt im vorpubertären Alter eröffnete, entdeckte ich, dass es sogar noch einen vierten und einen fünften Teil gab, von denen ich zu dem Zeitpunkt nichts wusste. Den Fünften habe ich mir noch ab und zu ausgeliehen, den vierten nur einmal und nie wieder. Einmal durch den Stress, sich mit ca. elf Jahren einen FSK 16 Film auszuleihen. Darüber hinaus war die Erfahrung nicht ganz einfach.
MAD MISSION IV ist vor allem sehr viel disparater als die anderen Teile. Zu der noch ungehemmteren Willkür auf der Handlungsebene kommt ein ständiger Wechsel von Atmosphäre und emotionaler Fallhöhe. In den 100 Minuten des Films geht es schlagartig von klamaukigen Hockeyspielen, zu Kleinkindern, die aus den Fenstern von Hochhäusern hängen. Die Auto-, Flugzeug- und Motorbootverfolgungsjagden sowie die Schusswechsel und Kampfszenen zeichnen sich durch eine intensive Ringo Lam-Körperlichkeit aus, sie verbleiben aber gleichzeitig im Modus des comichaften Ideenreichtums der Reihe, der näher bei einem TOM & Jerry-Cartoon als bei PRISON ON FIRE liegt. Und dann kommt es in diesem unsteten Tohuwabohu, dass gegen Ende einer der Hauptfiguren (nämlich der von Produzent und Drehbuchautor Karl Maka gespielte Kodijack) zu einem übermächtigen, seelenlosen Monster wird und schließlich stirbt. Die traumatisierten Hinterbliebenen (vor allem seine von Sylvia Chang gespielte Ehefrau Ha-Tung) reagieren auf den Verlust mit katatonischen und suizidalen Zügen.
Damals war es zu viel für mich. Auch weil der Film selbst für mein damaliges unerfahrenes Ich spürbar gekürzt war. Es sind zwar tatsächlich vor allem Handlungsstraffungen des deutschen Verleihers, der gerne auch ein Zuviel an Klamauk herausnahm, damals – als ich von meinem Vater schon erfahren hatte, dass in der FSK 18 Version von TOTAL RECALL, die durch den Fahrstuhl abgetrennten Hände zu sehen waren – schien es mir aber, als ob ich möglicherweise noch die sanfte Variante eines Höllenritts erlebt hatte.
Heute ist es alles nicht mehr so schlimm. Die Disparität des Films ist Segen und Fluch zugleich. MAD MISSION IV ist ein bunter Strauß, bei dem schwer einzuschätzen ist, wohin es als nächstes geht. Die Qualität der Einzelteile ist aber äußerst schwankend. Oder anders: POLICE ACADEMY IV wie MAD MISSION IV sind auf ihre Art die Teile ihrer Filmreihe, in denen sich deren essentieller Kern offenbart. Während POLICE ACADEMY IV dabei zu einer sehr kondensierten Abfolge typischer Momente wird, ist MAD MISSION IV eine völlig auseinander gezogene Ansammlung von allem, was möglich ist.

Dienstag 06.04.

Batman v Superman: Dawn of Justice
(Zack Snyder, USA 2016) [blu-ray, OF] 2

ok

Nach dem aufregenden Start erlebte ich wieder – diesmal im Extended Cut – nur übermäßig spezifische Trolley-Probleme, Männer, die ausschließlich durch ihre Papa-Probleme definiert sind, und die tiefen Sorgenfalten zwischen Henry Cavills Augenbrauen, die ständig zeigen, wie ernst das alles ist.

Gold Diggers of 1933 / Goldgräber von 1933
(Mervyn LeRoy, USA 1933) [DVD, OF] 2

großartig

Für mich ist das größte Faszinosum an Filmen mit Warren William dessen Frisur. Zumindest die, welche er Anfang der 30er kultiviert hatte. Es sind nur Nuancen, die sie von einfach streng nach hinten gegelten Haaren unterscheidet und die eine Zerrissenheit in ihn einschreibt. Die rechte Seite liegt tatsächlich knallhart an seinem Kopf an. Mit einem kühnen Schwung sind die Haare aber leicht nach links gekämmt, als sollen sie den Schädel umschlingen. Die linke Seite trägt keinen ebensolchen Schwung, sondern muss die Folgen der Gegenseite tragen. Minimal sind die hier nach hinten gekämmten Haare strubbelig und abstehend, weil von rechts gegen sie gedrückt wird. Die Strenge der einen Seite ruft die chaotische Note dabei erst hervor. Die rechte Hälfte seiner Frisur steht für seine anale, elitäre Seite, die linke für seine zärtliche, herzliche … die sich so oft durch seine knallharte Oberfläche und an seinem eiskalten Lächeln vorbei kämpfen muss. Es sind, wie gesagt, nur Nuancen, aber gerade in der Subtilität dieser Verschiebung auf dem Kopf fällt es mir schwer, mich daran sattzusehen. Gerade weil ich immer wieder nachschauen muss, ob es wirklich da ist. Es ist wie mit jedem guten Charakterzug in einer Figur von Warren William, die meist einer Unmöglichkeit gleichen, an die nur schwer zu glauben ist, die in dieser Unwirklichkeit aber umso schöner sind.

Montag 05.04.

Christopher Robin
(Marc Forster, USA 2018) [blu-ray]

ok +

Der Hundert-Morgen-Wald wird bei Marc Forster zum Terrence Malick-Wohlfühl-Pastiche, dessen Impressionen mal neblig und kalt vorbeiziehen, mal sonnig und bunt – je nachdem, ob Christopher Robin (Ewan McGregor) seine Kindheit gerade vergessen oder sie wiedergefunden hat. Seinen groben Ablauf übernimmt der Film dabei von HOOK, den er lediglich neu einkleidet. In McGregors Allzweckwaffe, seinem Lächeln, versinnbildlicht zuweilen die Berechnung des Ganzen. In der Optik von Winnie Puuh und seinen Freunden, in ihrem süß animierten Fell und ihren Persönlichkeiten ist zuweilen etwas Seele zu erkennen.

Amore e morte nel giardino degli dei / Liebe und Tod im Garten der Götter
(Sauro Scavolini, I 1972) [DVD, OmU] 2

fantastisch

Gerade im Vergleich zu den beiden MAD MISSION-Filmen gestern sticht der Geschichtsreichtum ins Auge. Wie von einer Patina ist die Lebenswelt mit Adel und Hochkultur belegt. Es sind aber nicht die Texturen eines lebenden Todes und erstickender/erstickter Reinheit, sondern von Inzest, Blutarmut und Niedertracht. Ein Ornithologe findet Tonbänder von Sitzungen bei einem Psychologen und in seinem Blick/Hören entfaltet sich das langsame Vergehen von Fleisch und Geist, dass in einem unsichtbaren Sumpf – also dieser allgegenwärtigen Reichtum an Kultur und Vorangegangenen – vergammelt.

Sonntag 04.04.

最佳拍檔之大顯神通 / Mad Mission II
(Eric Tsang, HK 1983) [DVD, ł] 239

großartig +

Deit meiner Kindheit habe ich ihn tausende Male gesehen. Als ich in meiner Jugend zu erkennen und darauf folgend zu bekritteln begann, dass diese wunderbaren Szenen keine sinnige Geschichte ergeben bzw. dass die Szenen nur geschehen, weil sie eben geschehen sollen, und nicht weil sie aus einem Plot motiviert werden, dass sie völlig erratisch zueinander stehen, dieser Moment war der filmschauende Sündenfall, von dem ich mich bis heute noch nicht völlig erholt habe.

最佳拍檔III之女皇密令 / Mad Mission III – Our Man from Bond Street
(Tsui Hark, HK 1984) [blu-ray] 3

ok +

Sehr schön ist, dass Tsui Hark die Bond-Film-Eröffnungssequenz mitten in den Film legt und als romantischen Einschub in die Handlung seiner Bond-Persiflage einwebt. Nicht so schön ist, dass er mit seinen Sensibilitäten für anarchische Abläufe und Referenzen völlig an dem personenorientierten Anarchismus der Vorgänger vorbei inszeniert und damit die Seele des Films ein wenig auf der Strecke bleibt. Sprich: MAD MISSION III ist weiterhin ein Füllhorn der notdürftig zusammengefügten Ideen. Sam, Kodijack und Ha-Tung bilden aber nicht mehr die Seele des Ganzen, sondern werden vom Geschehen lediglich mitgeschleppt, ohne diesen Charme verleihen zu können.

Sonnabend 03.04.

Dames / Broadway-Show
(Ray Enright, USA 1934) [DVD, OF]

großartig +

Die drei den Film beschließenden, von Busby Berkeley inszenierten Musicalnummern führen vor, wie Frauen Objekte der Begierde werden, ob sie nun Waschfrauen oder Tänzerinnen sind. Davor ist DAMES eine Komödie über die Lächerlichkeit von Sittenhütern, die zur Zeit der Veröffentlichung des Films die Unmoral tatsächlich auf Jahre aus Hollywood vertrieben. Ignorant besaufen sie sich final, während sie gegen Alkohol und Sex wettern. DAMES gewährt ihnen hier die Freude, ihren heuchlerischen bis idiotischen Krampf ablegen zu dürfen, mit dem sie durchs Leben ziehen … und durch den der Film mit seinen lebensfrohen Figuren schon vor den Musicalnummern freudig tanzt.

Eine Nacht im Mai
(Georg Jacoby, D 1938) [DVD]

großartig

Eine Widerspenstige (Marika Rökk), die noch dazu ohne Verantwortungsbewusstsein mit dem Auto durch die Stadt jagt und wie ein Kind vor den polizeilichen Konsequenzen ins Ausland fliehen möchte, muss gezähmt werden. Von Willy Prinz (Viktor Staal), der mehr Überlebenskünstler mit Streichholztricks ist, als dass er dem Adel seines Namens gerecht werden würde. Eine warme Nacht hat er Zeit, um den amourösen Hindernisparcour – Großstadttrubel, Jahrmärkte, Spiegellabyrinthe, Wälder, die Nacht und die Leute mit ihren Ehen, Verhältnissen und vertauschten Identitäten – zu bewältigen und unter den ersten Eindrücken, den Verkleidungen eines Maskenballs und der entblößten Haut beim Nacktbaden spaßverliebt die eigenen Gefühle zu erkennen.

Freitag 02.04.

Man of Steel
(Zack Snyder, USA/UK 2013) [3D-blu-ray, OF] 2

ok

Das Erlernen von Selbstkontrolle, um die Last tragen zu lernen, die einem Superman aufgebürdet wird, beschäftigt große Teile der ersten Stunde. Beziehungsweise sehen wird die Arbeit von zwei charismatischen Schauspielern (Russell Crowe & Kevin Costner), die als Väter den Onkel Ben Ersatz für Superman/Clarke Kent (Henry Cavill – irgendwie ist mir jetzt erst aufgegangen, dass das jemand anderes als James Caviezel ist) bilden. Darauf folgt der Kampf mit der Materialisierung der Wut (Michael Shannon) des jugendlichen Emosupermans. Dies nimmt die Form einer Materialschlacht an, in der Metropolis, das nur aus leeren Großraumbüros besteht, zu Bruch geht. Wenn dann alles Kurz und Klein geschlagen ist, wird eine Familie bedroht und der Spaß ist vorbei. … falls er denn überhaupt einmal losging. Denn während ich überlegte, ob Amy Adams hoffentlich noch die Chance bekommt, Kleopatra zu spielen, fand ich meist nur die schönen Match Cuts bemerkenswert.

Der Rat der Götter
(Kurt Maetzig, DDR 1950) [DVD]

ok

Zum einen besteht der Film aus grauen Eminenzen in Tempeln der Macht – ein Wandteppich mit griechischen Göttern hängt hinter ihnen –, aus Agenten in exotischen, raumgreifenden Tanzlokalen und Hoheiten, die sich zu Unrecht im Strafvollzug und vor einem menschlichen Gericht gelandet sehen. Es geht um die I.G. Farben, die sich 1933 für Hitler entscheidet und Deutschland Richtung Krieg führen lässt, weil es für sie am Profitabelsten ist und im Osten Bodenschätze warten. Es geht um einen schwerhörigen Vertreter der Schweizer Banken und einen chamäleonartige Vertreter von Standard Oil – es wird nie näher geklärt, um welchen der vielen Nachfolgerunternehmen des damals schon entflochtenen Riesen es sich handeln soll, da den I.G. Farben ein zweiter Kopf der Hydra Kapitalismus an die Seite gestellt wird und dieser eben für die politische Macht der Wirtschaftsmonopole einsteht –, die mit den Finanziers und Profiteuren des Nazi-Regimes ein Klüngel bilden, die den Anzug Hitler schnell wieder abstreifen, wenn dessen Niederlage nahesteht, und alles so einrichten, dass die Nürnberger Prozesse nur eine kleinere Lappalie sein werden. Zum einen besteht RAT DER GÖTTER also aus einer angriffslustigen Abrechnung mit Schuldigen, die sich unantastbar fühlen. Wie MEN OF STEEL davor werden dabei gerne Match Cuts benutzt, um uns beispielsweise vom Prunk und der Weltvergessenheit eines Tanzlokals direkt an die Front und in Tod und Elend schleudern, um die herrschende Perversion vorzuführen.
Zum anderen widmet sich der Film dem begabten Wissenschaftler Dr. Scholz (Fritz Tillmann) und seiner Familie. Mehrmals wird er seinen Sohn fast an die Kriegstreiberei verlieren, weil er sich nicht fragen möchte, warum er für sein Unternehmen Giftgas entwickeln soll. Er wird in Reagenzglas- und Erlenmeyerkolbenlabyrinthe gesteckt, ihm werden aber auch immer wieder die Folgen seiner Forschung vorgeführt. Zu Tierexperimenten wird er geschleift, das Zyklon B für Auschwitz findet er selber. RAT DER GÖTTER zeigt ihn aber als schweigenden Sympathen, der erst mit Kriegsende sein Gewissen auszudrücken traut. Der Holocaust wird mit ihm zum Kavaliersdelikt, der einfach den da Oben zugeschoben wird. Der Film zeigt hier keine Zähne. Der kleine Mann muss ja für die Revolution gewonnen werden und nicht beschuldigt – weshalb auch die Sowjetunion völlig ungeschoren davonkommt, als haben sie nie etwas mit Nazi-Deutschland zu tun gehabt.
Einerseits ist RAT DER GÖTTER so – gerade kurz nach dem Krieg – ein faszinierender Rundumschlag gegen tatsächliche Gegebenheiten, andererseits ein lauwarmes Stück Propaganda mit kommunistischen Onkeln, die alles schon im Voraus wissen und einen ideologisch in den Arm nehmen, wenn etwas nicht ganz so gut gelaufen ist.

Donnerstag 01.04.

最佳拍檔 / Mad Mission
(Eric Tsang, HK 1982) [DVD, ł] 7

großartig

Das Finale mit den Nobelkarossen, die gegen ferngesteuerte Autos kämpfen, ist nach all den dummen Ideen dieses Films etwas enttäuschend. In der in fast jeder Hinsicht verbesserten Fortsetzung wird gerade das korrigiert … leider zum Preis, dass Ha-Tung (Sylvia Chang) nach diesem Teil zusehends zur Nebenfigur degradiert wird. Hier ist sie mit ihrem übergeschauspielertem Widerspruch aus renitenter Pistolenlady und kleinem, schüchternen Mädchen eines der Highlights und eine der Hauptpluspunkte für den Film.

Gefängnisbilder
(Harun Farocki, D 2000) [DVD]

großartig

Ich bin nicht ganz sicher, aber dieses Essay aus Überwachungskameraaufnahmen aus Gefängnissen, Imagefilmen über Gefängnisse und Gefängnisspielfilmen könnte ergeben (und soll es vielleicht auch), dass Gewalt in Gefängnissen Exhibitionismus einer/und Selbstermächtigung ist … in einem unmenschlichen System.

März
Mittwoch 31.03.

Charlie gegen alle
(Charlie Chaplin, USA/BRD 1915/1963) [DVD]

uff

Fünf Filme Charlie Chaplins aus dem Jahre 1915 wurden für dies aneinander montiert. Es handelt sich um HIS NEW JOB, THE TRAMP, THE BANK, WORK und THE CHAMPION. Sie stammen aus einer Phase bevor der Tramp zum heiligen Narren geworden war. Hier ist er noch ein egomaner Troll. Die den Filmen beigegebene Musik dudelt dahin, ohne sich groß darum zu kümmern, was zu sehen ist. Oftmals ist es sogar so, dass sie nicht die Bilder unterstützt, sondern gegen sie anspielt. Die Bildqualität der DVD ist suboptimal. Schön anzusehen ist es nicht. Und weil dies 1963 wiederveröffentlicht wurde, also als Stummfilme schon lange nicht mehr en vogue waren, gibt es einen Sprecher, der das Publikum bei der Stange halten soll. Dabei handelt es sich um niemand anderen als Heinz Erhardt. Manche seiner rezitierten Gedichte sind schön. Zumeist brabbelt er aber lediglich unbeholfen vor sich hin, um die Stille zu füllen. Seine Impression eines sinnlos quatschenden Sprechers, der mit seiner Rolle nicht zurechtkommt, ist nur ein weiterer Gegner für Charlie Chaplins Filme. Der Titel CHARLIE GEGEN ALLE war so nicht intendiert, aber hier muss er sich und die Qualitäten seiner Filme tatsächlich gegen Feinde von allen Seiten wehren.

Dienstag 30.03.

Shoot Out / Abrechnung in Gun Hill
(Henry Hathaway, USA 1971) [blu-ray, OmU]

gut

Am spannendsten finde ich die Frauen in diesem Film. Die Prostituierte (Susan Tyrrell), die von psychopathischen Jugendlichen entführt wird und mit ihnen dann eben herumzieht, als habe sie sich in ihr Schicksal ergeben. Die Farmerswitwe (Rita Gam), die sich den resolut und charmant den dahergelaufenen Typen (Gregory Peck) mit kleinem Mädchen im Schlepptau als kommenden Ehemann rekrutiert. Das Stubenmädchen, das eine Rache miterleben muss, bei der ein ihr Fremder den Mörder ihres eben ermordeten Chef stellt und tötet. Sie hat aber keinen Kontext hat, um den Sadismus einzuordnen, mit der dies geschieht. Weshalb das Happy End des Films für sie nur Terror sein kann. Leider geht es in diesem Film aber grundlegend um klar definierte Männer und einen grellen Generationenkonflikt sowie um die Bedeutung von Familie für die Heranwachsenden.

Beat the Devil k
(Tony Scott, USA 2002) [stream, OF]

ok +

Wenn die Schauspieler auch noch so spielen und die Figuren so angelegt sind, wie Tony Scott überdreht inszeniert, dann ist es vll. doch ein klein wenig zu viel.

Montag 29.03.

Worte und Spiele
(Harun Farocki, D 1998) [DVD]

gut +

Ein Triptychon bzgl. des Dirigieren und Kontrollieren des scheinbar offenen Kontents in Talk- und Gameshows. Dreimal sehen wir die Vorgänge hinter den Kulissen, während das Eigentliche ein blinder Fleck bleibt. Bei VERA AM MITTAG sehen wir schwingende Türen, durch die ins Rampenlicht gegangen wurde. Wir sehen Vera in einer langen Einstellung, die ihre Blicke während der Sendung wandern lässt, um alles im Griff zu behalten. Wir sehen Vorbereitung und Durchführung eines Überraschungsauftritts. Eine Frau erzählt, dass sie sich melden musste, weil es ihr Thema sei. So sehr sei es das, dass sie ihre Hemmungen bzgl. einer Teilnahme überwand. Vor allem sehen wir aber einen Teleprompter, der An- und Abmoderation zeigt, die die Sendung möglichst allgemein rahmen und das vorgefertigte Ergebnis präsentieren. Alles in der Sendung Gesagte wird so zur unnützen Wortmeldung degradiert, die eh nichts am bereits gefertigten Fazit geändert hätte. Im Mittelpunkt steht nicht das zu Diskutierende, sondern die Inszenierung von aufregenden, mitreißenden Positionen und die Selbstdarstellung einer solchen durch die Gäste.
Im letzten Teil bei ARABELLA werden wir dies alles nochmal anders sehen. Wenn Themen gebrainstormt werden oder die Gäste vor der Sendung entspannt zusammensitzen und manche schon ihre Figur sind, andere noch nicht. Der eklatante Machtunterschied zwischen Machern und Teilnehmern wird aber im Mittelteil beim FAMILIENDUELL am deutlichsten. Dort wohnen wir einem Drill bei, bei dem die Kandidaten ins feste Korsett der Abläufe gepresst werden. Identität wird dabei auf etwas heruntergebrochen, dass auf einen kleinen Zettel passt und mit gruseliger Virtuosität auf stammtischpassable Karikaturen heruntergebrochen wird.
Tatsächlich zeigt WORTE UND SPIELE aber wenig Überraschendes. Das alles Inszeniert ist und die Kandidaten punktgenau eingesetzt werden, dürfte wohl niemanden überraschen. Das der Interviewteil beim Familienduell bestenfalls überflüssig ist und Werner Schulze-Erdels Umgang mit Frauen eher creepy, habe ich schon mit 12 gefühlt. Worin liegt also der Sinn dieser unaufdringlichen Vorführung zweier Formate? Das ich es trotz aller Tendenzen zur kulturellen Apokalyptik nicht wirklich weiß, ist wohl das Beste. Der von WORTE UND SPIELE gesetzte Rahmen ist eben deutlich luftiger als in den drei porträtierten Sendungen.

Sonntag 28.03.

Arabian Nights / Arabische Nächte
(John Rawlins, USA 1942) [DVD]

ok

Ich kannte ihn noch nicht, hatte ihn aber schon lange herumliegen. DAS GOLDENE SCHWERT war als Kind einer meiner Lieblingsfilme und ich dachte, dass ich mit einem solchen Film Lotti Z. (5 Jahre) noch etwas mehr für ältere Filme gewinnen könnte. Hauptsache, dass sie mal sieht, dass es auch noch anderes gibt als das, was sie schon kennt. Ich sagte ihr, dass ich ein Märchen gucken werde, und sie setzte sich neben mich, weil sie Märchen ja mag, wie sie sofort klarstellte. Laut FSK sei der Film ab 12. Meiner Erwartung nach viel zu hoch, wie bei eigentlich allen älteren Filmen. Eröffnet wird der Film mit einem Gekreuzigten. Es ist sicherlich nicht die drastischste Inszenierung eines solchen Vorgangs, der möglich ist, trotzdem kam ich mir mal wieder sehr dumm vor.

Footlight Parade / Parade im Rampenlicht
(Lloyd Bacon, USA 1933) [DVD, OmeU]

fantastisch

In der Entertainmentindustrie gibt es keine Zeit zum Atmen. Chester Kent (James Cagney) produziert standardisierte Musicalnummern, die zur Gewinnmaximierung durch die Kinos im ganzen Land tingeln. Die Konkurrenz spioniert ihn aus, seine Partner betrügen ihn ums Geld, er muss Leute besetzen, die reiche Teilinhaberinnen ihm auf Auge binden, seine neue Verlobte ist nur hinter seinem Geld her, seine Sekretärin (Joan Blondell) ist in ihn verliebt, aber er merkt es nicht, weil sie so effizient in seiner Maschine aufgeht, und und und. In einer Tour überschlagen sich die Dinge und diese Screwball-Komödie ist schon eine Kunst für sich, vor allem weil die Kamera das Fließbandthema aufschnappt und immer wieder in kleinen Plansequenzen die prall gefüllte Szenerie abfährt. Nach 70 Minuten übernimmt dann aber Busby Berkeley und FOOTLIGHT PARADE verfällt schlussendlich in einen Fiebertraum und drei Musicalnummern. In der ersten: ein frisch vermählter Ehemann täuscht sich im Raum und legt sich zu einem Frauen verfolgenden, kleinwüchsigen Kind ins Bett. In der zweiten: Berkeley erreicht den Höhepunkt seiner Wasserinszenierungskünste, wenn Fantasie und mechanisierte Menschen unwirkliche Formen und Formationen zaubern. In der dritten: u.a. ein fröhlicher Tanz durch ein Opiumzelt.

Young and Healthy k
(Rudolf Ising, USA 1933) [DVD, OF]

nichtssagend

Zu FOOTLIGHT PARADE und seiner Fließbandästhetik passt dieser Merrie Melodies-Cartoon, der mit auf der DVD enthalten war, insofern, da die Hintergründe hier einfach nicht stillstehen wollen und im gleichen Muster endlos an den Figuren vorbeigedreht werden. Hier laufen nicht die Figuren die Treppe hinter, sondern die Treppe läuft unter ihnen davon.

Honeymoon Hotel k
(Earl Duvall, USA 1934) [DVD, OF]

ok

Nur etwas Information: Dieses Remake der entsprechenden Musicalnummer aus FOOTLIGHT PARADE mit Käfern war wohl Warners erster Cartoon in Farbe.

Vaudeville Reel #1 k
(Joseph Henabery, USA 1934) [DVD, OF]

gut

Nach Musiknummer mit strahlenden wie verstrahlten Lächeln, Akrobaten und Tanz tritt ein Komiker auf. Zuletzt möchte er auf einem Klavier spielen, während er einen Kopfstand macht. Dieses Instrument bricht aber langsam auseinander und entlässt dabei Wasserstürze und Tiere. Zum Klavierspiel kommt er nie. Der Grad von Absurdität – begleitet von Running Gags, deren Gag eher darin liegt, wie trocken sie in den Sand gesetzt werden – war so hoch, dass etwas wie Monty Python gar nicht mehr so außergewöhnlich scheinen wollte.

Sonnabend 27.03.

パプリカ / Paprika
(Kon Satoshi, J 2006) [blu-ray, OmU]

großartig

Wahrscheinlich ist es schon tausendfach geschrieben worden. Hier nochmal für die DVD-Hüllen dieser Welt: PAPRIKA ist das viel bessere INCEPTION.

天·火 / Skyfire
(Simon West, CHN 2019) [blu-ray, OmU]

nichtssagend

Es gibt eine direkte Hommage an THE LOST WORLD, wenn ein Auto von einer Klippe hängt und die Passagiere aus der geöffneten Hintertür zu fallen drohen. Ansonsten ist SKYFIRE aber viel mehr eine Art Remake von JURASSIC PARK, nur eben mit Lava statt Dinosauriern. Anstelle von Jeff Goldblums Dr. Ian Malcom gibt es einen orientierungslosen Wang Xueqi, der in jeder Szene aussieht, als überlege er angestrengt, wo er sich befindet. Oder: Staunend wird hier die Sonnenbrille gehoben, weil ein erwartbares Plotelement angestiefelt kommt. Nicht aber weil es Staunenswertes geben würde. Der Vulkan vor dem Ausbruch ist ein Hügel in der Landschaft, der weder als Bedrohung noch als Schönheit etwas taugt, die einen alle Bedrohung vergessen lässt. Der Vulkan während des Ausbruchs mit seinen Lavaflüssen und -geschossen ist dann ein Grundrauschen, mit dem hier und da ein Sinn dafür entwickelt wird, Leute makaber in den Tod zu schicken. Mit einer Ausnahme richtet sich dieser Spaß aber gegen gesichtslose Statisten und Underdogs. Die Helden des Films – Schönlinge frei von Charisma und ohne interessant verpackte Hintergrundgeschichten und Konflikte – werden selbst dann geschont, wenn sich die Lava nur noch ironisch über die kitschige Liebesszene legen muss, um den Elfmeter der gelungensten Pointe des Films zu vollenden. So dümpelt der Film in seiner ständigen Aufregung dahin, ohne es zu schaffen, uns daran zu binden. Zuletzt habe ich vermehrt davon gehört, dass JURASSIC PARK schlecht gealtert sei. SKYFIRE dagegen geht schon mit einem Rollator an den Start.

Beneath the 12-Mile Reef / Das Höllenriff
(Robert D. Webb, USA 1953) [DVD, OF]

ok +

Die Fischregionen eines Küstenstrichs in Florida sind zwischen Griechen und Conchs aufgeteilt. Für Mike (Gilbert Roland) und Sohn Tony (Robert Wagner) wird es zum Problem, weil es im griechischen Gebiet nur noch in einem wunderschönen, aber äußerst gefährlichen Korallenriff, dem 12-Mile Reef, Schwämme für sie zu sammeln gibt, oder in den Florida Keys der Conchs. Sie versuchen es hier wie dort und beide Male endet es im Drama. Gewalt, Tod und die konfliktverursachende Liebe zwischen Tony und Gwyneth (Terry Moore), einer Conch, sind die Folge. Doch so sehr hier ROMEO UND JULIA um die Ecke lugt, so wenig ist BENEATH THE 12-MILE REEF ein Drama. Es sind nur die geschickt eingesetzten Untiefen zwischen Raufereien, Gaunereien und schönen Unterwasseraufnahmen eines Abenteuerfilms. Allem voran ist es der ewig grinsende, herumspringende und dampfplaudernde Robert Wagner mit einer fragwürdigen Lockenpracht, der dafür sorgt, dass hier nichts zu viel Gravität erlangt.
Das größte Problem dieses ziemlich guten Films liegt aber in seiner Veröffentlichung. Das Bild der DVD ist scheußlich. Verwaschen und pixelig wie ein schlechter Rip aus dem Internet. Was besonders schade ist, dass es sich um einen ganz frühen Cinemascopefilm handelt. Nahaufnahmen gibt es also nicht und in den Totalen und Halbtotalen wird nur deutlich, wie schlecht die Qualität ist, wenn die Gesichter in ihnen in zählbare Artefakte zerfallen. Die sicherlich schönen Unterwasseraufnahmen werden mitunter auch mal zum Ratespiel, weil kaum klar wird, was denn passiert.

Freitag 26.03.

座頭市の歌が聞える / Zatoichi’s Vengeance
(Tanaka Tokuzō, J 1966) [blu-ray, OmeU]

gut

In der Aufwärmung der immer gleichen Konflikte wendet sich die Reihe zunehmend der Introspektion zu. Dieses Mal trifft Ichi einen blinden Priester, der ihn darauf aufmerksam macht, welche Folgen seine Problemlösungsstrategie (Töten) hat. Passenderweise findet sich auch gleich ein Kind, das Ichi zu idealisieren beginnt und seinem Beispiel folgen möchte. Damit werden aber auch erste Anzeichen sichtbar, dass er seinem Vater in ein unstetes Dasein eines aufschneiderischen Möchtegerns folgen könnte. Auf der anderen Seite gibt es eben die Yakuza, die Zatoichi bedrängen und keine andere Wahl lassen, als dass er zum Schwert greift. Er wird also zwischen Denkt doch jemand an die Kinder und Nutzte deine übermenschlichen Kräfte oder sieh wie Unschuldige sterben müssen festgesetzt … und das Beste ist, dass ZATOICHI’S VENGEANCE irgendwann zu vergessen scheint, diese Problematik überhaupt aufgemacht zu haben. Der Priester verschwindet und Ichi darf wieder töten wie bisher. Der Genrefilm gewinnt über den Themenfilm mit gezinkten Karten.

Bombshell / Bombshell – Das Ende des Schweigens
(Jay Roach, USA 2019) [DVD, OF]

gut

Die aus dramaturgischen Gründen eingeführte Figur der jungen Nachwuchsredakteurin Kayla (Margot Robbie) schwankt zwischen der plumpen Markierung von guten Botschaften und sinniger Veranschaulichung misogyner Strukturen (bei Fox News) sowie des Selbsthasses als Folge sexueller Nötigung (und mehr). Eine freudige Überraschung ist aber, wie sehr BOMBSHELL sich nicht der Verkündung von Botschaften hingibt, sondern ambivalent die Momente der Berechnung und der Komplizenschaft zweier Fox-Moderatorinnen, die gegen systematische sexuelle Belästigung kämpfen, im Auge behält, die in das System Fox News mit ihren unterschiedlichen Antrieben verstrickt sind und diesem eben nicht antagonistisch entgegenstehen. Mir fiel es aber in allen Szenen mit Nicole Kidman etwas schwer mich zu konzentrieren, weil ich immer auf ihr lächerliches, angeklebtes Kinn starren musste, von dem jemand der Meinung war, dass sie es tragen müsse, um Gretchen Carlson spielen zu können.

Donnerstag 25.03.

監獄風雲II逃犯 / Prison on Fire II
(Ringo Lam, HK 1991) [DVD, OmU] 2

großartig +

Im Interview auf der DVD erzählt Ringo Lam, dass die Geschichte ein einziges Klischee sei. Bis auf die Botschaft, dass man sich von denen, die teilen und herrschen, nicht teilen lassen sollte und das Festlandchinesen und Hongkonger zusammenhalten sollten, wäre daran nichts weiter erwähnenswert. Sabrina Z. war dabei sichtlich aufgewühlt und schimpfte gegen die Ausführungen des Regisseurs an. Sie würde wohl nicht abstreiten, dass der zweite Teil in seiner Wiederholung des ersten Teils nur graduelle Anpassungen vornimmt, wie dass der andere Tony Leung durch das Kind Chings (Chow Yun-Fat) und den chinesischen Gangster Dragon (Chan Chung-Yung) ersetzt wird. Dass er aber schon eine sehr getreue Kopie ist. Für sie stand der Film seinem Vorgänger aber nur in wenig nach. Die Flucht von Dragon und Ching war aber eine Offenbarung für sie. Die tollpatschige Verfolgungsjagd über ein Wellblechdach, das Vertiefen der Freundschaft beim gemeinsamen Durchfall auf dem Kamm eines saftig begraßten Hügels, das (romantische) Plantschen in einem kleinen Waldteich. Und auch wenn ich Teil 2 stringenter und nicht so fragil und damit nicht so gut wie Teil 1 empfinde, mit der Einschätzung hat sie Recht: die Flucht von Dragon und Ching ist Weltklasse und Lams menschlichen und erzählerischen Spielereien deutlich bemerkenswerter als die für ihn so wichtige simple Botschaft.

Mittwoch 24.03.

Gasparone
(Georg Jacoby, D 1937) [DVD]

großartig

Identität als Fabrikation der Imagination. Die Fiktion eines ungreifbaren Räubers wird von einem Schmuggler zur Realität gemacht, um von seinen Taten abzulenken. Die von der scheinbaren Realität dieses Räubers inspirierte Bühneninszenierung, die den Film eröffnet, wird später in den Wald verlegt, um einen Sohn, der reich heiraten soll, in die Fänge der Liebe zu entführen. Ermittler mit Haifischzahnreihen (Jopi Heesters) verstecken sich hinter ihrer Undurchschaubarkeit und die Niedertracht der Elterngeneration hinter nur scheinbarer monetärer Zwangsläufigkeit. Die Verstellung einer grundlegenden Wirklichkeit der Identität als buntes, phantasievolles Hin und Her mit Singsang.

Dienstag 23.03.

Stilleben m
(Harun Farocki, D 1997) [DVD]

großartig

Alternierend: ein Essay über den Beginn der Stilllebenmalerei in der Neuzeit, in deren Geschichte erst das Sakrale, dann das Symbolische aus den Bilder gedrängt wird, und Aufnahmen von Werbefotos ohne darübergelegten Kommentar, wobei die Lichtbildner eine Form suchen, um die jeweiligen Produkte (Käse, Bier, eine Luxusuhr) in den Aufmerksamkeitshaushalt bzw. das Unterbewusstsein des Konsumenten zu drängen – oder ihrem eigenen Ego zu gefallen. Worin Farocki jetzt den neu entstehenden Menschen sieht, wenn verstanden ist, dass sich in diesen Bildern der Gestalter zu verschleiern versucht, habe ich nicht ganz verstanden, weil ich ein klein wenig gestorben bin, als der Werbefotograf anhand seines eigenen Bildes, dass von uringelben Bier bestimmt ist, verzückt Weltklasse ausruft.

Montag 22.03.

監獄風雲 / Prison on Fire
(Ringo Lam, HK 1987) [DVD, OmU] 2

fantastisch

Die Expressivität von Chow Yun-Fats Gesicht finde ich immer noch erstaunlich und überraschend. Nie sah er jähzorniger als hier aus. So verzerrt ist sein Devil-May-Care-Gesicht, dass er fast ohne Maske den PREDATOR hätte spielen können. Ansonsten immer noch ein erstaunlicher Film, wenn es darum geht, den Druck auf ein Lamm und einen Affen zu erhöhen, die mit Idealismus und Blödsinn den Stress der Einkerkerung mit irrationalen Gewalt- und Machtwesen wegdrücken und ignorieren wollen. Denn mit Toleranz (hier wohl: mit einer hohen Toleranzschwelle) kann Ruhe gefunden werden, wie ein Spruch auf einem Stuhl in einer Einzelhaftzelle steht. Die körperliche und geistige Gewalt, die wahnsinnigen und nach Sicherheit bei der Macht suchenden Blicke lassen aber nicht von ihnen ab, bis der Film wie seine Figuren die Verdrängungsmechanismen nicht mehr aufrechterhalten kann und in einer Horrorversion der eigenen Zerrüttung endet. Ringo Lam wäre wohl der erste, der darin nichts Weltbewegendes findet. Seine Art Zärtlichkeit, Hoffnung, Gewalt und Sadismus aufeinandertreffen zu lassen aber, suchen immer noch ihresgleichen.

Sonntag 21.03.

Kong: Skull Island
(Jordan Vogt-Roberts, USA 2017) [3D-blu-ray, OF]

ok +

Als King Kong das erste Mal auftaucht, wirft er einen Baumstamm in einen Helikopter, der gerade Black Sabbaths PARANOID in den Urwald einer unbekannten Insel schallen lässt. Die Beteiligung der USA am Vietnamkrieg geht zum Zeitpunkt der Handlung seinem Ende entgegen und KONG: SKULL ISLAND nimmt so ziemlich jeden Smash Hit mit, der auf billigen Blumenkinder/Vietnam-Rocksamplern zu finden ist und schon millionenfach zur (nostalgischen) Etablierung der Zeit benutzt wurde. Es ist geradezu ein Wunder, dass ALL ALONG THE WATCHTOWER nicht angespielt wird.
Mit dem Baumstammwurf und der Zerstörung des Helikopters verschwinden diese auditiven Geschmacksverstärker aus dem Film. Ein Abenteuerfilmscore übernimmt und es ist erlösend … bis ein seit dem Zweiten Weltkrieg auf der Insel Gestrandeter (John C. Reilly) auftaucht und mit der aktuellen Popkultur vertraut gemacht werden muss … und die gefällige Selbstreferenzialität überhandnimmt und Kong gegen hässliche Godzillas ohne Hinterbeine und Charisma kämpfen muss, damit der Kampf gegen den wahren Godzilla für einem weiteren Film aufgehoben ist. Tatsächlich gibt es hier viele Stichwörter, die, wenn besser aufgelesen, den Film mehr Richtung Lovecraft hätten gehen lassen können. Das ganze angestrebte Cinematic Universe hätte davon profitiert, wie auch der Film, der trotz vieler schöner Momente, nicht so richtig weiß, was er mit sich anfangen soll, weshalb er viel macht, aber nichts richtig. So ist es Auftaktgeplänkel für eine Reihe, die keinen besseren, anderen, vielschichtigeren Höhepunkt kennt als: King Kong gegen Godzilla.
Mitten im Film: Tom Hiddlestons Spurenleser und Brie Larsons Kriegsfotografin laufen durch den nächtlichen Urwald und gelangen an eine romantische Klippe. Zwischen ihnen hätte es nun zu einem erotischen Tête-à-Tête kommen können, gerade da der Sinn für die Anwesenheit von Hiddlestons Figur im Film nur in der Paarung mit Larson zu liegen scheint. Im kontemporären Blockbuster erscheint aber der riesige Kong und etwas Zärtlichkeit mit Larsons Figur legt nahe, dass er, der letzte seiner Art, sich gerne in sexuellen Handlungen mit einer viel zu kleinen Frau ausleben würde. Der prüde kaschierte Penis dieses Tieres allein ist aber sicherlich größer als sie insgesamt. Sie scheint aber auch an einer tieferen Erfahrung mit Kong interessiert zu sein. Sex an sich ist aber zur Unmöglichkeit geworden. Es ist traurig und melancholisch. Für Kong, der in diesem Moment für das Verlangen von Hiddlestons Charakter einsteht, Larsons Figur und die Connaisseurs des Schlüpfrigen in Hollywoodgroßproduktionen.

Sonnabend 20.03.

Il deserto dei Tartari / Die Tatarenwüste
(Valerio Zurlini, I/F/BRD 1976) [blu-ray, FFmeU]

großartig

Ein Mann verabschiedet sich von seiner Freundin. Sie solle sich nicht auf ihn aufheben, während er aufbricht, um eine belebte Landschaft zu verlassen und in der Wüste in Ruinen auf Godot (hier: militärischer Ruhm) zu warten. In einer kafkaesken Männerbundkaserne nimmt er Platz, an einem Ort, der ihn mit frischen Gräbern begrüßt und der ständigen Information, dass seit Jahren nichts an dieser toten Grenze geschah. Die Offiziere um ihn verschwinden, vergehen und sterben, bis er fast alleine verblieben ist. Zunehmend hört er auf die seltsamen Regeln des strengreglementierten Militärlebens im Nirgendwo verstehen zu wollen. Ohne das ihm etwas gegeben wäre, das er greifen könnte, zieht die Zeit dahin. Und ich mit meinen 10 Monaten Erfahrung bei der Bundeswehr – wobei ich nicht mehr genau nachvollziehen kann, wie es überhaupt dazu kam, mit Heroik hatte es jedenfalls nichts zu tun – fand: bester Film zu diesem Erlebnis.

Freitag 19.03.

Der Irrtum m
(Bruno Sukrow, D 2020) [stream]

großartig

Im Perlentaucher gibt es etwas zu diesem schönen, kleinen Film von mir, der von der Schönheit des Brüchigen erzählen wollte.

Heisser Sand m
(Bruno Sukrow, D 2020) [stream]

großartig

Bestechend ist, wie diese halbstündige Liebesgeschichte mäandert und immer noch eine Windung mitnimmt. Eine gigantische Auflösung scheint sich aufzubauen, um dann nur eine kleine, trockene, realitätsvergessene Pointe zu sein.

Der Befehl k
(Bruno Sukrow, D 2020) [stream]

großartig

Aliens, die nach dem Schreienden in Edvard Munchs DER SCHREI aussehen, entführen eine halbnackte Frau, die nicht zu sehen ist, als sie bei der Entführung aus ihrem Zimmer, in dem Edvard Munchs DER SCHREI hängt, schreit. Es folgt eine Pointe, bei der eine Frau zu einer blutigen Wolke zerplatzt und sich schnell wieder in der Atmosphäre des fremden Planeten verflüchtigt. Tatsächlich ist der Kurzfilm DER BEFEHL ein pointiertes Essay über Egozentrik, Victim Blaming und die Traumatisierung durch sexuelle Gewalt.

Dienstag 16.03.

The Rain People / Liebe niemals einen Fremden
(Francis Ford Coppola, USA 1969) [DVD, OF]

gut

In dem Moment, in dem klar wird, dass Anhalter Jimmy ‘Killer’ Kilgannon (James Caan) eine geistige Behinderung hat, kippt der Film. Vorher flieht Natalie (Shirley Knight) vor ihrer Ehe, dem Kind in ihrem Bauch und einer Existenz, in der sie ohne Ehemann nicht einmal zu ihren Eltern gehen darf. Sie fährt ziellos durch die USA, nur um wegzukommen. Sie nimmt einen Anhalter mit, wie die Impressionen vorbeifliegen und für einen kurzen Moment mitgenommen werden: Erinnerungsfetzen, orientierungslose Telefonate – die von langen Einstellungen, in denen Gesichter festzustecken scheinen, konterkariert werden –, Autos auf Landstraßen in endlosen Weiten, verspiegelte Hotelzimmer, in denen Natalie und Killer verspielt ein Verhältnis zueinander und Rollen füreinander suchen … und die Spiegelbilder ein simples Labyrinth dieser Versuche ergeben.
Auf der anderen steckt alles fest. Natalie will weiter fliehen, aber Killer wird zum Symbol für das ungeborene Kind in ihrem Bauch, vor dem sie abhauen möchte, das aber nicht abhängbar ist. Natalies Gewissensbisse materialisieren sich: Die Welt wird zu einem engen Ort mit niederträchtigen Menschen, in der ein Kind nicht allein gelassen werden kann; ein alleinerziehender Vater (Robert Duvall) rundet als Höllenvision ihrer Ehe sowie ihrer Vorstellung eines Kindes, das mit einem jähzornigen Egozentriker alleingelassen wurde, alles ab.
Aus einem schönen Film wird ein bitterer und gemeiner, was aus Natalies Sicht womöglich passend ist. Aus ihm wird aber auch ein eindimensionaler, der nur noch eine Konsequenz kennt: Zerstörung der fliehenden Frau. Und vielleicht muss ich diesen Wandel verdauen, bis ich hier mal etwas goutieren kann.

Sonntag 14.03.

Anatomie de l’enfer / Romance 2 – Anatomie einer Frau
(Catherine Breillat, F 2004) [DVD, OmeU] 3

großartig +

Für die Catherine Breillat-Reihe bei critic.de habe ich ihn mir nochmal angeschaut. Und ich habe mir, leider zu spät für den hier folgenden Text, die Buchvorlage besorgt. Breillats Anliegen kommt schriftlich etwas klarer heraus, aber über Körper schriebt sie, wie sie sie filmt: Es sind alles bestimmende Abscheulichkeiten aus Ausdünstung, schmierigen Flüssigkeiten und Verderbnis. Ein delirantes Vergnügen. Buch wie Film.

Sonnabend 13.03.

目露凶光 / Victim
(Ringo Lam, HK 1999) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ringo Lams ON FIRE-Filme sind wie Wände, die sich aus vielen Richtungen um die Protagonisten zusammenziehen und die die ausweglos gegen ihr Schicksal Ankämpfenden zerquetschen. VICTIM gibt seinen Figuren mehr Raum zu existieren, zu überlegen, um sich auszuprobieren. Tatsächlich ändert er selbst seine Form wie ein Chamäleon. Der Entführungsthriller führt zum Gespensterfilm, der wiederrum zu Ehedrama und einer sich darin spiegelnden Gangsterjagd, um in einem Heist zu enden. Da wo die Filme sonst zusammenpressen, da zerrt VICTIM auseinander.

Pocahontas
(Mike Gabriel, Eric Goldberg, USA 1995) [blu-ray]

ok

Die Charakterisierung von John Smith, bis er sich durch die Liebe Hals über Kopf verändert, ist wunderschön: Ich liebe kontemplative Spaziergänge in der Natur … und dabei Wilde zu töten. Ansonsten eine Romeo und Julia-Geschichte, die ihr reduziertes Personal so aufstellt, dass alles schön und sauber in seinen Platz fällt, in der also außer etwas Naturkitsch und einer farblich sehr schönen Eskalationssequenz nicht viel zu holen ist … außer Verdrängungsmechanismen halt.

Personal Shopper
(Olivier Assayas, F/D/B/CZ 2016) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Durch den wegfallende Suspense leidet die unheimliche Atmosphäre etwas. Dass Lars Eidingers Figur aber Ingo genannt wurde, ist immer noch ein Geniestreich.

Freitag 12.03.

座頭市地獄旅 / Zatoichi and the Chess Expert
(Misumi Kenji, J 1965) [blu-ray, OmeU]

gut

Ichi kämpft sich wieder einmal durch ein Yakuzagetümmel. Nach seinem Sieg fällt ihm auf, dass er mitten im Schilf eine wichtige Arznei verloren hat. Er tastet sich daraufhin durch das Ufergebiet und findet sie erst kurz bevor er verzweifelt aufgab. Das erste Mal ist spürbar, dass Zatoichi tatsächlich auch blind ist. Bei einem Würfelspiel versucht er leichtgläubige Yakuza nach einer inzwischen bewährten Methode übers Ohr hauen. Doch als er den Becher selbstsicher lüftet und die Gewinne schon kassieren möchte, machen ihn die Spieler darauf aufmerksam, dass sein Trick nicht funktionierte und er sein gesamtes Geld verspielt hat. Mehrmals scheint Ichi seine Superheldenkräfte zu verlieren. Eine Argumentation wäre, dass der Film so spannender gemacht wurde, weil er nicht mehr unbesiegbar wie Superman ist. Eine andere würde ihm unterstellen, dass er ein Gewissen hat. Dass, als er beginnt, seine Macht zu missbrauchen, dieses ihm in Stich lässt. … Bei dieser Episode handelt es sich also um den illegitimen Vorgänger von SPIDER-MAN II.

ひとりかくれんぼ 黄泉がえり遊び / Creepy Hide and Seek
(Adachi Kaoru, J 2016) [DVD, OmU]

uff

Drei junge Frauen treffen sich in einer verlassenen Anstalt, um dort ein ritualisiertes Verstecken mit Geistern zu spielen. Die Laufzeit des Films liegt knapp über dem Normalmaß eines Pinkfilms. Nur ist er selbst keiner. Vielmehr wirkt es wie ein Porno – mit Horroreinschlag und einem Fetisch für Schlüpfer/Frauenschritte, die vor Blut nur so strotzen –, der versucht seinen Sex durch atmosphärische Flächen auszutauschen, in denen nichts geschieht und in denen doch Handlung vorgetäuscht wird.

Donnerstag 11.03.

Moxie / Moxie. Zeit, zurückzuschlagen
(Amy Poehler, USA 2021) [stream, OmeU]

nichtssagend

Nicht mal für einen milden kleinen Shitstorm reicht es mit meinem Text bei critic.de. Jetzt ist die Frage: Kann ich nur bedingt kontrovers oder interessiert es einfach nur niemanden, was ich schreibe? 😄

Mittwoch 10.03.

Wine Country
(Amy Poehler, USA 2019) [stream, OmeU]

gut

Sechs Freundinnen reisen in ein Weinanbaugebiet und kämpfen mit ihren Midlife Krisen. Von Anfang an zeichnet sich ab, dass die Freundschaft in einer Explosion der Eitelkeiten zerbersten und danach wieder gekittet werden wird. WINE CONTRY webt es mehrmals als Prophezeiung ein, nur um es doch lange ausbleiben zu lassen. Passivaggressiv wird aneinander herum gekrittelt. Am besten noch hinterm Rücken des Objekts der Kritik. In den Alkohol wird sich gerettet, um den Konflikten mit sich und den anderen aus dem Weg zu gehen. Und die angestaute Aggression wird nach außen gelenkt, wenn Millennials und ihre seltsame Lebenswelt zur Zielscheibe von Schimpftiraden werden. Statt also die Situation eskalieren zu lassen, steckt der Film in seinen besten Momenten darin fest, dass die Figuren vor sich hin schmoren. Der beste Gag des Films ist deshalb, wenn ein Kochfatotum (Jason Schwartzman) Amy Pehlers Figur fragt, ob sie mit ihm schlafen würde und die Kamera unendlich lang ein regloses Gesicht zeigt, dass absolut keine Entscheidung finden kann … und viel schlimmer: wohl auch davon überwältigt ist, dass ihr Leben an einem Punkt angekommen ist, wo ihr die Argumente für das naheliegende Nein ausgegangen sind. Schade ist, dass dann doch das kommt, was kommen muss, dass der Film nicht weiter verglüht, und dass Tina Feys größerer Gastauftritt so gar nicht funktionieren möchte.

Dienstag 09.03.

North to Alaska / Land der 1000 Abenteuer
(Henry Hathaway, USA 1960) [blu-ray, OF]

großartig

Des Widerspenstigen Zähmung als Slapsticktortenschlacht und als Abenteuerfilm voller melancholischer Hoffnung, doch noch aus den Sackgassen des Lebens herauszukommen.

Montag 08.03.

The Dead Don’t Die
(Jim Jarmusch, USA/S 2019) [stream, OF]

nichtssagend

Meine erste Sichtung von DEAD MAN führte Ende der 90er dazu, dass ich mich intensiver mit Filmen auseinanderzusetzen begann. Anfang der 00er kam eine Jim Jarmusch-Retro in einem kleinen Kino um die Ecke. Dort DEAD MAN gesehen zu haben, gehört bis heute zu meinen intensivsten Kinoerfahrungen. Es war aber auch schön einige seiner früheren Filme im Kino nachzuholen. Zu den ersten DVDs, die ich mir kaufte, gehörte die Jim Jarmusch Collection. Seit GHOST DOG habe ich alle seine Filme zum Kinostart – auch wenn die Kopie von GHOST DOG noch eine halbe Ewigkeit brauchte, bis sie mal hier in die Provinz getingelt kam – in einem solchen angeschaut. Aber GHOST DOG war auch der Letzte, der mich völlig überzeugte, und ich habe inzwischen etwas Angst die frühen Filme wieder zu sehen. NIGHT ON EARTH vor etwas mehr als zehn Jahren wiedergesehen zu haben, war schon nicht mehr das Gelbe vom Ei.
THE DEAD DON’T DIE habe ich nicht im Kino geschaut, sondern auch nur gegen einen inneren Widerwillen jetzt über eine Streamingflatrate. Es sind nicht die besten Voraussetzungen. Nicht auf Grund des Streamings, sondern weil ich von einem Filmemacher, der mir mal sehr wichtig war und es irgendwie noch ist, nichts Beglückendes mehr erwarte, sondern Krampf. Es war dann wohl auch eine selbsterfüllende Prophezeiung, ein Zombiefilm voller halbseidener Metawitze und lieblosen Skurrilitätszwang zu erhalten. Wenn der Film sich mal nicht anstrengt, originell zu sein, und einfach nur bei seinen Figuren verweilt – das nur nebenher beobachtete Nervenverlieren von Chloë Sevigny ist beispielsweise sehr toll –, dann hat er seine Momente. Weitestgehend war es für mich aber anstrengend, einem Filmemacher zuzuschauen, bei dem ich zusehends nicht mehr nachvollziehen kann, was ihn an seinen Filmen denn interessiert (hat).

Sonntag 07.03.

Aquaman
(James Wan, USA/AUS 2018) [3D-blu-ray, OF]

ok +

Unter den aktuellen Gegebenheiten des Blockbusterkinos vll. wirklich so etwas wie ein seltsamer Film.

Personal Shopper
(Olivier Assayas, F/D/B/CZ 2016) [blu-ray, OF]

fantastisch

Vielleicht auch ein schöner Film über ein Jahr Corona. Neben der Leere des Jobs – Maureen (Kristen Stewart) kauft Klamotten für ein Model –, der sie von den Dingen abhält, die sie erfüllen, handelt PERSONAL SHOPPER von einer existentiellen Trennung von anderen Menschen. Als Medium sucht sie nach Nachrichten aus einer Zwischen- und Nachwelt (von ihrem verstorbenen Zwillingbruder). Als Angestellte reagiert sie auf Briefe und Zettel. Ihre Beziehung ist nur über Videochats möglich, denen nur zu einfach aus dem Weg zu gehen ist. Als sexuelles Wesen bekommt sie Nachrichten auf ihr Handy, die sie zwar emotional berühren, die brutal nach ihr greifen, ihren Körper muss sie aber selbst versorgen. Zuweilen ist das Ergebnis naughty, zuweilen creepy. Manchmal ist es schamlos obskur, oft nur die Bewegung von einem Ort zum anderen, von denen sie sich treiben lässt. Vor allem ist PERSONAL SHOPPER aber ein neugieriger Film, der nicht in emotionale oder erzählerische Extreme ausschlägt, sondern guckt was passiert … der am Ende mit der Flucht aus der Großstadt nur vermeintlich eine Lösung aus der Isolation anbietet.

Sonnabend 06.03.

龍虎風雲 / City on Fire
(Ringo Lam, HK 1987) [blu-ray, OmeU] 2

großartig +

Ein Undercovercop (Chow Yun-Fat) schafft nicht den Ausstieg in die heterosexuelle Normalität, in der er gerne Späße mit seiner genervten Verlobten (Carrie Ng) hat, weil er immer wieder eingespannt wird, um vom rechten Weg abgekommene, ehrenvolle Männer (Danny Lee) zu bespitzeln, und sich emotional völlig zerrütten muss. Also im Grund das sich an der Ehre reflektierte Spiegelbild von John Woos THE KILLER. Nicht nur tauschen Chow Yun-Fat und Danny Lee die Seiten des Gesetzes, auch ist die Inszenierung nicht so romantisch überladen, sondern befindet sich atemlos am Rand zur Verzweiflung … voller Situationen, voll Zwang und ohne Zeit. Starten in dem einen Film die Tauben vom Platz der Ehre, fallen sie hier von diesem mit gefesselten Flügeln auf den Asphalt.

スチュワーデス・スキャンダル 獣のように抱きしめて / Flight Attendant Scandal: Hold Me Like a Beast
(Konuma Masaru, J 1984) [DVD, OmeU] 2

großartig +

Anders als der Name vermuten lässt, gibt es hier so gut wie keine sexuelle Übergriffigkeit. Und fast genauso entspannend ist, dass FLIGHT ATTENDANT SCANDAL ebenso durchgängig auf eine Geschichte verzichtet. Eine Stewardess hat Begegnungen mit drei Männern: sie versucht in Psychotherapiesitzungen, welche von einer grellen 80er Jahre Pop-Art-Psychedelika gekennzeichnet sind – alleine sie sind die Sichtung des Films wert –, ihre wiederkehrenden Alpträume loszuwerden, in denen Penisse/Flugzeuge sie durch die Luft fliegen lassen; ihre Beziehung zu einem Piloten geht in die Brüche, weil er nicht die Hände von einer völlig irritierten Kollegin in ihrer Wohnung lassen kann; sie trifft einen Wahrsager im Neondschungel, der ihr die große Liebe weissagt; sie geht zum Tontaubenschießen und ins Spa, weil ihre Kolleginnen auch mit zwielichtigen Männern eine eigenwillige Zeit verbringen müssen; Drogenschmuggel und Männer in Frauenkleidung werden zudem eine Rolle spielen. All das wird durcheinander gewürfelt, weil sie sich eben selbst sucht und der Film nur fadenscheinige Antworten hat … aber dafür sehr viel Sinn dafür, die Seele baumeln zu lassen, was ihr und dem Zuschauer gut tut.

Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga
(David Dobkin, USA 2020) [stream, OF]

gut

Die Auftritte des Eurovision Song Contest sind das Beste. Sie zeugen sichtlich davon, dass hier Aficionados am Werk sind, die mit einer minimalen Parodie ihre Liebe für eine auch so schon nicht ganz normale Veranstaltung bekunden. Die um den Contest gebaute Geschichte ist aber hauptsächlich Hit and Miss. Gerade weil Will Ferrell seiner Paraderolle des egozentrischen Kindmannes kaum noch Sympathisches abgewinnen kann. Er bremst den Film wiederholt aus und füllt ihn mit der wenig originellen Ignoranz eines Mannes auf, der nur sich selbst sieht. Zumindest Pierce Brosnan als Urgrund dieses Gemütszustandes macht eine gute Figur. Traurigerweise hätte also viel weniger Ferrell und mehr Rachel McAdams der Geschichte von Fire Saga sehr gut getan.

Freitag 05.03.

座頭市逆手斬り / Zatoichi and the Doomed Man
(Mori Kazuo, J 1965) [blu-ray, OmeU]

gut +

Mitten im Film steht Ichi völlig ohne Bindung zum Rest des Films an Klippen und hört – laut Eigenaussage – das erste Mal am Meer. Irritation steht in seinem Gesicht, weil er die Unendlichkeit des Ozeans in seinem potentiellen Blickfeld nicht fassen kann. Später, wenn er sich durch eine hier wirklich fast endlose Menge an Yakuza kämpfen muss, dann branden nicht nur wieder die Wellen des Meeres, sondern eben auch die der Kämpfer. Welle auf Welle stürzt auf ihn ein. Eine in irgendeiner Form vom Format abweichende Geschichte erwarte ich eigentlich nicht mehr. Ichi verteidigt eben Frauen und Unschuldige gegen skrupellose Yakuza, die lediglich einen Hauch von Ritterlichkeit als Tarnung tragen. Immer und immer wieder mit den gleichen optischen Tropen seiner Kampfkunst und Blindheit. Hier aber strömt Traurigkeit vom Wasser in die Ritzen der Geschichte, weil es, egal was passiert, kein Happy End geben wird, weil die Gier und Machtmissbrauch immer wieder Wellen an Unrecht loslassen.

Donnerstag 04.03.

Wiener Blut
(Willi Forst, D 1942) [stream]

großartig

Zuerst: die Küche eines Hexers, der das Wiener Blut zusammenmischt. In Wien wird dann ein Preuße (Willy Fritsch) korrumpiert. Tanzen und das sonstige Lotterleben werden ihm eingeimpft – in einem Film, in dem Forst seine Schmiertendenz noch weiter ausbaut. Und der Wiener Kongress, der den Hintergrund der Geschichte bildet, stellt für Fürst Metternich eine Treffen dar, wo er mit ganz Europa eine bunte Theateraufführung inszenieren kann – Politik ist nur Nebenprodukt. Es geht um amouröse Animositäten. Theo Lingen und Hans Moser spielen Diener, die nochmal das Aueinandertreffen der Temperamente und ihre Versöhnung doppeln. Laut Wikipedia war es einer der erfolgreichsten Filme im nazionalsozialistischen Deutschen Reich und das obwohl oder gerade weil dessen Konzept verhohnepipelt wurde.

Mittwoch 03.03.

大事件 / Breaking News
(Johnnie To, HK 2004) [DVD, OmU]

großartig

Eine Plansequenz eröffnet den Film. In dieser kommt es zu einer Schießerei mitten auf einer belebten Straße Hongkongs. Die durch das Geschehen schwebende Kamera lässt die diversen Beteiligten an uns vorbeiziehen, als säßen wir an einem Fließband. Die räumliche Kohärenz der schnittlosen Einstellung verhindert jedoch jede Übersichtlichkeit. Was sich im toten Winkel der Kamera befindet, haben wir entweder noch nicht gesehen oder es ist nur noch der Ausgangspunkt für Annahmen, was geschehen ist, seitdem wir zuletzt dort vorbeikamen. Es ist ein eleganter Auftakt, aber auch einer, der den inhärenten Mangel einer jeden Perspektive vorführt.
Darauf folgt ein Thriller mit Gangstern/Geiselnehmern und den diversen Polizeieinheiten, die sich auf ihren Fersen befinden. Die Polizei, die um ihr Image bedacht ist, als auch die Reporter hoffen auf einen Actionfilm, den sie den Zuschauer bieten können. Und BREAKING NEWS ist ein solcher, weshalb sie Schießereien, Explosionen, Helden, Bösewichte und Opfer – allesamt charismatisch – bekommen. Darin eingewoben wird aber auch ein Kampf der Bilder. Wer macht das bessere Bild für die Öffentlichkeit.
Doch auch wenn es der Titel anders angibt, bleibt dies nur zentrale Nebensache des Films. Tatsächlich geht es um drei Protagonisten, die ihre Aufgabe machen wollen. Anders als bei THE KILLER beispielsweise gibt es zwischen ihnen aber kein Verständnis, weil das gemeinsame Fundament nicht die Ehre ist, sondern der Wille zum Erfolg. Verbissen sind die Verfolger wie die Fliehenden. Und deshalb sollte es eben nicht verwundern, dass es in diesem geschmackvollen Film vor Flatulenzen nur so wimmelt. Der Druck auf die Einzelnen ist brutal und wirkt in den Verdauungstrakten von BREAKING NEWS.

Februar
Sonntag 28.02.

Sleeping Beauty / Dornröschen
(Clyde Geronimi, USA 1959) [blu-ray] 4

großartig

Rein optisch ist das das Schönste, was Disney je gemacht hat. Mit Abstand.

Grand Canyon m
(James Algar, USA 1958) [blu-ray] 2

großartig

Dieses Amalgam aus atemberaubenden Naturaufnahmen und der mitunter auftretenden naiven Goofiness, wenn beispielsweise völlig inkohärente Geschehnisse zusammen montiert werden, um die Jagd einer Wildkatze nach Beute zu simulieren, finde ich toll.

High Life
(Claire Denis, D/F 2018) [blu-ray, OmeU] 2

großartig +

Die Erinnerungen an eine Welt, die mehrere Lichtjahre und Zeitjahre zurückliegt, erinnern – vor allem optisch – an Tarkowskijs SOLARIS. Eine Bahnfahrt mit Interview an Godards LA CHINOISE. Und ein Selbstbefriedigungsraum, in dem eine vernarbte Juliette Binoche Sex mit einer Maschine hat, an David Cronenberg. Der Garten im All und die Dezimierung einer Mannschaft, bis einer (mehr oder weniger) allein mit diesem zurückbleibt, gewahrt an SILENT RUNNING. Bestimmt stecken auch 2001 Assoziationen im Ganzen. HIGH LIFE ist aber kein Science-Fiction-Best-of. Die Reminiszenzen bleiben völlig vage. Stattdessen herrscht eine unbestimmte Trauer. Wenn mit anderen Menschen zusammengelebt werden muss, scheinen die Protagonisten ebenso verloren, wie wenn einer allein zurückgeblieben ist. Sex ist seltsam, wenn er nur Lust ist, wie er absonderlich ist, wenn er lediglich zur Zucht dient. Nichts scheint passen zu wollen. Lakonisch treibt der Film dahin und nimmt die beständige Trauerarbeit mit Robert Pattinsons unbewegten Gesichtszügen ruhig hin.

365 dni / 365 Days
(Barbara Bialowas, Tomasz Mandes, PL 2020) [stream, OmeU]

nichtssagend

Wir sehen wiederholt und ausdauernd einen Mafioso bzw. einfach einen Mann, wie er in Modegeschäften sitzt, Einkaufstüten hält und auf seine Frau wartet. Sinnbildlich steht es dafür, wie 365 DNI möglichst jedes Klischee darüber, wie Männer und Frauen nun einmal sind, mitnimmt, um damit seine Hauptfiguren zu charakterisieren. Das Problem ist dabei nicht, dass seine Hauptfiguren Klischees entsprechen, sondern dass einem mit ihnen ein möglichst provokanter Diskurs ans Bein genagelt wird. Was aus diesem Erotikliebesfilm eine Art DEATH WISH macht, der nur eben nicht Lynchjustiz, sondern Gender behandelt.
In meiner liebsten Szene ist die Frau, die der Mafiosi entführt hat und der er 365 Tage gegeben hat, um sich in ihn zu verlieben, ans Bett gefesselt. Er steht mit seinem muskulösen Körper vor ihr und sagt, dass er ihr nun zeigen wolle, was sie verpasst. Da er gelobt hat, sie nicht gegen ihren Willen sexuell zu missbrauchen, kommt eine andere Frau herein und bläst ihm einen. (Überhaupt lässt er sich bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich oral befriedigen.) Danach erhebt sich die Dame, wischt sich den Mund ab und geht wieder. Seine Vorführung ist beendet, sie weiß, was sie verpasst, und ich fand, dass 365 DNI hier einen Grad von erfrischender Absurdität erreichte, dem er sich ansonsten mit seinem (scheinbaren?) bitteren Ernst verwehrte.

Sonnabend 27.02.

Wonder Woman
(Patty Jenkins, USA/CHN 2017) [3D-blu-ray, OF]

ok +

Mit grellen Farben und einem überdrehten Amazonenkampftrainingsballett beginnt es. Es folgt ein müdes Grau-in-Grau, das zur Unterstützung des Fluchtpunktes der Handlung kommunizieren möchte, dass die Welt heruntergekommen ist und nicht so schön wie irreale Rückzugsorte. Sie ist aber eben real und sie sei es wert, um sie zu kämpfen. Das Problem damit ist aber, dass die Optik sichtlich greller ist, nur nachträglich gedämpft wurde. Dass WONDER WOMAN wie eine von Gucci entworfene Matschpfütze aussieht. Der behauptete Dreck ist eben nicht dreckig, sondern glossy. Und dem Sinn dahinter kann ich nicht ganz folgen.

Das Mädchen mit den Katzenaugen
(Eugen York, BRD 1958) [DVD] 2

gut

Ein paar Highlights sind in diesem Film verstreut – Schilf als Hort nostalgischer Unschuldserinnerung sowie Gert Fröbes repetitives Nein. Nein. Nein. Nein. gehören dazu. Vera Tschechowas Augen, die ihr im Schwarz-Weiß hell und unweltlich aus dem Gesicht leuchten, überstrahlen fast, dass derer nicht so viele sind.

Freitag 26.02.

座頭市二段斬り / Zatoichi’s Revenge
(Inoue Akira, J 1965) [blu-ray, OmeU]

gut +

Es gibt zwei Formen, mit denen die Malträtierung von Frauen dargestellt wird. (Für die Yakuza gibt es im Grunde nur zwei Arten von Frauen: Prostituierte und solche, die noch zur Prostitution gezwungen werden müssen.) Einmal werden sie durch die Bilder gestoßen und misshandelt. Dann sind da aber auch die schnellgeschnittenen Einstellungen von Sexarbeiterinnen. Scheinbar eingefrorene Portraits von Frauen werden aneinanderreiht, die in ihrem Schock festsitzen. Die Bordelle der Yakuza werden so eingeführt. Die zweite Form ist tatsächlich die effektivere und geschmeidigere, um Entsetzen zu inszenieren.

Fanny Lye Deliver’d / Die Erlösung der Fanny Lye
(Thomas Clay, UK/D 2019) [DVD, OmU]

ok +

Zu dieser nerdigen Liebeserklärung an eine Epoche im Gewand einer drastischen Home Invasion gibt es Weiterführendes bei critic.de.

Donnerstag 25.02.

Katharina, die Letzte
(Hermann Kosterlitz, A 1936) [stream]

großartig

Es gibt den Moment, in dem Katharina (Franziska Gaal), eine Bedienstete, einen Brief erhält, der ihr das Herz brechen muss. Doch sie kann nicht lesen und starrt ihn mit ihren wässrigen, grenzenlos naiven Augen an und freut sich, weil sie ihn für einen Liebesbrief hält. In den Augen steht tatsächlich die Klasse des Films, der Sentimentalität mit einem kompromisslosen Kampf verwebt – siehe Lukas F.s Kommentar hier. Es ist aber auch ein Moment von sadistischer Härte, in dem der Widerspruch zwischen (unserem) Wissen und (ihrem) Glaube(n) ein Hort von Brutalität ist. Sicherlich, der Film wird ein Happy End haben, in diesem Augenblick ist KATHARINA, DIE LETZTE aber ein Aufbau, in dem nicht Katharina gequält wird, sondern der Zuschauer, der um ihr Unwissen und ihre kommende Enttäuschung weiß, um den Schmerz, den jemand erfahren wird, der keinen verdient hat. Es ist eine Garstigkeit, die ich noch immer nicht ganz ertragen kann.

Mittwoch 24.02.

Bel Ami
(Willi Forst, D 1939) [stream]

großartig

Willi Forst spielt eine männliche Leerstelle, die von Frauen/Liebschaften so genutzt werden kann, wie sie es brauchen … und der deshalb in diversen Betten und Ämtern landet. Weshalb, auch wenn der Film oberflächlich in einem Zustand von Idealismus endet, Liebe hier frei von moralischen Kategorien ist. Leben als fröhliches Bäumchen wechsle dich – auch in Bezug auf Orte, die von Boudoirs bis zu riesigen marmornen Hallen reichen. Es ist ein wenig wie Norman Mailers Kurzgeschichte GROSSARTIG IM BETT, nur ohne die verbitterte Pointe, dass ein charmanter, chamäleonartiger Charakter einen Mann nicht nur in die Betten der Frauen, sondern auch ins Grab bringt.

Les dames du Bois de Boulogne / Die Damen vom Bois de Boulogne
(Robert Bresson, F 1945) [DVD, OmeU] 3

fantastisch

Es beginnt mit einer Trennung, dem Sinnen nach Rache und dem Entwurf einer Falle. Es ist der Abstieg in die Hölle, wo Flammen in Kaminen und Augen lodern und wo die Realität so dünn ist, dass sie bei Berührung zu zerfallen droht. Das Kino von Jacques Rivette und Jean Rollin scheint so einige Stichworte von diesem irrealen, traumwandelnden Platz bekommen zu haben. Darauf folgt eine mathematische Abfolge, in der Obsession und die Verklärung von Frauen zu Engeln genutzt wird, um einen Mann zu ruinieren, der seine Geliebte und kommende Ehefrau eben auch nur im Tod lieben kann, weil ihre Vergangenheit als sexuell aktive Frau für ihn etwas Verkommenes ist und zu ihrer Auslöschung führen muss. Romantik findet sich hier nur im Schmerz. Und Liebe ist nur Teil einer Formel, mit der jeder vorsätzlich zerstört werden kann. Fetischkino eben.

Dienstag 23.02.

Mortal Kombat
(Paul W.S. Anderson, USA 1995) [stream, OmeU]

gut

Als jemand, der ab 1992 ab und zu MORTAL KOMBAT gespielt hat, finde ich es schade, dass Raiden (Christopher Lambert) nicht am Turnier teilnimmt, sondern es als höheres Wesen von außen beeinflusst. Zudem ist es auch sehr schade, dass die Ankündigung eines großen Turniers nach drei Schlägereien auf eine Abkürzung geführt wird und aufgelöst ist. Der sehr tolle Auftakt fällt so in sich zusammen. MORTAL KOMBATS Stärken finden sich zuvorderst in der Exposition. Und trotzdem ist dies wunderschön und verschenkt sein Potential – dies hätte einer der zentralen Actionfilme der 90er Jahre sein können, würde er seine gestalterische Qualität über die gesamte Laufzeit halten – nur sehr knapp. Vor allem verwendet er dieses 90er Eurodancebrett, in dem der Titel als aufdringliche Nachricht immer wieder geschrien wird, so wie es sich gehört: als zentralen Geschmacksverstärker, wenn Epik und Beklopptheit zusammenfallen.

Montag 22.02.

Fando y Lis / Fando und Lis
(Alejandro Jodorowsky, MEX 1968) [DVD, OmU]

uff

Vor fast genau zehn Jahren habe ich etwas zu L’ÂGE D’OR auf the-gaffer.de geschrieben. Soweit ich mich erinnere – ich traue mich gerade nicht, den Text nochmal zu lesen –, erklärt das Geschriebene, was mir an FANDO Y LIS missfällt. Dieses Sammelsurium provokanter Dinge, in dem ein Mann eine Frau repetitiv hintergeht und verrät, nur um ebenso stetig zu ihr zurückzukommen, weshalb sie erst im Tod zusammen glücklich sind(?), war aber noch beliebiger, öder und hässlicher. Vll. gefällt mir FANDO Y LIS besser, wenn ich ihn mal in einer weniger verwaschenen Form mit weniger übersteuerten Kontrasten sehe. So habe ich das Ende herbeigesehnt, wie schon lange nicht mehr.

Sonntag 21.02.

Spione
(Fritz Lang, D 1928) [blu-ray]

großartig

DR. MABUSE, DER SPIELER ohne den zeitkritischen Überbau und in der Hälfte der Spielzeit. Vor allem aber ein Film, der uns vorführt, wie toll Bärte sind. Denn selbst Willy Fritsch sieht mit einem solchen nach einem sexy Schauspielstar aus. Wenn er ihn sehr früh im Film abrasiert und danach eben nach Willy Fritsch aussieht, dann schmerzt die Veränderung den gesamten Film.

High Life
(Claire Denis, D/F 2018) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Die vll. herbste Erfahrung des Filmes war die Vorstellung alleine mit (m)einem Kind im All zu sein. HIGH LIFE beginnt mehr oder weniger mit Monte (Robert Pattinson), der an der Hülle eines Raumschiffs Reparaturen ausführt. Sein Baby ist derweilen alleine im Inneren vor Bildschirmen. Einer zeigt Monte, ein anderer einen Stummfilm. Lediglich Surrogate und vorgetäuschte Bezugspersonen können ihm die Betreuung abnehmen und ihn unterstützen, solange kein direkter Kontakt nötig ist. Doch dann fallen die Bildschirme aus und das Baby weint. Monte ist nicht mehr nur alleine im All, sondern alleine mit der Verantwortung für ein noch fragiles Leben, das unmittelbar Nähe und Zuneigung braucht – während die Hülle eben auch instandgesetzt werden muss. Nach mehreren Zeitsprüngen, welche die Handlung vollführt, ist er mit einer Teenagerin alleine. Eine Gemeinschaft ist entstanden, die nicht minder ihre Fallstricke hat – wenn beispielsweise ein Schiff mit Welpen vorbeifliegt und die Tochter unbedingt eines haben möchte. Dazwischen die atemberaubende Zeit, in der Monte dieses Kind vollkommen alleine großgezogen hat. Ihr ganzes Leben lang ist er alles für sie: Spielkamerad, Tröster, Lehrer, Freund und Elter. HIGH LIFE findet sehr viel Bilder für eine existenzielle Einsamkeit, aber nichts ist so hart, wie das, für das es keine Bilder geben kann, nämlich diese Lücke.

Sonnabend 20.02.

3D肉蒲團之極樂寶鑑 / 3-D Sex and Zen: Extreme Ecstasy
(Christopher Sun, HK 2011) [3D-blu-ray, OmU]

uff

Dem enormen Brustfetisch des Vorgängers wird Tribut gezollt, wenn hier und da Busen freudig hopsen. Sah Michael Maks Version aber Sexszenen vor allem als Comedyroutinen, da versucht diese Variante dem Sex auch zu etwas Sinnliches und Geiles mitzugeben. Ein nobler Versuch, der aber völlig versandet, da 3-D SEX AND ZEN für nichts eine Form findet. Im sinnlosen Hin und Her einer unnütz verworrenen Geschichte kommen Albernheit, Blödsinn, Sinnlichkeit und Schönheit beständig zu knapp.

Penitentiary II / Black City Tiger
(Jamaa Fanaka, USA 1982) [blu-ray, OF]

verstrahlt

Die Exposition wird mit einer Vergewaltigung abgeschlossen. Eine Vergewaltigung, die Jamaa Fanaka als stilsicheren, fantasiebegabten Horrorregisseur mit Sinn für Bilder ausweist. Eine Vergewaltigung, die völlig sinnlos ist, weil sie nur ein hohler Vorwand einer Motivation für unsere Hauptfigur ist – Too Sweet (Leon Isaac Kennedy) wird daraufhin professioneller Boxer, aber seine Erklärung dafür ist so fadenscheinig wie schnell wieder vergessen – und weil sie auch sonst keinen Einfluss auf den weiteren Film hat. Sie ist nur ein Einbruch von Wahnsinn.
Auf diese Raserei folgt ein Boxfilm, der eine wie auch immer geartete Verankerung in der Realität verloren hat und eher an die ZAZ-Version des Vorgängers erinnert. Diverses wird aus dem Vorgänger aufgegriffen, aber nichts ist mehr so wie vorher. Schon allein, weil Mr. T als Too Sweets Trainer in Dschinnverkleidung am Boxring steht und mit seiner Wunderlampe alles in lila Rauch hüllt.

Freitag 19.02.

學校風雲 / School on Fire
(Ringo Lam, HK 1988) [blu-ray, OmeU]

großartig

Das Prinzip ist einfach: ein Arschloch reicht, um eine Spirale der Eskalation in Gang zu setzen, der nichts entgegengesetzt werden kann. Alle sind überfordert, ihre Köpfe glühen förmlich, alle befeuern das Geschehen nur noch mehr. Die Gesellschaft bietet eben nur zwei Perspektiven. Entweder bis zum vor die Hunde Gehen arbeiten oder im Zwielicht sein Glück suchen. Folgende Figuren sind die Folge: Jugendliche Schüler, die Mitglied einer Triade sind, stören den Unterricht und schikanieren ihre Mitschüler. Die Lehrer finden keine Handhabe und werden handgreiflich. Polizisten inszeniert SCHOOL ON FIRE ebenso als Lehrer, die beständig ins Gewissen reden, predigen und gewalttätig werden, weil ihnen niemand Respekt zollt. Triaden sind Herrscher, die ohne Rücksicht ihren Tribut wollen … oder gesetzte Old School-Gangster, die am Tisch sitzen und sich den ganzen Wahnsinn lieber aus der Ferne anschauen. Schülerinnen sind zuvorderst Turf, über den gekämpft wird. Yuen Fong (Fennie Yuen) wird ihre Wahrnehmung als Ware noch verdeutlichen, wenn sie in die Prostitution gezwungen wird. Beziehungsweise lässt sie sich dorthin pressen, um ihren Freund dazu zu zwingen, Rache für den Tod ihres Vaters zu nehmen. Und Eltern sind sowieso nur da, um zu meckern und sich in Tiraden zu ergehen. Inmitten dieser Eskalation, die beständig im fünften Gang fährt, gibt es aber auch eine Liebesgeschichte. Ein junges Tiradenmitglied verliebt sich in Yuen Fong. Sie versuchen in dieser Konstellation zu leben, zu überleben, den Ausstieg und bieten ab und zu Momente von Zärtlichkeit und Ruhe. Von Erholung. Aber es sie können nichts daran ändern, dass dies ein schwitziges, kristallklares Portrait von Raserei, dass dies die Liebe in Zeiten der Tollwut ist.

Penitentiary / Hölle hinter Gittern
(Jamaa Fanaka, USA 1979) [blu-ray, OF]

großartig

Boxkämpfe der RASHŌMON-Schule – sie sind durchaus physisch, aber auch unbeholfen und nur knapp davon entfernt, dass die Kontrahenten klammernd über den Boden rollen – werden mit spaßiger Sexploitation parallelmontiert. Die verschiedenen Formen sexuellen Identitäten im Film reichen von wilden Transidentitäten bis zu übersteuerter Machoheterosexualität. Und überhaupt: Die … sagen wir … sexuelle Komponente des Knastaufenthalts wird als unschuldiger Spaß eingeführt, nur um unmittelbar danach zum brutalen Missbrauch zu werden. Der Kampf in einer Zelle – es geht darum vergewaltigt zu werden oder zu entmännlichen – sieht durch den spinnenhaften Körper des Hauptdarstellers Leon Isaac Kennedy und die Enge der Zelle ein wenig aus, als sei sie mit einem Fischaugenobjektiv aufgenommen. PENITENTIARY schafft es immer wieder ein völlig realitätsvergessener Spaß zu sein, gleichzeitig aber auch dreckige Straßenpoesie und ungeschönten Realismus bereitzuhalten. Krude ist gar kein Ausdruck.

Donnerstag 18.02.

Tagebuch der Geliebten
(Hermann Kosterlitz, A/I 1935) [stream]

ok +

Die Verfilmung von Marie Bashkirtseff Tagebuch macht sie zur Malerin aus gutem Haus, deren naturalistische Kunst den Ernst des Lebens nur vortäuscht. Erst tödliche Krankheit und Belehrung durch/Beziehung zu einen Großkünstler (Hans Jaray als Guy de Maupassant) machen aus einem sorgenlosen Möchtegern jemanden mit tiefer Seele. Verspieltheit – sie lässt von ihrem Vaterersatz ein Foto machen, der an eiserne Gestelle geschnallt wird, damit sein Portrait durch die neue, naturalistischere Technik nicht verwackelt, und sie ihn abhängen kann, um wahre Kunst zu machen – und Obszönität – sie setzt sich daraufhin im Sonntagskleid in ein Armenviertel, um dort schnell Skizzen von dem dortigen Elend zu machen – stehen dabei nebeneinander. So ist es jedenfalls in den inspirierten Momenten.

Mittwoch 17.02.

Allotria
(Willi Forst, D 1936) [stream]

fantastisch

Eine Verwechslungskomödie, in der die Kamera das Schwanken des Schiffgangs nachempfindet und damit die Flugzeuge im Bauch einer Urlaubsbekanntschaft nachstellt, deren Liaison kurz davor ist, den Beteiligten den Magen umzudrehen, oder wo möglichste viele Variationen eines Zimmer-Wechsel-Dich zwischen vier Parteien auskostet und weite Teile des Films damit füllt, einfach weil dieses sinnlose, offenbarende Hin-und-Her der Kern der menschlichen Komödie ist. ALLOTRIA ist dabei u.a. auch das Portrait zweier Verklemmungen. Heinz Rühmanns Charakter zerfließt, sobald er nicht im Rennwagen sitzt und stattdessen mit anderen Menschen und ihren sexuellen, moralischen und/oder sozialen Ansprüchen an ihn umgehen muss. In einer Traumsequenz wird er buchstäblich zur Marionette seiner Vorstellungen, die Physik und Zeit aushebeln, nur um ihn zur Erniedrigung zu zerren. Sein Gegenbild spielt Adolf Wohlbrück, der wenn alle im Pyjama und Morgenrock rumlaufen, schon den Anzug anhat, als ob er auch in ihm schläft. Stil ist bei diesem Hilflosen der verkrampfte Kampf um die Oberhand.

Dienstag 16.02.

Knives Out
(Rian Johnson, USA 2019) [stream, OmU]

ok

Fast durchgängig wird sich auf den Fall konzentriert, wobei optisch wie erzählerisch extravagante Haken geschlagen werden. Das Ergebnis ist überspannt und auch ein wenig campy. Das Problem ist nur, dass vom Film lediglich die eigene Sonderbarkeit performt wird. Es geht schlicht nicht um die Leute im Film, sondern nur um die vor diesem. Die toll gecastete Familie bleibt auf der Strecke und dient größtenteils nur als Stichwortgeber. Daniel Craigs scheinbare Fehlbesetzung ist Teil des Spiels, ihn zu diskreditieren, bevor er doch zum genialen Ermittler wird. Was wiederum heißt, dass der Film zwar mit uns spielt, aber über das bunte, anstrengende Abarbeiten an Erwartungen hinaus nur bedingt etwas bietet.

Sonntag 14.02.

Twelve O’Clock High / Der Kommandeur
(Henry King, USA 1949) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Auch: eine wunderschöne, sehr traurige Ballade, die etwas mehr Identifikation mit unserem Über-Ich bezwecken möchte. Die aber tatsächlich nur im Zweiten Weltkrieg funktionieren kann. Sobald der Gegner nicht Hitler heißt und kein eindeutig böser Aggressor ist, wenn das Feld also etwas ambivalenter wird, dann kippt dies alles durchaus Richtung Faschismus. … und tatsächlich scheint es dem Film bewusst zu sein. In der Exposition wirkt die Darstellung der Kommandozentrale mit seinem marmornen Prunk, den menschverachtenden Reden und dem General, der noch im Bett liegt, als solle das Dubiose der Mächtigen dargestellt werden, die heuchlerisch von anderen Selbstaufopferung fordern. Erst Hitler hat die moralische Kraft, diese Menschenschinder aus PATHS OF GLORY in unsere Helden zu verwandeln.

Garden of Evil / Der Garten des Bösen
(Henry Hathaway, USA 1954) [blu-ray, OF]

gut

Ein wenig gleicht GARDEN OF EVIL dem drei Jahre später veröffentlichten LEGEND OF THE LOST (siehe 3. Januar). Eine Frau (Susan Hayward), einige Männer (Gary Cooper, Richard Widmark, Víctor Manuel Mendoza, Cameron Mitchell und Hugh Marlowe), Weite, ein Schatz und die Gier. Es sind die Hauptzutaten hüben wie drüben. Nur wechselt hier der Hintergrund bei einer Reise durch Mexiko ständig sein Aussehen. Die grenzenloser Weite des Meeres und von Wüsten, felsige Bergschluchten und tropischen Palmen: Die Landschaft ist so vielseitig, wie die Arten der Männer auf die Frau herabzusehen – wobei ihre Anwesenheit allein schon ein Affront zu sein scheint. Wo LEGEND OF THE LOST also in der Wüste um sein Zentrum kreist, da reißt GARDEN OF EVIL einiges an bzw. reist an diesem vorbei, schafft es aber nicht diese in Wallung zu bringen. Dinge, wie der schwule Subplot um die Figuren von Cooper und Widmark oder wie die Gefahr von außen (Apachen), sie bleiben einige der vielen Zutaten, die aber nicht nur kein Ganzes ergeben, sondern ohne Resonanz mit den anderen Zutaten verkümmern.

Sonnabend 13.02.

Pompeii
(Paul W.S. Anderson, CA/D 2014) [3D-blu-ray, OF] 2

großartig

Es ist alles so einfach. Ein junges Mädchen (Emily Browning) und ein junger Mann (Kit Harington als Körper, der nicht gerade mit Charisma gefüllt ist) lieben sich. Sie ist Adlige, die vor einem zudringlichen Verehrer (Kiefer Sutherland) aus Rom zurück in die Heimat Pompeji flieht. Er musste als Kind mit ansehen, wie nicht nur seine Familie, sondern sein ganzer Stamm(?) von eben jenem Römer und seinen Truppen ausgelöscht wird, von dem seine Herzallerliebste später bedrängt wird. Jetzt ist er Stargladiator und damit Sklave. Beim Gnadenmord an einem Pferd lernen sich beide kennen, der ausbrechende Vulkan wird melodramatisches Symbol ihrer unmöglichen Liebe und Triebfeder einer Welt, die untergehen muss, weil sie eine solche Liebe eben nicht bestehen lassen kann.
Dazu gibt es jede Menge Schmier, den Abgesang auf eine korrupte Gesellschaft und einen sensationellen Antagonisten, den zu hassen auch eine Herzensangelegenheit ist. Statt Drehbuchvolten, geschickten Dialogen und ironischen Brechungen erzählt POMPEII von dieser Liebe mit einem naiven Glauben an die Gefühle und einer Welt einfacher Gegensätze, die alles in Brand stecken. Simple Aufrichtigkeit dringt diesem tragischen Abenteuerfilm aus den Poren.

Scandali nudi
(Enzo di Gianni, I 1968) [DVD]

nichtssagend

Diverse mal mehr, mal weniger schöne Stripsequenzen werden von einem Chor, der ab und zu völlig irreal zwischen die Darbietungen geschnitten wird, kommentiert. Das Schöne, Neue einer Welt, in der mehr nackte Haut auf der Leinwand möglich ist, trifft teutonisch auf eine wirkmächtige Verklemmung. Erinnerungen an ein schauerliches Erlebnis bei einem außerordentlichen Kongress des Hofbauer-Kommandos begleiteten die Sichtung, auch wenn hier wenigstens kein witziger sächsischer Dialekt über die Szenen gelegt wurde. SCANDALI NUDI war nicht so schauerlich wie KÄUFLICHE NÄCHTE und hatte mit wunderschönen Marmorböden und einem kurzen, aber infernalischen Franco & Ciccio-Auftritt auch Dinge, die für ihn sprechen, aber doch färbte die Panik vor dem bereits Durchlebten ab.

Freitag 12.02.

Deadly Hero / Eiskalt
(Ivan Nagy, USA 1975) [DVD, OF]

ok

Der Anfang ist vielversprechend. Zuerst ein Polizist mit Recht-und-Ordnung-Trockenübungen in der Umkleide. Mit seiner Pistole möchte er den Abschaum der Gesellschaft sichtlich dorthin katapultieren, wo er hingehöre. Ins Jenseits nämlich. Dann ein Theater-/Varieté-Trupp, der für eine Aufführung übt … oder einfach wild improvisiert. Blumen kleben den Leuten auf den Wangen. Die dominante Farbe ist bunt. Getümmel dominiert die Bilder. Überall Hippies, Freaks und glückliche Menschen, die in diesem Regenbogen Spaß haben. Zwischen diesen beiden Ausdrücken diametral entgegengesetzter Ideologien wechselt der Film mehrmals. Erst Sequenzen in simplen, grauen Einstellungen, in denen alles, was etwas Chaos mit sich führt und anders ist, bedrohlich erscheint. Verachtung und Schikanen sind die Antwort. Dann experimentelle, fantasievolle Sequenzen, die Lust am Neuen und Aufregenden haben. Die keine Erzählung mit sich führen, sondern einfach sind.
Doch statt die Spannung zwischen den beiden Lebenswelten zu kultivieren, wird sie größtenteils fallengelassen. Rabbit (James Earl Jones) wird die sehr bürgerliche Dirigentin und Musiklehrerin der Truppe entführen und der Polizist wird sie retten. Das Problem dabei ist, dass er Rabbit erschießt, nachdem dieser sich schon ergeben hatte. DEADLY HERO wird Ambivalenzen mit dem Holzhammer zu etablieren versuchen – Rabbit wird beispielsweise mehrmals Vergewaltigungsgesten benutzen, damit er auch nicht zu sympathisch wirkt, vll. auch damit er etwas von einem rassistischen Klischee hat. Doch diese Ambivalenzen sind nicht nur fragwürdig und grobschlächtig entworfen, sondern verschwinden hinter der allumfassenden Unbehaglichkeit des Helden. So deutlich ist das Bestreben ihn zu diskreditieren, dass das Unklare zum gleichgültigen Appendix wird. Das Gesinnungskino ist zu deutlich und verschluckt schnell alles Interessante der Erzählung und der Inszenierung.
Ein Jahr nach DEATH WISH erschienen, arbeitet sich auch DEADLY HERO an seiner Didaktik ab und erstickt unter seinem plumpen ideologischen Ballast. Ein Jahr vor TAXI DRIVER erschienen, werden hier schon faschistisches Vigilantismus mit Wahlkampf und schauerlichen Dates verquickt. Für seine Seltsamkeit findet er aber keine passende Form. Was ihn zu einem wenig auffälligen Bindeglied zwischen den beiden macht.

Donnerstag 11.02.

Salto in die Seligkeit
(Fritz Schulz, A 1934) [stream]

ok

Kaufhausverwechslungskomödie, die, wohl auch weil es Regisseur und Hauptdarsteller Fritz Schulz zu reichen scheint, im Mittelpunkt zu stehen, nach einem fulminanten Start sein Panoptikum moderner Konsumseltsamkeiten aus den Augen verliert und den Film auf die Schultern der immer gleichen zwei, drei sich schnell überlebenden Witze legt.

Mittwoch 10.02.

Burgtheater
(Willi Forst, A 1936) [stream, ≠]

gut +

Eine Theaterschauspielikone verliebt sich in eine Mädchen, dass er zuerst mit Glorienschein in einer Kirche sieht und offensichtlich für einen Engel hält, die aber in einen angehenden Schauspieler verliebt ist, der sich – auch wegen der Karriere – mit einer adligen Dame herumtreibt, die ihm zwar mehrmals verträumte Augen zuwirft und die mit ihrem Ehemann kaum etwas anfangen kann, am liebsten aber eine Theaterschauspielikone in ihren Kreis vorführen möchte: Die Ausgangslage steht öfter kurz davor zum superben Melodrama zu werden, das Forst wie immer mit diversen inszenatorischen Schmierigkeiten veredelt. Der letzte Schritt wird aber nicht genommen, weil einzelne Stränge wiederholt vom Film aus den Augen verloren werden, vor allem aber, weil dieser Film eine Liebeserklärung an Theaterschauspieler sein soll und deshalb seinen Mimen immer wieder die Chance gibt, dem Zuschauer theatralische Vorträge entgegen zu rufen.

Dienstag 09.02.

Malkat Hakvish / The Highway Queen
(Menahem Golan, ISR 1971) [DVD, ł]

gut

Zu diesem Film, in dem energisch darauf bestanden wird, dass niemand sein Glück bekommt, und der doch ein wenig mehr zärtlich als brutal ist, gibt es einen Text auf critic.de.

Montag 08.02.

π / 3.141592653589793238462643383279502884197169399375105820974944592307816406286208998628034825342117067982148086513282306647093844609550582231725359408128481117450284102701938521105559644622948954930381964428810975665933[…]
(Darren Aronofsky, USA 1998) [DVD, OmU] 4

gut

Was ich mit 19 an dem Film wohl sehr mochte, ist genau das, was ich heute amüsant bis peinlich finde: wie mit augenscheinlich intellektuellen Dingen – Gemälden, Gedankenspielen und Referenzen – um sich geworfen wird. Die grobkörnigen Bilder, den überspannten, peitschenden Rhythmus und die Präsenz von Zahlen mag ich an dieser alttestamentlichen Neuinterpretation des Ikarus-Mythus voller Paranoia, Drogen, Horror und der Nahelegung, dass ein Leben als mittelmäßiger Niemand einen, im Gegensatz zum Sein als Genie, beglückt und dass Sex besser als Elitismus ist, immer noch, irgendwie.

Sonntag 07.02.

The Gunfighter / Der Scharfschütze
(Henry King, USA 1950) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Gregory Peck, groß und hölzern, ist wie geschaffen für seine Rolle. Die Schuhe seiner eigenen Legende schafft er einfach nicht auszufüllen. Weshalb er alleine in einem Saloon sitzt und immer wieder jemand bei seinem Anblick sagt, dass er gar nicht so taff aussieht.

Sonnabend 06.02.

Équation à un inconnu / Gleichnis mit einem Unbekannten
(Francis Savel, F 1980) [stream, OmeU]

großartig

Etwas von mir zu diesem chillaxten Film findet sich hier. Wie fast immer bei critic.de.

Freitag 05.02.

It Came from Outer Space / Gefahr aus dem Weltall
(Jack Arnold, USA 1953) [3D-blu-ray, OF]

gut

IT CAME FROM OUTER SPACE möchte u.a. einen Gedanken vermitteln. Stellt euch vor: Nach Jahrhunderten von Forschung schafft es eine außerirdische Rasse mit ihren Träumen von anderen Lebensformen ins Weltall aufzubrechen … und dann finden sie uns. Am grusligsten dabei vll. der Monolog einer langsam durchdrehenden Figur, die den eigenen beginnenden Wahnsinn damit rationalisieren möchte, dass bei 33°C die meisten Morde geschehen. Bei kühleren Temperaturen wären die Gehirne noch nicht so überhitzt. Wenn es heißer ist, würde stattdessen der Körper träge. Eiskalt argumentiert er bei 33°C und von der Angst vor dem Unbekannten gekennzeichnet dafür, hilflos zu sein. Dem, was in seine stechenden Augen geschrieben steht, müsse er nachgeben.
Ansonsten ein bemühter Paranoiathriller, der die Aliens ungelenk so handeln lässt, dass sie als Bedrohung wahrgenommen werden können, dass es aber nicht sicher ist, ob sie wirklich eine sind. Aber es handelt sich auch um einen zuweilen wunderschönen 3D-Film, der ein Teleskope als ultimativen Phallus sehr weit aus der Leinwand herausragen lässt, der besessene Frauen als Glamourmärchenfeen versteht, der es irgendwie schafft einen engen, kontrastreichen Gang mit leblosen Körperfressern eine Anziehkraft zu verleihen, der die Aliens eine schwebende Spur aus Glitzer ziehen lässt. In seinen Bildern zumindest grenzt er an einen romantischen Film.

마녀 / The Witch: Subversion
(Park Hoon-jung, ROK 2018) [blu-ray, OmU]

ok

Zum Schluss fällt es doch noch weg, dass ständige Reden und Ausbuchstabieren, dass einen gefälligen Twist aufbaut, als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Erst wenn dieser erreicht ist und die Verzögerungstaktiken wegfallen, also in der letzten halben Stunde, erblüht ein sehenswerter Actionfilm.

Donnerstag 04.02.

Episode
(Walter Reisch, A 1935) [stream]

gut +

Die zweite Film Walter Reichs in der Retrospektive Der andere Wiener Film des Filmarchiv Austria. Es handelt sich um seine einzigen Regiearbeiten, bevor er vor den Nazis floh und emigrierte. Und beide Filme beginnen mit einem Selbstmord.
Ansonsten findet sich hier eine passende Darstellung.

Mittwoch 03.02.

Maskerade
(Willi Forst, A 1934) [stream]

großartig

Wer nach diesem Film nicht unbedingt einen Muff braucht, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Montag 01.02.

¿Quién puede matar a un niño? / Ein Kind zu töten…
(Narciso Ibáñez Serrador, E 1976) [DVD, OmU]

großartig

Ein britisches Paar macht Urlaub auf einer kleinen, spanischen Insel, auf der sich die Kinder über Nacht entschieden, die Erwachsenen zu töten und mit ihren Leichen Party als auch vorsexuelle Experimente zu machen. Zumindest wenn wir nach den wenigen Fällen gehen, in denen die Erwachsenen und ihre Überreste nicht einfach verschwunden bleiben. Der Horror einer verlassenen Stadt, in deren Straßen Kinderlachen widerhallt und in der sich langsam die Wahrheit abzeichnet, wird dabei als Symbol in zwei Richtungen aufgebaut.
Einmal gibt es das siebenminütige Eröffnungsessay – in Deutschland zur Kinoveröffentlichung wohl herausgeschnitten, weil darin der Holocaust Erwähnung findet –, das in erschreckenden Bildern und Zahlen verdeutlicht, dass die Kinder die größten Opfer von Kriegen sind. Direkt wird es nur noch ein, zwei Mal im Film aufgegriffen, aber es liegt nach dem markanten Auftakt wie ein Schatten über den Film und legt nahe, dass die Kinder etwas wie verdiente Rache nehmen. Auf der anderen Seite offenbart der Film aber auch, dass das britische Ehepaar ein Kind abtreiben ließ. Die Kinder sind so der Ausdruck ihrer persönlichen Schuld, die aus der Verdrängung in die Realität drängt.
Der zentrale Moment des Films ist aber ein diametral entgegengesetzter. Zahlreiche Kinder werden dem Protagonisten den Weg versperren. Er hält eine Schnellfeuerwaffe in der Hand. Die Frage dabei ist, ob er abdrücken wird, ob er es schafft Kinder zu töten. Und ein Teil von mir wollte nicht nur, dass er es macht. Er freute sich darauf, dass er es sicherlich tun wird. (Während ich dies schreibe, tanzt Lotti Z. (5 Jahre) mir gegenüber lächelnd und singend mit der Coronaausnahmeerlaubnis den Tanz des Verrückten auf der Couch und etwas in mir würde sterben, wenn ihr ein Haar gekrümmt wird.) TÖDLICHE BEFEHLE AUS DEM ALL – so der ursprüngliche deutsche Titel – macht die Kinder zu mordenden Monstern, die ihre Hilflosigkeit mittels expressiver Gefühlsaufführungen lediglich vortäuschen, und es wird nahegelegt, dass es in der Situation überlebensnotwendig ist, dass er schießt. Es sind zudem nicht die eigenen – in einer Szene folgt einer der letzten Überlebenden seiner Tochter in den sicheren Tod, als sie sich ganz rührig nähert, die Hand ausstreckt und ihn bittet doch mitzukommen … was ich mehr als nachvollziehen konnte. Es wird manchem Zuschauer ein Ventil gegeben, mit diesen Chaoten abzurechnen, die einem so viel Arbeit und Stress machen. Es geschieht ja nur in einer völlig irrealen Fiktion. Der Gefühlslage gegenüber diesen seltsamen kleinen Leuten wird sich neben den besagten Hauptmotiven komplex und in (alp-)traumhaften Bildern genähert.

Januar
Sonnabend 30.01.

Resident Evil: The Final Chapter
(Paul W.S. Anderson, CA/F/D 2016) [3D-blu-ray, OF]

ok

Ein neuer, hektischer Cutter ist in der Stadt und sofort fühlt es sich an, als trolle Paul W.S. Anderson alle, die den Stil seiner bisherigen Filme genossen haben. Heißt: Der Film besteht aus Bildgemetzel, dass höchstens noch erahnen lässt, was denn nun genau geschieht.

The Little Foxes / Die kleinen Füchse
(William Wyler, USA 1941) [DVD, OF]

großartig

Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge sind in der Blüte! (Hohelied 1,15)

Ein Bibelzitat steht dem Film voran, das später von einem der Hauptdarsteller aufgegriffen wird. Das von Widerstreit geprägte Zusammenleben von zermürbten Tugendlichen und lebensfrohen Widerlingen steht im Zentrum des Films. Die biblischen Füchse sind ein von Gier bestimmter Familienclan, dessen Mitglieder sich jeweils durch Aalglätte, krankhaftes Geltungsbewusstsein, grenzidiotische Gockelei und einem aufgedrehten Bitch-Mode (Bette Davis) auszeichnen. Und weil sie alles nur über ihre eigenen monetären Vorteile verstehen, zerstören sie nicht nur ihre Kinder und Eheleute, sondern alles mit dem sie in Kontakt kommen. Ihre Verkommenheit und das von ihnen ausgehende Leidenlassen wird geradezu zelebriert. So subtile der Film zuweilen ist, in seinem Hauptaugenmerk ist er ein dekadentes Fest von Krankheit, Hysterie und moralisch verrotteten Leuten.
Opfer und Folgen des Handelns dieser Leute werden immer wieder in den Hintergrund der Bilder delegiert. Dort sitzen sie traurig und lassen das Gesagte über sich ergehen oder die erlebten Erniedrigungen nachwirken. (Einmal steht einer der Hubbards im Hintergrund, während im Vordergrund seine Frau sich etwas wagt. Hinter einem Vorhang schaut nur sein Körper hervor. Während alle anderen im Hintergrund verwelken, reicht allein der Hinweis auf seine Anwesenheit, um die Szenen mit einem drohenden Schatten zu überziehen.) Ebenso im Hintergrund stehen immer wieder auch die Diener, allesamt Afroamerikaner – der Film spielt kurz nach dem Sezessionskrieg; die Marker, dass wir uns in den Südstaaten befinden, sind in Sprache und Bildern allgegenwärtig. Während die sonstigen Leute im Hintergrund aber ein präsenter Teil der Handlung bleiben und das Geschehen mitbestimmen, werden die Afroamerikaner wie ein Grundrauschen behandelt. Kaum werden sie vom Plot und den Figuren wahrgenommen. Als wären sie Luft, wird vor ihnen Intimstes besprochen. Seinen heftigsten Punkt macht THE LITTLE FOXES wie nebenher.

Feitag 29.01.

Nocturama
(Bertrand Bonello, B/F/D 2016) [DVD, OmU]

ok +

Metros in Paris. Junge Leute steigen ein. Junge Leute steigen aus. Sie sitzen und fahren. Sie laufen zwischen den Plattformen hin und her. Sie kennen sich und es lässt sich erahnen, dass diese abstrakte Aufführung einem Sinn zugeführt werden wird. Bevor dies aber geschieht, wenn der Film in den ersten zwanzig Minuten nur Ornament ist, ist er auch am besten.
Danach verdichtet sich, dass die Fahrten der Auftakt terroristischer Anschläge sind. Die zweite halbe Stunde ist von deren Durchführung bestimmt, die mit dem gleichen Sinn für Rhythmus und Muster inszeniert sind. Die wieder darauffolgende halbe Stunde zeigt dieselben Leute, die sich nun in einem Kaufhaus verstecken und wieder ziellos umherschlendern. Sie haben Bomben in einer Bank und in einem Regierungsgebäude gelegt. Eine Passantin (Adèle Haenel) wird sagen, dass so etwas mal geschehen musste. Über diese diffuse Kapitalismuskritik werden die Anschläge nie definiert werden. Weshalb das Wandeln im Kaufhaus, das Ausprobieren und Aneignen der polymorphen Konsum- und Luxusgüter, sich anfühlt, als ob die ersten ziellos scheinenden Bewegungen den zweiten gleichen. Die jungen Terroristen haben eben keine Ahnung, was sie tun … wenn sie töten und zerstören, wenn sie daraufhin genießen. Die letzte halbe Stunde gehört dann der Staatsraison. Ein, wie ich finde, ahnungsloser Film zeigt ahnungslose junge Leute, die irgendwie nur zu naiver Selbstüberschätzung taugen, und gibt ihnen dann auch noch mit, dass sie keine Chance haben. Wunderschön sieht es aus, aber was soll es?
Am spannendsten an NOCTURAMA finde ich Laure Valentinelli, welche Sarah spielt. Ihr Charisma liegt zuvorderst darin, dass sie wie ein Hollywoodstarlet aussieht, nur besitzt ihr Gesicht auch diese Makel, die zwischen ihr und einer ebenmäßigen Schönheit stehen. Ihre Nase ist nicht gerade zierlich und verläuft nicht gerade – es wird erst im Profil sichtbar. Ihre Augen stehen einen Tick schief zueinander – es wird erst in einer Frontalansicht sichtbar. Es entsteht ein Zusammenspiel aus Grazilem und Grobem, aus Glätte und Schräglage, das wie eine optische Täuschung zwischen seinen Ausprägungen hin und her pendelt. Ewig könnte ich ihr zugucken, wie sie läuft, egal was einem der Film damit sagen möchte.

Donnerstag 28.01.

Der Prinz von Arkadien
(Karl Hartl, D 1932) [stream]

großartig

Dieses Mal ein Film mit und nicht von Willi Forst. In diesem wird locker leicht postuliert, dass die Monarchie in der Gegenwart absolut keinen Sinn mehr erfüllt. Sie ist nurmehr der entrückte Hintergrund für adlige Nassauer, die im Exil das Leben genießen und lediglich aus Gewohnheit etwas die Form wahren. Im Endmonolog des Prinzen von Arkadien (Willi Forst – dessen Charisma durch seine Stimme im Tonfilm einen ironischen Twist bekommen zu haben scheint, nach der Veränderung zu CAFÈ ELEKTRIC von letzter Woche zu schließen) wird dies alles mit Schauspielerei gleichgesetzt. Alle spielen nur noch mal mehr, mal weniger amüsante Rolle in einer Gegenwart, die sie in eine Phantasiewelt ausgesperrt zu haben scheint. Diese Erklärung hätte es aber gar nicht gebraucht, da der Film aus einigen Slapstickroutinen und viel charmanten Schmierentheater besteht, was die Leute stets in (ironischer) Distanz zu ihrem Selbst zeigt. Die Welt als reduzierte, abstrakte Bühne voll schwungvoller Lieder, welche die Selbstdistanzierung der Figuren noch vergrößern, in denen es keine Armut und Konsequenzen gibt. Ein wunderbarer Traum.

Mittwoch 27.01.

Leise flehen meine Lieder
(Willi Forst, A/D 1933) [stream]

großartig

Beim Filmarchiv Austria gibt es gerade zwei online-Retrospektiven. Einmal zu Willi Forst, einmal Der andere Wiener Film. Diese Woche habe ich nur zwei der vier Filme im Programm schauen können. Nach SILHOUETTEN wollte ich die beiden Vertreter des anderen Wiener Films schauen, aber dann las ich etwas, was meine Meinung änderte. Deshalb: Bitte lesen Sie hier, was Lukas F. bei Letterboxd zu diesem Film zu sagen hat. Der Film hält, was dies verspricht.

Dienstag 26.01.

玉蒲團之偷情寶鑑 / Sex and Zen
(Michael Mak, HK 1991) [blu-ray, OmU]

großartig

Von den schönen, vielfältig eingesetzten, von keinem Color Grading eingetrübten Farben abgesehen und von der Tendenz des Films, Sex als wilde Slapsticksequenzen zu inszenieren, ist am sprechendsten für SEX AND ZEN, dass hier ein Penis nach seiner Amputation von einem Mops angeknabbert und, wenn auch nur kurz, so doch groß ins Bild gehalten wird.

Montag 25.01.

Ice Age: Collision Course / Ice Age – Kollision voraus!
(Mike Thurmeier, USA 2016) [blu-ray]

ätzend

Beim Schauen hatte ich zuweilen Lust, mir wie Sam Neill in EVENT HORIZON die Augen herauszureißen … und die Ohren gleich mit.

Sonnabend 23.01.

Resident Evil: Retribution
(Paul W.S. Anderson, CA/D 2012) [3D-blu-ray, OF] 2

großartig +

Paul W.S. Anderson macht zu Beginn da weiter, wo er zuvor aufhörte. Er setzt die Geschichte von AFTERLIFE fort und inszeniert wie von 3D besessen. Doch nach der rückwärtsablaufenden Actionvorspannsequenz kippt der Film wieder und entsteigt seinem Kokon grunderneuert. Statt einen weiteren halbwegs geradlinigen Actionhorrorspektakel wirft er die Vorgänger in einen Mixer. Die Tendenz der Vorgänger zur freien Improvisation findet hier seinen Höhepunkt, wenn wir uns in einem riesigen unterirdischen Laboratorium befinden, dass zur Simulation von Zombieangriffen geschaffen ist und neben den Untoten von seriell gezüchteten Klonen bevölkert ist. Immer wieder werden neue virtuelle Realitäten erschaffen, die zum Hindernisparkour für die Menschen werden, die sich darin verirrt haben. Realität ist hier nur noch weich und formbar … und lustgesteuertes Spielzeug. Diese RESIDENT EVIL-Collage hat vll. nicht ganz den Sinn für das 3D wie sein Vorgänger, da es womöglich schon so zuviel im Blick zu halten gilt, aber RETRIBUTION ist auch so wieder ein Höhepunkt im (kontemporären) Actionkino.

Freitag 22.01.

Resident Evil: Afterlife
(Paul W.S. Anderson, CA/D 2010) [3D-blu-ray, OF] 2

fantastisch

Abermals ändert der neuerliche Eintrag seine Gestalt vollkommen. Nichts bleibt von der vorherigen Wüstenwelt bestehen. Doch AFTERLIFE vollzieht seinen Wandel nicht so überstürzt wie EXTINCTION. Das Ende des Vorgängers wird aufgelesen und dann gibt es die vll. entspannensten Minuten der Reihe, wenn Alice die Westküste der USA auf der Suche nach Überlebenden abfliegt. Sobald sie diese gefunden hat und in einem Gefängniskomplex landet, der von Horden von Untoten umstellt ist, dann sind wir endlich bei der RESIDENT EVIL-Version von DAWN OF THE DEAD angelangt … die aber außer der Festsetzung einer kleinen Gruppe in einem weitläufigen Gebäude nur Kleinigkeiten aufgreift.
Anders als der Zombieklassiker geht es hier nicht um die Menschen, jedenfalls nicht in einem satirischen, soziologischen oder sonst wie ausführlichen Sinn. AFTERLIFE besteht aus schmalen, nassen Gängen, Unterwasseraufnahmen von Tauchgängen durch brackiges Wasser, das kaum Sicht bietet, und weißer Endlosigkeit. Es geht dergestalt um Leute in einer Extremsituation, die Scheuklappen aufhaben. Weiterhin unterhalten sich die Figuren der Serie in mediokren Onelinern. Ihr Geist scheint überschattet vom existentiellen Gefühl der Angst und der Lust weiterzukommen/zu müssen. Die in die Bilder eingeschriebene Klaustrophobie bzw. die Verlorenheit, sie werden durch – dieses Mal tatsächlich sehenswerte – Monster verstärkt, welche die Enge sehr dynamisch halten und den Raum der Gruppe von Überlebenden immer noch mehr verknappt. Paul W.S. Andersons sehr eigene Poetik ist dabei wie für 3D geschaffen. Das Zusammenspiel aus Enge und Dynamik, aus Leere und vielen herumirrenden Dingen machen aus AFTERLIFE einen definitiven 3D-Film.

十萬火急 / Lifeline
(Johnnie To, HK 1997) [stream, OmU]

gut +

Beim Perlentaucher versuche ich mittels dieses Films nahezulegen, dass unsere Gegenwart einem Golden Age Hongkongfilm gleicht. Hier ist es nachzulesen.

Donnerstag 21.01.

Resident Evil: Extinction
(Russell Mulcahy, CA/USA/D 2007) [DVD, OF] 2

ok +

Der T-Virus hat nicht mehr nur die Menschheit angegriffen und dezimiert, sondern auch die Ökologie der Erde. Wenige einführende Sätze von Alice (Milla Jovovich) reichen und schon befindet sich die RESIDENT EVIL-Reihe im Terrain von MAD MAX. In Strapsen und mit Vokuhila fährt Alice auf einem Motorrad durch die Wüstenwelt und kämpft in der Endzeit ums Überleben. Mit Russell Mulcahy hat dafür wieder ein durchaus fähiger Regisseur übernommen, aber auch er schafft es nur zu selten dem Alten Hut der verwüsteten Welt mit einem verwilderten Menschheitsresten etwas Originelles abzugewinnen.

Mittwoch 20.01.

Silhouetten
(Walter Reisch, A 1936) [stream]

fantastisch

Eine Balletttruppe kommt nach Wien und bezieht eine Etage in einem Luxushotel. Beziehungsweise war das der Plan. Geldnöte durch das mangelhafte Abschneiden der bisherigen Tour führen dazu, dass sich die Tänzerinnen Pritsche an Pritsche in wenigen Zimmern wiederfinden. In der lockeren Klassenfahrtatmosphäre wird dann die Spannung zwischen Traditionalismus und Modernität austariert. Die Leiterin Lydia Sanina (Luli Deste) muss sich auf mehr Jazz, Lebensfreude und Erotik einlassen, während sich die rebellische Ellinor (Anni Markart) an das Alte anpassen wird. Die Tour wird so auch zum riesigen Erfolg, während Frau Sanina nebenbei noch die Liebe ihres Lebens findet. Die Exposition lässt eigentlich keinen Zweifel daran, dass diese luftige Tanztruppenkomödie sich so entwickeln wird … und dann kommt alles ganz anders.
Fred Hennings spielt Charlie West, für den Frau Salina ihre Ballettgruppe bald verlassen möchte. Aufgrund seines Schmisses auf der linken Wange wird er zumeist von rechts aufgenommen, auch wenn dieser nicht zu verstecken ist – in einer entscheidenden Szene wird die Narbe aber doch hell im Bild leuchten, weil er dann von dieser Seite gezeigt wird. Und Hennings markantes, schiefes, etwas zu psychotisches Lächeln, das wiederum alles andere als versteckt wird, macht aus ihm so manches, aber keinen gängigen Love Interest. In seinem ersten Auftritt bittet er Frau Salina sogleich, dass sie ihm einen Knopf an seinem Jackett (oder war es eine Weste?) wieder annähen möge. Direkt über seinem Herz fehle er. Die Liebe, die er ihr anbietet, ist mit einem Preis verbunden. Er bietet einen sicheren Hafen, der vor den Anstrengungen der Unabhängigkeit schützt. So lustvoll und verspielt er durch den Film trollt, der Fluchtpunkt einer Ehe mit ihm ist keine Befreiung im Glück, sondern ein goldener Käfig, wenn nicht sogar eine goldene Knochenmühle.
Im Laufe des Filmes werden die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für Frau Salina immer untragbarer. Nach einer weiteren Zuspitzung entscheidet sie das Ballett aufzugeben und doch lieber Charlie West zu lieben und zu heiraten. Als sie diese rationale Entscheidung fällt – auch wenn sie sich der Ratio gar nicht so bewusst zu sein scheint –, wird es aber schon zu spät sein. Charlie West hat beim Warten auf die widerspenstige Frau bereits eine andere gefunden – Liesl Handl als Leni Leitner. Es ergibt sich eine Dreiecksgeschichte, in der trauriges Glück einer harten Unabhängigkeit entgegensteht … und SILHOUETTEN wird ein Melodrama voller bitterer Nackenschläge. Selbst die Versuche, (wenigstens) ein tristes Eheglück zu ergattern, werden noch zu Momenten, in denen die beiden Frauen vor Scham und Schmerz im Boden versinken wollen und alle ihre Gefühle unterdrücken müssen.
Da der Film aber als Lustspiel beginnt und irgendwie auch sein Geschehen weitestgehend als solches weitererzählt, entsteht kein Frauenunglücksporno, sondern eine bizarre Stimmung. Tanzaufführungen, die in fiebrigen Momenten kulminieren; Charlie Wests oft unpassende Fröhlichkeit, die nicht erkennt, wie existentiell der Schmerz um ihn ist; Lotte Reinigers Silhouetten-Theater-Sequenz, die vom Zauber verkürzter Identitäten erzählt, dessen märchenhafte Stimmung, aber im krassen Gegensatz zur Komplexität des Erzähltem steht; immer wieder Fred Hennings Lächeln, als wäre dies ein Liebesfilm mit THE MAN WHO LAUGHS oder gleich dem Joker als männlicher Hauptfigur: SILHOUETTEN ist ein so fantasievoller wie völlig entrückter Film … der mich in dieser uneinheitlichen Form sowohl zermürbte als auch beglückte.

Dienstag 19.01.

Café Elektric
(Gustav Ucicky, A 1927) [stream, OZ, ł]

gut

Eine Frau (die noch ungeformte Marlene Dietrich) verliert im Café Elektric ihre Ehre, während eine Prostituierte durch die Liebe von dort aussteigen und sich in anständige Lebensverhältnisse retten kann … was in dem Film heißt, dass sie die Ruchlosigkeit gegen Armut, Verzweilfung und Tugendterror austauscht. (Zumindest von der erhaltenen Form zu schließen, da die letzte Filmrolle fehlt.) Das Café Elektric ist bei Ucicky durch diese Darstellung der Korrekten nicht nur Sündenpfuhl, sondern Hort des Lebens. Die Moderne mit ihrer treibenden Musik, ihren ekszentrischen Tänzen, ihrer Verwerflichkeit ist tatsächlich kaum etwas Neues, sondern etwas Lebendiges, dass dem ewig Gleichen Aufregung abgewinnen kann.
Leider fehlte der beim Filmarchiv Austria gestreamten Version die Musik. Der Film war also im wahrsten Sinne des Wortes stumm. Vll. kam ich durch dieses andächtige bis obszöne Schweigen im Angesicht der wunderbar überspannten Frivolität im Café nicht so ganz rein.

Montag 18.01.

Event Horizon
(Paul W.S. Anderson, USA/UK 1997) [stream, OF] 4

großartig

Ein Wissenschaftler (Sam Neill) möchte lieber in die Hölle und alle mit sich reißen, als auf seine Frau zu verzichten. Dieser Ausgangspunkt findet seine Form in einer Mischung aus ALIEN – ein heruntergekommenes Raumschiff, dessen Inneneinrichtungschic irgendwo zwischen Fabrikhalle und Kanalisation liegt, macht Entdeckungen, die nach und nach die Crew dezimieren – und SOLARIS – eine Entität im All verwandelt traumatische Erinnerungen in mehr oder weniger reale Schreckenswesen. Die Klaustrophobie des einen bleibt bestehen, die real werdenden Vorstellungsgebilde sind aber mit Nichten philosophische Denkfiguren, sondern bildgewaltiger Terror mit der barocken, dekadenten Schönheit der ersten beiden HELLRAISER-Filme. Und da wir uns in einem Film von Paul W.S. Anderson befinden gibt es lange, hypnotischen Gänge, die gleichzeitig ausdrücken, dass Neugier der Katze Tod ist ist und dass es einem doch unter den Nägeln brennt, trotzdem mal nachzusehen. Das alles zusammen ergibt nicht nur viele Vorbilder, sondern ein sehr eigener Lustapperat, in dem sich Leute einem bröckelnden Tor gegenübersehen, dass ihre weggesperrten Phantasien, eine überschäumende Triebhaftigkeit und Wahnsinn nach und nach auf sie loslässt. Aber auch die Darstellung einer Lust, sich diesem Tropfen der Verkommenheit aus den Rissen einer normalen Identität zu stellen und sich von ihnen die Augen aus dem Kopf lecken zu lassen.

Sonntag 17.01.

Avatar
(James Cameron, USA/UK 2009) [3D-blu-ray, OF] 2

ok

Immer wieder ist AVATAR – der sich bei den Hallelujah Mountains so sehr bei Roger Dean bedient, dass ich jedes Mal mitten im Film Lust bekomme, Yes zu hören – ein Film voller Schauwerte. Die Natur ist ein riesiger Raum voll erstaunlicher Flora und Fauna. Und doch sich die 3D-Bilder bei James Cameron darauf aus, den Blick des Zuschauers zu lenken. Alles schwirrt beispielsweise vor fliegenden, leuchtenden Quallensamenwesen, aber es darf sich nicht umgesehen werden. Das eine Quallensamenirgendwas, das James Cameron im Fokus unserer Aufmerksamkeit haben möchte, ist das Einzige, das scharf von der Kamera aufgenommen wird. Teilweise tat es mir für einen Augenblick in den Augäpfeln weh, wenn ich irgendetwas anschauen wollte, es aber trotz aller okularen Anstrengungen verschwommen blieb. Der meist schmale Bereich der Tiefenschärfe machte immer wieder klar, dass Cameron den Raum, den seine neue Technik öffnete, nicht als solchen verstand. Dass er den Job des Filmemachers als Diktators des Blicks begriff.

Frühe Filme von Georges Méliès
(Georges Méliès, F 1896-1900) [DVD]

tba.

– Une partie de cartes [Ein Kartenspiel] (1896) 2
– Une nuit terrible [Eine schreckliche Nacht] (1896)
– Un homme de Tête [Ein Mann der Köpfe] (1898) 2
– Le chevalier mystère [Der geheimnisvolle Ritter] (1899)
– Cendrillon [Aschenputtel] (1899)
– Le déshabillage impossible [Das unmögliche Ausziehen] (1900)
*****
Es ist faszinierend zu sehen, wie schnell Méliès die Potentiale der neuen Technik erkennt und zu seiner Art von Filmen findet. EIN KARTENSPIEL sieht noch nach einem Film der Gebrüder Lumière aus, EINE SCHRECKLICHE NACHT wendet sich aber schon von einfacher Dokumentation ab.
Am schönsten finde ich EIN MANN DER KÖPFE und DAS UNMÖGLICHE AUSZIEHEN. Zumindest von den Filmen. Mit etwas Medienerfahrung sind die Schnitte und der ganze Zauber schon sehr offensichtlich, die hier anwesende 4-Jährige Lotti Z. rief aber die ganze Zeit: Was ist denn hier los? und sprang euphorisch vor den Filmen herum. Den letzten Film empfing sie schon mit einem: Mal sehen, was jetzt wieder Komisches geschehen wird. Das war alles noch schöner, als die Filme eh schon sind.

Resident Evil: Apocalypse
(Alexander Witt, CA/UK 2004) [DVD, OF] 2

uff

Coolnessbehauptung wird an Coolnessbehauptung gereiht. Leute springen aus einem Hubschrauber, um an einem Seil hängend mit ordentlich Feuergewalt die Untoten zu eliminieren, die hinter einer Frau her sind. Oder Alice springt mit einem Motorrad durch ein Kirchenfenster, um danach unmenschliche Wesen zu töten, als wäre es das Äquivalent zum Rockstarsein. Selbstredend am liebsten in Zeitlupen. Nichts wird ausgelassen, um dem Zuschauer zu vermitteln, dass die Helden der heiße Scheiß sind.
Das Drehbuch von Paul W.S. Anderson löst die Ansprüche an eine solide Realität zunehmend auf und macht einfach, worauf es Lust hat. Es muss stets das nächste Level geben, koste es, was es wolle. Das hat durchaus seine Momente, aber Alexander Witts Inszenierung ist eindimensional und völlig überfordert. Einerseits davon dem Endkampf irgendwie eine ansehbare und verständliche Form zu geben; alles besteht nur aus irgendwelchen Fetzen von Kampfhandlungen. Und davon den ständigen Wechseln etwas mehr als Coolnessbehauptungen abzugewinnen.

Sonnabend 16.01.

300: Rise of an Empire
(Noam Murro, USA 2014) [3D-blu-ray, OF]

großartig

Ich verweise mal wieder auf einen Sehtagebucheintrag von anno dazumal sowie auf meine Unsicherheit, ob dies ein Porno im Gewand eines Actionfilms ist oder vice versa. Schon in der zentralen Szene, einer Unterredung zwischen Themistokles (Sullivan Stapleton) und Artemesia (Eva Green), ist kaum zu unterscheiden, ob das Sex oder ein Kampf (um die Oberhand) ist. Jedenfalls spritzt es hier ekstatisch, wenn vernarbte Körper Schwerter ineinander jagen und wieder herausziehen. Krieg als Bukkake, Bukkake als Krieg. Ihr wisst schon. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der zudem immer mal wieder gedisst wird, ist hier alles uneindeutig und von verworrener Lebenslust bestimmt, statt glatter Todessehnsucht. Ein schöner Film also, der seine Zweifelhaftigkeit gewinnbringend einsetzt.
Außerdem: ein Film, in dem sich schicksalsträchtig über mehrere hundert Meter angeschaut wird, weil die Schlacht eben nur für den Kampf zwischen zwei Körpern einsteht. Und ein Film, der nur in einer dramaturgischen Pause, in der es um gehaltene Reden geht und in der die 3D-Bilder nichts mehr zu zeigen wissen, etwas in sich zusammenbricht.

Resident Evil
(Paul W.S. Anderson, UK/D/F/USA 2002) [blu-ray, OmU] 3

großartig

Alice (Milla Jovovich) wacht in einer Villa auf. Der Wind weht durch die Vorhänge. Traumhaft (schön) ist das Setting. Sie hat Gedächtnisverlust und etwas stimmt anscheinend nicht. Irgendwann bricht eine Spezialeinheit mit einer neuen Realität durch die Fenster und Türen. Sie nehmen Alice nicht nur mit ins Herz eines Zombievirenausbruchs, sondern weg von Neo-Renaissance-Anmut in eine nasse, kalte Stahl- und Betonwelt voll Stromleitungen und täuschender Normalität. Unter dem Luxus der Reichen warten mehr schlechte als rechte Funktionalität und wissenschaftliche Kerkerwelten, deren Technik einen hypnotisiert in den eigenen Tod Laufen lässt oder zu einer Flucht vor dem Untod führt. Jetzt, beim dritten Mal, ein sensationeller Film.

Freitag 15.01.

Ice Age
(Chris Wedge, USA 2002) [tv] 2

nichtssagend

Dies gibt mir erzählerisch und ästhetisch nichts … und es sieht auch noch wie damals sechs bis sieben Jahre alte Computerspiele aus.

La sirène / Die Meerjungfrau k
(Georges Méliès, F 1904) [DVD, OF]

gut +

Im Grunde stellt Méliès eine Zaubernummer nach. Eine Meerjungfrau und ein Aquarium entstehen aus dem Nichts. Uswusf. Doch es geht über die Tricks hinaus, da der Rhythmus und der Fluss des Geschehens entscheidend sind. Mit seinen unsichtbaren Schnitten und Zooms gleicht LA SIRÈNE einem Musikvideo und ist deshalb nicht nur auf der Ebene der Tricktechnik seinen Zeitgenossen um einiges voraus.

Donnerstag 14.01.

300
(Zack Snyder, USA 2006) [stream, OF] 2

uff

Zwanghaft teilt 300 seine Welt in zwei Lager. Hier die spartanischen Soldaten: ehrenvoll, unkorrumpierbar und gesund – im Sinn von Leni Riefenstahl, die in jedem Interview zu ihren Besuchen bei den Nuba Gesundheit bei Männern mit muskulösen Körpern gleichsetzte. Dort die anderen, die sich durch Verrat, Heimtücke und körperliche Beeinträchtigungen auszeichnen. Der Film würde Letzteres sicherlich Degeneration nennen, so expressiv er die körperlichen Behinderungen und Entstellungen gestaltet. Sprechend ist auch, dass die Rolle Königin Gorgos (Lena Headey) im Vergleich zum Comic nur ausgebaut wird, damit sie als Frau, die sich in diese Männerwelt mischt, auch sexueller Gewalt zu spüren bekommt. Diese moralische Expressivität stellt die durchaus angebrachte ästhetische Faszination in den Schatten, zumal die Ästhetik eben auch zum Erfüllungsgehilfen dieser eintönigen und öden Weltsicht gemacht wird.
Wenn dann ein Verräter das Lager der perversen Perser betritt und in einer Orgie landet, dann würde ich gern den Film sehen, der all die Soldatenehre- und Gesundheitshuberei vergisst und sich auf diese verkommene Sexparty einlässt. Denn hier sieht der Film wie das Cover des Miles Davis’ Album LIVE-EVIL aus, das sich aus seiner Starre löst und sich zu einem surrealen Porno aus dem New York der 70er Jahre ausweitet. Sprich: Lust kommt mit Fett zusammen, Genuss mit Deformationen. Frauenkörper haben zu einer Hälfte das Aussehen von Supermodels, zur anderen das von Wesen aus Höllengemälden Boschs oder Illustrationen aus mittelalterlichen Büchern über die körperlichen Auswirkungen von Untugend. Wenn es also nicht nur um die Schönheit von Panzern gehen würde, sondern um die Schönheit dessen, was der Film gern mit Verachtung straft.

Mittwoch 13.01.

Fantastic Voyage / Die phantastische Reise
(Richard Fleischer, USA 1966) [DVD, OF]

ok

Eine Film gewordene Lavalampe. Irgendwas passiert, wobei der Kalte Krieg in einen Körper getragen und damit ein kleiner Rundgang durch diesen legitimiert wird. Und womöglich machte der Körper, das Blut, die Lungen, das Herz, all die Tricktechnik so viel Aufwand, dass der Rest eben keine Beachtung fand.

Dienstag 12.01.

창궐 / Rampant
(Kim Sung-hoon, ROK 2018) [blu-ray, OmU]

nichtssagend

Irgendwas mit Zombies im koreanischen Mittelalter und über Verantwortung. Reibungslose Ödnis.

Montag 10.01.

Dark Touch
(Marina de Van, F/IR/S 2013) [blu-ray, OmU]

gut

Uns wird die Sicht eines Mädchens (Missy Keating) gezeigt, das von ihren Eltern misshandelt wurde und das nun in den Taten aller anderen Eltern auch nur Anzeichen eines Kindesmissbrauchs erkennt. Die erlebte Welt ist deshalb fragmentiert, kalt, grau, voller harter Kanten und Spitzen. Der übernatürliche Teil des Films stattet das Mädchen mit telekinetischen Kräften aus. Verunsichert und allein(gelassen) startet sie einen Kampf gegen die Erwachsenen und alle die, die sich mit deren Grausamkeit gemein machen. Das Traumatisierende wird mit genussvoller und genussvoll ausgestellter Gewalt gegen Körper beantwortet.
DARK TOUCH spielt lange mit dem Zuschauer. Nur langsam werden aus präzise gestreuten Indizien Gewissheiten. Einerseits spiegelt er damit die Unsicherheit und die Verlorenheit seiner Protagonistin, die sich erst langsam einen Reim auf all das ihr Widerfahrende und die widersprüchlichen Erklärungen der Erwachsenen machen kann. Andererseits betreibt der Film eben ein Spiel, das irgendwo der Härte des Stoffes die Kraft raubt. Da es zuvorderst um den Zuschauer geht und damit weniger um die Gewalt.
Dadurch, dass sich die Sätze der Eltern, der missbrauchenden, wie der liebenden, gleichen, bekommt er Film aber auch eine – wohl besonders für Eltern – unangenehme Seite. In ihrer Überforderung greifen auch die liebenden Väter und Mütter zu unangebrachten bis schrecklichen Mitteln. Niemand redet ernsthaft mit den Kindern. Stets wird taktisch an sie herangetreten. Hinter der Geschichte von Missbrauch und übernatürlicher Kraft ist DARK TOUCH die Vision einer Kindheit als hilflose Auslieferung an eine schauderhafte Willkür.

Sonntag 10.01.

寻龙诀 / Mojin: The Lost Legend
(Wuershan, CHN 2013) [3D-blu-ray, OmU]

ok +

Dieses Indiana-Jones-Pastiche ist in vielerlei Hinsicht so gesichtslos und herkömmlich, dass es relativ schnell wieder vergessen ist. Aber die 3D-Bilder! Die verschnörkelten Artefakte in tiefen, verwinkelten Höhlen, die bleiben dann doch hängen.

3 from Hell
(Rob Zombie, USA 2019) [blu-ray, OmeU]

ok

In den beiden Vorgängerfilmen gibt es immer wieder Momente, die Rob Zombie als einen – wenn auch seltsamen, so doch spürbaren – Epigonen von Quentin Tarantino ausweisen. Hier ist er dabei angelangt, ein Epigone von Robert Rodriguez zu sein. Und was wie seine Version von NATURAL BORN KILLERS beginnt, wird schnell zu einem Abklatsch von THE DEVIL’S REJECTS. Dem Finale gelingt es dieses Mal jedoch nicht alle Teile aufzulesen. Stattdessen versandet es weitestgehend in einem beliebigen Shoot Out. Das Unfertige, das vorher so charmant war, ist bei dem bisher letzten Teil dieser Familiensaga Ausdruck von Druck- und Kraftlosigkeit.

Sonnabend 09.01.

The Devil’s Rejects
(Rob Zombie, USA 2005) [blu-ray, OmeU]

gut +

Im Vergleich zu HOUSE OF 1000 CORPSES ist dies um einiges stringenter. Dadurch, dass sich Zombie von Metal als Soundtrack verabschiedet und auf Blues, Rock und Country der 60er bis 70er zurückgreift, ist die Atmosphäre gesetzter. Durch das Wegfallen der ständigen Splitscreens und von Spielereien wie Dolly Zooms und Split Focus Shots, wirkt es nicht mehr, als ob sich ein Musikvideo- bzw. Hobbyregisseur bei seinem ersten Film austobt. Und doch zerfällt der Film wieder. Da die Zurückgewiesenen des Teufels auf unterschiedlichen Routen fliehen, die jeweils andere Stimmungen bereithalten, und sich erst im Laufe des Films treffen. Oder da der Film sie zeitweise zu Nebendarstellern macht, die von einem anderen Monster, einem diesseits des Gesetzes, gejagt werden und selbst zu den potentiellen Opfern eines Horrorfilms werden. Aber auch, da etwas STAR WARS eingebaut wird oder seltsame, kaum angebundene Szenen, wie die nervige, in der ein Filmkritiker sich neunmalklug und weltfremd benehmen darf.
Erst in seinem epischen Abschluss findet THE DEVIL’S REJECTS eine Form, die alle Einzelteile in einem kondensierten, allegorischen Moment zusammenzuführt. Lynyrd Skynyrds FREE BIRD wird dabei als Hymne für die Zusammensetzung des sozialen, wie kulturellen Abgehängtseins, des Heldentums, der Rebellion, der Psychosis und des Sadismus. Ein Gefüge, das wie der Film kein abgeschlossenes, widerspruchsfreies Ganzes ergibt, sondern einen verästelten Wald der Ideologien auf einem Haufen von Divergentem.

Freitag 08.01.

House of 1000 Corpses / Das Haus der 1000 Leichen
(Rob Zombie, USA 2003) [blu-ray, OmeU]

großartig

Moderator Dr. Wolfenstein heißt zu Beginn zu einem Filmmarathon willkommen. Wir sehen ihn in einem krisseligen Fernsehbild, das Teil der uns gezeigten Welt zu sein scheint. Er richtet sich also nicht an uns, sondern an die Leute im Film. Und doch mag es eine Botschaft an uns sein, da HOUSE OF 1000 CORPSES kein stringenter Film ist, sondern seine Gestalt beständig ändert. Wir sehen einen Filmmarathon, der sich in einem einzigen Film zusammengefunden hat.
Zu Beginn ein Überfall auf eine Tankstelle, bei der sehr viel geredet und die eigene Coolness verhandelt wird. Später kommen noch zwei Paare an, die das an die Tankstelle angehangene Horrormuseum besuchen und dann ins Reich des Abgründigen entführt werden. In besagtem Horror angekommen wird der immer wieder mit Slasher-Versatzstücken operierende Film zum Backwoodhorror, nur um final in Höhlen unter der Erde verrückte Wissenschaftler vom Ausmaß eines lovecraftschen Überwesens zu finden. Kurz: Die mit zahlreichen Versatzstücken aufgebauschten Variationen von FROM DUSK TILL DAWN, THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE und was weiß ich folgen aufeinander.
Aber auch im Kleinen gibt es immer wieder Einschübe, die in einem anderen Stil gehalten sind und die Handlung oder das Gesagte mit Vorboten und Nebenschauplätzen kommentieren. Oder es wird die Stimmung mit anderem Artfremden abgerundet. Der Film findet seine Form in der Vielförmigkeit, die sowohl nerdiges Referenzsystem darstellt als auch Spielplatz eines Regisseurs, der spürbar bisher vor allem Musikvideos drehte und noch spürbarer eine ausgeprägte Liebe für Horrorfilme hat. HOUSE OF 1000 CORPSES strotzt vor Gore, Perversion, Obsessionen und makabren Witzen. Mehr noch ist er aber ein Werk der Liebe, das sich in exaltierter Geschmacklosigkeit und unbekümmerter Unfertigkeit verwirklicht, das einfach Spaß macht.

Donnerstag 07.01.

Nacht der Wölfe
(Rüdiger Nüchtern, BRD 1982) [DVD]

gut

Vor vielen Jahren, als ich mich noch deutlich mehr für Fußball interessierte, war ich mit einem Freund bei einer Begegnung des FC Carl Zeiss Jena mit der SG Wattenscheid 09 im Ernst Abbe Sportfeld. Nach diversen frustrierenden Spielen unseres Heimteams (dem FCC) und durch den Umstand das besagter Freund SG Fan war, gingen wir in den kaum gefüllten Gästeblock. Es war eine schöne Erfahrung, auch weil die Fans dort sehr einfallsreich waren. Sie hatten beispielsweise ein Banner aufgehängt, mit dem sie stolz bekannt gaben, dass ihr Verein die Nummer 8 im Pott sei. Es war aber auch aus einem anderen Grund ziemlich faszinierend. Denn eigentlich wollten wir Wattenscheid unterstützen, aber jedes Mal, wenn Jena vors Tor kam, fieberten wir doch bemerkbar mit. Es war vermaledeit. Der Lokalpatriotismus, die Konditionierung den FC Carl Zeiss Jena zu unterstützen oder was auch immer: Es war nicht so einfach abzustellen.
In NACHT DER WÖLFE, einem Film eines streng nach Gruppen – Rockern, Nazis, Türken, Poppern – territorial eingeteilten Münchens, ist Daniela (Daniela Obermeir) verloren. Das Band mit ihren Eltern ist zerschnitten, ihre Gruppe, die Revengers, sind Halbstarke, die einbrechen, saufen, blöde Sprüche klopfen und nerven. Nicht nur weil Daniela Ziel sexueller Gewalt aus dieser Gruppe ist, fühlt sie sich bei den Treffen sichtlich fehl am Platz. Immer wieder blickt sie ins Leere. Und das Portrait der Revengers findet auch keine Argumente dafür, Teil dieser Gruppe sein zu wollen.
Wenn sie sich mit einem türkisch-stämmigen Jungen anfreundet, könnte sich eine ROMEO-UND-JULIA-artige Liebesgeschichte entwickeln. Aber es geht dem Film viel mehr um die Verlorenheit. Nirgends lässt sich Zugehörigkeit finden. Und in diesem Ambiente geht sie doch immer wieder zu den Revengers zurück. Als ob sie es nicht abstellen kann. Als ob es nicht genügend Perspektiven gibt, um sich irgendwo anders hin zu bewegen. Die Unerträglichkeit der Männlichkeitsbehauptungen von Jungs, die ohne das nötige Charisma den harten Macker markieren, bekommt durch diese unmögliche Auflösung in der Gruppe einen nötigen Touch Melancholie.

Mittwoch 06.01.

Rooster Cogburn / Mit Dynamit und frommen Sprüchen
(Stuart Millar, USA 1975) [blu-ray, OmU]

ok +

Die Fortsetzung tauscht das Setting nur minimal. Aus einer jungen Frau, die Marshal Cogburn (John Wayne) das Leben schwer macht und seine Weltsicht herausfordert, während sie zusammen auf der Suche nach Rache durch die Welt gondeln, wird eben eine alte Frau (Katharine Hepburn). Was dem müden Western etwas gut tut, weil zwischen den beiden alten Herrschaften, die von ihren Schauspielern wie Karikaturen gespielt werden, viel mehr sexuelle Anzüglichkeiten möglich sind.

Dienstag 05.01.

True Grit / Der Marshal
(Henry Hathaway, USA 1969) [blu-ray, OmeU]

ok

Nicht die Prärie, sondern ein saftiger Mischwald ist der Handlungsort. Wenn Mattie Ross (Kim Darby) durch diesen läuft, dann wird es zuweilen von einer Musik untermalt, die aus einem harmonischen Kinderabenteuerfilm kommen könnte und vom unbedarften Tapsen durch die weite Welt erzählt. TRUE GRIT handelt von Mattie, einer jungen, weltfremden Frau, die einen psychopathischen Marshall (John Wayne) anheuert, um sich am Mörder ihres Vaters zu rächen. Jener ist ins Indianer Territorium untergetaucht. Wenn der Film also von der verträumten Musik zu den harten Tatsachen des Westens wechselt, wo gesoffen wird, rücksichtslos gemordet und das Leben im Allgemeinen eher unangenehm ist, dann fühlt es sich an, als wolle TRUE GRIT seine Emanze vorführen, die nichts in dieser Welt zu suchen hat. Eine Welt, welche durch eine Klapperschlange symbolisiert werden wird. Am Herd solle sie doch bitte bleiben. Kurz darf sie sich hier ausleben, schließlich handelt es sich um einen komödiantischen Western – in dem Wayne seinen Charakter tatsächlich mit sehr viel Clownerie spielt, wobei die Komödie aber doch sehr mild ist, wie der Western sich etwas zu sehr an seinen unproduktiven Widerspruch aus harmonischen Naturaufnahmen und heruntergekommener Menschheit/Männlichkeit klammert – aber danach solle sie es doch bitte gelernt haben.

Sonntag 03.01.

Legend of the Lost / Die Stadt der Verlorenen
(Henry Hathaway, USA 1957) [blu-ray, OF]

großartig +

Ein tugendhafter Wohltäter (Rossano Brazzi), eine Prostituierte (Sophia Loren), die sich durch Ersteren erstmals als Frau respektiert fühlt, sowie ein Raubein (John Wayne), dessen barsche Fassade in seiner Angst vor Frauen und Nähe begründet liegt, gehen in die Sahara, um einen Schatz zu suchen. In der kargen, menschenfeindlichen Landschaft unter brennender Sonne und strahlend blauem Himmel wird einerseits die fragile Moral der Tugendlichen angegangen – DER SCHATZ DER SIERRA MADRE ist im Vergleich zu den hier gezeigten Attacken gegen die Heuchelei der Rechtschaffenen noch nachgiebig zur menschlichen Natur –, andererseits müssen wir erleben, wie ein Zyniker weitestgehend Recht behalten wird, wenn er alle Ideale verteufelt. Trotzdem wird Letzterer graduell Alkohol und Brutalität gegen Liebe und Mitgefühl eintauschen.
Damit ist LEGEND OF THE LOST weniger der Film des Mannes, der sich verliert, noch der des Mannes, der sich findet. Im Zentrum steht die von Sophia Loren gespielte Dita, die sich in der Wüste und den Ruinen einer alten römischen Stadt zwischen zwei Männer befindet, die ungefähr so verlockend sind, wie der ähnlich nahe Tod durch Verdursten. Wunderschön sieht dieser Film aus und ist meist ein süffisantes Vergnügen aus Anzüglichkeiten und fröhlicher Verkommenheit. Im Herzen ist er aber doch eine Meditation über die Tristesse dieser Welt … mit einem klein wenig Hoffnung.

군함도 / The Battleship Island
(Ryoo Seung-wan, ROK 2017) [blu-ray, OmU]

ok +

Teil der monumentalen Abschlussschlacht auf einer Gefängnisinsel ist THE ECSTASY OF GOLD. Die Koreaner, welche gegen Ende des zweiten Weltkriegs ihrem Sklavendasein unter japanischer Herrschaft entfliehen wollen und scheinen zu diesem Zeitpunkt dem ihnen drohenden Massaker tatsächlich entkommen zu können. Sie fangen sogar an zurückzuschlagen, als Ennio Morricones ikonisches Lied aufspielt. Ein glorreiches Ende scheint nur noch drei Minuten entfernt zu sein. Interessant wird der eigentlich uninspirierte Einsatz dieses alten, wunderbaren Hutes aber nur dadurch, dass das Lied einfach verpufft. Die Töne verklingen und die Flucht/Schlacht geht unbeirrt weiter und weiter. Immer mehr geraten die fliehenden Koreaner doch ins Hintertreffen, immer mehr werden die Unbewaffneten, die nicht auf das rettende Schiff gelangen, vom unnachgiebigen Kugelhagel abgeschlachtet. Und THE BATTLESHIP ISLAND macht daraus die propagandistische Anklage der japanischen Kriegsverbrechen sowie einen energiegeladenen Actionfilm. Hätte THE ECSTASY OF GOLD dies beendet, wäre es lediglich Teil des zunehmenden Totdudelns des Liedes gewesen. So wird es zu einem Abgesang auf Hoffnung – der Atombombeneinschlag ins nahegelegene Nagasaki steht kurz bevor –, wenn sich die Implikationen dieser Hymne nicht verwirklichen.
Damit passt es sich zudem an die Unausgewogenheit des Films ein. Neben besagtem Propaganda- und Actionfilm ist THE BATTLESHIP ISLAND zuweilen auch Groteske, bei der auch Emir Kusturica Regie geführt haben könnte, oder vor Pathos triefender Katastrophenfilm, der einer divergenten Figurensammlung durch den Feuersturm folgt. Wenn am Ende ein koreanisches Kind traurig in die Kamera schaut, während gerade die Atombombe niederging, dann könnte dies auch die einzige mögliche Form sein, um das Widersprüchliche darzustellen. Denn die Koreaner sollen nicht als Opfer erfahrbar und trotzdem Opfer sowohl der Japaner als auch – es wird selten mitgedacht – der Atombombe sein.

Sonnabend 02.01.

Adieu au langage
(Jean-Luc Godard, F/CH 2014) [3D-blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Zweimal wird es geschehen, dass die Kamera fürs linke Auge an ihrem Ort verweilt, während die Kamera fürs rechte Auge nach rechts abdreht und einer sich entfernenden Person folgt. Die beiden Augen des Zuschauers sehen also unterschiedliche Dinge. Es ist der Höhepunkt der assoziativen, verbalen und vor allem optischen Verhandlung darüber, dass zwei Leute das Gleiche vor Augen haben können und doch etwas ganz anderes sehen. Der Erkenntnisgewinn ist aber nicht das Entscheidende. Weniger die sich irgendwie doch andeutende Botschaft steht im Mittelpunkt, sondern die Dreistigkeit ihrer Präsentation. D.h. das Schöne des poetischen, perversen Spaßes, die Augen aus dem Kopf gedreht zu bekommen, weil Godard die 3D-Technik mit diebischer Freude an ihre Grenzen bringt, sowie die Schönheit der schäbigen bis hochdefinierten, farblich übersteuerten bis nüchternen, der sinnhaften und kubistischen Räume und Inhalte.

Tangled / Rapunzel – Neu verföhnt
(Byron Howard, Nathan Greno, USA 2010) [blu-ray] 2

nichtssagend

In 2D – Lotti Z.s Kopf (noch 4 Jahre) ist zu klein für die 3D-Brillen und ihr bringt die zusätzliche Dimension laut eigener Aussage nicht soviel, dass es sich lohnen würde, die Anstrengung auf sich zu nehmen, die Brille beständig oben zu halten – noch öder, als eh schon.

Circus World / Held der Arena
(Henry Hathaway, USA 1964) [blu-ray, OF]

großartig

Immer wieder wird die Arena für Wild-West-Show-Einlagen, Clowns, Hochseilakte und Löwen-Nummern freigemacht. Schließlich gilt es für den Film seinen Titel zu verteidigen. Nebenher gibt es auch einen kurzen Ausflug zum Katastrophenfilm, wenn ein Dampfer kentert und Zirkusutensil, Tiere und Menschen im Hafen unterzugehen drohen. Dass es hier um Attraktionen geht, wird so nie in Zweifel gezogen werden.
Im Zentrum steht ein Melodrama, in dem Leute von einem Moment in der Vergangenheit verfolgt werden. Matt Masters (John Wayne) reist durch die Welt, um die Leere seines Trapezes/Herzens zu füllen und meckert durchaus eloquent alle Leute auf eine gewisse Distanz zu sich. Toni Alfredo (Claudia Cardinale) versucht einen Teil ihrer Vergangenheit zu schwärzen, wie sie das Bild ihrer Mutter aus allen Fotos unkenntlich machte. Dem anderen, durch ihren Vater symbolisierten Teil strebt sie obsessiv nach. Diese Entzweiung ihrer Identität führt zu fahrigen Momenten, die ihr Leben (in der Manege) wiederholt gefährdet. Und Lili Alfredo (Rita Hayworth) pendelt zwischen Kloster und Bordelle, um per Selbstgeißlung zur Ruhe zu finden, weil sie durch eine Affäre ihren Mann verlor und ihrer Tochter nicht mehr in die Augen sehen kann.
Doch auch wenn wir immer wieder bewusste und unbewusste Selbstzerstörung vorgeführt bekommen, sowie Leute, die wie besessen ins Nichts schauen, weil dort die Geister zu lauern scheinen, welche an ihnen nagen, auch wenn hier große Feuer ausbrechen und Alkohol einen zu zermürben droht, CIRCUS WORLD wird seine düsteren Nuancen eben nur Nuancen sein lassen. Die Lust an der Qual ist nur eine von vielen Lüsten. Claudia Cardinales Lächeln will uns verzaubern und Henry Hathaway hat immer wieder schöne Einfälle, um mit Unschuldsmine den Schmier Bahn brechen zu lassen – ein Blick in Claudia Cardinales Dekolleté beispielsweise und die darauffolgende Erkenntnis eines Freundes, dass er einem sexuellen Wesen gegenübersteht, wird auffällig lange in eine Einstellung gesetzt und ausgekostet … als würde hier nicht irgendwelche Anstandscodes verletzt. Ein Film eben, der etwas bieten möchte und sich wie anstrengungslos überall bedient, wo er Schauwerte vermutet.

Freitag 01.01.

龍門飛甲 / Flying Swords of Dragon Gate
(Tsui Hark, CHN 2011) [3D-blu-ray, OmU] 2

fantastisch

Vor ein paar Jahren hat sich mein Vater einen 3D-Fernseher gekauft. Ich empfand es als Geldverschwendung, weil die 3D-Filme, die ich bis dahin im Kino gesehen hatte, nicht wirklich erklärten, warum sie diese Technik benötigten. Sie enthielten die gleichen Bilder, die sie auch in 2D enthalten hätten. Weil sie weiterhin auf eine Leinwand malten und keinen Raum ausstatteten. Einzelne Momente in einzelnen Filmen waren schon sehr schön, aber dafür einen Fernseher kaufen?
Zumindest hatte ich so die Möglichkeit zwei Filme zu sehen, die ich gerne in 3D gesehen hätte, die es aber nirgends in meiner Nähe in die Kinos schafften. Ich kaufte mir die blu-rays von ADIEU AU LANGAGE und FLYING SWORDS AT DRAGON GATE INN … und es war ein Fest. Als der Fernseher meines Vaters kürzlich den Geist aufgab, da stellte er fest, dass es keinen Ersatz mehr auf dem Markt gab. Diese Art von TVs waren einfach vom Markt verschwunden. Bei der ihn unterstützenden Recherche stellte ich aber fest, dass es noch 3D-Projektoren gab. Vor die Wahl gestellt entweder meine inzwischen nicht mehr so angespannte finanzielle Situation wieder ein wenig anzuspannen oder nie wieder die Filme von Tsui Hark in 3D zu sehen, entschied ich mich für zweiteres … und war nun in den Augen meines Vaters ein Geldverschwender. Nach dieser Sichtung hat es sich aber schon gelohnt, finde ich.

The Desert Fox: The Story of Rommel / Rommel, der Wüstenfuchs
(Henry Hathaway, USA 1951) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Selbst Hollywood griff es auf: Deutschland sei das erste Land gewesen, dass von den Nazis besetzt war. Nach einem etwas hölzernen Actionauftakt, der zumindest das Versprechen des Titels halten möchte, folgt aus heiterem Himmel die noch hölzerne Geschichte einer Desillusion. Rommel (James Mason) muss in den letzten Monaten seines Lebens trotz ehrbarer – oder gerade wegen dieser – Soldatenseele die Befehlsverweigerung und sogar die Rebellion gegen die Obrigkeit in Betracht ziehen. Von Wüstenkrieg fehlt jede Spur. Dafür sehen wir einen Mann im Kampf mit seinem Gewissen. Sein Genie wird immer wieder betont, wenn er aber langsam begreift, dass er einem Wahnsinnigen dient, dann steht oder liegt James Mason wie ein tumber Tor herum und ist ganz verwundert, dass zwei und zwei vier ergeben soll. Höchstens sein Körper zieht schon die Schlüsse, vor denen sich der Geist noch sträubt. Mit blutender Nase betritt er einen Film, der ihn immer wieder ins Krankenhaus bringt, weil der Körper unter dem Wahn kollabiert, den er von Hitler und seiner Gang vorgesetzt bekommt.
Aber auch die Zerstörung von Idealen verfolgen wir nur oberflächlich. THE DESERT FOX ist, auch wenn es zuweilen so aussieht, kein Seelendrama, sondern das Portrait von rechtschaffenen Menschen, die von überall belauscht werden – wobei aber auch nicht die paranoiden Potentiale aufgegriffen werden. Umständlich und didaktisch wird gezeigt, wie die die Deutschen erwachen, endlich die Chance gegen ihren Unterdrücker wahrnehmen und sich doch irgendwie den Marshallplan verdienen.

Kommentar hinzufügen