STB Robert 2021 I

„Walking alone in the desert is wonderful. It’s like walking on the face of a clock that’s stopped.” (Legend of the Lost)


Wertung: Ich kann nichts mit Zahlen zur Bewertung anfangen. Deshalb gibt es hier ein prosaisches System. Eine Skala ist mit der Qual verbunden, Filme in eine lineare Ordnung zu quetschen. Deshalb hat die Wertung zumindest eine Y-Struktur für freieres Atmen. Die Einstufungen radioaktiv und verstrahlt reflektieren, dass ein Film in seiner eigenwilligen Qualität es einem nicht einfach macht, ihn einfach zu genießen. Wertungen in Klammern verweisen auf das ein oder andere Nickerchen beim Schauen.

Legende: Ist im Grunde selbsterklärend. Wenn hinter der eckigen Klammer eine Zahl steht, dann gibt sie die Anzahl der Sichtungen wieder. Je höher die Zahl, desto mehr ist sie geschätzt. Da ich mit Fernsehen und Kino aufgewachsen bin, wo nur gekennzeichnet wird, wenn ein Film nicht in deutscher Sprache läuft, tue ich das schändlicherweise auch. (OmU=Originalfassung mit Untertiteln, OmeU=Originalfassung mit englischen Untertiteln, OF=Originalfassung, EF= englischsynchronisierte Fassung, OZmeU=Originalzwischentitel mit englischen Untertitel) Hinzu kommen die Zeichen ł, wenn der Film gekürzt war, und ≠, wenn ich mitbekommen haben sollte, dass das Format nicht hinhaute. Ein kleines K hinter einem Titel bezeichnet einen Kurzfilm (bis 20 Minuten), während ein kleines M einen mittellangen Film (21 bis 60 Minuten) kennzeichnet.


Vorangegangene Sehtagebücher:
2012/II | 2013/I | 2013/II | 2014/I | 2014/II | 2015/I | 2015/II | 2016/I | 2016/II | 2017/I | 2017/II | 2018/I | 2018/II | 2019/I | 2019/II | 2020/I | 2020/II

to be continued … und zwar hier

Juni
Mittwoch 30.06.

最愛 / Passion
(Sylvia Chang, HK 1986) [blu-ray, OmeU]

großartig

Was ist wichtiger, Liebe oder Freundschaft? Dies müssen die Freundinnen Wendy (Sylvia Chang) und Ming (Cora Miao) entscheiden, als sie retrospektiv die Liebe zum selben Mann (George Lam) passieren lassen. Wir werden dabei einer Dreiecksgeschichte habhaft, in der jeder weiß/ahnt, was los ist, aber niemand darüber redet. Für über eine Stunde geschieht kein Drama in diesem Drama. Wir sehen nur sprechende Blicke, Mimik und Gestik oder erleben die Asymmetrie, wer mit wem wie oft im Film zu sehen ist. Daraus entsteht ein sehr beredtes Schweigen, welches den Film mit Potentialen aus Verzweiflung, Selbstverleugnung und Leidenschaft füllt. Die Gefühle stehen deutlich vor uns, ihre Intensivität bleibt aber nur zu erahnen. PASSION ist deshalb vielleicht der falsche Name … wenn er nicht dem Geschehen Hohn sprechen soll, weil Leidenschaft gerade vermieden wird – erst kurz vor Schluss werden in der etwas hölzern bleibenden Gegenwart der Erzählung minimale, aber hinterfotzige Catfights und in der Vergangenheit ebenso hauchdünne Anzeichen von Sinnlichkeit ausgepackt. Größtenteils sehen wir aber Leute, die sich ganz sachte, vorsichtig und keinen Blick darauf zulassend einen Stacheldraht ums Herz legen.

Dienstag 29.06.

Le Professionnel / Der Profi
(Georges Lautner, F 1981) [blu-ray, OmU]

gut

Njala (Pierre Saintons), Präsident des fiktiven afrikanischen Landes Malagawi, gerade auf Staatsbesuch in Frankreich, empfängt zwei Geheimdienstler dieses französischen Staates zur Audienz, nachdem er, Njala, seinem Assistenten zuvor mitteilte, dass sie ruhig ein paar Minuten warten können, wie sie ihn zur Kolonialzeit jahrelang in Gefängnissen haben warten lassen. Wenn die offiziellen Vertreter Frankreichs und einer opportunen bis niederträchtigen Einmischungspolitik nun also vorgelassen sind und freundliche Beziehung zu ihrem einstigen Widersacher suchen, kommt eine Prostituierte (Marie-Christine Descouard) herein, ganz zufällig, weil sie, ohne offiziell von den Gästen zu ahnen, etwas holen müsse. Sie trägt lediglich einen G-string und eine glitzernde Weste. Sie ist ein Ausbund an Klasse und Sex. Njala reibt den alten, weißen Männern mit ihrem Auftritt seine Macht unter die Nase. Er kann es sich inzwischen eben erlauben, rassistische Klischees auszuleben und den Weißen das weiße Luxusfleisch wegzunehmen, ohne es vor irgendjemanden verstecken zu müssen, ohne dass es jemand verhindern könnte. Njala trollt die Bürokraten, die in ihm nur ein Problem und keinen Menschen sehen, ziemlich lustvoll.
In diesem Moment ist er, der zu Beginn des Films Schauprozesse durchführen lässt und Todesschwadronen durchs Land schickt (um sich der französischen Einflussnahme zu erwehren), plötzlich so etwas wie ein Sympathieträger in einem Film, in dem solche fast gänzlich absent sind. Auftragsmörder Joss Baumont (Jean-Paul Belmondo) wurde verraten und will sich nun an seinen Vorgesetzten rächen, indem er seinen Auftrag – von dem Frankreich nichts mehr wissen möchte – doch noch ausführt: die Ermordung Njalas. Dafür hüpft er lächelnd durch Paris, spielte sinnlose Spielchen mit allen, auch den Leuten, die ihm etwas bedeuten könnten, mit seiner Frau, seiner Geliebten, einem Freund, und zeigt allem und jeden mit diesen, wie wenig er von ihnen hält. Es ist die Verachtung eines unbesiegbaren Machos, der nunmehr die ganze Welt in Brand stecken möchte. Der leichtfüßige Schnodder Belmondos ist hier nunmehr das Lächeln des Jokers. Und am brutalsten daran ist, wie LE PROFESSIONNEL seine Späße mitmacht und deren Lausbubenlächerlich-keit nicht mit seiner (Selbst-)Zerstörungswut in Verbindung bringt.
Ihm gegenüber steht Kommissar Rosen (Robert Hossein), der Bluthund eines – im Vergleich zu Malagawi – besser kaschierten Unrechtsstaates. Er ist das anale Ebenbild Joss Baumonts. Jemand der niemals lächelt und von dem wiederholt gesagt wird, dass er zwar ein schrecklicher Mensch, aber ein herausragender Polizist sei. Immer wieder zeichnet er in Besprechungen abstrakte Formen in ein Buch, äußerst penibel, während er mit einem Ohr den aus seiner Sicht wahrscheinlich überflüssigen Dummheiten zuhört und sich stattdessen mglweise überlegt, wen er wie als nächstes schlägt, foltert, misshandelt. Und tatsächlich ist eine der Folterszenen einer der Höhepunkte eines subtil surrealen Films. Rosen lässt Baumonts Frau von einer Domina im strengen Lehrerinnen-Chic schinden, während er selbst unbeteiligt und genießerisch an einem Blumenbouquet schnuppert.
Die zahlreichen Nebenfiguren bleiben zumeist Bauern in diesem absurd-toxischen Schachspiel der Hauptfiguren, dass von Ennio Morricones sehnsuchtsvollem Hauptthema Chi Mai umschmiegt wird. Dieses liegt über Bildern von Belmondo im afrikanischen Straflager, über diversen Wiedersehen, über dem Cowboyduell zwischen Joss Baumont und Rosen, über Baumont, der einen Rasen entlanggeht und sehnsuchtsvoll den Tod aus den Gewehren hinter sich erwartet. Die Melancholie des Stückes ist für so ziemlich alle dieser divergenten Momente des Films unpassend. Bzw.: Sie deutet das zu Sehende aggressiv um. Am schlüssigsten ist Chi Mai als Soundtrack des im malagawinischen Gefängnis sterbenden Baumonts, der sich vorstellt, wie er es doch noch allen zeigt. Ansonsten ist es eben das markanteste Stilmittel eines höchst ambivalenten Films, der sich in Machoshit suhlt und diesen so abartig schön aussehen lässt und noch dem Lächerlichsten und Menschenverachtenden eine Grandezza verleiht, dass es zur bitteren tongue in cheek-Satire auf sich selbst wird.

Montag 28.06.

Ralph Breaks the Internet / Ralph reichts 2: Chaos im Netz
(Phil Johnston, Rich Moore, USA 2018) [blu-ray]

ok +

Wie sein Vorgänger braucht CHAOS IM NETZ sehr lange um sich aus seinem witzigen (hier: Internet)Referenzsalat zu befreien und zum emotionalen Kern der Geschichte zu gelangen. Hier dauert sogar noch etwas länger und ist dabei oft wenig erfreulich. Wenn der Film aber doch noch ankommt, offenbart sich, dass dies kein Film für Kinder, sondern einer für Väter/Eltern ist, denen in Form eines bunten Kinderfilms vermittelt werden soll, dass sie ihren erwachsenwerdenden Töchtern/Kindern Freiraum lassen sollten. Dass sie, wenn ihre Kinder in eine GTA-artige Welt ziehen wollen, lernen müssen loszulassen und sich damit zu arrangieren, weil ihre Unsicherheit sonst ein Monster entstehen lässt, das hier zumindest ultra creepy aussieht. Eines, das sich aus tausenden Ralphs zusammensetzt, jedoch wie ein aus Würmern gebildetes Ding wirkt. Ein Monster, das der allgemeinen Onkeligkeit dieses aus Sonnenuntergangslicht und netten Leuten bestehender Film etwas emotional nicht ganz so in Watte gepacktes entgegensetzt. Unwahrscheinliches Highlight: Eine Gesangseinlage Vanellopes, die ihre Disneyprinzessinnenhaftigkeit entdeckt und postmodern die Limitierungen der Disneyprinzessinnenhaftigkeit ironisch bricht, aber trotzdem feiert.

Derrick (Folge 244) Anruf aus Wien
(Dietrich Haugk, D 1995) [DVD]

großartig

Es ist ganz einfach. Um die Entführer aufzuscheuchen und so ihr Opfer doch noch zu retten, muss Charlotte (Veronika Fitz) so tun, als sei ihr Mann bei der Lösegeldübergabe nicht erschossen worden, sondern ohne seine Komplizen mit dem Geld durchgebrannt. Sie soll so tun, als wisse sie nur, dass ihr Mann überstürzt nach Wien sei und sie nachholen wolle, dass ihre Geldsorgen vorbei seien. Mitten in der ersten Aufführung ihrer Rolle kippt aber etwas und Charlotte scheint die Realität nicht mehr vom Spiel unterscheiden zu können. Es scheint, als warte sie wirklich auf einen Anruf aus Wien. Sie ist eben ein bisschen naiv, wie sich der Kriminaldirektor (Klaus Höhne) auszudrücken mag. Doch während Harry sie herunterputzt, als sie ihre Aufführung proben (Sie versteht es nicht!), und der Kriminaldirektor nur Schimpftiraden loslässt, die seine eigne Ahnungslosigkeit verdecken sollen, können einem in diesem übergriffigen Polizeimief die Zweifel kommen, wer hier wirklich nicht versteht und wer einfach nur einen Schock erlitten hat und mit seinen allzumenschlichen Gefühlen nicht so einfach zurechtkommt. Eine gegen jede Chance herzige Folge von DERRICK. (Witzig ist dabei vor allem, wie Derrick und Harry noch jeden simplen Gedankengang wie höhere Mathematik erscheinen lassen wollen.)

Sonntag 27.06.

摩登仙履奇緣 / Girl with the Diamond Slipper
(Wong Jing, HK 1985) [DVD, OmeU]

großartig

Das ist Wong Jing. Maggie Cheung verliert einen diamantenen Stiletto, während sie Mitternachts eine Party verlässt und vor ihrem Prinzen wegrennt, da sie ihr Kleid zurückbringen muss. Es ist die einzige Verwirklichung des Versprechens des Films eine Version von ASCHENPUTTEL zu sein. Stattdessen gibt es Johnny Wang als Axtmörder, animierte Fische fliegen durchs Bild, während Maggie Cheung mit ihren Fahrrad-Skills die BMX-Bande alt aussehen lässt, Maggie Cheungs Actionschauspielperformance, in der sie alle zwei Sekunden eine neue und immer widersprüchlicher definierte Emotionen darstellt, und Natalis Chan und Wong Jing die virtuos immer wieder dumm aus der Wäsche gucken, wenn alle ihre Pläne fehlzünden. Eine Ansammlung schöner Ideen, die sich gar nicht um die (wahrscheinliche) Ausgangsidee kümmern.

Die Zärtlichkeit der Wölfe
(Ulli Lommel, BRD 1973) [blu-ray] 2

ok

Mehr Kurt Raabs (Drehbuch und Hauptrolle) Antwort auf Fassbinders DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT und darin eher nettes Fassbinder Pastiche als einer dieser toll angeschickerten Lommel Filme.

Sonnabend 26.06.

The Devonsville Terror / Totentanz der Hexen
(Ulli Lommel, USA 1983) [DVD, OF]

fantastisch

Hexerei nicht als Grund, sondern als Reaktion auf Hexenprozesse, als emanzipatorische Folge von misogyner Gewalt und kinematografisches Stoßgebet für eine finale Erlösung. Aber es ist nicht besser auszudrücken, als es Lukas F. bei letterboxd machte.

冲天火 / Sky on Fire
(Ringo Lam, HK/CHN 2016) [DVD, OmeU]

ok

Ein völlig konzentrierter Film. Nur liegt diese Konzentration völlig auf dem Plot. Einen, der beständig Haken schlägt. Und ich bin mir nicht sicher, ob alle Angebote an menschlichem Drama und Emotionalität versanden, weil sich SKY ON FIRE eben völlig wahllos mal hierhin, mal dorthin bewegt und damit die Leute aus den Augen verliert, die lediglich handelnde Puppen sind … und deren einzige Eigenschaft ist, dass sie zumeist keine Nerven haben und nur im Affekt handeln. Oder ob der Plot so wahllos wirkt, weil all diese Angebote nie wirklich ausgearbeitet werden. Die emotionale, ausweglose Kraft der anderen ON FIRE-Filme wird mit der Betriebsamkeit zwar angestrebt, aber sie kommt nie zustande. Was zu einem fast abstrakten Film aus Bewegungen führt, der zuweilen eine unterkühlte Grazie erreicht, der wiederrum die Leute und ihre ständigen Gefühle irgendwo im Weg steht. Zu guter Letzt macht das explodierende Hochhaus mehr her als die charismafreien Schauspieler den ganzen Film lang.

In a Lonely Place / Ein einsamer Ort
(Nicholas Ray, USA 1950) [blu-ray, OF] 2

fantastisch

Als ich IN A LONELY PLACE vor ca. 15-20 Jahren das erste Mal sah, habe ich mich mit jeder Minute mehr verliebt. Wie sich Dix Steeles (Humphrey Bogart) Lässigkeit langsam unter der Wirkung seiner posttraumatischen Belastungsstörung – immer wieder ist sein Dienst im Zweiten Weltkrieg in Gespräche über und mit ihm der Marker, an dem seine Biographie kippt, nie scheint jemand gewillt eine Linie von A (Krieg) zu B (seine problematische Persönlichkeit) zu ziehen – zu Wahnsinn wandelt. Wie Laurel Greys (Gloria Grahame) Liebe auf den ersten Blick langsam von Zweifeln zerfressen und zum Ringen um Contenance im Angesicht einer panischen Angst wird. Wie beiläufig der expressive Horror sich einschleicht, wie er das Selbstverständnis zweier Leute in ihren Grundfesten erschüttert. All das ist sagenhaft. Dass Dix am Ende Laurel aber nur andeutungsweise umbringen darf, der Film/Hollywood also vor dem brutalen Ende scheute, nahm ich ihm sehr übel. Wenn ich nun im Angesicht dieses nominell braveren, tatsächlich aber noch schlimmeren Endes – nun müssen beide damit leben – daran zurückdachte, schien mir mein früheres Ich dem Dix Steele zu gleichen, der zwei Freunden den Tathergang eines Mordes nachstellen lies und immer wieder bellt, dass der schauspielende Täter doch fester drücken könne, dass das schauspielende Opfer noch etwas mehr Würgen aushalten könne, ja müsse, während ein Zwielicht seine gierenden Augen aus dem Schatten des Bildes reißt.

Freitag 25.06.

座頭市血煙り街道 / Zatoichi Challenged
(Misumi Kenji, J 1967) [blu-ray, OmeU]

gut

Der exquisiteste Moment ist, wenn Zatoichi in einem wunderschönen Schneetreiben einem ebenbürtigen Samurai, einem Paragraphenreiter, gegenübersteht, der im Zuge der Vertuschung eines Pornoporzellanskandals den Künstler umbringen möchte, der gezwungen wurde, Teller unzüchtig zu bemalen, und damit einer jungen, frisch gepatchworkten Familie den Vater rauben, sich der Künstler jedoch an Zatoichi klammert, um ihm zu sagen, dass er sich opfern werde, Ichi sich aber um Frau und Kind kümmern müsse, und Ichi darauf reagiert, wie seine Figur darauf nur reagieren kann, indem er ihn in einer Mischung aus Verachtung und Furcht in den Matsch unterhalb des grazilen Schneetreiben stößt, da Frau und Kind nun gerade das sind, vor dem er seit Beginn der Filmreihe wie der Teufel vor dem Weihwasser flieht – und selbst die melodramatische Coda, wenn Zatoichi sich vor dem Kind unter einer Brücke versteckt, das ihn liebgewonnen hat und er damit auch vor seinen eigenen Gefühlen flüchtet, ändert nichts daran, dass den Tränen des Endes in diesem Moment ein intensiver existentieller Schreck vor Sesshaftigkeit entgegensteht. Nur der Weg zu diesem Moment zieht sich etwas.

The Three Musketeers / Die drei Musketiere
(Paul W.S. Anderson, UK/F/D 2011) [3D-blu-ray, OF] 2

gut

Den RESIDENT EVIL-Filmen oder ALIEN VS. PREDATOR kommt es zugute, dass den Figuren fast jedes Charisma fehlt. Dass sie auf minimalste Eigenschaften heruntergekocht wurden, fast wie Figuren eines Spielbrettes, die nur durch ihre Farbe unterscheidbar sind. Sie sind die hypnotisierten Niemande, die in eine sie überfordernde, übergroße Welt gezogen werden.
Hier, bei der Geschichte der drei Musketiere, die alle gerade nach Überlebensgröße schreien, finde ich es jedoch etwas enervierend. Dies könnte einer der großen Filme Andersons sein, nur interessieren mich die Leute darin kein bisschen. Vll. liegt es daran, dass ich sie zu gut kenne, dass ich sie mir zu genau (und anders) vorstelle, dass ich darauf warte, dass sie ausgearbeitet werden und nicht raue Skizzen bleiben, dass ich vll. doch wieder Oliver Reed haben möchte, wenn ich zwischen den tollen Set Pieces schon sehr ungeduldig werde. Höchst wahrscheinlich ist mein Scheitern an diesem Film größer als sein eigenes. (Witzig ist aber, wie sehr das britische Englisch dominiert, bis es wirkt, als liege Versailles an der Themse.)
Anders als die meisten Adaptionen – und es ist nicht der geringste Verdienst des Filmes, dass er einer völlig durchgekaute Geschichten an vielen Stellen neue Facetten abgewinnen kann … und dass er gerade am schwächsten ist, wenn er dem allseits Bekannten folgt – interessiert sich dieser THE THREE MUSKETEERS aber für Louis XIV (Freddie Fox). Auch wenn er sichtlich als Gegenentwurf für die Durchsetzungsfähigkeit und das Ignorieren von Sitten und Anstand D’Artagnans (Logan Lerman) gedacht ist. Sichtlich ist er als Witzfigur gedacht, der beständig scheitert, da er sich um die Meinung anderer Sorgen macht. Nur nutzt ihn Anderson nur bedingt als eine solche. In ihm findet sich doch ein halbwegs ernstgenommenes Charakterportrait, wenn er mit rosa Bäckchen in dieser komplizierten Welt der Liebe und der Politik steht und nicht so richtig ein, noch aus weiß, wenn von ihm das Herrschen erwartet wird. Mit dem jungen Sonnenkönig, der hier seine ersten Anzeichen von Charakterstärke lernt, ist THE THREE MUSKETEERS eben auch ein zärtliches Portrait der jugendlichen Schwierigkeiten sich in dieser Welt zurechtzufinden.

Donnerstag 24.06.

青蛙王子 / Prince Charming
(Wong Jing, HK 1984) [stream, OmU]

gut +

Manchmal wirkt es so, als wisse Wong Jing noch nicht so, wie er Szene richtig in dieses Grenzgebiet aus Dummheit und Genialität eskalieren kann. Vll. war er sich auch nicht darüber bewusst, dass es anstrebenswert oder überhaupt möglich ist. Jedenfalls sind die Ansätze von PRINCE CHARMING sehr, sehr schön, nur brechen die Szenen oft zu früh ab und geben sich mit ein wenig zufrieden, statt alles zu wollen.

Mittwoch 23.06.

Moana / Vaiana – Das Paradies hat einen Haken
(Ron Clements, John Musker, USA 2016) [DVD] 3

gut +

Die Figur, die gleich bei ihrer Einführung einen Song anstimmt, merkt in einem emotionalen Moment an, dass, wenn Vaiana jetzt anfange zu singen, dass er dann kotzen müsse. In diesem Klugscheißer- und Distanzierungskommentar liegt irgendwo eine ironische Brechung, mit der der Film beweisen darf, dass er auch was für die coolen Kids beinhaltet. Tatsächlich offenbart der zwangscoole Maui dabei aber eben auch seine Zwangscoolness, die diesem Film, der jede Emotion in sentimentale Songs packt, nicht ganz eindeutig entgegensteht.

Montag 21.06.

Brave / Merida – Legende der Highlands
(Brenda Chapman, Mark Andrews, USA 2012) [DVD] 2

gut +

Mit Lotti Z. (5 Jahre) geschaut und es war noch etwas zu viel für sie. Nicht so sehr der dämonische Bär und die nebligen Wälder, sondern die Verwandlung der Mutter zum Bären, womit sie ihrer Sprache und sozialen Akzeptanz beraubt ward.

Sonntag 20.06.

Zodiac Killer
(Ulli Lommel, USA 2005) [DVD, OF, ł]

gut

Auf meiner DVD war der Film fünf Minuten kürzer, als Quellen wie die imdb oder das Backcover vermuten lassen. Was fehlen sollte, kann ich aber gar nicht sagen. Unangenehmer als die Bilder von ausgeweideten, verstümmelten und verrenkten Leichen kann es ja kaum gehen. Der Zodiac-Killer ist hier jedenfalls Teil einer Freimaurer-artigen Verschwörung, der auf die Taten einer Copycat reagiert, die wiederrum Leute tötet, weil diese sich nicht um ihre Opas und Omas kümmern. So straight erzählt, wie das wohl möglich ist.
Mehr dazu und den ganzen Filmen Ulli Lommels findet sich auf critic.de.

Sonnabend 19.06.

Jodeln is ka Sünd
(Ulli Lommel, BRD 1974) [DVD]

großartig

Mein Höhepunkt ist vll., wenn die ehemalige Prostituierte und inzwischen unbefriedigte Hausfrau (Katharina Herberg) ihr Fremdgehen dem Pfarrer beichtet. Dies aber nicht regulär, sondern mitten in der zumindest leeren Kirche, sodass der Geistliche ihr ins Gewissen predigen kann und seine selbstgerechte Verabscheuung direkt im Bild stehen bleibt.

Bloodsuckers
(Ulli Lommel, USA 1997) [dvd, OF]

verstrahlt

Ich bin nicht ganz sicher, was ich hier geschaut habe. Einerseits liegt es am Film selbst. Eine junge Frau (Michelle Bonfils) möchte Vampirin werden, weil: Unsterblichkeit. Sie wird teil eines Clubs, in dem sie sich würdig erweisen muss. Was heißt, dass sie mit anderen Anwärtern in einem abgeranzten Club herumsitzt und sich in der Gegend herumtreibt. Der Zwillingsbruder ihres Meisters/Testers (Ulli Lommel) versucht sie gleichzeitig zur bösen Seite zu verführen. Aber es ist weniger Geschichte als Festsitzen in einer moralischen Wolke von Eindrücken, in der Bilder von Marilyn Monroe und Hardcorepornodrehs beständig zwischenmontiert sind … als ambivalente Marker von Unsterblichkeit und Eitelkeit. Denn erst mit dem Tod kommt die Unsterblichkeit und die Frage ist eben, was man dann geworden ist. Zusammen ergibt es etwas Herzensgutes, ich bin mir sicher, und ein sehr eigenes Erlebnis. Was das alles nun genau ist, weiß ich aber (noch) nicht.
Da Lommel diesen Film wohl mehrmals remixte und u.a. einen Film über die Manson Family daraus machte, bin ich nicht sicher, ob dies die Version von 1997 war, die ich sah. Lukas F. meldet in seinem sehr schönen Kommentar auf Letterboxd auch Zweifel an.

Freitag 18.06.

The Raven
(Ulli Lommel, USA 2006) [DVD, OF] 2

gut

Eine Frau wird von drei Männern verfolgt, von Edgar Allen Poe, der an ihrem Bett steht, in dem sie sich in einem Fiebertraum wälzt, und ihr sein berühmtes Gedicht vorträgt, dessen er es mit unsicherer Hand auf einen Zettel kritzelt, von einem mystischen Kindheitsfreund, der ihrem Vergewaltiger ähnelt, den sie tötete, und dem nun Federn gewachsen sind und der die Leute (vor allem Frauen) in ihrem Umfeld tötet, und von den Erinnerungen ihres Großvaters, der nicht ihr Großvater ist, der ihr den Weg aus dem Jammertal weisen möchte. Wie ein wilder Hurrikan dreht uns der Film und lässt uns sekundschnell an den drei Ebenen vorbeifliegen, die keine Erzählung ergeben, sondern ein mood piece. Es ist mitreißend … und doch dominiert mit der Zeit der Stahl, da THE RAVEN vor den Morden seines Serienmörders in minutenlange Ambientlöcher fällt, in denen der Mörder schwer atmet und die Opfer betrachtet. Wie eine hängende Schallplatte verweilt er in diesen Suspensemomenten und will sich einfach nicht mehr fortbewegen.

Donnerstag 17.06.

Olivia / Im Blutrausch des Wahnsinns
(Ulli Lommel, USA/BRD 1983) [blu-ray, OF] 2

fantastisch

Hier findet sich nun der Link zu einem Text, der mich in zehn Jahren hoffentlich nicht ganz so peinlich berührt, wie der Text, der beim Film vom Vortag verlinkt ist.

Mittwoch 16.06.

The Boogey Man
(Ulli Lommel, USA 1980) [blu-ray, OF] 2

großartig

Vor knapp elf Jahren habe ich THE BOOGEY MAN bereits beim Exground Festival zu Wiesbaden sehen können, in Anwesenheit des Regisseurs. Mit damals 28 Jahren habe ich dann meinen vierten Filmtext überhaupt zu Lommels Film geschrieben, der in meiner Heimat bei the-gaffer.de veröffentlicht wurde. Das heute zu lesen, war, gelinde gesagt, ernüchternd. Der Autor erscheint mir sehr selbstgerecht … vor allem, wenn er den ihm damals völlig unbekannten Hans Schifferle (RIP) zitiert und zu widerlegen glaubt.
Damals erwartete ich von THE BOOGEY MAN, glaube ich, dass er mich so terrorisiere wie HALLOWEEN, als ich diesen das erste Mal als Teenager sah. Und an dieser Zielsetzung scheiterte der Film eben. Einerseits weil ich viel älter und abgeklärter war und bin und HALLOWEEN auch nicht mehr diese Wirkung auf mich gehabt hätte und auch nicht mehr hat. Die Qualitäten von THE BOOGEY MAN liegen einfach woanders … was mich aber auch nicht davon abhielt, ihm genau diese im Text offensiv abzusprechen. Dass er nämlich sehr stimmige und fantasievolle Bilder für Missbrauch findet, für die Verquickung von Sex und Gewalt in einer beängstigenden Lust, dafür, dass dies eher Märchen und suggestiver Traum als eine stringente Erzählung ist. Bezeichnend fordere ich im Text durchgängig handwerkliche Sauberkeit. Nichts könnte THE BOOGEY MAN weniger interessieren. Ihm geht es um Momente, in denen sich beispielsweise ein Kuss durch eine Harpune verewigt, die zwei Köpfe zusammentackert. Es ist ein romantischer Film, der mit seinen Motiven von (zerbrochenen) Spiegeln aus Bereichen der Psyche aufsteigt, wo Worte einen nicht viel weiterbringen.

Dienstag 15.06.

Cocaine Cowboys
(Ulli Lommel, USA 1979) [DVD, OF, ≠] 2

großartig

Die Credits von Vor- und Abspann werden blinkend auf einem Leuchtreklameschild vor einer viel befahrenen Straße präsentiert. In ihnen ist u.a. vermerkt, dass Andy Warhol mitspielt. Zusammen ergibt es ein Versprechen von Glanz, Rasanz und Urbanität. Ein Versprechen, an dessen Einlösung sich COCAINE COWBOYS kein bisschen interessiert zeigt.
Stattdessen befinden wir uns den Film über in einem Kaff an der us-amerikanischen Ostküste und dabei an einem kleinen Flugplatz, auf einer Farm in unmittelbarer Nähe, am Strand. Dort herrscht Lagerfeuerstimmung. Ein Band hat dort ihren Stützpunkt, von wo aus sie sich mit Drogenschmuggel finanzieren, wo sie mit Pferden herumreiten und Musik machen. Es ist eine Kommune und Aussteigerinsel, wo junge Leute Cowboy und Gangster spielen. Dass Koks im Wert von 2 Millionen Dollar verschwunden sind, was vor allem Manager (Jack Palance) in Bedrängnis bringt, birgt den minimalen Antrieb des Geschehens. Aber auch dieser Umstand bleibt Teil des kindlichen Spiels und des jugendlichen, bescheidenen Späthippiehedonismus.
Die elterliche Instanz von Palances Figur, der vom Rest größtenteils abgespalten um Struktur/die Drogen ringt, nimmt die Form von überforderten Schimpftiraden an. Stattdessen sehen wir einen verspielten Abenteuer- und Musikfilm, der darin aufgeht, eben Leute beim Reiten, Gangsterspielen und Musizieren zu zeigen. Im besten Sinne ist dies ein jugendlicher Amateurfilm, der sich nicht um die Stringenz von Filmproduktionen schert, sondern mit großen Namen im Garten hinterm Haus ganz basal seinem verspielten Glauben nachgeht, was Film kann und soll.

Montag 14.06.

Irréversible / Irreversibel
(Gaspar Noé, F 2002) [DVD, OmU] 2

ok

Der Effekt dieser rückwärts ablaufenden Rape&Revenge-Geschichte ist eigentlich schön. Aus einer ewig kreisenden Kamera, die keinen Fokus findet, wird ein statische, ruhige, fokussierte. Aus dem sich überlagernden Keifen wird zärtliches Unterhalten. Aus einem Film, in dem nur Männer sind, sind diese final verschwunden und es bleiben nur noch Frauen und Kinder (was eigentlich auch viel über Noés Verständnis der Geschlechter sagt). Jeder Sprung zurück bringt spürbar mehr Entspannung in den Stress. Der Zauber der Fiktion macht die entstandene Hölle falscher Entscheidungen/des Schicksals doch reversibel.
Gaspars Noé lässt es sich aber nicht nehmen mittels eines völlig überflüssigen positiven Schwangerschaftstest kurz vor Schluss diesen Zauber doch noch zu zerschlagen. Auch Monica Bellucci hölzernes Schauspiel transportiert in diesem Moment, dass nicht die Zeit alles zerstört, wie Einführung und Abschluss des Films uns mitteilen, sondern dass es Gaspar Noé ist, der keine Lockerheit akzeptiert. Mit der Enthüllung eines uns bis dahin unbekannten Glücks verweist er in die Zukunft, wo die Zermalmung nun noch größer ist. Geradezu zwanghaft ist IRRÉVERSIBLE eine unangenehme Erfahrung.

Sonntag 13.06.

Designing Woman / Warum hab’ ich ja gesagt!
(Vincente Minnelli, USA 1957) [blu-ray, OF]

großartig

Es ist nach einem Dialog im Film relativ gut abzusehen, dass es eine Schlägerei geben wird, in der ein Tanzchoreograph entgegen seiner optischen Erscheinung und seinem unmännlichen Gebaren glänzen wird. Wenn es dann aber soweit ist und dies Vorhersehbare vor unseren Augen Form annimmt, dann kann zumindest meine Erwartung mit dem Gezeigten nicht mithalten. Auf den kompletten Film übertragen heißt das: Die Liebeskomödie, in der das Leben eines Sportreporters auf das einer Designerin trifft und es um Kulturschocks geht, in der Missverständnisse und Eitelkeiten zu absurden Dingen führen, diese Liebeskomödie sucht ihr Glück nicht in einer besonders originellen Geschichte, sondern in sagenhaften Designs und perfekten kleinen Szenen, die mit den aufgerissenen Augen der gut aufgelegten Schauspielern und mit Timing einfach jede Erwartung übertrifft.

McBain
(James Glickenhaus, USA 1991) [blu-ray, OF]

ok

Es beginnt mit der Rettung von Kriegsgefangenen in Vietnam, nimmt Umwege über Straßendealer in us-amerikanischen Slums und Kampfjets im Himmel, um am Ende einen Palast zu stürmen. Die Route des Films sucht quasi MISSING IN ACTION bzw. RAMBO II auf, MIAMI VICE, TOP GUN und PHANTOM KOMMANDO. Manchmal wirkt es, als ginge es MCBAIN darum ein Best of des vergangenen Actionjahrzehnts zu liefern. Die eigentliche Action bleibt aber leider blass. Christopher Walken steht beispielsweise in den Schießereien wie eine Statue in einer Statistenbrandung und schießt elegant aus der Hüfte, während um ihn alle zwischen Angst und Wut zerrissen sind. Hier und da gibt es eben idiosynkratische Inszenierungsentscheidungen, aber bis auf die Gewaltspitzen bleibt es doch relativ unspezifisch und egal.
Betont wird stattdessen wiederholt, dass das Leben dort oben nicht erfüllend ist und dass die da oben die Wurzel des Übels sind … wobei MCBAIN relativ spezifisch bleibt. Zahlen über den Umsatz der Waffenindustrie werden aufgezählt, die CIA als zweifelhafter politischer Spieler angeschwärzt und der letzte überlebende Straßendealer (Luis Guzmán) darf nach der Stürmung eines Drogenlagers einen Vortrag darüber halten, dass er nur eine kleine Nummer ist, der perspektivlosen Leuten eine Chance geben würde und dass das richtige Geld und die wahrlich Verantwortlichen eben nicht auf der Straße zu finden wären. Aber von ein paar eigenwilligen Predigten investiert MCBAIN auch an dieser Front wenig. Höchstens als etwas seltsame Ansammlung ist er faszinierend.

Sonnabend 12.06.

となりのトトロ / Mein Nachbar Totoro
(Miyazaki Hayao, J 1988) [blu-ray] 2

fantastisch +

Als wir im Arbeitszimmer von Vater Kusakabe sind, erwähne ich gegenüber Lotti Z. (5. Jahre), dass er sehr viele Bücher hat und ich das schön finde. Sie erwidert darauf, dass sie trotzdem noch mit mir spielen möchte. Mit Leuten Filme schauen ist auch immer wieder lehrreich. Zum Beispiel war mir noch nicht bewusst, dass sie Bücher als Konkurrenz erlebt und dass einfache Aussagen von ihr schon so weit fortgedacht werden.
Ansonsten bin ich immer noch erstaunt, wie toll dies ist und dass sein Ruf ihm nicht mal gerecht wird, … und freue mich an die Erinnerung wie ein kleines Kind neben mir sprang und Totoro! Totoro! rief.

宋家皇朝 / The Soong Sisters
(Mabel Cheung, HK 1997) [blu-ray, OmeU]

ok +

Zwölf Jahre nach der Ungeschliffenheit von THE ILLEGAL IMMIGRANT hat Mabel Cheung stilsichere Geschliffenheit erreicht und ein episches Familiendrama über drei Schwestern verantwortet, deren Schicksal die Dreiteilung Chinas im Schnelldurchlauf einfängt. Die eine Soong-Schwester (Michelle Yeoh) liebe das Geld, eine andere (Vivian Wu) die Macht und die letzte (Maggie Cheung) ihr Vaterland. Die eine heiratet einen Kapitalisten, der nach dem zweiten Weltkrieg mit ihr nach Hongkong gehen wird. Eine heiratet Chiang Kai-Shek, der mit ihr vor Mao Tse-Tungs roter Armee nach Taiwan fliehen wird, um dort seine Militärdiktatur aufrecht zu erhalten. Eine heiratet den Gründungsvater der Revolution und bleibt als einzige in dem China, das die Volksrepublik werden wird. (Spannend ist dabei, dass die Volksrepublik und ihre entsprechende Soong-Schwester in einem Film aus dem Jahr 1997 die sympathischste Figur machen, dass sich hier irgendwie freudvoll eine Vereinigung mit Festlandchina am Horizont vorstellbar wird.)
In der ersten Hälfte geht es vermehrt um die Suche nach einer modernen chinesischen Identität, zwischen Boxeraufstand und Anpassung an die (westliche) Moderne, darum nicht abgehängt zu werden, um ein Arrangement mit der Hegemonie. In der zweiten Hälfte stärker um die Einzelschicksale, die sich aus der ausweglosen Situation nach der japanischen Invasion der Mandschurei ergibt. Manchmal ist es geradeheraus seltsam, wenn beispielsweise ein Auto mit Auftragsmördern comichaft von dem Opfer vor sich wieder wegfährt, nachdem ihr Auftraggeber sich in der Parallelmontage um entschied, meist handelt es sich aber um die planvolle Verpackung von viel Inhalt auf wenig Platz. Mal geht es um den Einfluss der Frauen, auf ihre überforderten Männer. Mal haben die ständigen Ellipsen die Kraft, die Unumkehrbarkeit der Zeit einzufangen, mal tangiert kaum, was nun schon wieder passiert. Mal ist THE SOONG SISTERS ein schöner Film, oft zieht er aber auch nur vorbei.

Donnerstag 10.06.

非法移民 / The Illegal Immigrant
(Mabel Cheung, HK 1985) [DVD, OmeU]

gut

Manchmal fühlen sich Schnitte an, als ob sie uns in ganz andere Realitäten schleudern, es sind aber lediglich die Anschlüsse innerhalb der Szene, die uns eine neue, ein paar wenige Meter versetzte Perspektive liefern. Mabel Cheungs Regiedebüt ist im besten Sinne ungeschliffen und dreht mit dem Geld der Shaw Brothers einen Aufbruchsfilm in Chinatown in New York, der geradezu typisch für das New York seiner Zeit ist.

Mittwoch 09.06.

相爱相亲 / Love Education
(Sylvia Chang, CHN/TW 2017) [DVD, OmeU]

großartig

Bei LOVE EDUCATION handelt es sich um ein Spiegelsystem. Es gibt ein einfaches Grundproblem, das sich als Echo in den Beziehungen einer über drei Generationen streckenden Familie wiederfindet. Qiu Huiying (Sylvia Chang) möchte nach dem Tod ihrer Mutter ihren Vater aus dessen Grab in seinem Dorf exhumieren und die beiden gemeinsam begraben lassen. Doch dessen erste Frau (Estelle Wu), die von ihrem Mann kurz nach der gemeinsamen Hochzeit verlassen wurde, weil er in der Stadt Geld verdienen wollte, stellt sich quer. Unterdessen gerät auch Qiu Huiyings Ehe ins Straucheln und sie verkracht sich mit ihrer Tochter, die selbst mit ihrem Freund und dessen Exfreundin zu kämpfen hat.
Es ergeben sich drei Konstellationen mit einem Mann zwischen zwei Frauen, die aufeinander abstrahlen und in denen jeder sein persönliches Glück und seinen Selbstwert sucht. Kampf (um die Liebe) und Akzeptanz (der Trennung), Vertrauen und Angst, Illusion oder Schmerz: Es sind kleine Weggabelungen an denen die Figuren stehen, die zu schwelenden Konflikten führen und die LOVE EDUCATION unaufgeregt begleitet. Und es sind kleine beiläufige Einschübe und Momente in einer im allgemeinen beiläufigen Erzählung – wie der Schnitt vom Totenbett zu einem lächelnden Mann im Sonnenlicht, den die Mutter wohl vorm Sterben sieht und der sie wiederrum zum letzten Lächeln bringt – in denen die Motivationen der Figuren sitzen, die sie trotz aller Vermeidung von dramatischen Zuspitzungen doch dazu bringen, anderen Schmerz zuzufügen und sich lächerlich zu machen.
Am Ende wird es einen Regen geben, der eine Fotografie beschädigt. Der Versuch sie zu retten, wird es vollkommen zerstören. Auf dem Bild befand sich eine Montage. Die erste Frau mit ihrem Mann, denn sie lebend nie wiedergesehen hatte. Eine Frau, die begann sich damit abzufinden, dass sie eine Illusion lebte, sollte so getröstet werden. So wird aber die Rettung in die Fantasie ein zweites Mal zerstört. Am Ende – bei aller Offenheit und Nachsichtigkeit – ist LOVE EDUCATION ein Film, der seinen Figuren nichts erspart und seine melodramatischen Spitzen setzt.
Neben dem Hauptkonflikt gibt es noch eine Boulevard-Talkshow, die behauptet die Wahrheit zu suchen, aber nur auf Einschaltquote zielt und deshalb die Beteiligten belästigt. Es gibt die Suche nach den beiden Eheurkunden, die aber verschwunden bleiben, was die erste Frau wie Qiu Huiying auf ihre emotionale Wahrheiten zurückwirft – LOVE EDUCATION ist nicht an einer juristischen Lösung interessiert und lässt niemanden eine Abkürzung, sich vor den eigenen Gefühlen zu drücken –, es gibt einen Vater, der sich um seinen Sohn sorgt und verzweifelte Auswege sucht, und ein sich ändernden China, dass mal als altes Dorf, moderne Stadt und dem entsprechenden Übergang (eine riesige, stadtumwälzende Baustelle) dargestellt wird. LOVE EDUCATION ist vor allem ein Wust, in dem sich die Unaufgeräumtheit der Liebe spiegelt.

Dienstag 08.06.

Pleins feux sur l’assassin / Mitternachtsmörder
(Georges Franju, F 1961) [DVD]

großartig

Ein alter, reicher Mann stirbt und bevor geerbt werden kann, dezimiert sich die Zahl der Nachkommen zusehends. Mit seiner Geschichte holt PLEINS FEUX SUR L’ASSASSIN kaum jemand hinter den Ofen hervor. Auf der Handlungsebene ist es eben ein netter Krimi um adlige Ableger, unter denen ein Mörder umgeht. Aber auf dem Regiestuhl sitzt mit Georges Franju ein ungemeiner Stilist. Die Eulen und Raben, die sich in den engen Treppenhäusern des Schlosses verirren und manchmal auch in den Essensaal, schreiben einen schicksalsträchtigen, morbiden Abgrund in die Angelegenheit. Amouröse Versteckspiele und verspielte Seitenwege lassen den Film nicht über seiner Geschichte brühten, sondern lustvoll am Plot entlanghüpfen. Dass die Erben aus dem Schloss eine Touristenattraktion machen, in dem mit Lichtanlage und Lautsprechern Geschichte greifbar gemacht werden soll, steigert die Paranoia und hebt den Film auf eine Metaebene. Mit Licht und Ton – dem Kino – wird nämlich eine Phantasiemaschine aufgebaut. Im schönsten Moment, wenn wie im französischen Originaltitel Scheinwerfer auf den Mörder geworfen werden, wird eine Legende aus dem Mittelalter erzählt und wir sehen nur leere Plätze und Fassaden in den Lichtkreisen. Alles entsteht nur über den Ton. Und tatsächlich schafft es Franju gerade damit, dass er nicht das zeigt, was zu sehen sein sollte, dem Kino eine fantastische Dimension abzugewinnen, in der wir umso mehr wahrnehmen, je mehr uns vorenthalten wird.

Montag 07.06.

Lux Æterna m
(Gaspar Noé, F 2019) [blu-ray, OmU]

gut

LUX ÆTERNA ist eine Vierstufenrakete. Es beginnt mit Ausschnitten aus Benjamin Christensens HÄXAN und Carl Theodor Dreyers TAG DER RACHE. Dann unterhalten sich Béatrice Dalle (Béatrice Dalle) und Charlotte Gainsbourg (Charlotte Gainsbourg). Von dem sie umgebenden Filmdreh ist dabei noch nichts zu spüren. Wenn der Film den Raum mit den beiden dann aber verlässt, bricht ein polyphones Chaos eines ungeregelten, vor Eitelkeiten platzenden Filmsets los. Dass teilweise zwei 4:3-Bilder nebeneinanderstehen und der Ton des parallelen Geschehens übereinanderliegt, macht es genauso schwer sich zu fokussieren, wie der Umstand, dass alle, ob sie ans Set gehören oder nicht, durcheinanderreden. Und sowieso hat jeder seine ganz eigene Agenda. Und wenn Charlotte Gainsbourg endlich am Scheiterhaufen des gedrehten Hexenfilms angebunden ist, dann setzt ein regenbogenfarbenes Stroboskopinferno ein, dass die Hexenjagd am Set bzw. den unkontrollierten Wust der Stimmen abtötetet und transzendiert.
Das Ergebnis ist gleichzeitig als Verdammung als auch als Liebeserklärung an die Kunst und ihr Entstehen lesbar, wie als Farce über Machismo und Frauen an der Macht. LUX ÆTERNA sollte eigentlich nur ein Kurzfilm werden, aber der Film franste aus und dauert nun 50 Minuten. Das Ergebnis ist trotzdem durchaus anstrengend. Aber Gaspar Noés trampelnder Geltungswille kann sich nicht völlig entfalten, da in der Kürze und Geradlinigkeit der Bewegung das Element eines Sketches liegt. Sprich: LUX ÆTERNA hat keine Zeit einem seine zwanghaft provokanten Ideen unter die Nase zu reiben und ist tatsächlich ein bisschen plemplem und zu kurz um schöne Dinge nochmal ins Scherzhafte umzudefinieren.

Sonntag 06.06.

The Little Mermaid / Arielle, die Meerjungfrau
(John Musker, Ron Clements, USA 1989) [blu-ray] 7

gut

An einer Stelle schaut der Prinz zu einem Fenster im Schloss hoch, in dem sich Arielle mit einer Gabel kämmt. Also mit einem Dingelhopper. Denn eine Möwe erzählte ihr, dass das Werkzeug zur Nahrungsaufnahme ein Frisierinstrument sei. Zu diesem Zeitpunkt hatte Arielle aber schon zu Hof gegessen und gesehen, dass Gabeln anders genutzt werden. Und ich finde toll, dass THE LITTLE MERMAID lieber auf einen Running Gag setzt, als sich um den Ruf seiner Hauptfigur zu sorgen.

Sonnabend 05.06.

Billy Lynn’s Long Halftime Walk / Die irre Heldentour des Billy Lynn
(Lee Ang, USA/UK/CHN 2016) [3D-blu-ray, OF]

großartig +

Nur damit Steve Martin mir für seinen anmaßenden Charakter seine Nase ins Gesicht halten konnte, hat sich vll. gelohnt, dass James Cameron 3D kurz wiederbelebte und die Preise von Kinotickets verdoppelte.

Carmilla
(Emily Harris, UK 2019) [DVD, OF]

uff

Wiederkehrend wird die Erzählung aus einer protestantischen, überdefinierten, extrem durchorganisierten Welt von Bildern von Insekten unterbrochen. Hier eine Zivilisation, die sich auf einen jungen Freigeist oktroyiert und Schuld erst erschafft. Dort unbedarfte Wesen, die unschuldig in ihrer Existenz aufzugehen scheinen. Es ist einer der Gegensätzlichkeiten, von denen CARMILLA bestimmt ist. Die jugendliche Hauptfigur Lara (Hannah Rae) ist Linkshänderin, weshalb in ihrem Körper etwas nicht rechtens sein kann. Von ihrer Gouvernante (Jessica Raine) bekommt sie deshalb den Arm auf den Rücken gebunden, auf das sie sich an die Benutzung der Hand Gottes gewöhne. Wer eben nicht dem protestantischen Status quo entspricht, ist des Teufels. In Carmilla (Devrim Lingnau), die nach einem Kutschenunfall mit Gedächtnisverlust im Haus von Laras Vater unterkommt und die in Lara lesbische Liebe entfacht sowie sie zum Ungehorsam anstiftet, in ihr wird also schnell ein Vampir identifiziert. CARMILLA könnte dabei viel sein. Die sadomasochistischen Fetische, die den Film wie die Gegensätze durchziehen, werden aber nur hier und da lustlos vorgezeigt. Die verbotene Liebe könnte zu innerlichen wie familiären Tumulten führen. Aber alle sinnlichen Ansätze des Films werden einer gefällig dahingleitenden Optik untergeordnet und im Horizont einer Moral belassen, die lediglich daran interessiert ist, den Puritanismus in die Schuld zu setzen. Langsam zieht der Film dahin und bietet einem nichts, außer dem, was schnell verstanden ist.

Freitag 04.06.

座頭市牢破り / Zatoichi the Outlaw
(Yamamoto Satsuo, J 1967) [blu-ray, OmeU]

großartig

Es ist wie so oft. Korrupte Politiker, Magnaten und Yakuza haben ein Dorf bzw. einen ganzen Landstrich in ihren Krallen und lassen es langsam für ihren Profit ausbluten. Dann kommt Zatoichi und stellt die Gerechtigkeit wieder her, indem er die Bösen niederstreckt. Wie zuletzt trifft er zudem auf einen spirituellen Gegenpart, welcher der Gewalt abgeschworen und Erleuchtung erlangt hat. In diesem Fall handelt es sich um einen Ronin, der den Bauern vom Glück harter Arbeit predigt, sowie vom Verzicht auf Alkohol und Glücksspiel. Wie einem Rattenfänger folgen die meisten seinem Vorbild und singen Verzichtshymnen, während sie bis zu den Knien im Reisfeld stehen und schuften.
Nach der Hälfte des Films kommt aber der Schock. Ichi tötet den Yakuzaboss bereits. Die Wurzel allen Übels wird völlig unerwartet ausgerissen. Es kommt zum Bruch. Nachdem Ichi durch expressive Bilder weiterwandert, die die Farbe verlassen hat, – es ist die Optik einer Dimensionswechsels – wird ZATOICHI THE OUTLAW erst zu einer bitteren Farce und dann zur Dekonstruktion der Reihe und des Charakters.
Heißt: Erst wendet er sich von der Welt ab und sucht Unterschlupf in einem Heim für Masseure – abermals entsagt er der Gewalt. Und dort nutzt ein Einäugiger unter den Blinden seinen Vorteil gnadenlos aus, während Ichi nur noch erträgt und nichts unternimmt. Es ist ein garstiger, hoffnungsloser Kommentar zur universellen Jämmerlichkeit der Menschheit. Dann kehrt Ichi an den geretteten Ort zurück, um feststellen zu müssen, dass sich nichts geändert hat. Der gute Yakuzaboss, dem er alles überließ, ist inzwischen selbst korrumpiert und herrscht hinterhältig und auf dem Rücken der Schwachen wie eh und je. Ichi wird in eine Schleife geschickt, welche die gezinkten Karten der Plots der Reihe offenlegt, kommentiert und fruchtbar macht.
Siegen in DIE SIEBEN SAMURAI die Bauern, haben sie hier keine Chance. Die Strukturen funktionieren nicht zu ihren Gunsten. Selbst wenn Zatoichi sie von einem Joch befreit, folgt das nächste umgehend. Der gute Boss, ein Hort der Tugend in der ersten Hälfte, ist nun rasiert, gut gekleidet und moralisch verkommen. Wie alle Figuren in den Zatoichifilmen funktioniert er nur als Extrem diametraler Gegensätze. Der Ronin, in der ersten Hälfte noch ein Heiland, ist nun kraftloses Opfer der Umstände und der herrschenden Kasten. Wie es gebraucht wird, wird das Wirken der Figuren verschoben. Nie ging es um wirkliche Lebenswelten.
Und im Wissen darum, dass nur herauskommt, was hereingetan wird, macht Yamamoto Satsuo aus ZATOICHI THE OUTLAW einen düsteren Abgesang auf seine Figur. Er lässt Ichi ständig seinen Gegnern Gliedmaßen abhaken, die schön sichtbar ins Bild fallen. Doch es ist wie bei der Hydra: Es ändert nichts. Es folgen nur neue Hände mit Schwertern. Mit einem bitteren, traurigen Lachen wird verhandelt, dass Zatoichi, solange er vor den Menschen flüchtet, nur verbrannte Erde den Verbleibenden überlässt, da er der einzige Edle der Reihe sein kann, und alles ohne ihn zusammenbricht. Und da er der einzige Edle ist, muss er fliehen, weil seine Strahlkraft nur Eifersucht und Missgunst bedingt. Er geht am Ende seinen Weg und es ist ein Ergeben in ein morbides Schicksal.

The Gang’s All Here
(Busby Berkeley, USA 1943) [DVD, OF] 2

fantastisch

Oft bilden die Tanzchoreographien Busby Berkeleys den Fluchtpunkt der Filme, in denen sie sich befinden. (Zumindest, wenn ich nach denen gehe, die ich bisher kenne.) Eine Geschichte baut Spannung auf, die auf einer Theaterbühne glitzernd kollabiert. Die Realität wird ausgehebelt und eine sinnlose Freude an bewegten Körpern, Formen (und Farben) bleibt. THE GANG’S ALL HERE beginnt bereits mit einer Musiknummer, die erst mit der Zeit als Aufführung in einem Lokal offenbart wird. Daraufhin wird eine Dreiecksliebesgeschichte erzählt, die aber nie die Gravität eines Melodrams erreicht. Ist das Allernötigste erzählt, damit das Drama am Horizont aufgelöst erscheinen kann, dann hat es der Film auch schon wieder vergessen und gibt sich stattdessen Gesichtern vor kaleidoskopenen Farben hin. Er macht, was er viel lieber macht. Gewissermaßen ist THE GANG’S ALL HERE ein Experimentalfilm, der seine rudimentäre Handlungen – mit Sketchen über Lockerheit und Verklemmung gestreckt – nur als Skelett mit sich führt, um sich über dies auf schnellstem Weg zur nächsten bunten Bühne zu begeben, auf der ohne jedes Drama ein hanebüchenes, irreales Glück genossen werden kann.
*****
Eigentlich war ich an diesem Abend mit zwei Freunden verabredet, die beide aber verhindert waren. Als Ersatz für kich bekamen sie Bilder zugesandt, welche die absurde Hutmode des Films dokumentierten.

Donnerstag 03.06.

Sweet Sixteen / Blutiges Inferno
(Jim Sotos, USA 1983) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Die Frisur von Warren William, die hier zuvor beschrieben wurde, findet in SWEET SIXTEEN ihre Fortführung. Es kommt zwar nicht direkt zur Sprache, aber die Version der Frisur findet im Text auf critic.de, der bald folgen sollte, ihre Erwähnung.

Mittwoch 02.06.

The Woman in the Window
(Joe Wright, USA 2021) [stream, OmeU]

nichtssagend

Das Testpublikum war verwirrt und konnte Phantasie und Realität des Films nicht auseinanderhalten. Weshalb es zu Nachdrehs kam und THE WOMAN IN THE WINDOW nochmal umgeschnitten wurde. Was durchaus amüsant ist, weil genau darin der Sinn lag und liegt, dass nicht klar zu unterscheiden ist, was real ist und was nicht. Und so ist nun schwer zu sagen, ob es an diesen Veränderungen liegt, dass THE WOMAN IN THE WINDOW seine Form und Ausrichtung grobgesagt alle paar Twist ändert – mal wird er von klassischen Hollywoodthrillern von Hitchcock und Preminger bestimmt, die sich ins Bild fressen, mal ist er theatrales Melodram, mal ein Slasher, dessen alles erklärender Mörder an SCREAM erinnert, mal ein Puppenhausfilm mit einer artifiziellen Version des Lichts niederländischer Meister. Aber alls bleibt nur temporäres Interesse, dass schnell wieder vergessen oder nie zu erahnen ist. Was irgendwie interessant sein könnte, wenn es nicht so wie die lieblosen, zusammengekehrten Reste diverser nicht wirklich verfolgter Ideen wirken würde.

Dienstag 01.06.

聖戰風雲 / Undeclared War
(Ringo Lam, HK 1990) [blu-ray, OmeU]

ok

Wenn es nur um die Actionsequenzen geht – und vll. noch um die atmosphärischen Miniaturen, die zu ihnen führen – dann ist Ringo Lam bei sich. Der Auftakt, bei dem sich eine polnische Kirche unter dem Einfluss einer wilden Schießerei mit rotem Nebel füllt, der aus den mannigfaltigen Einschussstellen herausgeschleudert kommt, ist noch nicht in eine Geschichte eingebunden und wohl auch deshalb das Highlight des Films. Der Buddyactionthriller, in dem sich ein Hongkonger Polizist (Danny Lee) und ein von Rache besessener CIA-Agent (Peter Liapis) zusammenraufen müssen und der sichtlich auf einen internationalen Markt schielt, schleppt sich aber ungelenk und umständlich dahin. Der internationale Terrorist und Auftragsmörder Hannibal (Vernon Wells), der sichtlich DER SCHAKAL sein soll als auch Verkleidungs- und Taktikgenie, ist aber nur Clown und prollige Panzerfaust. Eine direkte Konfrontation, der drei Seiten, die sich die Gesetze so hinbiegen, wie sie es brauchen, mal spaßig, mal torture pornig, hätte vll. etwas erreicht. So ist UNDECLARED WAR weniger offener Krieg, als ein sich ziehendes Hin und Her mit wenig charismatischen (nichtasiatischen) Schauspielern. Peter Liapis und Vernon Wells tragen den Film so wenig, wie es die matten Oneliner können. Es sind eben nur die wenigen Minuten irrwitziger Gewalt, in denen der Film zu sich kommt.

Mai
Freitag 28.05.

In Fabric / Das blutrote Kleid
(Peter Strickland, UK 2018) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Ich bin die kleine Robbe
Und Algen find ich gut.
Am Morgen hab’ ich Ausschlag,
Am Abend spuck’ ich Blut.

Peter Stricklands Film teilt sich den Humor mit diesen Zeilen, aber nicht deren Nonchalance. Sag’ ich bei critic.de.

Donnerstag 27.05.

The Duke of Burgundy
(Peter Strickland, UK/H 2014) [blu-ray, OmeU]

gut

Der Witz des Films liegt zuvorderst darin, dass es sich um SZENEN EINER EHE mit einem lesbischen Paar handelt, wobei verschleiert wird, wer die Hosen anhat. Cynthia lernen wir als Top von Bottom Evelyn bei sadomasochistischen Rollenspielen kennen. Nach einer knappen halben Stunde wird der Anschein aber auf den Kopf gestellt, wenn Cynthia überdrüssig Handlungsanweisungen auf Karteikarten folgt, die ihr sadistisches Handeln bestimmen, wenn sie Evelyn vergisst, die gerne gezüchtigt werden möchte, oder wenn Cynthia einfach nur kuscheln möchte, Evelyn aber lieber in einen Kasten gesperrt sein möchte. Mit einem Mal ist Evelyn diejenige, die in ihrer masochistischen Lust keine Rücksicht auf die Gefühle ihres Gegenübers nimmt. Und zuletzt verdichten sich die Anzeichen, dass wir im Laufe des Films nur einen Turnus eines langwierigen Spiels beiwohnten, dem Lebenszyklus zweier Motte, die mal recht simpel, mal gar nicht in ihren Rollen bestimmbar scheinen.
Mehrfach sehen wir Cynthia (Sidse Babett Knudsen) und Evelyn (Chiara D’Anna) bei wissenschaftlichen Vorträgen, in denen zuvorderst die einfache bzw. fast unmögliche Unterscheidbarkeit von Falterarten dargestellt wird. THE DUKE OF BURGUNDY fühlt sich auch ein wenig wie ein solcher Vortrag an, wenn er auch verspielter ist. Das Sounddesign, das uns mal mit dem Gesang der Falter an die Nerven geht oder mit seiner satten und gemächlichen Ausstellung der Geräusche an einer ASMD-Atmosphäre arbeitet, als auch der Fluss der Bilder und der Handlung, die wie Wellenbewegungen funktionieren, Echos voneinander sind und manchmal, in Resonanz gebracht, zu Kollagen und surrealen Stimmungsbildern werden, … Ton, Bild und Erzählung spannen sich also zwischen den Polen von rauschhaften Zuständen und äußerst gewissenhafter Inszenierung auf. In der Bestimmung der Rollen der beiden symbolisch dargestellten Motten dieser BDSM-Ehe erschöpft es sich aber immer.
Wiederkehrend werden Schaukästen mit unzähligen drapierten Motten und Schmetterlinge von der Kamera eingefangen. Wie auch Evelyn von Cynthia und Cynthia von Evelyn in ihre Rollen gezwängt werden. Und genauso zwanghaft ist THE DUKE OF BURGUNDY in seiner Inszenierung. Er fesselt und stellt alles möglichst fest und begrenzt es auf die Bedeutung, die er haben möchte. Es ist einen Ansatz, der eben seinem Sujet entspricht und erreicht durchaus rauschhafte Effekte. Es ist aber auch so, dass die Figuren in diesem Spiel zu leblosen Puppen werden, die einfach nur ein paar trockene Sketche aufführen, in denen der Top mal nicht genug getrunken hat und der Bottom ungeduldig darauf wartet, dass das goldene Nass endlich in seinem Mund/Gesicht landet … aber nichts kommt. Der wiederholt gemolkene Witz im Allgemeinen ist eben, dass auch die Perversion im Alltag zur Routine wird und dass auch die Phantasie der Perversen begrenzt ist.

Mittwoch 26.05.

Estate violenta / Wilder Sommer
(Valerio Zurlini, I/F 1959) [stream, OmU]

großartig +

Zwei Bewegungen bestimmen ESTATE VIOLENTA. Auf den Vorspann folgt ein sonniges Rimini. Strand, Bootsfahrten, Badehosen und Bikinis: Ohne dass es ins Bild geschrieben gewesen wäre, wäre nicht zu erkennen, dass wir das Jahr 1943 schreiben und sich Italien auf der Verliererstraße eines Weltkriegs befindet. Der Film endet aber in Bombenhagel und Artilleriefeuer. Dazwischen nimmt der Krieg immer mehr Realität an, der Duce tritt zurück und das Narrativ einer Befreiung Italiens von dessen Joch wird von den Bewohnern der Küstengegend mit grobem Revanchismus zu installieren versucht.
Gleichzeitig verlieben sich Witwe Roberta (Eleonora Rossi Drago) und Funktionärssohn Carlo (Jean-Louis Trintignant). Aus einer zaghaften, aber schicksalsträchtigen Annäherung, die Eifersucht, Neid und familiäre Spannungen hervorruft, aus einem Film über die enorme Macht amouröser und sexueller Anziehung, der in seinen Bildern einfängt, was nicht zu sehen ist, wird ein direktes Melodrama, über ein Liebespaar, das von ihren Gegensätzen zerstört wird. Roberta ist etwas mehr als zehn Jahre älter als Carlo, Mutter eines Kleinkinds und tief in familiäre Strukturen eingelassen. Carlo ist ungebunden und verkehrt eigentlich nur in seinem Freundeskreis. Er ist aber auch Sohn eines Faschisten, eines Kriegs- und Statusverlierer, weshalb er sich im Laufe des Films nicht länger vor der drohenden Einberufung verstecken kann.
Die emotionale Intensivierung der Beziehung vollzieht sich selbstredend parallel mit der Intensivierung des Krieges. Als Mussolini zurücktritt und seine Statue von einem Mob niedergerissen wird, taucht Carlos Vater erstmals im Film auf, schrumpft auf ein menschliches Maß und verschwindet wieder, während sich auch Roberta von der Knute ihrer Mutter befreit. Die Macht im Staat bricht zusammen und die Macht der Eltern löst sich gleichzeitig auf. Wie auch Leuchtfeuer der Alliierten den ersten Kuss begleiteten, wie Soldaten den ersten Koitus verhindern werden.
Es handelt sich aber auch um einen Film, der sein Gewand und seine Energie mit der Zeit ändert. Lange Zeit funktioniert er über Potentiale, über Blicke und Lieder, über alles bestimmende Raumchoreographien, in denen sich die Figuren entsprechend ihrer Beziehung zueinander aufstellen und die Bilder bedeutungsvoll betreten und verlassen. Es gleicht einem Tanz, in dessen strenger Form Anziehung und Abstoßung spürbar werden. Einem Tanz, der trotz der Härte und der Kantigkeit seiner Inszenierung sich ganz weich den Leuten und ihren sie überwältigenden Gefühlen annähert. Es gleicht einem Film Antonionis, der sich nicht um Leere und deren Transzendenz schert, sondern um so etwas Profanes wie Begierde.
Wenn die Liebe sich dann durchgesetzt hat, wenn die elterliche Autorität dahin ist, die Freunde aus dem Bild verschwunden sind, wenn es nur noch um Carlo, Roberta und den Krieg geht, dann ist ESTATE VIOLENTA viel beredeter geworden. Die Funken sind nicht mehr zu spüren, es herrscht nur mehr nackte Angst und Hoffnungslosigkeit. Je mehr der Film sich zu einem groben, niederdrückenden Melodrama entwickelt, desto schwächer wird er. Waren die Widerstände davor brüchig, ist es jetzt der Krieg und die Angst vor dem eigenen Schatten (sprich: den eigenen Gefühlen), die ein großes NEIN zur Liebe herniederschmettern lassen. Auf die aufzehrende, euphorisierende Luftigkeit folgt ein eindimensionales Zertrümmern.
*****
Das Bild des Netflix-Streams ist übrigens gräulich. Es ist gnadenlos gesäubert und allem Filmischen beraubt, die Kontraste und die Tiefe des Bildes zerstört. Es ist ein grauer, glattgestrichener Brei.

Dienstag 25.05.

Derrick (Folge 243) Katze ohne Ohren
(Horst Tappert, D 1995) [DVD]

gut

Fridays for Future bei Derrick. Physiker Dr. Kostiz (Karlheinz Hackl) ist davon überzeugt, dass die Apokalypse schon begonnen hat. Die Umwelt wird kollabieren und die Menschheit ist apathisch und egoistisch. Mehrmals wird er von KATZE OHNE OHREN in die Mitte von Zuhörern gesetzt und darf seine eigenen düsteren Bergpredigten an die Jugend und den biologischen Abfall (d.i. Heroinsüchtige) halten. Eine Jüngerin (Svenja Pages) wird er per Fernsehinterview erwecken, die darauf ihren Drogendealerlebensgefährten verlässt. Der sich daraus entspinnende Mordfall wird aber nur die mikroskopisch kleinen – so Dr. Kostiz – Probleme der Drogensucht behandeln. Beim Griff nach einer großen Apokalypse taucht das Drehbuch Reineckers doch wieder auf den persönlichen Weltuntergang der Sucht mit ihren verschwitzten, zitternden Körpern ab. Es lässt ihn einfach nicht los. Und der selbstvergessene Bibelfilmwahnsinn im München der 90er schrumpft so mit der Zeit auf ein gemächliches Maß einer ziemlich normalen Derrick-Folge.

Montag 24.05.

42nd Street / Die 42. Straße
(Lloyd Bacon, USA 1933) [DVD, OF] 2

großartig

Die große Depression als Tretmühle, in der alle von einer existentiellen Angst bestimmt sind. Und niemand mehr als Musicalregisseur Julian Marsh (Warner Baxter), der sich an seine neueste Produktion klammert, um wieder Geld zu machen und seine Kunst weiterverfolgen zu können. Baxter spielt seinen Verzweifelten als Wrack, dessen Haare nie ganz liegen, der völlig zerknautscht aussieht und durchgängig die Tänzer und Tänzerinnen anschreit und niedermacht. Der seinen Frust an den Machtlosen in seinem Umfeld ausagiert. Der allen das Leben zu der Hölle macht, die die Angst in ihm erweckt. 42ND STREET baut in diese Atmosphäre von Unsicherheit und Missbrauch aber durchgängig Motive der Hilfe, Freundlichkeit und (Nächsten-)Liebe. Wie um ein Gleichgewicht zu erreichen.
Es läuft dabei alles auf die wunderbare Musicalinszenierung Busby Berkelys hinaus, in der alles Niedere von der Realität abfällt und es nur noch glänzt und atemberaubend schön ist. Julian Marsh wird danach ausgezehrt auf einer Treppe sitzen und den Kritikern zuhören. Einer wird sagen, dass Marsh den Ruhm für sich beanspruchen wird, obwohl der Triumph nur in seiner Notlösungshauptdarstellerin (Ruby Keeler) zu finden ist. Hier lässt der Film nochmal aussprechen, was immer wieder gezeigt wurde: Nicht der diktatorische Ton der Angst schuf den schlussendlichen Erfolg, sondern eine verunsicherte Frau, die trotz der Depression Wärme erhielt. 42ND STREET ist eine unbekümmerte Komödie, mit einem ziemlichen bitteren Unterstrom. Es ist aber auch eine humanistische Verhandlung über Garstig- und die Notwendigkeit von Nettigkeit.

The Terror / Schloß des Schreckens
(Roger Corman, USA 1963) [blu-ray, OF]

großartig

Eine Frau wandert durch eine Strandlandschaft, ein napoleonischer Soldat (Jack Nicholson) irrt ihr nach, bis sie in einer irrealen Felsformation – einer Art Tor im offenen Meer – verschwindet. Die satten Farben des Films deuten deutlich auf den Roger Corman-Film von Anfang/Mitte der 60er. Aber gerade dieser Beginn hat auch einen Hang zu den Sensibilitäten eines Jean Rollin. Jack Nicholsons Soldat wird von seinem erigierten Schwanz hypnotisiert dem Mysterium der verschwundenen Frau auf ein E.A.Poe-artiges Schloss folgen und THE TERROR wird es sich irgendwo zwischen dem Staub der Hammer-Filme, der Logik eines Films Rollins und eben der Farbigkeit der Poe-Verfilmungen Cormans bequem machen. Erst wenn am Ende alle offenen Stränge verknüpfen werden, wird es etwas pflichtschuldig. Davor ist THE TERROR auf sehr entspannte Weise seltsam und von Besessenheit besessen.

Sonntag 23.05.

大丈夫日記 / The Diary of a Big Man
(Chor Yuen, HK 1988) [blu-ray, OmeU]

großartig

Damn you, Kozo! und der dort veröffentlichten Liste der besten Filme der 80er habe ich zu verdanken, dass ich diesen Film kenne. Dem dortigen Platz 52 war dieser Ausschnitt – eine Musicalnummer mit einem Maraca-schwänkenden und Entenfleisch hackenden Chow Yun-Fat – beigefügt. Kaum einem Film auf all den entsprechenden Listen bei Damn you, Kozo! habe ich so sehr herbeigesehnt. Nun sah ich diese Komödie über die Freuden von Bigamie, bei denen Chow Yun-Fat in einer Aneinanderreihung von Sketchen anderthalb Stunden versuchen muss, dass seine beiden Frauen nichts voneinander erfahren, obwohl sie sich im gleichen Raum befinden und sich mit der Zeit auch noch anfreunden. Den hohen Erwartungen des Musikvideos konnte das Ganze nicht gerecht werden, da der Wahnwitz zwar hochprozentig ist, aber nicht die dortigen Höhen erreicht. Trotzdem ist es very, very nice.

20 30 40
(Sylvia Chang, TW 2004) [DVD, OmU]

großartig

Drei Generationen müssen ihr Verhältnis zur Liebe im Speziellen und ihr Leben im Allgemeinen überdenken. Die Jüngste (Angelica Lee) verliebt sich auf der Suche nach Popstarruhm unbemerkt in die Partnerin ihres Duos. Die Mittlere (René Liu), eine Stewardess, steckt in der Echokammer ihrer hysterischen Beziehungen fest. Und die Älteste (Sylvia Chang) lässt sich scheiden und muss ihr Leben neu ordnen. Mit seiner episodischen Struktur, die zwischen den drei Protagonisten hin und her wechselt, ihnen aber viel Platz lässt, mit seinen Spielereien, dass sich die Protagonisten immer mal wieder an den selben Plätzen befinden, aber nie miteinander interagieren, kleinen amüsanten Nebenschauplätzen wie Anthony Wongs Crunge-Musikproduzent, als auch mit dem Hang zur hoffnungsvollen Melancholie im Scheitern steht 20 30 40 dem Kino von Wong Kar-Wai nahe. Nur ist Sylvia Changs auch in der Taiwanesischen Neuen Welle zu Hause, weshalb der Film sich nicht den Prätentionen Wongs annähert. Ganz entspannt geht es nicht um Entscheidendes, sondern um Dinge, mit denen sich halt auch mal herumgeschlagen werden muss.

Sonnabend 22.05.

胡越的故事 / The Story of Woo Viet
(Ann Hui, HK 1981) [blu-ray, OmeU]

fantastisch

Der Film endet damit, wie eine Leiche zu Wasser gelassen wird. Dazu wird ein Brief an eine Figur vorgelesen, deren Präsenz den Film schon lange verlassen hat. Woo Viet (Chow Yun-Fat) kehrt zu Beginn des Films aus Vietnam nach Hongkong zurück. Der Krieg steckt ihm in den Knochen. Sobald es nötig ist, mordet er ohne mit der Wimper zu zucken. Der Film zeichnet ihn als leere Hülle und haltlose Präsenz zwischen dem Grauen, dem er entkam und dessen Ausmaß nur zu erahnen ist, und entfernte Projektionsflächen, für die er handelt – für eine Brieffreundin (Cora Miao) versuchte er den Krieg zu überleben, für eine Frau (Cherie Chung), die in den Philippinen in die Prostitution verkauft wurde, gibt er eine ruhigere, unklare Zukunft in den USA auf und verdingt sich in Manila, um mit ihrer Befreiung ein halbwegs greifbares Ziel vor Augen zu haben. THE STORY OF WOO VIET könnte Liebesfilm oder Actionthriller sein und greift die Tropen dafür wiederholt auf, nur läuft es ebenso wie Woo Viets Anstrengungen ins Leere. Lakonisch wird ein Verlorener verfolgt, ohne die Kraft für Erklärungen aufzubringen, die er selbst auch nicht mehr hat. Tod und Kampf scheint er zu suchen, um dem eigenen Ende näher zu kommen. Und die Melancholie des Films liegt darin, dass es doch nur immer die anderen trifft und sein Leben nur noch mit Lügen von Hoffnung bestanden werden kann.
*****
Erstmals hörte ich von diesem Film übrigens in Lukas F.s sehr schönen Text über Ann Hui im Filmdienst.

Freitag 21.05.

Unsane / Unsane: Ausgeliefert
(Steven Soderbergh, USA 2018) [blu-ray, OmeU]

gut

Soderbergh drehte den Film mit einem iPhone und hatte dabei sichtlich Freude, mit Verzerrungen zu spielen. Oft sitzt Sawyer Valentini (Claire Foy) beispielsweise zentral in der Einstellung und in einer leichten Fischaugenoptik zerrt sich der Raum um sie. Gegen ihren Willen wird sie in einer Anstalt festgehalten. Solange UNSANE Sawyers Perspektive folgt, aber unklar lässt, ob sie nun an etwas wie paranoider Schizophrenie leidet oder sich einfach nur sehr, sehr unausgeglichen in einer wahnwitzigen Situation verhält, sind diese hyperrealistischen Zerrbilder das eindrucksvolle Mittel zur Erzählung. Sobald die Geschichte aber umschlägt und Sawyer in den Klauen ihres Stalkers und den perversen Auswüchsen einer kapitalistischen Gesellschaft festsitzt, dann macht Soberbergh ungestört weiter. Die Geschichte macht ihres und die Optik ihres. Nicht dass es nun eklatant unpassend wäre, es zeigt sich nur, dass UNSANE ein wenig zum Ein-Trick-Pony neigt, das sich zudem nicht wirklich mit dem Schmutz der Situation, dem Spiel mit sexueller Gewalt und Abhängigkeit, die Hände schmutzig machen möchte.

Donnerstag 20.05.

Arachnophobia
(Frank Marshall, USA 1990) [DVD, OmeU]

gut +

Die Basics sind super, die Spinnen in diesem Spinnenhorror sowohl in ihrem einzelnen Krabbeln, ihrem Auftreten in Massen, als auch als Tricktechnik einer riesigen Monsterspinne atemberaubend (unangenehm). Aber scheinbar bin ich inzwischen zu sehr Freund unserer krabbelnden Mitstreiter gegen die gemeine Stubenfliege, als dass ich nachhaltig von ihnen terrorisiert werden könnte. Was es schwerer machte zu ignorieren, dass die Geschichte eines Arztes, der in einer Kleinstadt versucht Fuß zu fassen, völlig unpointiert und egal dahinplätschert, unnötig viel Platz einnimmt und schnell auch wieder weggeworfen wird, wenn endlich Spinnencontent kommt.
*****
Hätte ich ARACHNOPHOBIA als Jugendlicher gesehen, als der Ekel vor Spinnen mich jeden Abend ans Fenster brachte, um die Brummer – in unmittelbarer Umgebung eines Flusses lebte es sich für Spinnen scheinbar ganz gut – unterhalb der äußeren Fensterbank zu entfernen, weil ich nicht schlafen konnte, wenn ich ahnte, dass dort wieder welche ihr Netz gebaut hatten und lauerten, dann wäre ich wahrscheinlich bei diesem Film gestorben.

Mittwoch 19.05.

The Little Shop of Horrors / Kleiner Laden voller Schrecken
(Roger Corman, USA 1960) [blu-ray, OF]

gut +

Ich gehe davon aus, dass THE LITTLE SHOP OF HORRORS bei mehreren Sichtungen wächst. Tatsächlich steckt eine sehr charmante schwarze Komödie über Opportunismus, Masochismus und den Wahnsinn dieser Welt/Realität bzw. die Anmaßung dessen, was wir Leben nennen, in dieser Geschichte über einen Blumenzüchter, der für Liebe, Anerkennung und Lohn sein botanisches Werk – eine menschenfressende Blume – füttert. Optik, Ausstattung und das sehr eindimensionale Schauspiel weisen ständig auf das begrenzte Budget und auch auf das begrenzte Talent Cormans. Was dem Film aber auch eine schön ranzige Direktheit verleiht. Dass vieles – vor allem die Gags – Hit and Miss sind, hat mich wiederholt aus dem Film herausgenommen. Aber ich glaube, es wird besser werden, wenn wir uns besser kennengelernt haben.

Dienstag 18.05.

双龙会 / Twin Dragons
(Tsui Hark, Ringo Lam, HK 1992) [blu-ray, OmU]

großartig

Ein unsichtbares Band verbindet Zwillinge, die kurz nach ihrer Geburt getrennt wurden. Wenn Dirigent und Klavierspieler Ma Yau (Jackie Chan) beispielsweise sein Spiel übt, dann bewegen sich auch die Finger des Mechanikers und Gelegenheitskriminellen Bok Min (Jackie Chan) wie von selbst. Tatsächlich wird aber erst gegen Ende dieses Potential nutzbar gemacht, wenn Bok Min Ma Yau in einem Kampf fernsteuert. Mehrmals hatte es schon vorher die Möglichkeit zu Ähnlichem gegeben. Vor allem als Ma Yau in einer Verfolgungsjagd eingespannt ist, während Bok Min ein Konzert dirigieren muss und beide miteinander telefonieren. TWIN DRAGONS stützt sich aber lieber auf ziemlich gängige Verwechslungsmotive – sie schlafen eben mit den Frauen des anderen, die sich wiederum in die neue Persönlichkeit ihres Gegenübers verlieben, und die beiden versuchen daraufhin die Verwechslung zu verschleiern – und spielt nur hier und da mit seinen Möglichkeiten. Furor und Tempo des Auftakts kann der Film nicht halten, und doch ist er viel mehr als sein Ruf der schlechten Special Effects, wenn die beiden Jackies in einer Einstellung zu sehen sind. Actioninszenierung und Klamauk, dass können sie zu der Zeit. Nicht nur Tsui Hark und Ringo Lam, sondern auch all die anderen Regisseure und Regisseurinnen, welche sich im ganzen Film in Nebenrollen tummeln.

Montag 17.05.

Cosmos
(Andrzej Żuławski, P/F 2015) [stream, OmU] 2

fantastisch

Manche Filme zeigen einem ja eine Version der Realität, in der wir gerne leben würde. Unter der Bedingung, dass ich wieder heraus könnte, wäre dies einer meiner ersten Wahlen, wenn ich Einsteiger wäre.

Sonntag 16.05.

Frühe Filme von Georges Méliès
(Georges Méliès, F 1900-1904) [DVD]

tba.

Spiritisme abracadabrant [Haarsträubender Spiritismus] (1900)
Barbe-bleue [Blaubart] (1901)
Le Voyage dans la Lune [Die Reise zum Mond] (1902) 5
Le couronnement du roi Édouard VII [Die Krönung von Eduard VII.] (1902)
Le Mélomane [Der Musikfreund] (1903)
Le chaudron infernal [Der infernalische Kessel] (1903)
Le cake-walk infernal [Der infernalische Cakewalk] (1903)
Sorcellerie culinaire [Kulinarische Hexerei] (1904)
La sirène [Die Meerjungfrau] (1904) 2
*****
Als Lotti Z. (5 Jahre) das Menü der DVD sah, die ich zuletzt im Januar einlegte, meinte sie sofort, dass dies die Filme seien, die mir gefallen und wo die ganze Zeit seltsamen Dinge geschehen. Es hat Eindruck hinterlassen. Dieses Mal wirkten die Filme aber – glaube ich – nicht so nachhaltig, weil Méliès zu dieser Zeit mehr Narrative einbaute und weniger Zaubertricks vorführte. Das war dann für sie weniger interessant.

一觸即發 / Touch and Go
(Ringo Lam, HK 1991) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Zwei ungleiche Partner – ein Restaurantbesitzer (Sammo Hung), der Zeuge eines Mordes wurde und der trotz seiner Siege in so ziemlich allen Scharmützeln aus Angst am liebsten nichts wissen und aussagen als auch Frieden mit den Gangstern schließen möchte, und ein Polizist (Vincent Wan), der nach dem Mord an seinem Partner jähzornig und mit maximalen Machtmissbrauch loszieht, um sich zu rächen, ohne dabei sonderlich erfolgreich zu sein – müssen es ohne jede Chance gegen eine völlig korrupte Gesellschaft – einen Zwangsprostitutions- und Erpresserring, der die Männer von Macht in der Hand hat, die sich auf Videos mit anderen Frauen als den ihren vergnügen – ankämpfen. Nach seinen Kämpfen an vielseitigen Fronten lässt Ringo Lam diesen Film mal wieder in einem Feuer aus der Hölle untergehen. Nur befinden sich die Beteiligten mehr darin als jemals zuvor. Tommy Wong spielt nicht umsonst einen Gangster, der God of Hell genannt wird.
Trotz der Umstellungen ist die Version von NUR 48 STUNDEN als solche noch gut zu erkennen. Die Geschichte vollzieht sich vll. nicht ganz so flüssig, Action und Quatsch stechen das Vorbild aber locker aus. Gerade Sammo Hung wirft sich in beiden Hinsichten kräftig ins Zeug, wenn er sich gleich zu Beginn nur in seiner Unterhose in den Straßen mit einem Gartenschlauch abduscht und sich den pieselnden Schlauch als zweiten Penis zwischen die Beine klemmt, nur um sich danach akrobatisch durch eben dieselben Straßen zu prügeln. Und weil es sich um einen Film aus Hongkong handelt, gibt es einen ausufernden Subplot um die Mutter der Figur Sammo Hungs, die ihn gerne verheiratet sehen möchte.

Hollywood Hotel
(Busby Berkeley, USA 1937) [DVD, OF]

großartig

Busby Berkeley übernimmt die Regie und es herrscht gleich spürbar mehr Schwung im Vergleich zu den Filmen zuletzt, bei denen er lediglich einzelne Tanzszenen inszenierte. Nebenher ist HOLLYWOOD HOTEL aber auch ein dezenter Film über die Ausgrenzung der afroamerikanischen Bevölkerung und der implizite Hinweis darauf, dass Blackfacing auch 1937 nicht nur Status quo ist, sondern auch nur das, was lediglich der verwirrteste Charakter des Films für gute Unterhaltung hält.

Sonnabend 15.05.

Valhalla / Walhalla
(Peter Madsen, Jeffrey James Varab, DK 1986) [blu-ray, OmU] 10

großartig

Ich mag diesen Film sehr. Mich stört nur hier und da der hektische Slapstick, der seit den ersten Cartoons für Jahrzehnte zum Inbegriff des Kindgerechten war, und dass der dumme Junge der Held sein muss. Ansonsten ist es aber das fantasievolle Gegenbild zur Realverfilmung von 2019.

Freitag 14.05.

Scarface
(Brian De Palma, USA 1983) [blu-ray, OF] 2

ok +

Gerade wenn die helle Leere der Räume sich im Laufe des Films zu einer schwarz-goldenen Vorhölle der Statussymbole wandelt, ist SCARFACE einer der schönsten Filme De Palmas. Nur: wer braucht noch eine epische Aufarbeitung hypermaskuliner Tragik, die einzig diesen Glanz dem Altbekannten hinzufügt. Mich würde tatsächlich viel mehr ein Film über die Figur Michelle Pfeiffers interessieren. Oberflächlich folgt sie der Schuljungenpsychologie der Hauptfigur, dass Frauen auf Macht stehen und ist eben wechselnd die Geliebte des gerade mächtigsten Mannes. Aber zu keinem Zeitpunkt wirkt sie glücklich. Eher wie ein zickiges Entführungsopfer, dass in Resignation und Selbsthass versinkt.

Valhalla
(Fenar Ahmad, DK/IS/N/S 2019) [blu-ray, OmU]

nichtssagend

Es könnte sein, dass das Geld fehlte, das Talent oder einfach der Wille. Mein Tipp ist aber, dass es alles auf einmal war. Diese Realverfilmung des Comics schafft es zu keinem Zeitpunkt, etwas Staunenswertes oder einfach nur das Geschehen ins Bild zu setzen. Ob Thor nun geschlachtete Ziegenböcke wieder zu Leben erweckt oder in einem Wettbewerb aus einem Krug trinkt, der ohne sein Wissen das Meer enthält: Bestenfalls sind nur minimale Anzeichen dessen zu sehen, die ausreichen, dass der Zuschauer nachvollziehen kann, was geschieht. Am liebsten wird der fantastische Anteil der Geschichte jedoch von der Leinwand verbannt.
Manchmal neigt die Optik zu einem Pilztraum, wenn die Farben und Bildinhalte psychedelisch verschwimmen. Es ist aber das einzige inszenatorische Highlight eines Films, der grau und vom Drang bestimmt ist, realistisch und woke zu sein. Ein Trauerspiel, dessen Lowlight der kleine Riese Quark ist, mit dem der Film überhaupt nichts anzufangen weiß. Weder reichte der Mumm oder die Einsicht dazu, ihn einfach zu streichen. Stattdessen läuft da eben ein Jugendlicher mit einem starken Unterbiss durch den Film und niemand weiß warum.

Mittwoch 12.05.

Oxygen
(Alexandre Aja, USA/F 2021) [stream, OF]

ok

Über diesen Luftikus von einem Film gibt es einen Text bei critic.de, in dem ich – kurzgefasst – versuche zu sagen, dass hier jemandem zugeschaut werden kann, der sich aus einem formatierten Escape Room befreit.

Dienstag 11.05.

伴我闖天涯 / Wild Search
(Ringo Lam, HK 1989) [blu-ray, OmeU]

großartig

Zu Beginn zeigt eine Einstellung ein Regal mit Geschirr. Gerade wurde mehrmals durch dieses hindurch geschossen. Die entstandenen Scherben sind eine Impression der Ruhe nach dem Sturm, der Leere nach einem traumatisierenden Ereignis. In einem Film von Ringo Lam ist dieser knappe Platz für Reflexion durchaus eine Besonderheit, die nicht wiederholt werden wird. Es bildet einen Absprungpunkt, von dem aus sich mehrere Dinge in Bewegung setzten, um gepflegt zu kollidieren.
Während in den Meisten Filmen Ringo Lams eine einzige gegebene Situation verdichtet wird, in dem die Grundspannung immer unaushaltbarer gemacht wird, kommt das Atemlose in WILD SEARCH von einem Crash der Filme. Im Tristkinddrama muss sich ein Großvater, der über seine enttäuschte Liebe zu seiner Tochter verbittert ist, mit seiner Enkelin zusammenraufen, die bei einer Schießerei ansehen musste, wie ihre Mutter starb. Im Liebesfilm müssen Polizist Miao-Miao (Chow Yun-Fat) und Bäuerin Cher (Cherie Chung) nicht nur ihre Animositäten, sondern auch ihren Ex-Ehemann überwinden, der wieder Ansprüche anmeldet. Und im Actionfilm kämpft Miao-Miao immer manischer mit einem Syndikat.
All das ist aufgespannt zwischen dem optischen und sittlichen Unterschied zwischen der Neon-Großstadt und den Kornfeldern sowie der improvisierten Grobheit der Dorfarchitektur des Landes. Die Filme überlagern, um- und entschlingen sich. Und gerade weil WILD SEARCH nichts zwanghaft im Auge behält, sondern rein pragmatisch nutzt um den Level der Emotionen hochzuhalten, ist er vll. nicht subtil, aber ziemlich unausgeglichenes Biest. Die Kinder sind süß und lachen herzerweichend und brechen einem mit ihren Tränen das Herz. Die Gangster lachen herablassend, was mehr als ihre Gewalt wehtut, oder sie stehen in Flammen. Dazwischen gibt es nichts.

Sonntag 09.05.

Varsity Show
(William Keighley, USA 1937) [DVD, OF]

ok +

THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY als episodische, fast sitcomartige Campuskomödie, in dem ein integrer Musicalcoreograph (Dick Powell) und sein pragmatischer, gieriger Partner (Ted Healy) gegen die Verbohrtheit ihrer Alma Mater ankämpfen, die der U-wünschenden Jugend E aufzwingt. In der entstehenden Aushandlung von Demokratie – herrschen die gewählten Volksvertreter nach unten oder haben die Wähler auch Entscheidungsgewalt in der Gestaltung der alltäglichen Gegebenheiten – entsteht eine doppelte Unterdrückung des Schmierigen. Durch die Spießer der Uni und ein aufgeräumtes Hollywood. Und Ted Healy ist wie das Gravitationszentrum, dass ansaugt, wenn es Sadismus, Lust, Chaos und Sex doch aus den Ritzen herausdringt.

Niagara
(Henry Hathaway, USA 1953) [blu-ray, OF] 3

großartig +

NIAGARA zeigt Wasser als reißenden Strom und als Regenbogen in der Luft – wenn es kein feuchter Film auf der Haut ist. Zu Beginn stehen die farbigen, harmonischen Farbbögen über dem Reißenden des Reiseziels vieler Verliebter. Die Natur ist beeindruckend und schön, der Urlaubskomplex harmonisch, wenn auch etwas karg. Ein frischverheiratetes Paar holt seine Flitterwochen nach. Es wird aber einem Ehepaar entgegengestellt, dessen Liebe sich überlebt hat, dessen Liebe zu Sadismus, Psychose und Resignation geworden ist. Monroes Lächeln liegt immer wieder wie eine Rasierklinge an der Kehle eines Mannes (Joseph Cotton), der sie gerne – gleich einem Sumpf – verschlingen würde. Während sich die ältere Generation im Traumkondo quält und versucht zu töten, offenbart sich aber auch, in welche potentielle Hölle sich Polly Cutler (Jean Peters) begeben hat, die mit ihrem Ehemann auf die Übernahme des Kondos mit Aussicht auf den (zerstörerischen) Wasserfall wartet. Die Idylle der Frischvermählten wird zusehends zum Musikantenstadlmoderationsinferno, in dem für Schwäche, Ängste und menschliche Gefühle kein Platz herrscht. Die Regenbögen verschwinden und es bleibt ein Strom zu Tod und bitteren Ehen, dem nur mit einem Absprung zu entgehen ist.

Sonnabend 08.05.

Twixt / Twixt – Virginias Geheimnis
(Francis Ford Coppola, USA 2011) [3D-blu-ray, OF]

fantastisch

Die Realität ist in TWIXT in Farbe. Die Träume sind fast in Schwarzweiß. Und wenn die Träume in der Realität schließlich eine feste Form finden bzw. wenn sie in ein handfestes Werk der Fiktion überführt werden, dann werden die Bilder dreidimensional. Grob könnte es so gegliedert werden, wenn hier ein abgehalfterter Schriftsteller (Val Kilmer) in einer Kleinstadt Zeitschleifen, Vampire und Geister findet, während er den Verlust seiner Tochter im Alkohol ertränkt, wenn er sein eigenes IN THE MOUTH OF MADNESS erlebt. Trotz des Hangs zu diesem Konzept geht es TWIXT aber gerade nicht um die klare Trennung. Vielmehr wird nach einer Grenze gesucht, wo es aber nur fließende Übergänge gibt. Sprich: Wir wohnen einen ziemlich entspannten Fiebertraum bei, in dem Coppola nicht an der Gravität des Stoffes interessiert ist, sondern an der Flüchtigkeit eines Gespenstergarns, die ihm Platz zum spinnen gibt … und bei dem er dem Zuschauer vor allem einmal richtig das Blut ins Gesicht schmeißen möchte.

Arrival
(Denis Villeneuve, USA 2016) [blu-ray, OF] 2

großartig

Villeneuve lässt es sich selbstredend nicht nehmen, 2001 zu zitieren. Eines der schwarzen, rätselhaften Raumschiffe wird von unten gefilmt, damit es wie eine verzerrte Version des schwarzen Steins in seiner berühmten Einstellung aussieht. Meist stellt er seinen Hang zum krampfhaften Beweisen seiner Klasse aber hinten an und konzentriert sich auf den emotionalen Kern. Auf Verlust, Herbst und eine Trauerarbeit, die sich als Versuch, eine fremde Sprache zu entschlüsseln, darstellt.

Freitag 07.05.

座頭市鉄火旅 / Zatoichi’s Cane Sword
(Yasuda Kimiyoshi, J 1967) [blu-ray, OmeU]

gut

Ab und zu verlässt Zatoichi die von braun und schwarz dominierten Bilder mit ihren Verschnörkelungen und ihrem Sinn für Leere, welche die Yakuza-Welt und die von ihr dominierten Bereiche bestimmen. Für wenigen Minuten findet er sich in einem bunten Durcheinander. Es ist eine Erlösung und Rettung für ihn. Es sind aber auch Orte, an denen ihm ein Niederlassen nicht vergönnt ist. Bzw. dort gönnt er sich keinen längeren Aufenthalt.

Donnerstag 06.05.

Cosmos
(Andrzej Żuławski, F/P 2015) [stream, OmU]

fantastisch

Jurastudent Witold (Jonathan Genet) möchte ein paar Tage in Ruhe für seine Prüfung lernen, so sagt er, und reist ans Meer. Fuchs (Johan Libéreau), der Mitarbeiter des Modehauses Ralph and Lang, fühlt sich nicht wertgeschätzt. Er haut mit dem Firmenauto vor einer wichtigen Convention ab und taucht ebenso am Meer unter. Beide kommen in der Privatpension einer Patchworkfamilie unter. Witold aber trauert – statt zu büffeln – seiner Exfreundin nach. Er pflastert das Geschehen mit Zitaten von Sartre, Tolstoi oder Stendhal oder bellt manisch ein eigenes Buch in seinen Laptop. Erratisch wirft er mit Worten um sich, die den Film wie sein Skelett durchziehen. Fuchs schaut Modeschauen und referenziert James Dean, Charlie Chaplin oder Pasolini. Nachts verschwindet er und kommt mit blutiger Nase und blauen Flecken zurück. Er bietet Unausgesprochenes dar, welches das Fleisch des Films bildet. Von Witold geht ein Melodrama um Sex, Begierde und Ehebruch aus, während Fuchs auf einen Krimi weist, der sich in den sie umgebenden Zeichen andeutet. Wort und Bild stehen sich in ihnen exemplarisch gegenüber und vereinen sich in der Freundschaft der beiden.
Diese Dialektik läuft aber nicht auf eine kreuzmediale Studie heraus, sondern genießt schlicht Widersprüche und ihr Aufeinanderprallen. Ein wenig gleicht es THE DRAUGHTMAN’S CONTRACT – ohne den Kostümaspekt –, wenn dieser sich nicht in stilsichere Labyrinthe verklausulieren, sondern mit manischer Emotionalität durch das Traubenfass seiner Lust trampeln würde. Bei beiden liegen Indizien in einem Garten. Dort bilden sie ein klares System, hier sind sie nur weitere rätselhafte Dinge … in einer Welt, die sich jedem klaren Zugriff verwehrt. Wo Greenaways alles erst eindeutig erscheinen lässt, um es erst schlussendlich zum Rätsel zu machen, da wahrt Żuławskis Film nie den Schein.
Zu Beginn arbeitet COSMOS verstärkt mit assoziativen wie intensiven (Match) Cuts, in denen die subtilen Eigenwilligkeiten der Bilder und des Lebens in dem Familienhaus ineinander fallen und diese in Irrsinn, Begierde und Tollheit transzendieren. Mit der Zeit, wenn Witold auch mal von Ophüls und Dreyer spricht, während Fuchs Sartre zu lesen beginnt, lässt dies nach. Die Seltsamkeit schreibt sich zunehmend expressiv in die Bilder, so dass beispielsweise ein im Wind wankender Wald, der mit künstlichem Licht beschienen wird, zum Hort der Besessenheit der Figuren werden kann. Irgendwann stehen die Dollys des Filmteams gut sichtbar im Wald und die Handlung splittet sich in zwei Realitäten auf. Nie geht es um Einheitliches, sondern um das Bedrohliche und das Vergnügliche von Irritationen und Zersplitterung.
Das Geschehen verdichtet sich deshalb auch nicht zu einer klaren Handlung. Wenn Witold zu Beginn an einem erhängten Spatzen verbeikommt, greift er zu und umschließt den Leichnam mit seiner Hand. Sofort schreckt er aber zurück und weiß sichtlich nicht, welchem Impuls er nun schon wieder folgte. Oder er wird einen bedeutungsschwangeren Satz in die Kamera sprechen, nur um ihn gleich wieder mit der Stimme eines psychopatischen Donald Ducks zu wiederholen. Sinn steckt nur in der Sinnlichkeit des Erlebens. Die Familie, bei der Witold und Fuchs unterkommen, besteht dann auch aus Ausbeutung, körperlichen Entstellungen, Sprachfehlern, Leuten, die mitten im Gespräch einfrieren, nächtlichem manischen Holzhacken und einem Haus, in dem die Flecke, die von einem Wasserschaden zeugen, wie Vaginas aussehen. Spieltrieb, die Lust Dinge kaputt gehen zu lassen, Idiosynkrasien und Wahn bestimmen diesen Film. Intellektuelle Erkenntnisse sind nur das Nebenprodukt eines Spaßes, der den späten Scott Walker als fröhlichen Musikmacher versteht.

Mittwoch 05.05.

神勇雙妹嘜 / Doubles Cause Troubles
(Wong Jing, HK 1989) [stream, OmU]

verstrahlt

Eine Komödie über ein ungleiches Paar, das sich eine Wohnung teilt, trifft auf einen Actionthriller. Und da es sich um ein Werk von Wong Jing (♥) handelt, werden alle Ansprüche an Ernsthaftigkeit genüsslich sabotiert. Jeder Kalauer wird mit maximaler Wonne mitgenommen. Jeder Spaß versucht sich im Widerspruch zwischen billigen Jux und maximaler Verspieltheit bzw. Kreativität aufzuspannen, versucht beides zu vereinen. Vll. ist das Ergebnis hier noch nicht so wahnwitzig wie zu seinen Hochzeiten, aber schon sehr nah dran. Und dass Maggie Cheung – im Westen eher als ätherische Schönheit bekannt – in ihren frühen Jahren in allerlei Hongkongquatsch mitgespielt hat und sich für keine Dämlichkeit zu schade war, ist immer noch nicht ganz von mir verinnerlicht. In diesen Teil ihrer Filmographie vorzudringen, ist jedes Mal eine neue Offenbarung.

Dienstag 04.05.

The Mummy / Die Mumie
(Stephen Sommers, USA/UK/MOR 1999) [DVD, OF] 4

ok

Ich habe diese THE MUMMY einst im Kino während der Startwoche gesehen. Danach auch noch mehrmals im Fernsehen. Die letzten ca. 15 Jahre nicht mehr. Erstaunlich finde ich, dass ein Film, der mir heute eher egal ist und mich kaum mitreißt, doch so viele Einstellungen besitzt, die lebendige Erinnerungen wachrufen konnten. Als ob es ein Lieblingsfilm sei, den ich unzählige Male sah. Bei aller Hässlichkeit des CGI gelingt es ihr also doch Ikonisches und Einbrennendes zu erschaffen.

Montag 03.05.

The Mummy / Die Rache der Pharaonen
(Terence Fisher, UK 1959) [stream, OF]

gut

Christopher Lee spielt eine dem Schlamm entsteigende Mumie. Doch er verfolgt/erlöst nicht die sexuell Frustrierten, sondern die Wissenschaftler genannten Grabräuber, die das kulturelle Eigentum der dritten Welt entwenden. Thematisch handelt es sich also um einen modernen Film. Doch wie bei Karl Freund stapft der Film unter der Ägide von Terence Fisher eher dahin. Seine besten Momente entstehen folglich, wenn in vergangenen Zeiten eine Prozession dahinzieht.

Sonntag 02.05.

The Mummy / Die Mumie
(Alex Kurtzman, USA/CHN/J 2017) [3d-blu-ray, OF]

ok +

Diese Iteration von THE MUMMY könnte ein wunderbarer Kolportageabenteuerfilm sein. (Thomas G. beschreibt es schön im Perlentaucher.) Vor allem ist die Mumie selbst (Sofia Boutella) ein sensationeller Bote von Verderben und Chaos. Doch dann wird der Film zum Teaser für das Dark Universe und fängt an, seine eigentlichen Qualitäten aus den Augen zu verlieren. Kommendes (was nie kommen wird, weil der Film dermaßen floppte) wird vorbereitet und ein postmoderner Dr. Jeckyl/Mr. Hyde (Russell Crowe) soll zum Nick Fury des Ganzen werden. Vorher stört vll. nur, dass Tom Cruise als lockerer Held dieses Films völlig fehlbesetzt ist – es handelt sich um seine unpassendste Rolle seit Les Grossman (obwohl: Les Grossman in seiner verkrampften Bemühung witzig zu sein, vll. eine der passendsten Rollen Cruises ist) –, danach stört fast alles.

The Mummy / Die Mumie
(Karl Freund, USA 1932) [blu-ray, OF] 3

gut

Die Triebe und der ganze andere Kram, der unter der zivilisierten Oberfläche lauert, schleichen durch Ägypten und ein puritanisches London. Es ist die Mumie (Boris Karloff), die von alten Wissenschaftlern ausgegraben und von jungen Nachhilfen unbedacht zu Leben erweckt wird. Ihre Kraft liegt darin, diabolisch zu schauen und in jungen Frauen ungeahnte Gefühle zu erwecken – ganz ohne dafür eine sexuelle Form anzunehmen. Nur die leuchtenden Augen, die von Besessenheit künden und die mit einer tragischen Hintergrundgeschichte romantisch aufgeladen werden. Die Mumie als Träger eines tiefsitzenden Verlangens und von von Generation zu Generation vererbten Schicksalen ist eine zutiefst puritanische Figur. Staub flockt von den durch Äonen getrockneten Binden … und es ist derselbe Staub und dieselbe Hüftsteife, die den Film beseelt. All das gipfelt in einer amüsanten ironischen Pointe. Aber wen wird schon unheimlich, wenn Dinge in einem Aufsteigen, die schon am Zerbröseln sind?

Sonnabend 01.05.

Gold Diggers in Paris
(Ray Enright, USA 1938) [DVD, OF]

ok +

Das, was bei GOLD DIGGERS OF 1937 steht, dass die Busby Berkeley-Tanznummer nur eine hinausgezögerte Coda, eine nicht sonderlich inspirierte noch dazu, in einem nicht sonderlich inspirierten Film ist, könnte auch auf diesen Film zutreffen. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, auf welchen der beiden der Punkt mit den zehn Minuten wirklich zutrifft. Es ist aber auch sprechend dafür, dass beide Filme nicht wirklich Highlights ihrer Reihe sind.
Faszinierend finde ich eigentlich nur Hauptdarsteller Rudy Vallee. Er hat zwar eine ebenso ölige Stimme wie Dick Powell, aber sein Gesicht ist es nicht. Die Augen stehen zu sehr zusammen und sehen auch noch aus, als würde die Stirn auf sie drücken. Sonderlich Charisma hat er ebenfalls nicht. Zu sehr ist er Sonnyboy. Wie er es zum Hauptdarsteller in Hollywood schaffte, ist sicherlich eine interessante Geschichte.

迷城 / Wild City
(Ringo Lam, HK 2015) [DVD, OmeU]

gut +

Im Mittelpunkt dieses Thrillers befindet sich eine Tasche voll Geld und eine zu rettende Frau. Es sind die MacGuffins eines ehemaligen Polizisten (Louis Koo). Dieser wird zwischen mehrdeutigen familiären Verantwortungen – gegenüber Vater, Stiefmutter und Halbbruder ist die Schuld jeweils anders ausgeprägt –, zwischen moralischen Fragen bzgl. Gerechtigkeit und/oder Gesetzesdurchsetzung, einem scheinbar allmächtigen korrupten System, Verfolgung durch die Polizei und einer kriminellen Spiegelung seiner selbst durch eine familiär organisierte Gangsterbande zerrieben. Die Zutaten für einen über die Stränge schlagenden Film, der sich über das ständige Verengung von Handlungsmöglichkeiten und die darauffolgenden Gefühlsausbrüche organisiert, sind so gegeben. Es könnte klassisches Ringo Lam Kino sein, ist es aber nicht.
Vor allem da sich WILD CITY seinem Hauptdarsteller anpasst. Louis Koo ist in seiner Verbissenheit, im Grunde wie geschaffen, um durch seine inneren Kämpfe zersetzt zu werden. Da sind aber auch seine harten Züge und seine Abgeklärtheit: Irgendwie hat er auch alles stets im Griff. Und WILD CITY hat bei allem Durcheinander nie den Hang zum Zuviel, zum Orkanischen, was Lams Filme so oft auszeichnet. Fast werden die Schritte fein säuberlich – einer nach dem anderen – genommen.

パプリカ / Paprika
(Kon Satoshi, J 2006) [blu-ray, OmU] 2

großartig +

Aus psychoanalytischem Zweck haben Wissenschaftler ein Gerät entwickelt, mit dem in Träume eingestiegen werden kann. Die Probleme der Menschen/Menschheit sollen so verringert werden. Doch dieses surreale Noir-Krimi-Anime lässt die Wissenschaftler nicht an einem festen Grund ankommen, sondern in einem paranoiden Plot und einem popkulturellen Referenzsystem. Irgendwann zerfließt die Grundfeste der Realität und die Gegner eines Siegs der puren Vernunft und des Apollinischen lassen eine Parade gleich einem rasanten Gletscher aus Wahnsinn über eine Stadt ergießen. Die große Freude und das Können von PAPRIKA liegt darin, den dionysischen Reigen von der Leine zulassen und die Realität in Artefakte zerfließen zu lassen, in dem Struktur nicht aus einer Geschichte erwächst, sondern aus Assoziativität. Manchmal wankt der Film unter seinem Übermut, aber er schafft es immer wieder dem Aufmarsch der trompetenden Frösche und wankenden Kühlschränke die Tür zu öffnen. Der Fluss des Sommers und des Tanzes kommt aus dem Westen und greift nach den Schädelknochen. Der April vergeht und das Leben kehrt in die Mühle zurück. Bohrend suchen sich die Medikamente den Eingang … zur Achterbahnfahrt des Taus.

April
Freitag 30.04.

Saskatchewan / Saskatschewan
(Raoul Walsh, USA 1954) [blu-ray, OF]

ok

Über diese Version von FORT APACHE, in der jede Ambivalenz hinweggefegt wurde, damit klare Fronten und moralische Verortungen entstehen, lässt sich vor allen Dingen sagen: Die Landschaft ist wirklich wunderschön in Szene gesetzt.

Donnerstag 29.04.

新最佳拍檔 / Mad Mission 5 – Die Terrakotta Krieger
(Liu Chia-Liang, HK 1989) [blu-ray, OmeU] 4

nichtssagend

Wenn Lau Kar-Leung (oder eben Liu Chia-Liang) Action- und Kampszenen inszenieren darf, dann scheint der Film sich automatisch zu fokussieren. Es ist dann deutlich spürbar, dass er in sein Element wechselt. Die Geschichte drumherum, in der Sam (Sam Hui) und Kodijack (Karl Maka) den Staffelstab an eine neue Generation (Leslie Cheung und Nina Li) weitergeben, in der Festlandchina besucht und geprobt wird, wie 1997 nicht ganz zum Alptraum mit Gefangenenlagern werden kann, in der die Rettung der Terrakotta-Krieger vor Weißen Teufeln die Chinesen vereint, ist aber kein bisschen fokussiert und schlingert, wie von einem Kellner serviert, der keinen Gleichgewichtssinn hat. Es kommt einfach kaum etwas an.

Gold Diggers of 1937
(Lloyd Bacon, USA 1936) [DVD, OF]

ok +

Diese Komödie, in der Theaterproduzenten ihren Wohlstand durch Versicherungsbetrug erhalten wollen und in der angeschlagene idealistische Kulturschaffende durch frisches Blut und Sex wieder kraftvolle Wesen werden, scheint zwanzig Minuten vor Schluss endlich in die Busby Berkeley-Show abzubiegen. Doch dann geht es doch noch weiter wie bisher und die durchwachsene Handlung und ihre Späße werden weiter gestreckt, um der Künstlichkeit nur noch die letzten zehn Minuten zu lassen. Und selbst dieser abschließende Teil ist mehr auf der semiinspirierten Seite.

Plenty of Money and You k
(Friz Freleng, USA 1937) [DVD, OF]

nichtssagend

Ein Straußenbaby wird in einen Hühnerstahl hineingeboren und ich muss gestehen, dass mir einige der Merrie Melodies aus den Dreißigern überhaupt nichts sagen wollen. Es geschieht irgendetwas und es ergibt weder Sinn, erzählerisch oder als Klamauk. Vll. kommen diese Filme dem automatischen Schreiben der Surrealisten gleich oder dem Spiel kleiner Kinder.

Speaking of the Weather k
(Frank Tashlin, USA 1937) [DVD, OF]

gut

Eine animierte Karikaturversion einer Zeitschriftenauslage. Überraschenderweise ganz unterhaltsam.

Mittwoch 28.04.

My Best Friend’s Wedding / Die Hochzeit meines besten Freundes
(P.J. Hogan, USA 1997) [blu-ray, OmeU]

großartig

Wenn diese auditiv und optisch phantasievolle Romanze gegen Ende Restaurantkritikerin Julianne (Julia Roberts) nicht einsehen lassen würde, dass sie sich fast den ganzen Film grenzpsychopathisch benommen hat, weil sie in Torschusspanik ihren besten Freund die Eheschließung vermasseln möchte, um ihn doch zu behalten, den sie als kritische Kritikerin als Liebespartner ausgeschlossen hatte, und dabei auch andere dazu bringt sich ihrem Irrsinn anzupassen, dann wäre dieser ambivalente, dysfunktionale Liebesfilm wahrscheinlich ein Meisterwerk.

Sonntag 25.04.

Godzilla: King of the Monsters
(Michael Dougherty, USA/J/CA/CHN 2019) [3D-blu-ray, OF]

nichtssagend

Mothra ist mal kurz als riesige Raupe zu sehen, die in ihrer naturalistischen Darstellung – wie jedes riesige Insekt – erstmal ein nicht ganz einfacher Anblick ist. Später, wenn sie zur Motte transformiert ist, dann leuchtet sie ein, zwei Mal wunderschön. Ansonsten spielt sie keine Rolle und ist unfassbar verschenkt. Und ob es nun Monster, Menschen oder ein Atlantis, dessen Existenzgrund die Anbetung von Godzilla zu sein schien, sind, sie alle bleiben nette, ungenutzte Ideen.

種鬼 / Seeding of a Ghost
(Yang Chuan, HK 1983) [blu-ray, OmeU]

gut +

Gewalt erzeugt Gegengewalt und diese wieder Gegengewalt. Um sich gegen den Verführer, die Vergewaltiger und Mörder seiner Frau sowie den Verdacht, selbst der Mörder zu sein, zu wehren, lässt ein Taxifahrer schwarze Magie anrufen. Eine so schon eskalierende Gewaltspirale von Leuten, die es noch nicht so wirklich gelernt haben, in einer Zivilgesellschaft zu leben, bekommt dadurch seinen übersteuernden Anteil an Blut, Gedärm und Verwesung gepaart mit Sex. Das Ergebnis steht im Zeichen der glorreichen Lust am Zeigen.

Sonnabend 24.04.

海辺の映画館-キネマの玉手箱 / Labyrinth of Cinema
(Ōbayashi Nobuhiko, J 2019) [stream, OmeU]

gut +

Ich habe mal auf eine Ausschreibung eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters in der hiesigen Filmwissenschaft geantwortet. Völlig illusionär und ohne große Hoffnung. Der bei critic.de besprochene Film hier transportiert ungefähr den Inhalt meiner Bewerbung. Und er ist wahrscheinlich genauso bekloppt.

Freitag 23.04.

ねらわれた学園 / School in the Crosshairs
(Ōbayashi Nobuhiko, J 1981) [BLU-RAY, OmeU]

großartig

Die Exposition verspricht eine High-School-Liebesgeschichte mit enormer Coming-of-Age-Schlagseite und möglicherweise einer kleinen hineinschwingenden telekinetischen Note. Nach einer halben Stunde, wenn mehr oder weniger klar zu sein scheint, mit was für einem Film wir es zu tun haben könnten, treten noch mehr telekinetisch Begabte auf den Plan, die Nazitruppen an der Schule aufbauen, zwischendimensionale bzw. außerirdische Wesen und ein optischer Overkill, der die Bilder zunehmend zu grellen Farbflüssen verwandelt. Ein großes Vergnügen statt dem setzen auf die sichere Karte.

Donnerstag 22.04.

Forgetting Sarah Marshall / Nie wieder Sex mit der Ex
(Nicholas Stoller, USA 2008) [stream, OF]

ok

John Cleese erwähnte einst in einem Interview, dass der Vorteil eines drehbuchschreibenden Schauspielers darin liege, dass seine Rollen dann die schönen Frauen abbekommen würden. Ähnliches scheint auch der Hauptgrund für Jason Segel gewesen sein, als er das Drehbuch hierfür schrieb. Denn beständig geht es darum, dass er Mitleid erhaschen und angehimmelt werden soll. Und das ziemlich hölzern. Lediglich wenn Mila Kunis auftaucht, dann füllt sich der Film sofort mit Leben – auch wenn sie größtenteils auch nur anhimmeln darf, aber selbst das macht sie toll.

Dienstag 20.04.

Rosen blühen auf dem Heidegrab
(Hans H. König, BRD 1952) [DVD] 2

fantastisch

Ein Heimatgothichorrorfilm, in dem es in der Heimat nicht mehr so richtig zu stimmen scheint. Ein Film der Nebelschwaden. Mehr dazu findet sich auf critic.de.

Montag 19.04.

彼のオートバイ、彼女の島 / His Motorbike, Her Island
(Ōbayashi Nobuhiko, J 1986) [BLU-RAY, OmeU]

fantastisch

Alles, was ich bisher über Ōbayashi wusste, war, dass HAUSU nur der Auftakt und der (kommerzielle) Höhepunkt im Werk seines Regisseurs sein musste. Eines Regisseurs, der sich im Populärkino seiner Zeit völlig idiosynkratisch austobte. Alles, was ich über ihn und seine Post-HAUSU-Filme las, deutete darauf hin. Ich verstand nur nie, warum außer dem einen Film dann aber nichts greifbar war. Warum HAUSU wie ein singuläres Werk behandelt wurde. Ich ahnte, dass es einiges zu entdecken geben wird. Wie schön es dort aber sein könnte und sein wird, habe ich mir nicht träumen lassen.

Sonntag 18.04.

Gold Diggers of 1935 / Die Goldgräber von 1935
(Busby Berkeley, USA 1935) [DVD, OF] 2

großartig

Es gibt wohl keinen schöneren und beschwingteren Film, der unerbittlich aufzeigt, dass ein ungebremster Kapitalismus Leute zu Verbrechern macht. Bzw. das Verbrechen dann eben ein Gentlemens Sport ist und der Sinn von Hotels nur noch daran zu finden ist, seine reichen Gäste möglichst unnachgiebig zu schröpfen. Dass Geld alles wird, wenn niemand eine Chance hat, an es zu kommen.

Deadpool 2
(David Leitch, USA 2018) [stream, OF]

ätzend

David Leitch drehte tatsächlich einen schöner anzusehenden Film … mit einem besser ausgearbeiteten emotionalen Mittelpunkt … was aber nichts daran ändert, dass die Neben- und Hauptfiguren und das zentrale Konzept des Films mich noch mehr nervten.

Sonnabend 17.04.

Godzilla
(Gareth Edwards, USA 2014) [3D-blu-ray, OF] 2

ok

Unter Gareth Edwards ist GODZILLA eine Art Anti-Lubitsch-Film: Überall schließen sich Türen und hinterlassen Trauma. … Es ist aber auch ein Umstand, der sich darin begründet, dass es immer wieder schöne Entwürfe toller Szenen gibt, die sich in einer schlicht ablaufenden Handlung befinden, die sich weder für die Leute, noch für die Monster interessiert, sondern nur für die durchdesignten Höhepunkte.

Deadpool
(Tim Miller, USA 2016) [stream, OF]

ätzend

Der Besserwisser, der einem mit seinen ständigen Kommentaren den Film vermiest, ist in DEADPOOL nicht nur integriert, sondern ist die einzige Daseinsberechtigung des Films. Ich zumindest kann mit einer dermaßen enormen Verschanzung hinter Ironie, hinter der tatsächlich etwas Gefühl hervorzulugen scheint – vll. aber auch nicht –, nichts anfangen.

Freitag 16.04.

座頭市海を渡る / Zatoichi’s Pilgrimage
(Ikehiro Kazuo, J 1966) [blu-ray, OmeU]

gut +

Zatoichi pilgert. So der Titel. Weil es sich aber um einen Actionfilm handelt, kann er nicht ewig Treppen erklimmen, um schweigsam zu buddhistischen Tempeln zu gelangen. Stattdessen landet er in seinem persönlichen HIGH NOON, wo er von einem ewig dahin grinsenden Bürgermeister instrumentalisiert wird, dass er die das Dorf bedrohenden Yakuza besiegen möge. Selbst mag dieser lieber Bonsai stutzen … weil: Wer durch das Schwert lebt, wird auch durch es zur Strecke gebracht. Und Zatoichi – hier in eine feuchtfröhliche Seeschwimmerei mit einer jungen Dame verwickelt; es handelt sich um das Highlight des Films –, opfert sich nur zu gern, weil sein ständiges Morden ihn zusehends ins Gewissen zwickt. Was heißt, dass er, wenn er durchs Dorf läuft, durch Ritzen in Türen und Fenstern vorsichtig beäugt wird, von Leuten die sich hinter Holz und Zenbuddhismus verstecken, und dass er in seinen Kämpfen weit entfernt von der Unbesiegbarkeit früherer Tage agiert – es muss ja auch für ihn um etwas gehen. Es ist eine seltsame Form von Glück, die sich hier findet.

Mittwoch 14.04.

Thunder Force
(Ben Falcone, USA 2021) [stream, OF]

ok

In meinem Text hierzu auf critic.de plädiere ich indirekt für mehr Superheldenliebeskomödien mit Männern mit Scherenhänden.

Dienstag 13.04.

Kick-Ass 2
(Jeff Wadlow, USA/UK 2013) [stream, OF]

nichtssagend +

Weil diese Fortsetzung sich kurzzeitig für die Idee begeistert, dass eine misanthropische Killermaschine in einem Mädchenkörper (Hit-Girl) in eine High-School muss, und Aaron Taylor-Johnsons Körper tatsächlich lüstern angegiert wird, ist sie ein wenig erträglicher als der erste Teil.

Montag 12.04.

Kick-Ass
(Matthew Vaughn, USA 2009) [stream, OF]

nichtssagend

Es gibt einiges, was mich an KICK-ASS stört. Nichts aber so sehr wie der Umstand, dass der größte Nervsack des Films dessen Hauptfigur (Aaron Taylor-Johnson) ist und am Ende sogar noch die Gnade bekommt, den Tag und die interessanteste Figur des Films (Chloë Grace Moretz als Hit-Girl) retten zu dürfen. Zwischendrin sitzt dann auch Dave Lizewskis/Kick-Ass’ Love Interest Katie (Lyndsy Fonseca) nachts in der Drogenhilfe und macht wirklich etwas Hilfreiches für ihre Gesellschaft, statt sich bunt anzuziehen, sich wie ein Trottel zu benehmen und eben unvorbereitet zusammengeschlagen zu werden. Diese eine Einstellung stellt tatsächlich sowas wie einen weiteren Angriff auf die narzisstische Idiotie der Superhelden des Films dar. Es ist aber auch so, dass es nichts Katies Film ist, sondern ein Film, der sich an der Realitätsvergessenheit dieser toxischen Vigilantencomicnerds abarbeitet und aufgeilt. Und das ist einfach sehr enervierend.

Sonntag 11.04.

Justice League
(Zack Snyder, USA/CA/UK 2017) [3D-blu-ray, OF]

nichtssagend

Irgendein Megabösewicht, der alles Leben auf der Erde bedroht, taucht kurz auf, damit es einen Grund gibt, Superman wieder zum Leben zu erwecken, und damit schreckliche Oneliner – am schrecklichsten und für den Film am unnötigsten sind die zwangsneurotischen Cool-ismen von Aquaman – auf ein Publikum losgelassen werden können. Irritierenderweise glaube ich aber noch daran, dass der Snyder-Cut an diesem Nichts etwas retten kann.

Knight of Cups
(Terrence Malick, USA 2014) [blu-ray, OF] 2

verstrahlt

Laut Klappentext der blu-ray rechnet Terrence Malick in KNIGHT OF CUPS mit der Oberflächlichkeit Hollywoods ab. Es ist eine Möglichkeit den Film zu lesen. Aber es ist nicht die sonderlich interessanteste. Zumal das Narrativ Künstler geht durch ein Trauertal der Oberflächlichkeit und findet durch eine Paarbeziehung mit Kind zu sich zurück/zur Erlösung gar nicht so aufgehen möchte. Besagte Paarbeziehung hebt sich, wenn sie sich in den allerletzten Minuten des Films dann realisiert, gar nicht von dem vorherigen Bewusstseinsstrom ab. Es ist nur eine weitere Frau – diesmal mit Kind –, die in dieser (wohl) chronologischen, impressionistischen Aneinanderreihung von Bezugspersonen auftaucht.
Und tatsächlich ist es stets ein Auftauchen von Personen. Ohne Einführung erscheinen sie, bestimmen kurz das Geschehen und verschwinden dann wieder ohne Erklärung, Auflösung oder Katharsis. Meist sind es Lebensgefährtinnen, ab und zu auch der Bruder (Wes Bentley) und der Vater (Brian Dennehy). Es ist gerade so, dass gar kein Narrativ zum Geschehen angeboten wird. Außer dass allesamt nicht so richtig wisse, wohin mit ihrem Leben. Die Oberflächen in Hollywood sind allgegenwärtig in diesem Bilderfluss, aber eine kausale Verbindung zu dem existentiellen Leiden aller wird nicht postuliert. Es ist einfach der Ort, an dem die Leute des Films nicht so genau ein noch aus wissen.
Drehbuchautor Rick (Christian Bale) wird nie bei der Arbeit gezeigt, es wird höchstens hier und da darüber gesprochen. Was ihn abseits von den Auftauchenden oder selbst in der Beziehung zu ihnen ausmacht, bleibt eine Blackbox. Vor allem redet er aber höchstens mal per Off-Kommentar. Wenn ich mich nicht irre, gibt es nur einen mageren hörbaren Dialog mit ihm. Er ist im Grunde nur ein passives Medium, das flüchtige Dinge aufnimmt. Vll. ist er auch nur im Zentrum dieser Dinge, ohne dass wir unbedingt seine Perspektive zu sehen bekommen. Aus KNIGHT OF CUPS wird so jedenfalls kein Film der Introspektion und der Entwicklung. Er gleicht mehr der Perspektive eines Steines, an dem Eindrücke von Leben vorbeispülen. Wir sehen kein Erlösungsnarrativ, sondern eine apathische Rekapitulation einer existentiellen Verlorenheit. Und als eine solche Wäscheleine des Lebens ist dieser Film ziemlich gut.

Sonnabend 10.04.

Wreck-It Ralph / Ralph reichts
(Rich Moore, USA 2012) [blu-ray]

gut

Etwas krude ist, dass sich die Exposition dieses Kinderfilms hauptsächlich an Zuschauer über 30 richtet. Danach lässt er seinen postmodernen Referenzansatz aber hinter sich und wird zur schönen Verbindung von STARSHIP TROOPERS und einer optischen Zuckerüberdosis.

Ice Age: The Meltdown / Ice Age 2 – Jetzt taut’s
(Carlos Saldanha, USA 2006) [blu-ray] 2

uff

Den einen makabren Pupswitz, wenn die Hoffnung eines Mammuts, nicht der letzte seiner Art zu sein, in der Latrine endet, finde ich einzig amüsant an einem Film, der darauf hinausläuft, einmal richtig zu feiern, dass eine Frau akzeptiert, dass ein Mann sich gar nicht entschuldigen muss, obwohl sie sich gekränkt fühlt.

Valkyrie / Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat
(Bryan Singer, USA/D 2008) [DVD, OF]

ok

Es handelt sich durchaus um effektives Spannungskino. Und das obwohl von Anfang an feststeht, dass von Stauffenberg (Tom Cruise) scheitern wird. Das Mittel dafür ist aber nicht nur recht simpel, sondern erzählt vom Kern des Interesses des Films. Immer wieder sind Flaggen und Hakenkreuze zu sehen. Selbst am Boden eines Schwimmbeckens. Diesen Markern eines gleichgeschalteten Landes stehen die Spannungsmomente entgegen, wenn Verschwörer gegen diese Gleichschaltung kurz vor der Enttarnung stehen, wenn es nur von der Entscheidung einzelner Zahnräder im System abhängt, ob der nationalistische Militärputsch gelingt und die NSDAP entmachtet wird. Immer wieder wird in Gesichter geschaut, die sichtlich überlegen, mit wem sie es halten … bzw. wessen Gewinnchancen sie höher einschätzen. In denen das Schwingen zwischen Opportunismus, Idealismus, Chauvinismus, Angst, Diensteifrigkeit, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit gelesen werden kann. VALKYRIE ist so einerseits ein Film der Undurchdringlichkeit der uns gegenüberstehenden Menschen. Andererseits handelt es sich aber auch um einen merkwürdig motivierten Film, der zeigen möchte, dass Deutschland in seinem Kern nicht gleichgeschaltet war. In Hathaways Rommel-Film scheint in der Legitimierung des Marshall-Plans der motivierende Moment zu liegen. Was bringt es aber 2008?
Am Ende des Tages habe ich den Film aber nur wegen der einen Einstellung von Tom Cruises Arsch geschaut und weil Rajko B. als Komparse zu sehen ist. Und das waren schließlich auch die interessantesten Aspekte.

Freitag 09.04.

神々の深き欲望 / Profound Desires of the Gods
(Imamura Shōhei, J 1968) [blu-ray, OmeU] 2

fantastisch +

Imamura befindet sich hier einmal mehr auf der Suche nach einem Naturzustand des Menschen. Dafür begibt er sich an den südlichsten Zipfel von Okinawa und damit so weit wie möglich weg von Industrialisierung, Urbanisierung und den modernen Lebensweisen. Und Okinawa, das Urlaubsziel vieler Japaner, ist dabei nicht das Herz der Finsternis, sondern ein sonniges Paradies. Ingenieur Kariya (Kitamura Kazuo) reist dorthin, um die Zuckerproduktion für sein Unternehmen an diesem Standort zu rationalisieren. Und wie Imamura vor Ort versandete und die Produktionszeit gnadenlos überzog, scheitert Kariya daran, sich gegen die Bräuche durchzusetzen und dem einfachen Leben mit einer Geliebten und ohne größeren Druck zu widerstehen.
Dieser Naturzustand vor Ort ist gleichfalls nicht paradiesisch. Zentrum der Erzählung ist die Familie Futori, die durch Aberglauben ausgegrenzt wird – bzw.: deren Ausgrenzung mit Aberglauben legitimiert wird –, die von inzestuösen Beziehungen geprägt ist und sich innerhalb der Inselgesellschaft nochmal eine Stufe weiter weg von der Zivilisation befindet. Es zeigt sich über sie einerseits eine Idylle, die gerade zu Beginn mehrmals mit dazwischen geschnittenen Tieraufnahmen mit Bedeutung aufgeladen wird, und ein atavistisches Reich, in dem Rituale mehr bedeuten als Vernunft und in dem blutige Legende gerade am Entstehen sind.
Vor allem findet Imamura aber nichts Essentielles oder Grundlegendes, dass weiter ausgestellt werden müsste. Die Moderne hat ihre Spuren überall hinterlassen und bricht im Laufe des Films immer mehr ein. Mit den Vorteilen einer Eisenbahn oder der zunehmenden Korruption, für die die eigene lokale Identität verkauft wird. Das Verhalten der Menschen ist durch Adaption bestimmt … Adaption an Neues (Sprengfischen, Popmusik und Tänze), Altes (die Arbeit für seine Firma nicht mehr ganz so ernst nehmen, wenn auch eine Natur genossen werden kann), an Gegebenes (die Insel mit ihrem Klima und ihrer Flora und Fauna). Auch Tabus werden so zunehmend verändert. Einen reinen Urgrund gibt es nicht.
Das Einzige, was gefunden wird, ist eine Welt der Erzählungen. Immer wieder erzählt ein Mann im Rollstuhl die Entstehungslegende der Insel. Oder es gibt die Erzählung, warum die Futoris erst einen enormen Stein aus ihrem Reisfeld ausgraben müssen – weshalb auf ihrem Grundstück seit Jahrzehnten eine behelfsmäßige Baustelle steht – bevor sie wieder Teil der Gesellschaft sein dürfen. Erzählungen begründen das Zusammenleben und die Geschehnisse führen zu neuen Erzählungen. Die Mythologie einer Gesellschaft, soweit sie entfernt scheint, ist hier ziemlich nah.
Es ist tatsächlich nichts Aufregendes. PROFOUND DESIRES OF THE GODS ist kein diskursiver Film, sondern einer, dem es um Erleben geht. Das Erzähltempo ist sehr gemächlich. Schlendern in der Sonne des Pazifiks statt Hektik eben. Es handelt sich aber nicht um Slow Cinema, sondern um eine Konzentration auf Kleinigkeiten. Auf viele, viele Kleinigkeiten, die aus Relaxtem, Legendenhaftem, Irritierendem und Obskurem, aus Widersprüchen, Sex, Lust und Unbehagen ein Mosaik erstellt. Ein wunderschönes anthropologisches Mosaik, in das sich fallengelassen werden kann.

花筐 / Hanagatami
(Ōbayashi Nobuhiko, J 2017) [blu-ray, OmeU]

verstrahlt

Japans Weg in den Zweiten Weltkrieg als Geistergeschichte, in der die Oberstufenschüler, die für Japans verlorene Zukunft bzw. dessen Todessehnsucht einstehen, zwar noch leben, aber in einer Art Fiebervision von Realität, die aus dem Wissen über den kommenden Untergang heraus wirkt, schon das Diesseits verlassen zu haben scheinen.

俠盜高飛 / Full Contact
(Ringo Lam, HK 1992) [DVD, OmeU] 2

fantastisch

Ringo Lams Magnum Opus, in dem das 80er Jahre-Actionkino Hongkongs seinen überdrehten Höhe- und Endpunkt erreicht. Auch weil es mit der Ästhetik von STREET FIGHTER II fusionierte.

Donnerstag 08.04.

Apocalypse Now – Final Cut
(Francis Ford Coppola, USA 1979/2019) [blu-ray, OF]

fantastisch

Dies ist wahrscheinlich die beste Version, die 1979 in die Kinos hätte kommen können. Die Reise ins Herz der Finsternis ist länger, epochaler, reichhaltiger und nicht so überstürzt, wie mir die Kinofassung nun seit 20 Jahren erscheint. Zudem reichen die 15 Minuten Straffungen gegenüber der Redux-Fassung aus, um Stringenz zu gewähren. Es ist schlicht die perfekte Version seiner selbst … zumindest nach den Ansprüchen eines Erzählkinos. Durch die Verstümmelungen der Kinofassung 1979 haben wir aber das Glück gehabt, dass 2001 ein übereifriger Francis Ford Coppola einfach alles wieder reinpackte. Scheinbar im taumelnden Glück operierend, der Schere nun doch noch alles entreißen zu können. Es ist eine Art Revanche-Werk. Die Redux-Fassung verliert sich deshalb zeitweise, ist megalomaner, zu lang und ein riesiger Sumpf, durch den sich geschleppt werden muss. Der Final Cut ist die perfekte Version, aber wer will im Angesicht dieses Wahnsinns und der Verirrung Perfektion.

Bible!
(Wakefield Poole, USA 1974) [DVD, OF]

gut

Das FANTASIA unter den Erotik-/Pornofilmen des Golden Age of Porn. Mit Zeitlupen und bunten, phantasievollen Kulissen/Ausstattungen werden 3 und ein bisschen Bibelstellen zu erotischen Tänzen von Körpern entworfen und gegen den Strich bekannter Interpretationen umgedeutet. Adam und Eva entsteigen dem Meer, erkunden ihre Körper und kuscheln episch. Seine Lyrik findet dieser Abschnitt in Exotik und Simplizität. Das Abschneiden der Haare von Samson sowie die im Vergleich zum Rest des Films sehr kurz gehaltene Schwängerung Marias sind wunderschöne, surreale Träume von Geschehen als bedächtige Prozessionen. Und dann ist da noch das Lustspiel von David und Batseba, der einzigen Episode der deutlich anzumerken ist, dass verdammt wenig Inhalt verhandelt wird. Während die anderen formal das langsame Tröpfeln der Zeit versüßen, sind Kostüme, Kulissen und Schauspiel hier Bauerntheater, dass nichts außer zähen, stählernen Klamauk versprüht.

無味神探 / Loving You
(Johnnie To, HK 1995) [stream, OmU]

großartig

Inspektor Lau (Lau Ching-Wan) kämpft gegen einen Verbrecherwidergänger seiner selbst, der gleichermaßen von Machtbeweisen besessen ist. Um die Liebe zu seiner Frau (Carmen Lee) wird er kämpfen müssen, die sich von ihm abwendet, weil er nur für seinen Job lebt. Und mit den Folgen einer Kugel, die durch seinen Kopf geschossen wurde und die ihn seinen selbstgerechten Heroismus, der sich darin äußerst, dass er andere/sich grundsätzlich runtermacht, überdenken lässt. In schmalen 80 Minuten werden diese Kämpfe aber nicht ausgearbeitet. Stattdessen werden Frust, Überforderung und Hoffnung impressionistisch innerhalb eines Actionfilms stehen gelassen.
In einem STIRB LANGSAM-artigen Finale wird Lau die Möglichkeit gegeben, seine Kämpfe zu bewältigen. Mit Gewalt und klaren, messbaren Zielen: seinen Gegner besiegen und seine Frau vor ihm retten. Die breit über den Film verstreuten Impressionen aber – in denen Lau überarbeitet an einer roten Ampel einschläft und dort die Nacht verbringt, auch um sich vor einem familiären Termin zu drücken; in denen seine Frau immer wieder auf die Männer vor sich oder in die Leere schaut und überlegt, welche ihre Optionen für die Zukunft, die schlimmere ist; in denen geschrien wird und danach mit dem entstandenen Frust umgegangen werden muss, von den Angeschrienen und den Schreienden –, diese Impressionen zeugen von Leuten, die nach einem festen Selbstverständnis suchen, die aber von ihren Mustern eingeholt werden und mit ihren guten Vorsätzen im Regen stehengelassen werden, die keine Ahnung haben, wie sie mit sich umgehen sollen, geschweige denn mit anderen. Impressionen von Leuten, die nach einem Weg suchen, in dem Ehe- und Männlichkeitsdrama aber keine einfach Entscheidungsoption finden, die der Einfachheit des Drückens eines Abzugs gleicht.

Mittwoch 07.04.

How the West Was Won / Das war der wilde Westen
(Henry Hathaway, John Ford, George Marshall, USA 1962) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Wenn historische Begebenheiten wie Theaterstücke für einen pädagogisch wertvollen Schulausflug aufbereitet sind, die Geschichte des Wilden Westens ehe auf seine rudimentärsten Allgemeinplätze heruntergeschraubt wurde und Cowboys Arttypisches aufführen dürfen, wie von Pferden und Zügen in Kakteen zu springen, dann entspricht HOW THE WEST WAS WON meiner Horrorvision einer Wild-West-Show, die in Bad Segeberg zur Aufführung kommt. Hier und da gibt es in Schnitt und Handlung wilde Schlägereien, wie wenn sich James Stewart an Wegelagerern rächt, und überhaupt ist durchaus faszinierend, dass die Geschichte des Westens als Geschichte von Frauen erzählt wird, die von ihren Männern verlassen werden, aber das sind die wenige Trostpflaster dieser äußerst generischen Monstrosität.

箱の中の女 処女いけにえ / Woman in a Box: Virgin Sacrifice
(Konuma Masaru, J 1985) [DVD, OmeU]

verstrahlt

Durch das Aufkommen von Videos war Nikkatsu in den 80er Jahren abermals, wie die gesamte filmische/kinoorientierte Pornoproduktion weltweit, in Schwierigkeiten geraten. Sie reagierten darauf mit einer neuen Sparte, den RomanX-Filmen. Dabei handelte es sich um Videoproduktionen, in denen Hardcoresex zu sehen war – auch wenn die Schambereiche (wie für pinku eigas und roman pornos üblich) weiterhin großflächig retuschiert wurden. Die Handlung wurde entsprechend auch heruntergefahren. Nach der vollständigen Umstellung der Produktion Nikkatsus auf ihre Variante von Pinkfilmen Anfang der 70er war dies eine abermalige Verschärfung des Prinzips von schnell und dreckig.
WOMAN IN A BOX: VIRGIN SACRIFICE war der erste RomanX-Film, in dessen erster Hälfte eine Geschichte auch fast vollständig abwesend ist. Ein Paar, das keinen Kick mehr durch ihren öffentlichen Sex in einem Bus mit abgetönten Scheiben bekommt, entführt eine junge Frau und misshandeln, foltern und vergewaltigen es. Wie ein Kind wolle sich der Mann diese Frau (um-)erziehen und sich zurechtbiegen. Die sich dann verdichtende Handlung fügt dem körperlichen Horror dieser Erziehung noch die Vorstellung hinzu, dass diese erfolgreich sein könnte. Das Drehbuch von Gaira doppelt das Unbehagen des Zuschauers, der (möglicherweise/hoffentlich) selbst mit seiner Lust anhand des Unaussprechlichen, des Gezeigten kämpfen muss.
Das Ergebnis ist alles andere als einfach verdaubar. Zusehends entreißt WOMAN IN A BOX: VIRGIN SACIFICE seinem Horror aber unwirkliche, zur Homevideoästhetik passende Momente. Das langsame, klinische als auch schwarzromantische Verbluten des Mädchens an einem unbevölkerten Strand wird beispielsweise zur Familienurlaubsaufzeichnungen. Die Filmmacher habe noch spürbar eine filmische Ausbildung erhalten, die Ästhetik des Videos gibt dem Film aber auch eine Unmittelbarkeit: das Gefühl eines Dokuments. Die durchaus vorhandenen Qualitäten eines unangenehmen Erlebnisses verstärken sich bei Roman-X wahrscheinlich zwangsläufig.

最佳拍檔千里救差婆 / Mad Mission 4 – Man stirbt nicht zweimal
(Ringo Lam, HK 1986) [blu-ray] 2

gut

Als Kind war MAD MISSION II lange Zeit mein absoluter Lieblingsfilm. Als sich mir die Welt der Videothek im vorpubertären Alter eröffnete, entdeckte ich, dass es sogar noch einen vierten und einen fünften Teil gab, von denen ich zu dem Zeitpunkt nichts wusste. Den Fünften habe ich mir noch ab und zu ausgeliehen, den vierten nur einmal und nie wieder. Es war schlicht keine ganz einfache Erfahrung für mich.
MAD MISSION IV ist vor allem sehr viel disparater als die anderen Teile. Zu der noch ungehemmteren Willkür auf der Handlungsebene gesellt sich ein ständiger Wechsel der Atmosphäre und der emotionalen Fallhöhe. In den 100 Minuten des Films geht es schlagartig von klamaukigen Hockeyspielen, zu Kleinkindern, die aus den Fenstern von Hochhäusern hängen. Die Auto-, Flugzeug- und Motorbootverfolgungsjagden sowie die Schusswechsel und Kampfszenen zeichnen sich durch eine intensive Ringo Lam-Körperlichkeit aus, sie verbleiben aber gleichzeitig im Modus des comichaften Ideenreichtums der Reihe, der näher bei einem TOM & Jerry-Cartoon als bei PRISON ON FIRE liegt. In diesem unsteten Tohuwabohu wird einer der Hauptfiguren (nämlich der vom Produzenten und Drehbuchautoren Karl Maka gespielte Kodijack) zu einem übermächtigen, seelenlosen Monster und stirbt schließlich. Die traumatisierten Hinterbliebenen (vor allem seine von Sylvia Chang gespielte Ehefrau Ha-Tung) reagieren auf diesen Verlust mit katatonischen und suizidalen Zügen.
Damals war es zu viel für mich. Auch weil der Film selbst für mein damaliges unerfahrenes Ich spürbar gekürzt war. Es sind tatsächlich vor allem Handlungsstraffungen des deutschen Verleihers, der gerne auch ein Zuviel an Klamauk herausnahm. Damals – als ich von meinem Vater schon erfahren hatte, dass in der FSK 18 Version von TOTAL RECALL, die durch den Fahrstuhl abgetrennten Hände zu sehen waren – schien es mir aber, als ob ich möglicherweise noch die sanfte Variante eines Höllenritts erlebt hatte. Auf Altersfreigaben habe ich beim Leiverhalten nie geachtet. Bei diesem Film schien mir ein Fehler vorzuliegen, dass er nicht in der FSK 18-Abteilung landete. Ich traute mich tatsächlich den Film nicht ein zweites Mal zu leihen.
Heute ist es alles nicht mehr so schlimm. Die Disparität des Films ist Segen und Fluch zugleich. MAD MISSION IV ist ein bunter Strauß, bei dem schwer einzuschätzen ist, wohin es als nächstes geht. Die Qualität der Einzelteile ist aber äußerst schwankend. Oder anders: POLICE ACADEMY IV wie MAD MISSION IV sind auf ihre Art die Teile ihrer Filmreihe, in denen sich deren essentieller Kern offenbart. Während POLICE ACADEMY IV dabei zu einer sehr kondensierten Abfolge typischer Momente wird, ist MAD MISSION IV eine völlig auseinander gezogene Ansammlung von allem, was möglich ist.

Dienstag 06.04.

Batman v Superman: Dawn of Justice
(Zack Snyder, USA 2016) [blu-ray, OF] 2

ok

Nach dem reizvollen Start, der selbst der tausendmal gesehenen Entstehungsgeschichte von Batman Schönheit und Frische abgewinnt, erlebte ich wieder – diesmal im Extended Cut – nur übermäßig spezifische Trolley-Probleme, Männer, die ausschließlich durch ihre Papa-Probleme definiert sind, und die tiefen Sorgenfalten zwischen Henry Cavills Augenbrauen, die ständig zeigen, wie ernst das alles ist.

Gold Diggers of 1933 / Goldgräber von 1933
(Mervyn LeRoy, USA 1933) [DVD, OF] 2

großartig

Das größte Faszinosum an Filmen mit Warren William ist für mich dessen Frisur. Zumindest die, welche er Anfang der 30er kultiviert hatte. Es sind nur Nuancen, die sie von einfach streng nach hinten gegelten Haaren unterscheidet und die eine Zerrissenheit in ihn einschreibt. Die rechte Seite liegt tatsächlich knallhart an seinem Kopf an. Mit einem kühnen Schwung sind die Haare aber leicht nach links gekämmt, als sollen sie den Schädel umschlingen. Die linke Seite trägt keinen ebensolchen Schwung, sondern muss die Folgen der Gegenseite tragen. Minimal sind die hier nach hinten gekämmten Haare strubbelig und abstehend, weil von rechts gegen sie gedrückt wird. Die Strenge der einen Seite ruft die chaotische Note der anderen erst hervor. Die rechte Hälfte seiner Frisur steht für seine anale, elitäre Art, die linke für seine zärtliche, herzliche … die sich so oft durch seine knallharte Oberfläche und an seinem eiskalten Lächeln vorbei kämpfen muss. Es sind, wie gesagt, nur Nuancen, aber gerade durch die Subtilität dieser Verschiebung auf dem Kopf fällt es mir schwer, mich daran sattzusehen. Weil ich immer wieder nachschauen muss, ob es wirklich da ist. Es ist wie mit jedem guten Charakterzug in einer Figur von Warren William: Diese gleichen meist einer Unmöglichkeit; ihre Existenz in dieser Unwirklichkeit macht sie aber umso schöner.

Montag 05.04.

Christopher Robin
(Marc Forster, USA 2018) [blu-ray]

ok +

Der Hundert-Morgen-Wald wird bei Marc Forster zum Terrence Malick-Wohlfühl-Pastiche, dessen Impressionen mal neblig und kalt vorbeiziehen, mal sonnig und bunt – je nachdem, ob Christopher Robin (Ewan McGregor) seine Kindheit gerade vergessen oder sie wiedergefunden hat. Seinen groben Ablauf übernimmt der Film dabei von HOOK, den er lediglich neu einkleidet. In McGregors Allzweckwaffe, seinem Lächeln, versinnbildlicht zuweilen die Berechnung des Ganzen. In der Optik von Winnie Puuh und seinen Freunden, in ihrem süß animierten Fell und ihren Persönlichkeiten ist zuweilen etwas Seele zu erkennen.

Amore e morte nel giardino degli dei / Liebe und Tod im Garten der Götter
(Sauro Scavolini, I 1972) [DVD, OmU] 2

fantastisch

Gerade im Vergleich zu den beiden MAD MISSION-Filmen gestern sticht der Geschichtsreichtum ins Auge. Wie von einer Patina ist die Lebenswelt mit Adel und Hochkultur belegt. Es sind die Texturen von Inzest, Blutarmut und Niedertracht. Ein Ornithologe findet Tonbänder von Sitzungen bei einem Psychologen und in seinem Blick/Hören entfaltet sich das langsame Vergehen von Fleisch und Geist, die in einem unsichtbaren Sumpf – also diesem allgegenwärtigen Reichtum an Kultur und Vorangegangenen – vergammeln.

Sonntag 04.04.

最佳拍檔之大顯神通 / Mad Mission II
(Eric Tsang, HK 1983) [DVD, ł] 239

großartig +

Seit meiner Kindheit habe ich ihn tausende Male gesehen. Als ich in meiner Jugend zu erkennen und darauf folgend zu bekritteln begann, dass diese wunderbaren Szenen keine sinnige Geschichte ergeben bzw. dass die Szenen nur geschehen, weil sie eben geschehen sollen, und nicht weil sie aus einem Plot motiviert werden, dass sie völlig erratisch zueinander stehen, dieser Moment war der filmschauende Sündenfall, von dem ich mich bis heute noch nicht völlig erholt habe.

最佳拍檔III之女皇密令 / Mad Mission III – Our Man from Bond Street
(Tsui Hark, HK 1984) [blu-ray] 3

ok +

Sehr schön ist, dass Tsui Hark die Bond-Film-Eröffnungssequenz mitten in den Film legt und als romantischen Einschub in die Handlung seiner Bond-Persiflage einwebt. Nicht so schön ist, dass er mit seinen Sensibilitäten für anarchische Abläufe und Referenzen völlig an dem personenorientierten Anarchismus der Vorgänger vorbei inszeniert und damit die Seele des Films ein wenig auf der Strecke bleibt. Sprich: MAD MISSION III ist weiterhin ein Füllhorn der notdürftig zusammengefügten Ideen. Sam, Kodijack und Ha-Tung bilden aber nicht mehr die Seele des Ganzen, sondern werden vom Geschehen lediglich mitgeschleppt, ohne dieses mit Leben füllen zu können.

Sonnabend 03.04.

Dames / Broadway-Show
(Ray Enright, USA 1934) [DVD, OF]

großartig +

Die drei den Film beschließenden, von Busby Berkeley inszenierten Musicalnummern führen vor, wie Frauen Objekte der Begierde werden, ob sie nun Waschfrauen oder Tänzerinnen sind. Davor ist DAMES eine Komödie über die Lächerlichkeit von Sittenhütern, die zur Zeit der Veröffentlichung des Films tatsächlich die Unmoral auf Jahre aus Hollywood vertreiben werden. Ignorant besaufen sie sich final, während sie gegen Alkohol und Sex wettern. DAMES gewährt ihnen hier die Freude, ihren heuchlerischen bis idiotischen Krampf ablegen zu dürfen, mit dem sie durchs Leben ziehen … und durch den der Film mit seinen lebensfrohen Figuren schon vor den Musicalnummern freudig tanzt.

Eine Nacht im Mai
(Georg Jacoby, D 1938) [DVD]

großartig

Eine Widerspenstige (Marika Rökk), die noch dazu ohne Verantwortungsbewusstsein mit dem Auto durch die Stadt jagt und wie ein Kind vor den polizeilichen Konsequenzen ins Ausland fliehen möchte, muss gezähmt werden. Von Willy Prinz (Viktor Staal), der mehr Überlebenskünstler mit Streichholztricks ist, als dass er dem Adel seines Namens gerecht werden würde. Eine warme Nacht hat er Zeit, um den amourösen Hindernisparcour – Großstadttrubel, Jahrmärkte, Spiegellabyrinthe, Wälder, die Nacht und die Leute mit ihren Ehen, Verhältnissen und vertauschten Identitäten – zu bewältigen und unter den ersten Eindrücken, den Verkleidungen eines Maskenballs und der entblößten Haut beim Nacktbaden spaßverliebt die eigenen Gefühle zu erkennen.

Freitag 02.04.

Man of Steel
(Zack Snyder, USA/UK 2013) [3D-blu-ray, OF] 2

ok

Das Erlernen von Selbstkontrolle, um die Last tragen zu lernen, die einem Superman aufgebürdet wird, beschäftigt große Teile der ersten Stunde. Beziehungsweise sehen wird die Arbeit von zwei charismatischen Schauspielern (Russell Crowe & Kevin Costner), die als Väter den Onkel Ben Ersatz für Superman/Clarke Kent (Henry Cavill – irgendwie ist mir jetzt erst aufgegangen, dass das jemand anderes als James Caviezel ist) bilden. Darauf folgt der Kampf mit der Materialisierung der Wut (Michael Shannon) des jugendlichen Emosupermans. In Form einer Materialschlacht, in der Metropolis, das nur aus leeren Großraumbüros besteht, zu Bruch geht. Wenn dann alles Kurz und Klein geschlagen ist, wird eine Familie bedroht und der Spaß ist vorbei. … falls er denn überhaupt einmal losging. Denn während ich überlegte, ob Amy Adams hoffentlich noch die Chance bekommt, Kleopatra zu spielen, fand ich meist nur die schönen Match Cuts bemerkenswert.

Der Rat der Götter
(Kurt Maetzig, DDR 1950) [DVD]

ok

Zum einen besteht der Film aus grauen Eminenzen in Tempeln der Macht – ein Wandteppich mit griechischen Göttern hängt hinter ihnen –, aus Agenten in exotischen, raumgreifenden Tanzlokalen und Hoheiten, die sich zu Unrecht im Strafvollzug und vor einem menschlichen Gericht gelandet sehen. Es geht um die I.G. Farben, die sich 1933 für Hitler als politischen Vertreter ihrer Interessen entscheidet und Deutschland Richtung Krieg führen lässt, weil es für sie am profitabelsten ist und im Osten Bodenschätze warten. Es geht um einen schwerhörigen Vertreter der Schweizer Banken und einen chamäleonartige Vertreter von Standard Oil – es wird nie näher geklärt, um welchen der vielen Nachfolgerunternehmen des damals schon entflochtenen Riesen es sich handeln soll, da den I.G. Farben ein zweiter Kopf der Hydra Kapitalismus an die Seite gestellt wird und dieser eben für die politische Macht der Wirtschaftsmonopole einsteht –, die mit den Finanziers und Profiteuren des Nazi-Regimes ein Klüngel bilden, die den Anzug Hitler schnell wieder abstreifen, wenn dessen Niederlage nahesteht, und alles so einrichten, dass die Nürnberger Prozesse nur eine kleinere Lappalie sein werden. Zum einen besteht RAT DER GÖTTER also aus einer angriffslustigen Abrechnung mit Schuldigen, die sich unantastbar fühlen. Wie MEN OF STEEL davor werden dabei gerne Match Cuts benutzt, um uns beispielsweise vom Prunk und der Weltvergessenheit eines Tanzlokals direkt an die Front und in Tod und Elend zu schleudern, um die herrschende Perversion vorzuführen.
Zum anderen widmet sich der Film dem begabten Wissenschaftler Dr. Scholz (Fritz Tillmann) und seiner Familie. Mehrmals wird er seinen Sohn fast an die Kriegstreiberei verlieren, weil er sich nicht fragen möchte, warum er für sein Unternehmen Giftgas entwickeln soll. Er wird in Reagenzglas- und Erlenmeyerkolbenlabyrinthe gesteckt, ihm werden aber auch immer wieder die Folgen seiner Forschung vorgeführt. Zu Tierexperimenten wird er geschleift, das Zyklon B für Auschwitz findet er selber. RAT DER GÖTTER zeigt ihn aber als schweigenden Sympathen, der erst mit Kriegsende sein Gewissen auszudrücken traut. Der Holocaust wird mit ihm zum Kavaliersdelikt, der einfach denen da Oben zugeschoben wird. Der Film zeigt hier keine Zähne. Der kleine Mann muss ja für die Revolution gewonnen werden und nicht beschuldigt – weshalb auch die Sowjetunion völlig ungeschoren davonkommt, als haben sie nie etwas mit Nazi-Deutschland zu tun gehabt.
Einerseits ist RAT DER GÖTTER so – gerade kurz nach dem Krieg – ein faszinierender Rundumschlag gegen tatsächliche Gegebenheiten, andererseits ein lauwarmes Stück Propaganda mit kommunistischen Onkeln, die alles schon im Voraus wissen und einen ideologisch in den Arm nehmen, wenn etwas nicht ganz so gut gelaufen ist.

Donnerstag 01.04.

最佳拍檔 / Mad Mission
(Eric Tsang, HK 1982) [DVD, ł] 7

großartig

Das Finale mit den Nobelkarossen, die gegen ferngesteuerte Autos kämpfen, ist nach all den dummen Ideen dieses Films etwas enttäuschend. In der in fast jeder Hinsicht verbesserten Fortsetzung wird gerade das korrigiert … leider zum Preis, dass Ha-Tung (Sylvia Chang) nach diesem Teil zusehends zur Nebenfigur degradiert wird. Hier ist sie mit ihrem übergeschauspielerten Widerspruch aus renitenter Pistolenlady und kleinem, schüchternen Mädchen eines der Highlights und eine der Hauptpluspunkte.

Gefängnisbilder
(Harun Farocki, D 2000) [DVD]

großartig

Ich bin nicht ganz sicher, aber dieses Essay aus Überwachungskameraaufnahmen aus Gefängnissen, Imagefilmen über Gefängnisse und Gefängnisspielfilmen könnte ergeben (und soll es vielleicht auch), dass Gewalt durch Insassen Exhibitionismus einer Selbstermächtigung ist … in einem unmenschlichen System.

März
Mittwoch 31.03.

Charlie gegen alle
(Charlie Chaplin, USA/BRD 1915/1963) [DVD]

uff

Fünf Filme Charlie Chaplins aus dem Jahre 1915 wurden für dies aneinander montiert. Es handelt sich um HIS NEW JOB, THE TRAMP, THE BANK, WORK und THE CHAMPION. Sie stammen aus einer Phase bevor der Tramp zum heiligen Narren geworden war. Hier ist er noch ein egomaner Troll. Die den Filmen beigegebene Musik dudelt dahin, ohne sich groß darum zu kümmern, was zu sehen ist. Oftmals ist es sogar so, dass sie nicht die Bilder unterstützt, sondern gegen sie anspielt. Die Bildqualität der DVD ist suboptimal. Schön anzusehen ist es nicht. Und weil dies 1963 wiederveröffentlicht wurde, also als Stummfilme schon lange nicht mehr en vogue waren, gibt es einen Sprecher, der das Publikum bei der Stange halten soll. Dabei handelt es sich um niemand anderen als Heinz Erhardt. Manche seiner rezitierten Gedichte sind schön. Zumeist brabbelt er aber unbeholfen vor sich hin, um die Stille zu füllen. Seine Impression eines sinnlos quatschenden Sprechers, der mit seiner Rolle nicht zurechtkommt, ist nur ein weiterer Gegner für Charlie Chaplins Filme. Der Titel CHARLIE GEGEN ALLE war so nicht intendiert, aber doch müssen sich die Qualitäten der chaplinschen Filme gegen Feinde von allen Seiten wehren.

Dienstag 30.03.

Shoot Out / Abrechnung in Gun Hill
(Henry Hathaway, USA 1971) [blu-ray, OmU]

gut

Am spannendsten finde ich die Frauen in diesem Film. Die Prostituierte (Susan Tyrrell), die von psychopathischen Jugendlichen entführt wird und mit ihnen dann eben herumzieht, als habe sie sich in ihr Schicksal ergeben. Die Farmerswitwe (Rita Gam), die sich resolut und charmant den dahergelaufenen Typen (Gregory Peck) mit kleinem Mädchen im Schlepptau als kommenden Ehemann rekrutiert. Das Stubenmädchen, das ins Büro ihres Chefs geht, diesen ermordet vorfindet und dann miterleben muss, wie ein Fremder einen anderen (den vermeintlichen Mörder) sadistisch tötet. Das Happy End des Films stellt für sie vor allem Terror dar. Leider geht es in SHOOT OUT aber grundlegend um klar definierte Männer und ihre Generationenkonflikte sowie um die Bedeutung von Familie für die Heranwachsenden.

Beat the Devil k
(Tony Scott, USA 2002) [stream, OF]

ok +

Wenn die Schauspieler auch noch so spielen und die Figuren so angelegt sind, wie Tony Scott überdreht inszeniert, dann ist es vll. doch ein klein wenig zu viel.

Montag 29.03.

Worte und Spiele
(Harun Farocki, D 1998) [DVD]

gut +

Ein Triptychon bzgl. des Dirigieren und Kontrollieren des scheinbar offenen Contents in Talk- und Gameshows. Dreimal sehen wir die Vorgänge hinter den Kulissen, während das Eigentliche ein blinder Fleck bleibt. Bei VERA AM MITTAG sehen wir schwingende Türen, durch die ins Rampenlicht gegangen wurde. Wir sehen Veras wandernden Blicke in einer langen Einstellung, mit denen sie sich um Kontrolle bemüht. Wir sehen Vorbereitung und Durchführung eines Überraschungsauftritts. Eine Frau erzählt, dass sie sich melden musste, weil es ihr Thema sei. So sehr sei es das, dass sie ihre Hemmungen bzgl. einer Teilnahme überwand. Vor allem sehen wir aber einen Teleprompter, der An- und Abmoderation zeigt, die die Sendung möglichst allgemein rahmen und das vorgefertigte Ergebnis präsentieren. Alles in der Sendung Gesagte wird so zur unnützen Wortmeldung degradiert, die eh nichts am bereits gefertigten Fazit geändert hätte. Im Mittelpunkt steht nicht das zu Diskutierende, sondern die Inszenierung von aufregenden, mitreißenden Positionen und die Selbstdarstellung einer solchen durch die Gäste.
Im letzten Teil bei ARABELLA werden wir dies alles nochmal anders sehen. Wenn Themen gebrainstormt werden oder die Gäste vor der Sendung entspannt zusammensitzen und manche schon ihre Figur sind, andere noch nicht. Der eklatante Machtunterschied zwischen Machern und Teilnehmern wird aber im Mittelteil beim FAMILIENDUELL am deutlichsten. Dort wohnen wir einem Drill bei, bei dem die Kandidaten ins feste Korsett der Abläufe gepresst werden. Identität wird dabei mit gruseliger Virtuosität auf stammtischpassable Karikaturen heruntergebrochen.
Tatsächlich zeigt WORTE UND SPIELE aber wenig Überraschendes. Dass alles inszeniert ist und die Kandidaten punktgenau eingesetzt werden, dürfte wohl niemanden überraschen. Dass der Interviewteil beim Familienduell bestenfalls überflüssig ist und Werner Schulze-Erdels Umgang mit Frauen tendenziell unangenehm, habe ich schon mit 12 gefühlt. Worin liegt also der Sinn dieser unaufdringlichen Vorführung zweier Formate? Dass ich es trotz aller Tendenzen des Films zur kulturellen Apokalyptik nicht wirklich weiß, ist wohl das Beste. Der von WORTE UND SPIELE gesetzte Rahmen ist eben deutlich luftiger als in den drei porträtierten Sendungen.

Sonntag 28.03.

Arabian Nights / Arabische Nächte
(John Rawlins, USA 1942) [DVD]

ok

Ich kannte ihn noch nicht, hatte ihn aber schon lange herumliegen. DAS GOLDENE SCHWERT war als Kind einer meiner Lieblingsfilme und ich dachte, dass ich mit einem solchen Film Lotti Z. (5 Jahre) noch etwas mehr für ältere Filme gewinnen könnte. Hauptsache, dass sie mal sieht, dass es auch noch anderes gibt als das, was sie schon kennt. Ich sagte ihr, dass ich ein Märchen gucken werde, und sie setzte sich neben mich, weil sie Märchen ja mag, wie sie sofort klarstellte. Laut FSK sei der Film ab 12. Meiner Erwartung nach viel zu hoch, wie bei eigentlich allen älteren Filmen. Eröffnet wird der Film mit einem Gekreuzigten. Es ist sicherlich nicht die drastischste Inszenierung eines solchen Vorgangs, der möglich ist, trotzdem kam ich mir mal wieder sehr dumm vor.

Footlight Parade / Parade im Rampenlicht
(Lloyd Bacon, USA 1933) [DVD, OmeU]

fantastisch

In der Entertainmentindustrie gibt es keine Zeit zum Atmen. Chester Kent (James Cagney) produziert standardisierte Musicalnummern, die zur Gewinnmaximierung durch die Kinos im ganzen Land tingeln. Die Konkurrenz spioniert ihn aus, seine Partner betrügen ihn ums Geld, er muss Leute besetzen, die reiche Teilinhaberinnen ihm auf Auge binden, seine neue Verlobte ist nur hinter seinem Geld her, seine Sekretärin (Joan Blondell) ist in ihn verliebt, aber er merkt es nicht, weil sie so effizient in seiner Maschine aufgeht, und und und. In einer Tour überschlagen sich die Dinge und diese Screwball-Komödie ist schon eine Kunst für sich, vor allem weil die Kamera das Fließbandthema aufschnappt und immer wieder in kleinen Plansequenzen die prall gefüllte Szenerie abfährt. Nach 70 Minuten übernimmt dann aber Busby Berkeley und FOOTLIGHT PARADE verfällt schlussendlich in einen Fiebertraum und drei Musicalnummern. In der ersten: ein frisch vermählter Ehemann täuscht sich im Raum und legt sich zu einem Frauen verfolgenden, kleinwüchsigen Kind ins Bett. In der zweiten: Berkeley erreicht den Höhepunkt seiner Wasserinszenierungskünste, wenn Fantasie und mechanisierte Menschen unwirkliche Formen und Formationen zaubern. In der dritten: u.a. ein fröhlicher Tanz durch ein Opiumzelt.

Young and Healthy k
(Rudolf Ising, USA 1933) [DVD, OF]

nichtssagend

Zu FOOTLIGHT PARADE und seiner Fließbandästhetik passt dieser Merrie Melodies-Cartoon, der mit auf der DVD enthalten war, insofern, da die Hintergründe hier einfach nicht stillstehen wollen und im gleichen Muster endlos an den Figuren vorbeigedreht werden. Hier laufen nicht die Figuren die Treppe hinter, sondern die Treppe läuft unter ihnen davon.

Honeymoon Hotel k
(Earl Duvall, USA 1934) [DVD, OF]

ok

Nur etwas Information: Dieses Remake der entsprechenden Musicalnummer aus FOOTLIGHT PARADE mit Käfern war wohl Warners erster Cartoon in Farbe.

Vaudeville Reel #1 k
(Joseph Henabery, USA 1934) [DVD, OF]

gut

Nach Musiknummer mit strahlenden wie verstrahlten Lächeln, Akrobaten und Tanz tritt ein Komiker auf. Zuletzt möchte er auf einem Klavier spielen, während er einen Kopfstand macht. Dieses Instrument bricht aber langsam auseinander und entlässt dabei Wasserstürze und Tiere. Zum Klavierspiel kommt er nie. Der Grad von Absurdität – begleitet von Running Gags, deren Gag eher darin liegt, wie trocken sie in den Sand gesetzt werden – war so hoch, dass etwas wie Monty Python gar nicht mehr so außergewöhnlich scheinen wollte.

Sonnabend 27.03.

パプリカ / Paprika
(Kon Satoshi, J 2006) [blu-ray, OmU]

großartig

Wahrscheinlich ist es schon tausendfach geschrieben worden. Hier nochmal für die DVD-Hüllen dieser Welt: PAPRIKA ist das viel bessere INCEPTION.

天·火 / Skyfire
(Simon West, CHN 2019) [blu-ray, OmU]

nichtssagend

Es gibt eine direkte Hommage an THE LOST WORLD, wenn ein Auto von einer Klippe hängt und die Passagiere aus der geöffneten Hintertür zu fallen drohen. Ansonsten ist SKYFIRE aber viel mehr eine Art Remake von JURASSIC PARK, nur eben mit Lava statt Dinosauriern. Anstelle von Jeff Goldblums Dr. Ian Malcom gibt es einen orientierungslosen Wang Xueqi, der in jeder Szene aussieht, als überlege er angestrengt, wo er sich befindet. Oder: Staunend wird hier die Sonnenbrille gehoben, weil ein erwartbares Plotelement angestiefelt kommt. Nicht aber weil es Staunenswertes geben würde. Der Vulkan vor dem Ausbruch ist ein Hügel in der Landschaft, der weder als Bedrohung noch als Schönheit etwas taugt, die einen alle Bedrohung vergessen lässt. Der Vulkan während des Ausbruchs mit seinen Lavaflüssen und -geschossen ist dann ein Grundrauschen, mit dem hier und da ein Sinn dafür entwickelt wird, Leute makaber in den Tod zu schicken. Mit einer Ausnahme richtet sich dieser Spaß aber gegen gesichtslose Statisten und Underdogs. Die Helden des Films – Schönlinge frei von Charisma und ohne interessant verpackte Hintergrundgeschichten und Konflikte – werden selbst dann geschont, wenn sich die Lava nur noch ironisch über die kitschige Liebesszene legen muss, um den Elfmeter der gelungensten Pointe des Films zu vollenden. So dümpelt der Film in seiner ständigen Aufregung dahin, ohne es zu schaffen, uns daran zu binden. Zuletzt habe ich vermehrt davon gehört, dass JURASSIC PARK schlecht gealtert sei. SKYFIRE dagegen geht schon mit einem Rollator an den Start.

Beneath the 12-Mile Reef / Das Höllenriff
(Robert D. Webb, USA 1953) [DVD, OF]

ok +

Die Fischregionen eines Küstenstrichs in Florida sind zwischen Griechen und Conchs aufgeteilt. Für Mike (Gilbert Roland) und Sohn Tony (Robert Wagner) wird es zum Problem, weil es im griechischen Gebiet nur noch in einem wunderschönen, aber äußerst gefährlichen Korallenriff, dem 12-Mile Reef, Schwämme für sie zu sammeln gibt, oder in den Florida Keys der Conchs. Sie versuchen es hier wie dort und beide Male endet es im Drama. Gewalt, Tod und die konfliktverursachende Liebe zwischen Tony und Gwyneth (Terry Moore), einer Conch, sind die Folge. Doch so sehr hier ROMEO UND JULIA um die Ecke lugt, so wenig ist BENEATH THE 12-MILE REEF ein Drama. Es sind nur die geschickt eingesetzten Untiefen zwischen Raufereien, Gaunereien und schönen Unterwasseraufnahmen eines Abenteuerfilms. Allem voran ist es der ewig grinsende, herumspringende und dampfplaudernde Robert Wagner mit einer fragwürdigen Lockenpracht, der dafür sorgt, dass hier nichts zu viel Gravität erlangt.
Das größte Problem dieses ziemlich guten Films liegt aber in seiner Veröffentlichung. Das Bild der DVD ist scheußlich. Verwaschen und pixelig wie ein schlechter Rip aus dem Internet. Was besonders schade ist, dass es sich um einen ganz frühen Cinemascopefilm handelt. Nahaufnahmen gibt es also nicht und in den Totalen und Halbtotalen wird nur deutlich, wie schlecht die Qualität ist, wenn die Gesichter in ihnen in zählbare Artefakte zerfallen. Die sicherlich schönen Unterwasseraufnahmen werden mitunter auch mal zum Ratespiel, weil kaum klar wird, was denn passiert.

Freitag 26.03.

座頭市の歌が聞える / Zatoichi’s Vengeance
(Tanaka Tokuzō, J 1966) [blu-ray, OmeU]

gut

In der Aufwärmung der immer gleichen Konflikte wendet sich die Reihe zunehmend der Introspektion zu. Dieses Mal trifft Ichi einen blinden Priester, der ihn darauf aufmerksam macht, welche Folgen seine Problemlösungsstrategie (Töten) hat. Passenderweise findet sich auch gleich ein Kind, das Ichi zu idealisieren beginnt und seinem Beispiel folgen möchte. Damit werden aber auch erste Anzeichen sichtbar, dass er seinem Vater in ein unstetes Dasein eines aufschneiderischen Möchtegerns folgen könnte. Auf der anderen Seite gibt es eben die Yakuza, die Zatoichi bedrängen und keine andere Wahl lassen, als dass er zum Schwert greift. Er wird also zwischen Denkt doch jemand an die Kinder und Nutzte deine übermenschlichen Kräfte oder sieh wie Unschuldige sterben müssen festgesetzt … und das Beste ist, dass ZATOICHI’S VENGEANCE irgendwann zu vergessen scheint, diese Problematik überhaupt aufgemacht zu haben. Der Priester verschwindet und Ichi darf wieder töten wie bisher. Der Genrefilm gewinnt über den Themenfilm mit gezinkten Karten.

Bombshell / Bombshell – Das Ende des Schweigens
(Jay Roach, USA 2019) [DVD, OF]

gut

Die aus dramaturgischen Gründen eingeführte Figur der jungen Nachwuchsredakteurin Kayla (Margot Robbie) schwankt zwischen der plumpen Markierung von guten Botschaften und sinniger Veranschaulichung misogyner Strukturen (bei Fox News) sowie des Selbsthasses als Folge sexueller Nötigung (und mehr). Eine freudige Überraschung ist aber, wie sehr BOMBSHELL sich nicht der Verkündung von Botschaften hingibt, sondern ambivalent die Momente der Berechnung und der Komplizenschaft zweier Fox-Moderatorinnen, die gegen systematische sexuelle Belästigung kämpfen, im Auge behält, die in das System Fox News mit ihren unterschiedlichen Antrieben verstrickt sind und diesem eben nicht antagonistisch entgegenstehen. Mir fiel es aber in allen Szenen mit Nicole Kidman etwas schwer mich zu konzentrieren, weil ich immer auf ihr lächerliches, angeklebtes Kinn starren musste, von dem jemand der Meinung war, dass sie es tragen müsse, um Gretchen Carlson spielen zu können.

Donnerstag 25.03.

監獄風雲II逃犯 / Prison on Fire II
(Ringo Lam, HK 1991) [DVD, OmU] 2

großartig +

Im Interview auf der DVD erzählt Ringo Lam, dass die Geschichte ein einziges Klischee sei. Bis auf die Botschaft, dass man sich von denen, die teilen und herrschen, nicht teilen lassen sollte und das Festlandchinesen und Hongkonger zusammenhalten sollten, wäre daran nichts weiter erwähnenswert. Sabrina Z. war dabei sichtlich aufgewühlt und schimpfte gegen die Ausführungen des Regisseurs an. Sie würde wohl nicht abstreiten, dass der zweite Teil in seiner Wiederholung des ersten Teils nur graduelle Anpassungen vornimmt, wie dass der andere Tony Leung durch das Kind Chings (Chow Yun-Fat) und den chinesischen Gangster Dragon (Chan Chung-Yung) ersetzt wird. Dass er aber schon eine sehr getreue Kopie ist. Für sie stand der Film seinem Vorgänger aber nur in wenig nach. Die Flucht von Dragon und Ching war aber eine Offenbarung für sie. Die tollpatschige Verfolgungsjagd über ein Wellblechdach, das Vertiefen der Freundschaft beim gemeinsamen Durchfall auf dem Kamm eines saftig begraßten Hügels, das (romantische) Plantschen in einem kleinen Waldteich. Und auch wenn ich Teil 2 stringenter und nicht so fragil und damit nicht so gut wie Teil 1 empfinde, mit der Einschätzung hat sie Recht: die Flucht von Dragon und Ching ist Weltklasse und Lams menschlichen und erzählerischen Spielereien deutlich bemerkenswerter als die für ihn so wichtige simple Botschaft.

Mittwoch 24.03.

Gasparone
(Georg Jacoby, D 1937) [DVD]

großartig

Identität als Fabrikation der Imagination. Die Fiktion eines ungreifbaren Räubers wird von einem Schmuggler zur Realität gemacht, um von seinen Taten abzulenken. Die von der scheinbaren Realität dieses Räubers inspirierte Bühneninszenierung, die den Film eröffnet, wird später in den Wald verlegt, um einen Sohn, der reich heiraten soll, in die Fänge der Liebe zu entführen. Ermittler mit Haifischzahnreihen (Jopi Heesters) verstecken sich hinter ihrer Undurchschaubarkeit und die Niedertracht der Elterngeneration hinter nur scheinbarer monetärer Zwangsläufigkeit. Die Verstellung einer grundlegenden Wirklichkeit der Identität als buntes, phantasievolles Hin und Her mit Singsang.

Dienstag 23.03.

Stilleben m
(Harun Farocki, D 1997) [DVD]

großartig

Alternierend: ein Essay über den Beginn der Stilllebenmalerei in der Neuzeit, in deren Geschichte erst das Sakrale, dann das Symbolische aus den Bilder gedrängt wird, und Aufnahmen von Werbefotos ohne darübergelegten Kommentar, wobei die Lichtbildner eine Form suchen, um die jeweiligen Produkte (Käse, Bier, eine Luxusuhr) in den Aufmerksamkeitshaushalt bzw. das Unterbewusstsein des Konsumenten zu drängen – oder ihrem eigenen Ego zu gefallen. Worin Farocki jetzt den neu entstehenden Menschen sieht, wenn verstanden ist, dass sich in diesen Bildern der Gestalter zu verschleiern versucht, habe ich nicht ganz verstanden, weil ich ein klein wenig gestorben bin, als der Werbefotograf anhand seines eigenen Bildes, dass von uringelben Bier bestimmt ist, verzückt Weltklasse ausruft.

Montag 22.03.

監獄風雲 / Prison on Fire
(Ringo Lam, HK 1987) [DVD, OmU] 2

fantastisch

Die Expressivität von Chow Yun-Fats Gesicht finde ich immer noch erstaunlich und überraschend. Nie sah er jähzorniger als hier aus. So verzerrt ist sein Devil-May-Care-Gesicht, dass er fast ohne Maske den PREDATOR hätte spielen können. Ansonsten immer noch ein erstaunlicher Film, wenn es darum geht, den Druck auf ein Lamm und einen Affen zu erhöhen, die mit Idealismus und Blödsinn den Stress der Einkerkerung mit irrationalen Gewalt- und Machtwesen wegdrücken und ignorieren wollen. Denn mit Toleranz (hier wohl: mit einer hohen Toleranzschwelle) kann Ruhe gefunden werden, wie ein Spruch auf einem Stuhl in einer Einzelhaftzelle steht. Die körperliche und geistige Gewalt, die wahnsinnigen und nach Sicherheit bei der Macht suchenden Blicke lassen aber nicht von ihnen ab, bis der Film wie seine Figuren die Verdrängungsmechanismen nicht mehr aufrechterhalten kann und in einer Horrorversion der eigenen Zerrüttung endet. Ringo Lam wäre wohl der erste, der darin nichts Weltbewegendes findet. Seine Art Zärtlichkeit, Hoffnung, Gewalt und Sadismus aufeinandertreffen zu lassen aber, suchen immer noch ihresgleichen.

Sonntag 21.03.

Kong: Skull Island
(Jordan Vogt-Roberts, USA 2017) [3D-blu-ray, OF]

ok +

Als King Kong das erste Mal auftaucht, wirft er einen Baumstamm in einen Helikopter, der gerade Black Sabbaths PARANOID in den Urwald einer unbekannten Insel schallen lässt. Die Beteiligung der USA am Vietnamkrieg geht zum Zeitpunkt der Handlung seinem Ende entgegen und KONG: SKULL ISLAND nimmt so ziemlich jeden Smash Hit mit, der auf billigen Blumenkinder/Vietnam-Rocksamplern zu finden ist und schon millionenfach zur (nostalgischen) Etablierung der Zeit benutzt wurde. Es ist geradezu ein Wunder, dass ALL ALONG THE WATCHTOWER nicht angespielt wird.
Mit dem Baumstammwurf und der Zerstörung des Helikopters verschwinden diese auditiven Geschmacksverstärker aus dem Film. Ein Abenteuerfilmscore übernimmt und es ist erlösend … bis ein seit dem Zweiten Weltkrieg auf der Insel Gestrandeter (John C. Reilly) auftaucht und mit der aktuellen Popkultur vertraut gemacht werden muss … und die gefällige Selbstreferenzialität überhandnimmt und Kong gegen hässliche Godzillas ohne Hinterbeine und Charisma kämpfen muss, damit der Kampf gegen den wahren Godzilla für einem weiteren Film aufgehoben ist. Tatsächlich gibt es hier viele Stichwörter, die, wenn besser aufgelesen, den Film mehr Richtung Lovecraft hätten gehen lassen können. Das ganze angestrebte Cinematic Universe hätte davon profitiert, wie auch der Film, der trotz vieler schöner Momente, nicht so richtig weiß, was er mit sich anfangen soll, weshalb er viel macht, aber nichts richtig. So ist es Auftaktgeplänkel für eine Reihe, die keinen besseren, anderen, vielschichtigeren Höhepunkt kennt als: King Kong gegen Godzilla.
Mitten im Film: Tom Hiddlestons Spurenleser und Brie Larsons Kriegsfotografin laufen durch den nächtlichen Urwald und gelangen an eine romantische Klippe. Zwischen ihnen hätte es nun zu einem erotischen Tête-à-Tête kommen können, gerade da der Sinn für die Anwesenheit von Hiddlestons Figur im Film nur in der Paarung mit Larson zu liegen scheint. Im kontemporären Blockbuster erscheint aber der riesige Kong und etwas Zärtlichkeit mit Larsons Figur legt nahe, dass er, der letzte seiner Art, sich gerne in sexuellen Handlungen mit einer viel zu kleinen Frau ausleben würde. Der prüde kaschierte Penis dieses Tieres allein ist aber sicherlich größer als sie insgesamt. Sie scheint aber auch an einer tieferen Erfahrung mit Kong interessiert zu sein. Sex an sich ist aber zur Unmöglichkeit geworden. Es ist traurig und melancholisch. Für Kong, der in diesem Moment für das Verlangen von Hiddlestons Charakter einsteht, Larsons Figur und die Connaisseurs des Schlüpfrigen in Hollywoodgroßproduktionen.

Sonnabend 20.03.

Il deserto dei Tartari / Die Tatarenwüste
(Valerio Zurlini, I/F/BRD 1976) [blu-ray, FFmeU]

großartig

Ein Mann verabschiedet sich von seiner Freundin. Sie solle sich nicht auf ihn aufheben, während er aufbricht, um eine belebte Landschaft zu verlassen und in der Wüste in Ruinen auf Godot (hier: militärischer Ruhm) zu warten. In einer kafkaesken Männerbundkaserne nimmt er Platz, an einem Ort, der ihn mit frischen Gräbern begrüßt und der ständigen Information, dass seit Jahren nichts an dieser toten Grenze geschah. Die Offiziere um ihn verschwinden, vergehen und sterben, bis er fast alleine verblieben ist. Zunehmend hört er auf die seltsamen Regeln des strengreglementierten Militärlebens im Nirgendwo verstehen zu wollen. Ohne das ihm etwas gegeben wäre, das er greifen könnte, zieht die Zeit dahin. Und ich mit meinen 10 Monaten Erfahrung bei der Bundeswehr – wobei ich nicht mehr genau nachvollziehen kann, wie es überhaupt dazu kam, mit Heroik hatte es jedenfalls nichts zu tun – fand: bester Film zu diesem Erlebnis.

Freitag 19.03.

Der Irrtum m
(Bruno Sukrow, D 2020) [stream]

großartig

Im Perlentaucher gibt es etwas zu diesem schönen, kleinen Film von mir, der von der Schönheit des Brüchigen erzählen wollte.

Heisser Sand m
(Bruno Sukrow, D 2020) [stream]

großartig

Bestechend ist, wie diese halbstündige Liebesgeschichte mäandert und immer noch eine Windung mitnimmt. Eine gigantische Auflösung scheint sich aufzubauen, um dann nur eine kleine, trockene, realitätsvergessene Pointe zu sein.

Der Befehl k
(Bruno Sukrow, D 2020) [stream]

großartig

Aliens, die nach dem Schreienden in Edvard Munchs DER SCHREI aussehen, entführen eine halbnackte Frau, die nicht zu sehen ist, als sie bei der Entführung aus ihrem Zimmer, in dem Edvard Munchs DER SCHREI hängt, schreit. Es folgt eine Pointe, bei der eine Frau zu einer blutigen Wolke zerplatzt und sich schnell wieder in der Atmosphäre des fremden Planeten verflüchtigt. Tatsächlich ist der Kurzfilm DER BEFEHL ein pointiertes Essay über Egozentrik, Victim Blaming und die Traumatisierung durch sexuelle Gewalt.

Dienstag 16.03.

The Rain People / Liebe niemals einen Fremden
(Francis Ford Coppola, USA 1969) [DVD, OF]

gut

In dem Moment, in dem klar wird, dass Anhalter Jimmy ‘Killer’ Kilgannon (James Caan) eine geistige Behinderung hat, kippt der Film. Vorher flieht Natalie (Shirley Knight) vor ihrer Ehe, dem Kind in ihrem Bauch und einer Existenz, in der sie ohne Ehemann nicht einmal zu ihren Eltern gehen darf. Sie fährt ziellos durch die USA, nur um wegzukommen. Sie nimmt einen Anhalter mit, wie die Impressionen vorbeifliegen und für einen kurzen Moment mitgenommen werden: Erinnerungsfetzen, orientierungslose Telefonate – die von langen Einstellungen, in denen Gesichter festzustecken scheinen, konterkariert werden –, Autos auf Landstraßen in endlosen Weiten, verspiegelte Hotelzimmer, in denen Natalie und Killer verspielt ein Verhältnis zueinander und Rollen füreinander suchen … und die Spiegelbilder ein simples Labyrinth dieser Versuche ergeben.
Auf der anderen steckt alles fest. Natalie will weiter fliehen, aber Killer wird zum Symbol für das ungeborene Kind in ihrem Bauch, vor dem sie abhauen möchte, das aber nicht abhängbar ist. Natalies Gewissensbisse materialisieren sich: Die Welt wird zu einem engen Ort mit niederträchtigen Menschen, in der ein Kind nicht allein gelassen werden kann; ein alleinerziehender Vater (Robert Duvall) rundet als Höllenvision ihrer Ehe sowie ihrer Vorstellung eines Kindes, das mit einem jähzornigen Egozentriker alleingelassen wurde, alles ab.
Aus einem schönen Film wird ein bitterer und gemeiner, was aus Natalies Sicht womöglich passend ist. Aus ihm wird aber auch ein eindimensionaler, der nur noch eine Konsequenz kennt: Zerstörung der fliehenden Frau. Und vielleicht muss ich diesen Wandel verdauen, bis ich hier mal etwas goutieren kann.

Sonntag 14.03.

Anatomie de l’enfer / Romance 2 – Anatomie einer Frau
(Catherine Breillat, F 2004) [DVD, OmeU] 3

großartig +

Für die Catherine Breillat-Reihe bei critic.de habe ich ihn mir nochmal angeschaut. Und ich habe mir, leider zu spät für den hier folgenden Text, die Buchvorlage besorgt. Breillats Anliegen kommt schriftlich etwas klarer heraus, aber über Körper schriebt sie, wie sie sie filmt: Es sind alles bestimmende Abscheulichkeiten aus Ausdünstung, schmierigen Flüssigkeiten und Verderbnis. Ein delirantes Vergnügen. Buch wie Film.

Sonnabend 13.03.

目露凶光 / Victim
(Ringo Lam, HK 1999) [blu-ray, OmeU]

großartig

Ringo Lams ON FIRE-Filme sind wie Wände, die sich aus vielen Richtungen um die Protagonisten zusammenziehen und die die ausweglos gegen ihr Schicksal Ankämpfenden zerquetschen. VICTIM gibt seinen Figuren mehr Raum zu existieren, zu überlegen, um sich auszuprobieren. Tatsächlich ändert er selbst seine Form wie ein Chamäleon. Der Entführungsthriller führt zum Gespensterfilm, der wiederrum zu Ehedrama und einer sich darin spiegelnden Gangsterjagd, um in einem Heist zu enden. Da wo die Filme sonst zusammenpressen, da zerrt VICTIM auseinander.

Pocahontas
(Mike Gabriel, Eric Goldberg, USA 1995) [blu-ray]

ok

Die Charakterisierung von John Smith, bis er sich durch die Liebe Hals über Kopf verändert, ist wunderschön: Ich liebe kontemplative Spaziergänge in der Natur … und dabei Wilde zu töten. Ansonsten eine Romeo und Julia-Geschichte, die ihr reduziertes Personal so aufstellt, dass alles schön und sauber in seinen Platz fällt, in der also außer etwas Naturkitsch und einer farblich sehr schönen Eskalationssequenz nicht viel zu holen ist … außer Verdrängungsmechanismen halt.

Personal Shopper
(Olivier Assayas, F/D/B/CZ 2016) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Durch den wegfallende Suspense leidet die unheimliche Atmosphäre etwas. Dass Lars Eidingers Figur aber Ingo genannt wurde, ist immer noch ein Geniestreich.

Freitag 12.03.

座頭市地獄旅 / Zatoichi and the Chess Expert
(Misumi Kenji, J 1965) [blu-ray, OmeU]

gut

Ichi kämpft sich wieder einmal durch ein Yakuzagetümmel. Nach seinem Sieg fällt ihm auf, dass er mitten im Schilf eine wichtige Arznei verloren hat. Er tastet sich daraufhin durch das Ufergebiet und findet sie erst kurz bevor er verzweifelt aufgab. Das erste Mal ist spürbar, dass Zatoichi tatsächlich auch blind ist. Bei einem Würfelspiel versucht er leichtgläubige Yakuza nach einer inzwischen bewährten Methode übers Ohr hauen. Doch als er den Becher selbstsicher lüftet und die Gewinne schon kassieren möchte, machen ihn die Spieler darauf aufmerksam, dass sein Trick nicht funktionierte und er sein gesamtes Geld verspielt hat. Mehrmals scheint Ichi seine Superheldenkräfte zu verlieren. Eine Argumentation wäre, dass der Film so spannender gemacht wurde, weil er nicht mehr unbesiegbar wie Superman ist. Eine andere würde ihm unterstellen, dass er ein Gewissen hat. Dass, als er beginnt, seine Macht zu missbrauchen, dieses ihm in Stich lässt. … Bei dieser Episode handelt es sich also um den illegitimen Vorgänger von SPIDER-MAN II.

ひとりかくれんぼ 黄泉がえり遊び / Creepy Hide and Seek
(Adachi Kaoru, J 2016) [DVD, OmU]

uff

Drei junge Frauen treffen sich in einer verlassenen Anstalt, um dort ein ritualisiertes Verstecken mit Geistern zu spielen. Die Laufzeit des Films liegt knapp über dem Normalmaß eines Pinkfilms. Nur ist er selbst keiner. Vielmehr wirkt es wie ein Porno – mit Horroreinschlag und einem Fetisch für Schlüpfer/Frauenschritte, die vor Blut nur so strotzen –, der versucht seinen Sex durch atmosphärische Flächen auszutauschen, in denen nichts geschieht und in denen doch Handlung vorgetäuscht wird.

Donnerstag 11.03.

Moxie / Moxie. Zeit, zurückzuschlagen
(Amy Poehler, USA 2021) [stream, OmeU]

nichtssagend

Nicht mal für einen milden kleinen Shitstorm reicht es mit meinem Text bei critic.de. Jetzt ist die Frage: Kann ich nur bedingt kontrovers oder interessiert es einfach nur niemanden, was ich schreibe? 😄

Mittwoch 10.03.

Wine Country
(Amy Poehler, USA 2019) [stream, OmeU]

gut

Sechs Freundinnen reisen in ein Weinanbaugebiet und kämpfen mit ihren Midlife Krisen. Von Anfang an zeichnet sich ab, dass die Freundschaft in einer Explosion der Eitelkeiten zerbersten und danach wieder gekittet werden wird. WINE CONTRY webt es mehrmals als Prophezeiung ein, nur um es doch lange ausbleiben zu lassen. Passivaggressiv wird aneinander herum gekrittelt. Am besten noch hinterm Rücken des Objekts der Kritik. In den Alkohol wird sich gerettet, um den Konflikten mit sich und den anderen aus dem Weg zu gehen. Und die angestaute Aggression wird nach außen gelenkt, wenn Millennials und ihre seltsame Lebenswelt zur Zielscheibe von Schimpftiraden werden. Statt also die Situation eskalieren zu lassen, steckt der Film in seinen besten Momenten darin fest, dass die Figuren vor sich hin schmoren. Der beste Gag des Films ist deshalb, wenn ein Kochfatotum (Jason Schwartzman) Amy Pehlers Figur fragt, ob sie mit ihm schlafen würde und die Kamera unendlich lang ein regloses Gesicht zeigt, dass absolut keine Entscheidung finden kann … und viel schlimmer: wohl auch davon überwältigt ist, dass ihr Leben an einem Punkt angekommen ist, wo ihr die Argumente für das naheliegende Nein ausgegangen sind. Schade ist, dass dann doch das kommt, was kommen muss, dass der Film nicht weiter verglüht, und dass Tina Feys größerer Gastauftritt so gar nicht funktionieren möchte.

Dienstag 09.03.

North to Alaska / Land der 1000 Abenteuer
(Henry Hathaway, USA 1960) [blu-ray, OF]

großartig

Des Widerspenstigen Zähmung als Slapsticktortenschlacht und als Abenteuerfilm voller melancholischer Hoffnung, doch noch aus den Sackgassen des Lebens herauszukommen.

Montag 08.03.

The Dead Don’t Die
(Jim Jarmusch, USA/S 2019) [stream, OF]

nichtssagend

Meine erste Sichtung von DEAD MAN führte Ende der 90er dazu, dass ich mich intensiver mit Filmen auseinanderzusetzen begann. Anfang der 00er kam eine Jim Jarmusch-Retro in einem kleinen Kino um die Ecke. Dort DEAD MAN gesehen zu haben, gehört bis heute zu meinen intensivsten Kinoerfahrungen. Es war aber auch schön einige seiner früheren Filme im Kino nachzuholen. Zu den ersten DVDs, die ich mir kaufte, gehörte die Jim Jarmusch Collection. Seit GHOST DOG habe ich alle seine Filme zum Kinostart – auch wenn die Kopie von GHOST DOG noch eine halbe Ewigkeit brauchte, bis sie mal hier in die Provinz getingelt kam – in einem solchen angeschaut. Aber GHOST DOG war auch der Letzte, der mich völlig überzeugte, und ich habe inzwischen etwas Angst die frühen Filme wieder zu sehen. NIGHT ON EARTH vor etwas mehr als zehn Jahren wiedergesehen zu haben, war schon nicht mehr das Gelbe vom Ei.
THE DEAD DON’T DIE habe ich nicht im Kino geschaut, sondern auch nur gegen einen inneren Widerwillen jetzt über eine Streamingflatrate. Es sind nicht die besten Voraussetzungen. Nicht auf Grund des Streamings, sondern weil ich von einem Filmemacher, der mir mal sehr wichtig war und es irgendwie noch ist, nichts Beglückendes mehr erwarte, sondern Krampf. Es war dann wohl auch eine selbsterfüllende Prophezeiung, ein Zombiefilm voller halbseidener Metawitze und lieblosen Skurrilitätszwang zu erhalten. Wenn der Film sich mal nicht anstrengt, originell zu sein, und einfach nur bei seinen Figuren verweilt – das nur nebenher beobachtete Nervenverlieren von Chloë Sevigny ist beispielsweise sehr toll –, dann hat er seine Momente. Weitestgehend war es für mich aber anstrengend, einem Filmemacher zuzuschauen, bei dem ich zusehends nicht mehr nachvollziehen kann, was ihn an seinen Filmen denn interessiert (hat).

Sonntag 07.03.

Aquaman
(James Wan, USA/AUS 2018) [3D-blu-ray, OF]

ok +

Unter den aktuellen Gegebenheiten des Blockbusterkinos vll. wirklich so etwas wie ein seltsamer Film.

Personal Shopper
(Olivier Assayas, F/D/B/CZ 2016) [blu-ray, OF]

fantastisch

Vielleicht auch ein schöner Film über ein Jahr Corona. Neben der Leere des Jobs – Maureen (Kristen Stewart) kauft Klamotten für ein Model –, der sie von den Dingen abhält, die sie erfüllen, handelt PERSONAL SHOPPER von einer existentiellen Trennung von anderen Menschen. Als Medium sucht sie nach Nachrichten aus einer Zwischen- und Nachwelt (von ihrem verstorbenen Zwillingbruder). Als Angestellte reagiert sie auf Briefe und Zettel. Ihre Beziehung ist nur über Videochats möglich, denen nur zu einfach aus dem Weg zu gehen ist. Als sexuelles Wesen bekommt sie Nachrichten auf ihr Handy, die sie zwar emotional berühren, die brutal nach ihr greifen, ihren Körper muss sie aber selbst versorgen. Zuweilen ist das Ergebnis naughty, zuweilen creepy. Manchmal ist es schamlos obskur, oft nur die Bewegung von einem Ort zum anderen, von denen sie sich treiben lässt. Vor allem ist PERSONAL SHOPPER aber ein neugieriger Film, der nicht in emotionale oder erzählerische Extreme ausschlägt, sondern guckt was passiert … der am Ende mit der Flucht aus der Großstadt nur vermeintlich eine Lösung aus der Isolation anbietet.

Sonnabend 06.03.

龍虎風雲 / City on Fire
(Ringo Lam, HK 1987) [blu-ray, OmeU] 2

großartig +

Ein Undercovercop (Chow Yun-Fat) schafft nicht den Ausstieg in die heterosexuelle Normalität, in der er gerne Späße mit seiner genervten Verlobten (Carrie Ng) hat, weil er immer wieder eingespannt wird, um vom rechten Weg abgekommene, ehrenvolle Männer (Danny Lee) zu bespitzeln, und sich emotional völlig zerrütten muss. Also im Grund das sich an der Ehre reflektierte Spiegelbild von John Woos THE KILLER. Nicht nur tauschen Chow Yun-Fat und Danny Lee die Seiten des Gesetzes, auch ist die Inszenierung nicht so romantisch überladen, sondern befindet sich atemlos am Rand zur Verzweiflung … voller Situationen, voll Zwang und ohne Zeit. Starten in dem einen Film die Tauben vom Platz der Ehre, fallen sie hier von diesem mit gefesselten Flügeln auf den Asphalt.

スチュワーデス・スキャンダル 獣のように抱きしめて / Flight Attendant Scandal: Hold Me Like a Beast
(Konuma Masaru, J 1984) [DVD, OmeU] 2

großartig +

Anders als der Name vermuten lässt, gibt es hier so gut wie keine sexuelle Übergriffigkeit. Und fast genauso entspannend ist, dass FLIGHT ATTENDANT SCANDAL ebenso durchgängig auf eine Geschichte verzichtet. Eine Stewardess hat Begegnungen mit drei Männern: sie versucht in Psychotherapiesitzungen, welche von einer grellen 80er Jahre Pop-Art-Psychedelika gekennzeichnet sind – alleine sie sind die Sichtung des Films wert –, ihre wiederkehrenden Alpträume loszuwerden, in denen Penisse/Flugzeuge sie durch die Luft fliegen lassen; ihre Beziehung zu einem Piloten geht in die Brüche, weil er nicht die Hände von einer völlig irritierten Kollegin in ihrer Wohnung lassen kann; sie trifft einen Wahrsager im Neondschungel, der ihr die große Liebe weissagt; sie geht zum Tontaubenschießen und ins Spa, weil ihre Kolleginnen auch mit zwielichtigen Männern eine eigenwillige Zeit verbringen müssen; Drogenschmuggel und Männer in Frauenkleidung werden zudem eine Rolle spielen. All das wird durcheinander gewürfelt, weil sie sich eben selbst sucht und der Film nur fadenscheinige Antworten hat … aber dafür sehr viel Sinn dafür, die Seele baumeln zu lassen, was ihr und dem Zuschauer gut tut.

Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga
(David Dobkin, USA 2020) [stream, OF]

gut

Die Auftritte des Eurovision Song Contest sind das Beste. Sie zeugen sichtlich davon, dass hier Aficionados am Werk sind, die mit einer minimalen Parodie ihre Liebe für eine auch so schon nicht ganz normale Veranstaltung bekunden. Die um den Contest gebaute Geschichte ist aber hauptsächlich Hit and Miss. Gerade weil Will Ferrell seiner Paraderolle des egozentrischen Kindmannes kaum noch Sympathisches abgewinnen kann. Er bremst den Film wiederholt aus und füllt ihn mit der wenig originellen Ignoranz eines Mannes auf, der nur sich selbst sieht. Zumindest Pierce Brosnan als Urgrund dieses Gemütszustandes macht eine gute Figur. Traurigerweise hätte also viel weniger Ferrell und mehr Rachel McAdams der Geschichte von Fire Saga sehr gut getan.

Freitag 05.03.

座頭市逆手斬り / Zatoichi and the Doomed Man
(Mori Kazuo, J 1965) [blu-ray, OmeU]

gut +

Mitten im Film steht Ichi völlig ohne Bindung zum Rest des Films an Klippen und hört – laut Eigenaussage – das erste Mal am Meer. Irritation steht in seinem Gesicht, weil er die Unendlichkeit des Ozeans in seinem potentiellen Blickfeld nicht fassen kann. Später, wenn er sich durch eine hier wirklich fast endlose Menge an Yakuza kämpfen muss, dann branden nicht nur wieder die Wellen des Meeres, sondern eben auch die der Kämpfer. Welle auf Welle stürzt auf ihn ein. Eine in irgendeiner Form vom Format abweichende Geschichte erwarte ich eigentlich nicht mehr. Ichi verteidigt eben Frauen und Unschuldige gegen skrupellose Yakuza, die lediglich einen Hauch von Ritterlichkeit als Tarnung tragen. Immer und immer wieder mit den gleichen optischen Tropen seiner Kampfkunst und Blindheit. Hier aber strömt Traurigkeit vom Wasser in die Ritzen der Geschichte, weil es, egal was passiert, kein Happy End geben wird, weil die Gier und Machtmissbrauch immer wieder Wellen an Unrecht loslassen.

Donnerstag 04.03.

Wiener Blut
(Willi Forst, D 1942) [stream]

großartig

Zuerst: die Küche eines Hexers, der das Wiener Blut zusammenmischt. In Wien wird dann ein Preuße (Willy Fritsch) korrumpiert. Tanzen und das sonstige Lotterleben werden ihm eingeimpft – in einem Film, in dem Forst seine Schmiertendenz noch weiter ausbaut. Und der Wiener Kongress, der den Hintergrund der Geschichte bildet, stellt für Fürst Metternich eine Treffen dar, wo er mit ganz Europa eine bunte Theateraufführung inszenieren kann – Politik ist nur Nebenprodukt. Es geht um amouröse Animositäten. Theo Lingen und Hans Moser spielen Diener, die nochmal das Aueinandertreffen der Temperamente und ihre Versöhnung doppeln. Laut Wikipedia war es einer der erfolgreichsten Filme im nazionalsozialistischen Deutschen Reich und das obwohl oder gerade weil dessen Konzept verhohnepipelt wurde.

Mittwoch 03.03.

大事件 / Breaking News
(Johnnie To, HK 2004) [DVD, OmU]

großartig

Eine Plansequenz eröffnet den Film. In dieser kommt es zu einer Schießerei mitten auf einer belebten Straße Hongkongs. Die durch das Geschehen schwebende Kamera lässt die diversen Beteiligten an uns vorbeiziehen, als säßen wir an einem Fließband. Die räumliche Kohärenz der schnittlosen Einstellung verhindert jedoch jede Übersichtlichkeit. Was sich im toten Winkel der Kamera befindet, haben wir entweder noch nicht gesehen oder es ist nur noch der Ausgangspunkt für Annahmen, was geschehen ist, seitdem wir zuletzt dort vorbeikamen. Es ist ein eleganter Auftakt, aber auch einer, der den inhärenten Mangel einer jeden Perspektive vorführt.
Darauf folgt ein Thriller mit Gangstern/Geiselnehmern und den diversen Polizeieinheiten, die sich auf ihren Fersen befinden. Die Polizei, die um ihr Image bedacht ist, als auch die Reporter hoffen auf einen Actionfilm, den sie den Zuschauer bieten können. Und BREAKING NEWS ist ein solcher, weshalb sie Schießereien, Explosionen, Helden, Bösewichte und Opfer – allesamt charismatisch – bekommen. Darin eingewoben wird aber auch ein Kampf der Bilder. Wer macht das bessere Bild für die Öffentlichkeit.
Doch auch wenn es der Titel anders angibt, bleibt dies nur zentrale Nebensache des Films. Tatsächlich geht es um drei Protagonisten, die ihre Aufgabe machen wollen. Anders als bei THE KILLER beispielsweise gibt es zwischen ihnen aber kein Verständnis, weil das gemeinsame Fundament nicht die Ehre ist, sondern der Wille zum Erfolg. Verbissen sind die Verfolger wie die Fliehenden. Und deshalb sollte es eben nicht verwundern, dass es in diesem geschmackvollen Film vor Flatulenzen nur so wimmelt. Der Druck auf die Einzelnen ist brutal und wirkt in den Verdauungstrakten von BREAKING NEWS.

Februar
Sonntag 28.02.

Sleeping Beauty / Dornröschen
(Clyde Geronimi, USA 1959) [blu-ray] 4

großartig

Rein optisch ist das das Schönste, was Disney je gemacht hat. Mit Abstand.

Grand Canyon m
(James Algar, USA 1958) [blu-ray] 2

großartig

Dieses Amalgam aus atemberaubenden Naturaufnahmen und der mitunter auftretenden naiven Goofiness, wenn beispielsweise völlig inkohärente Geschehnisse zusammen montiert werden, um die Jagd einer Wildkatze nach Beute zu simulieren, finde ich toll.

High Life
(Claire Denis, D/F 2018) [blu-ray, OmeU] 2

großartig +

Die Erinnerungen an eine Welt, die mehrere Lichtjahre und Zeitjahre zurückliegt, erinnern – vor allem optisch – an Tarkowskijs SOLARIS. Eine Bahnfahrt mit Interview an Godards LA CHINOISE. Und ein Selbstbefriedigungsraum, in dem eine vernarbte Juliette Binoche Sex mit einer Maschine hat, an David Cronenberg. Der Garten im All und die Dezimierung einer Mannschaft, bis einer (mehr oder weniger) allein mit diesem zurückbleibt, gewahrt an SILENT RUNNING. Bestimmt stecken auch 2001 Assoziationen im Ganzen. HIGH LIFE ist aber kein Science-Fiction-Best-of. Die Reminiszenzen bleiben völlig vage. Stattdessen herrscht eine unbestimmte Trauer. Wenn mit anderen Menschen zusammengelebt werden muss, scheinen die Protagonisten ebenso verloren, wie wenn einer allein zurückgeblieben ist. Sex ist seltsam, wenn er nur Lust ist, wie er absonderlich ist, wenn er lediglich zur Zucht dient. Nichts scheint passen zu wollen. Lakonisch treibt der Film dahin und nimmt die beständige Trauerarbeit mit Robert Pattinsons unbewegten Gesichtszügen ruhig hin.

365 dni / 365 Days
(Barbara Bialowas, Tomasz Mandes, PL 2020) [stream, OmeU]

nichtssagend

Wir sehen wiederholt und ausdauernd einen Mafioso bzw. einfach einen Mann, wie er in Modegeschäften sitzt, Einkaufstüten hält und auf seine Frau wartet. Sinnbildlich steht es dafür, wie 365 DNI möglichst jedes Klischee darüber, wie Männer und Frauen nun einmal sind, mitnimmt, um damit seine Hauptfiguren zu charakterisieren. Das Problem ist dabei nicht, dass seine Hauptfiguren Klischees entsprechen, sondern dass einem mit ihnen ein möglichst provokanter Diskurs ans Bein genagelt wird. Was aus diesem Erotikliebesfilm eine Art DEATH WISH macht, der nur eben nicht Lynchjustiz, sondern Gender behandelt.
In meiner liebsten Szene ist die Frau, die der Mafiosi entführt hat und der er 365 Tage gegeben hat, um sich in ihn zu verlieben, ans Bett gefesselt. Er steht mit seinem muskulösen Körper vor ihr und sagt, dass er ihr nun zeigen wolle, was sie verpasst. Da er gelobt hat, sie nicht gegen ihren Willen sexuell zu missbrauchen, kommt eine andere Frau herein und bläst ihm einen. (Überhaupt lässt er sich bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich oral befriedigen.) Danach erhebt sich die Dame, wischt sich den Mund ab und geht wieder. Seine Vorführung ist beendet, sie weiß, was sie verpasst, und ich fand, dass 365 DNI hier einen Grad von erfrischender Absurdität erreichte, dem er sich ansonsten mit seinem (scheinbaren?) bitteren Ernst verwehrte.

Sonnabend 27.02.

Wonder Woman
(Patty Jenkins, USA/CHN 2017) [3D-blu-ray, OF]

ok +

Mit grellen Farben und einem überdrehten Amazonenkampftrainingsballett beginnt es. Es folgt ein müdes Grau-in-Grau, das zur Unterstützung des Fluchtpunktes der Handlung kommunizieren möchte, dass die Welt heruntergekommen ist und nicht so schön wie irreale Rückzugsorte. Sie ist aber eben real und sie sei es wert, um sie zu kämpfen. Das Problem damit ist aber, dass die Optik sichtlich greller ist, nur nachträglich gedämpft wurde. Dass WONDER WOMAN wie eine von Gucci entworfene Matschpfütze aussieht. Der behauptete Dreck ist eben nicht dreckig, sondern glossy. Und dem Sinn dahinter kann ich nicht ganz folgen.

Das Mädchen mit den Katzenaugen
(Eugen York, BRD 1958) [DVD] 2

gut

Ein paar Highlights sind in diesem Film verstreut – Schilf als Hort nostalgischer Unschuldserinnerung sowie Gert Fröbes repetitives Nein. Nein. Nein. Nein. gehören dazu. Vera Tschechowas Augen, die ihr im Schwarz-Weiß hell und unweltlich aus dem Gesicht leuchten, überstrahlen fast, dass derer nicht so viele sind.

Freitag 26.02.

座頭市二段斬り / Zatoichi’s Revenge
(Inoue Akira, J 1965) [blu-ray, OmeU]

gut +

Es gibt zwei Formen, mit denen die Malträtierung von Frauen dargestellt wird. (Für die Yakuza gibt es im Grunde nur zwei Arten von Frauen: Prostituierte und solche, die noch zur Prostitution gezwungen werden müssen.) Einmal werden sie durch die Bilder gestoßen und misshandelt. Dann sind da aber auch die schnellgeschnittenen Einstellungen von Sexarbeiterinnen. Scheinbar eingefrorene Portraits von Frauen werden aneinanderreiht, die in ihrem Schock festsitzen. Die Bordelle der Yakuza werden so eingeführt. Die zweite Form ist tatsächlich die effektivere und geschmeidigere, um Entsetzen zu inszenieren.

Fanny Lye Deliver’d / Die Erlösung der Fanny Lye
(Thomas Clay, UK/D 2019) [DVD, OmU]

ok +

Zu dieser nerdigen Liebeserklärung an eine Epoche im Gewand einer drastischen Home Invasion gibt es Weiterführendes bei critic.de.

Donnerstag 25.02.

Katharina, die Letzte
(Hermann Kosterlitz, A 1936) [stream]

großartig

Es gibt den Moment, in dem Katharina (Franziska Gaal), eine Bedienstete, einen Brief erhält, der ihr das Herz brechen muss. Doch sie kann nicht lesen und starrt ihn mit ihren wässrigen, grenzenlos naiven Augen an und freut sich, weil sie ihn für einen Liebesbrief hält. In den Augen steht tatsächlich die Klasse des Films, der Sentimentalität mit einem kompromisslosen Kampf verwebt – siehe Lukas F.s Kommentar hier. Es ist aber auch ein Moment von sadistischer Härte, in dem der Widerspruch zwischen (unserem) Wissen und (ihrem) Glaube(n) ein Hort von Brutalität ist. Sicherlich, der Film wird ein Happy End haben, in diesem Augenblick ist KATHARINA, DIE LETZTE aber ein Aufbau, in dem nicht Katharina gequält wird, sondern der Zuschauer, der um ihr Unwissen und ihre kommende Enttäuschung weiß, um den Schmerz, den jemand erfahren wird, der keinen verdient hat. Es ist eine Garstigkeit, die ich noch immer nicht ganz ertragen kann.

Mittwoch 24.02.

Bel Ami
(Willi Forst, D 1939) [stream]

großartig

Willi Forst spielt eine männliche Leerstelle, die von Frauen/Liebschaften so genutzt werden kann, wie sie es brauchen … und der deshalb in diversen Betten und Ämtern landet. Weshalb, auch wenn der Film oberflächlich in einem Zustand von Idealismus endet, Liebe hier frei von moralischen Kategorien ist. Leben als fröhliches Bäumchen wechsle dich – auch in Bezug auf Orte, die von Boudoirs bis zu riesigen marmornen Hallen reichen. Es ist ein wenig wie Norman Mailers Kurzgeschichte GROSSARTIG IM BETT, nur ohne die verbitterte Pointe, dass ein charmanter, chamäleonartiger Charakter einen Mann nicht nur in die Betten der Frauen, sondern auch ins Grab bringt.

Les dames du Bois de Boulogne / Die Damen vom Bois de Boulogne
(Robert Bresson, F 1945) [DVD, OmeU] 3

fantastisch

Es beginnt mit einer Trennung, dem Sinnen nach Rache und dem Entwurf einer Falle. Es ist der Abstieg in die Hölle, wo Flammen in Kaminen und Augen lodern und wo die Realität so dünn ist, dass sie bei Berührung zu zerfallen droht. Das Kino von Jacques Rivette und Jean Rollin scheint so einige Stichworte von diesem irrealen, traumwandelnden Platz bekommen zu haben. Darauf folgt eine mathematische Abfolge, in der Obsession und die Verklärung von Frauen zu Engeln genutzt wird, um einen Mann zu ruinieren, der seine Geliebte und kommende Ehefrau eben auch nur im Tod lieben kann, weil ihre Vergangenheit als sexuell aktive Frau für ihn etwas Verkommenes ist und zu ihrer Auslöschung führen muss. Romantik findet sich hier nur im Schmerz. Und Liebe ist nur Teil einer Formel, mit der jeder vorsätzlich zerstört werden kann. Fetischkino eben.

Dienstag 23.02.

Mortal Kombat
(Paul W.S. Anderson, USA 1995) [stream, OmeU]

gut

Als jemand, der ab 1992 ab und zu MORTAL KOMBAT gespielt hat, finde ich es schade, dass Raiden (Christopher Lambert) nicht am Turnier teilnimmt, sondern es als höheres Wesen von außen beeinflusst. Zudem ist es auch sehr schade, dass die Ankündigung eines großen Turniers nach drei Schlägereien auf eine Abkürzung geführt wird und aufgelöst ist. Der sehr tolle Auftakt fällt so in sich zusammen. MORTAL KOMBATS Stärken finden sich zuvorderst in der Exposition. Und trotzdem ist dies wunderschön und verschenkt sein Potential – dies hätte einer der zentralen Actionfilme der 90er Jahre sein können, würde er seine gestalterische Qualität über die gesamte Laufzeit halten – nur sehr knapp. Vor allem verwendet er dieses 90er Eurodancebrett, in dem der Titel als aufdringliche Nachricht immer wieder geschrien wird, so wie es sich gehört: als zentralen Geschmacksverstärker, wenn Epik und Beklopptheit zusammenfallen.

Montag 22.02.

Fando y Lis / Fando und Lis
(Alejandro Jodorowsky, MEX 1968) [DVD, OmU]

uff

Vor fast genau zehn Jahren habe ich etwas zu L’ÂGE D’OR auf the-gaffer.de geschrieben. Soweit ich mich erinnere – ich traue mich gerade nicht, den Text nochmal zu lesen –, erklärt das Geschriebene, was mir an FANDO Y LIS missfällt. Dieses Sammelsurium provokanter Dinge, in dem ein Mann eine Frau repetitiv hintergeht und verrät, nur um ebenso stetig zu ihr zurückzukommen, weshalb sie erst im Tod zusammen glücklich sind(?), war aber noch beliebiger, öder und hässlicher. Vll. gefällt mir FANDO Y LIS besser, wenn ich ihn mal in einer weniger verwaschenen Form mit weniger übersteuerten Kontrasten sehe. So habe ich das Ende herbeigesehnt, wie schon lange nicht mehr.

Sonntag 21.02.

Spione
(Fritz Lang, D 1928) [blu-ray]

großartig

DR. MABUSE, DER SPIELER ohne den zeitkritischen Überbau und in der Hälfte der Spielzeit. Vor allem aber ein Film, der uns vorführt, wie toll Bärte sind. Denn selbst Willy Fritsch sieht mit einem solchen nach einem sexy Schauspielstar aus. Wenn er ihn sehr früh im Film abrasiert und danach eben nach Willy Fritsch aussieht, dann schmerzt die Veränderung den gesamten Film.

High Life
(Claire Denis, D/F 2018) [blu-ray, OmeU]

großartig +

Die vll. herbste Erfahrung des Filmes war die Vorstellung alleine mit (m)einem Kind im All zu sein. HIGH LIFE beginnt mehr oder weniger mit Monte (Robert Pattinson), der an der Hülle eines Raumschiffs Reparaturen ausführt. Sein Baby ist derweilen alleine im Inneren vor Bildschirmen. Einer zeigt Monte, ein anderer einen Stummfilm. Lediglich Surrogate und vorgetäuschte Bezugspersonen können ihm die Betreuung abnehmen und ihn unterstützen, solange kein direkter Kontakt nötig ist. Doch dann fallen die Bildschirme aus und das Baby weint. Monte ist nicht mehr nur alleine im All, sondern alleine mit der Verantwortung für ein noch fragiles Leben, das unmittelbar Nähe und Zuneigung braucht – während die Hülle eben auch instandgesetzt werden muss. Nach mehreren Zeitsprüngen, welche die Handlung vollführt, ist er mit einer Teenagerin alleine. Eine Gemeinschaft ist entstanden, die nicht minder ihre Fallstricke hat – wenn beispielsweise ein Schiff mit Welpen vorbeifliegt und die Tochter unbedingt eines haben möchte. Dazwischen die atemberaubende Zeit, in der Monte dieses Kind vollkommen alleine großgezogen hat. Ihr ganzes Leben lang ist er alles für sie: Spielkamerad, Tröster, Lehrer, Freund und Elter. HIGH LIFE findet sehr viel Bilder für eine existenzielle Einsamkeit, aber nichts ist so hart, wie das, für das es keine Bilder geben kann, nämlich diese Lücke.

Sonnabend 20.02.

3D肉蒲團之極樂寶鑑 / 3-D Sex and Zen: Extreme Ecstasy
(Christopher Sun, HK 2011) [3D-blu-ray, OmU]

uff

Dem enormen Brustfetisch des Vorgängers wird Tribut gezollt, wenn hier und da Busen freudig hopsen. Sah Michael Maks Version aber Sexszenen vor allem als Comedyroutinen, da versucht diese Variante dem Sex auch zu etwas Sinnliches und Geiles mitzugeben. Ein nobler Versuch, der aber völlig versandet, da 3-D SEX AND ZEN für nichts eine Form findet. Im sinnlosen Hin und Her einer unnütz verworrenen Geschichte kommen Albernheit, Blödsinn, Sinnlichkeit und Schönheit beständig zu knapp.

Penitentiary II / Black City Tiger
(Jamaa Fanaka, USA 1982) [blu-ray, OF]

verstrahlt

Die Exposition wird mit einer Vergewaltigung abgeschlossen. Eine Vergewaltigung, die Jamaa Fanaka als stilsicheren, fantasiebegabten Horrorregisseur mit Sinn für Bilder ausweist. Eine Vergewaltigung, die völlig sinnlos ist, weil sie nur ein hohler Vorwand einer Motivation für unsere Hauptfigur ist – Too Sweet (Leon Isaac Kennedy) wird daraufhin professioneller Boxer, aber seine Erklärung dafür ist so fadenscheinig wie schnell wieder vergessen – und weil sie auch sonst keinen Einfluss auf den weiteren Film hat. Sie ist nur ein Einbruch von Wahnsinn.
Auf diese Raserei folgt ein Boxfilm, der eine wie auch immer geartete Verankerung in der Realität verloren hat und eher an die ZAZ-Version des Vorgängers erinnert. Diverses wird aus dem Vorgänger aufgegriffen, aber nichts ist mehr so wie vorher. Schon allein, weil Mr. T als Too Sweets Trainer in Dschinnverkleidung am Boxring steht und mit seiner Wunderlampe alles in lila Rauch hüllt.

Freitag 19.02.

學校風雲 / School on Fire
(Ringo Lam, HK 1988) [blu-ray, OmeU]

großartig

Das Prinzip ist einfach: ein Arschloch reicht, um eine Spirale der Eskalation in Gang zu setzen, der nichts entgegengesetzt werden kann. Alle sind überfordert, ihre Köpfe glühen förmlich, alle befeuern das Geschehen nur noch mehr. Die Gesellschaft bietet eben nur zwei Perspektiven. Entweder bis zum vor die Hunde Gehen arbeiten oder im Zwielicht sein Glück suchen. Folgende Figuren sind die Folge: Jugendliche Schüler, die Mitglied einer Triade sind, stören den Unterricht und schikanieren ihre Mitschüler. Die Lehrer finden keine Handhabe und werden handgreiflich. Polizisten inszeniert SCHOOL ON FIRE ebenso als Lehrer, die beständig ins Gewissen reden, predigen und gewalttätig werden, weil ihnen niemand Respekt zollt. Triaden sind Herrscher, die ohne Rücksicht ihren Tribut wollen … oder gesetzte Old School-Gangster, die am Tisch sitzen und sich den ganzen Wahnsinn lieber aus der Ferne anschauen. Schülerinnen sind zuvorderst Turf, über den gekämpft wird. Yuen Fong (Fennie Yuen) wird ihre Wahrnehmung als Ware noch verdeutlichen, wenn sie in die Prostitution gezwungen wird. Beziehungsweise lässt sie sich dorthin pressen, um ihren Freund dazu zu zwingen, Rache für den Tod ihres Vaters zu nehmen. Und Eltern sind sowieso nur da, um zu meckern und sich in Tiraden zu ergehen. Inmitten dieser Eskalation, die beständig im fünften Gang fährt, gibt es aber auch eine Liebesgeschichte. Ein junges Tiradenmitglied verliebt sich in Yuen Fong. Sie versuchen in dieser Konstellation zu leben, zu überleben, den Ausstieg und bieten ab und zu Momente von Zärtlichkeit und Ruhe. Von Erholung. Aber es sie können nichts daran ändern, dass dies ein schwitziges, kristallklares Portrait von Raserei, dass dies die Liebe in Zeiten der Tollwut ist.

Penitentiary / Hölle hinter Gittern
(Jamaa Fanaka, USA 1979) [blu-ray, OF]

großartig

Boxkämpfe der RASHŌMON-Schule – sie sind durchaus physisch, aber auch unbeholfen und nur knapp davon entfernt, dass die Kontrahenten klammernd über den Boden rollen – werden mit spaßiger Sexploitation parallelmontiert. Die verschiedenen Formen sexuellen Identitäten im Film reichen von wilden Transidentitäten bis zu übersteuerter Machoheterosexualität. Und überhaupt: Die … sagen wir … sexuelle Komponente des Knastaufenthalts wird als unschuldiger Spaß eingeführt, nur um unmittelbar danach zum brutalen Missbrauch zu werden. Der Kampf in einer Zelle – es geht darum vergewaltigt zu werden oder zu entmännlichen – sieht durch den spinnenhaften Körper des Hauptdarstellers Leon Isaac Kennedy und die Enge der Zelle ein wenig aus, als sei sie mit einem Fischaugenobjektiv aufgenommen. PENITENTIARY schafft es immer wieder ein völlig realitätsvergessener Spaß zu sein, gleichzeitig aber auch dreckige Straßenpoesie und ungeschönten Realismus bereitzuhalten. Krude ist gar kein Ausdruck.

Donnerstag 18.02.

Tagebuch der Geliebten
(Hermann Kosterlitz, A/I 1935) [stream]

ok +

Die Verfilmung von Marie Bashkirtseff Tagebuch macht sie zur Malerin aus gutem Haus, deren naturalistische Kunst den Ernst des Lebens nur vortäuscht. Erst tödliche Krankheit und Belehrung durch/Beziehung zu einen Großkünstler (Hans Jaray als Guy de Maupassant) machen aus einem sorgenlosen Möchtegern jemanden mit tiefer Seele. Verspieltheit – sie lässt von ihrem Vaterersatz ein Foto machen, der an eiserne Gestelle geschnallt wird, damit sein Portrait durch die neue, naturalistischere Technik nicht verwackelt, und sie ihn abhängen kann, um wahre Kunst zu machen – und Obszönität – sie setzt sich daraufhin im Sonntagskleid in ein Armenviertel, um dort schnell Skizzen von dem dortigen Elend zu machen – stehen dabei nebeneinander. So ist es jedenfalls in den inspirierten Momenten.

Mittwoch 17.02.

Allotria
(Willi Forst, D 1936) [stream]

fantastisch

Eine Verwechslungskomödie, in der die Kamera das Schwanken des Schiffgangs nachempfindet und damit die Flugzeuge im Bauch einer Urlaubsbekanntschaft nachstellt, deren Liaison kurz davor ist, den Beteiligten den Magen umzudrehen, oder wo möglichste viele Variationen eines Zimmer-Wechsel-Dich zwischen vier Parteien auskostet und weite Teile des Films damit füllt, einfach weil dieses sinnlose, offenbarende Hin-und-Her der Kern der menschlichen Komödie ist. ALLOTRIA ist dabei u.a. auch das Portrait zweier Verklemmungen. Heinz Rühmanns Charakter zerfließt, sobald er nicht im Rennwagen sitzt und stattdessen mit anderen Menschen und ihren sexuellen, moralischen und/oder sozialen Ansprüchen an ihn umgehen muss. In einer Traumsequenz wird er buchstäblich zur Marionette seiner Vorstellungen, die Physik und Zeit aushebeln, nur um ihn zur Erniedrigung zu zerren. Sein Gegenbild spielt Adolf Wohlbrück, der wenn alle im Pyjama und Morgenrock rumlaufen, schon den Anzug anhat, als ob er auch in ihm schläft. Stil ist bei diesem Hilflosen der verkrampfte Kampf um die Oberhand.

Dienstag 16.02.

Knives Out
(Rian Johnson, USA 2019) [stream, OmU]

ok

Fast durchgängig wird sich auf den Fall konzentriert, wobei optisch wie erzählerisch extravagante Haken geschlagen werden. Das Ergebnis ist überspannt und auch ein wenig campy. Das Problem ist nur, dass vom Film lediglich die eigene Sonderbarkeit performt wird. Es geht schlicht nicht um die Leute im Film, sondern nur um die vor diesem. Die toll gecastete Familie bleibt auf der Strecke und dient größtenteils nur als Stichwortgeber. Daniel Craigs scheinbare Fehlbesetzung ist Teil des Spiels, ihn zu diskreditieren, bevor er doch zum genialen Ermittler wird. Was wiederum heißt, dass der Film zwar mit uns spielt, aber über das bunte, anstrengende Abarbeiten an Erwartungen hinaus nur bedingt etwas bietet.

Sonntag 14.02.

Twelve O’Clock High / Der Kommandeur
(Henry King, USA 1949) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Auch: eine wunderschöne, sehr traurige Ballade, die etwas mehr Identifikation mit unserem Über-Ich bezwecken möchte. Die aber tatsächlich nur im Zweiten Weltkrieg funktionieren kann. Sobald der Gegner nicht Hitler heißt und kein eindeutig böser Aggressor ist, wenn das Feld also etwas ambivalenter wird, dann kippt dies alles durchaus Richtung Faschismus. … und tatsächlich scheint es dem Film bewusst zu sein. In der Exposition wirkt die Darstellung der Kommandozentrale mit seinem marmornen Prunk, den menschverachtenden Reden und dem General, der noch im Bett liegt, als solle das Dubiose der Mächtigen dargestellt werden, die heuchlerisch von anderen Selbstaufopferung fordern. Erst Hitler hat die moralische Kraft, diese Menschenschinder aus PATHS OF GLORY in unsere Helden zu verwandeln.

Garden of Evil / Der Garten des Bösen
(Henry Hathaway, USA 1954) [blu-ray, OF]

gut

Ein wenig gleicht GARDEN OF EVIL dem drei Jahre später veröffentlichten LEGEND OF THE LOST (siehe 3. Januar). Eine Frau (Susan Hayward), einige Männer (Gary Cooper, Richard Widmark, Víctor Manuel Mendoza, Cameron Mitchell und Hugh Marlowe), Weite, ein Schatz und die Gier. Es sind die Hauptzutaten hüben wie drüben. Nur wechselt hier der Hintergrund bei einer Reise durch Mexiko ständig sein Aussehen. Die grenzenloser Weite des Meeres und von Wüsten, felsige Bergschluchten und tropischen Palmen: Die Landschaft ist so vielseitig, wie die Arten der Männer auf die Frau herabzusehen – wobei ihre Anwesenheit allein schon ein Affront zu sein scheint. Wo LEGEND OF THE LOST also in der Wüste um sein Zentrum kreist, da reißt GARDEN OF EVIL einiges an bzw. reist an diesem vorbei, schafft es aber nicht diese in Wallung zu bringen. Dinge, wie der schwule Subplot um die Figuren von Cooper und Widmark oder wie die Gefahr von außen (Apachen), sie bleiben einige der vielen Zutaten, die aber nicht nur kein Ganzes ergeben, sondern ohne Resonanz mit den anderen Zutaten verkümmern.

Sonnabend 13.02.

Pompeii
(Paul W.S. Anderson, CA/D 2014) [3D-blu-ray, OF] 2

großartig

Es ist alles so einfach. Ein junges Mädchen (Emily Browning) und ein junger Mann (Kit Harington als Körper, der nicht gerade mit Charisma gefüllt ist) lieben sich. Sie ist Adlige, die vor einem zudringlichen Verehrer (Kiefer Sutherland) aus Rom zurück in die Heimat Pompeji flieht. Er musste als Kind mit ansehen, wie nicht nur seine Familie, sondern sein ganzer Stamm(?) von eben jenem Römer und seinen Truppen ausgelöscht wird, von dem seine Herzallerliebste später bedrängt wird. Jetzt ist er Stargladiator und damit Sklave. Beim Gnadenmord an einem Pferd lernen sich beide kennen, der ausbrechende Vulkan wird melodramatisches Symbol ihrer unmöglichen Liebe und Triebfeder einer Welt, die untergehen muss, weil sie eine solche Liebe eben nicht bestehen lassen kann.
Dazu gibt es jede Menge Schmier, den Abgesang auf eine korrupte Gesellschaft und einen sensationellen Antagonisten, den zu hassen auch eine Herzensangelegenheit ist. Statt Drehbuchvolten, geschickten Dialogen und ironischen Brechungen erzählt POMPEII von dieser Liebe mit einem naiven Glauben an die Gefühle und einer Welt einfacher Gegensätze, die alles in Brand stecken. Simple Aufrichtigkeit dringt diesem tragischen Abenteuerfilm aus den Poren.

Scandali nudi
(Enzo di Gianni, I 1968) [DVD]

nichtssagend

Diverse mal mehr, mal weniger schöne Stripsequenzen werden von einem Chor, der ab und zu völlig irreal zwischen die Darbietungen geschnitten wird, kommentiert. Das Schöne, Neue einer Welt, in der mehr nackte Haut auf der Leinwand möglich ist, trifft teutonisch auf eine wirkmächtige Verklemmung. Erinnerungen an ein schauerliches Erlebnis bei einem außerordentlichen Kongress des Hofbauer-Kommandos begleiteten die Sichtung, auch wenn hier wenigstens kein witziger sächsischer Dialekt über die Szenen gelegt wurde. SCANDALI NUDI war nicht so schauerlich wie KÄUFLICHE NÄCHTE und hatte mit wunderschönen Marmorböden und einem kurzen, aber infernalischen Franco & Ciccio-Auftritt auch Dinge, die für ihn sprechen, aber doch färbte die Panik vor dem bereits Durchlebten ab.

Freitag 12.02.

Deadly Hero / Eiskalt
(Ivan Nagy, USA 1975) [DVD, OF]

ok

Der Anfang ist vielversprechend. Zuerst ein Polizist mit Recht-und-Ordnung-Trockenübungen in der Umkleide. Mit seiner Pistole möchte er den Abschaum der Gesellschaft sichtlich dorthin katapultieren, wo er hingehöre. Ins Jenseits nämlich. Dann ein Theater-/Varieté-Trupp, der für eine Aufführung übt … oder einfach wild improvisiert. Blumen kleben den Leuten auf den Wangen. Die dominante Farbe ist bunt. Getümmel dominiert die Bilder. Überall Hippies, Freaks und glückliche Menschen, die in diesem Regenbogen Spaß haben. Zwischen diesen beiden Ausdrücken diametral entgegengesetzter Ideologien wechselt der Film mehrmals. Erst Sequenzen in simplen, grauen Einstellungen, in denen alles, was etwas Chaos mit sich führt und anders ist, bedrohlich erscheint. Verachtung und Schikanen sind die Antwort. Dann experimentelle, fantasievolle Sequenzen, die Lust am Neuen und Aufregenden haben. Die keine Erzählung mit sich führen, sondern einfach sind.
Doch statt die Spannung zwischen den beiden Lebenswelten zu kultivieren, wird sie größtenteils fallengelassen. Rabbit (James Earl Jones) wird die sehr bürgerliche Dirigentin und Musiklehrerin der Truppe entführen und der Polizist wird sie retten. Das Problem dabei ist, dass er Rabbit erschießt, nachdem dieser sich schon ergeben hatte. DEADLY HERO wird Ambivalenzen mit dem Holzhammer zu etablieren versuchen – Rabbit wird beispielsweise mehrmals Vergewaltigungsgesten benutzen, damit er auch nicht zu sympathisch wirkt, vll. auch damit er etwas von einem rassistischen Klischee hat. Doch diese Ambivalenzen sind nicht nur fragwürdig und grobschlächtig entworfen, sondern verschwinden hinter der allumfassenden Unbehaglichkeit des Helden. So deutlich ist das Bestreben ihn zu diskreditieren, dass das Unklare zum gleichgültigen Appendix wird. Das Gesinnungskino ist zu deutlich und verschluckt schnell alles Interessante der Erzählung und der Inszenierung.
Ein Jahr nach DEATH WISH erschienen, arbeitet sich auch DEADLY HERO an seiner Didaktik ab und erstickt unter seinem plumpen ideologischen Ballast. Ein Jahr vor TAXI DRIVER erschienen, werden hier schon faschistisches Vigilantismus mit Wahlkampf und schauerlichen Dates verquickt. Für seine Seltsamkeit findet er aber keine passende Form. Was ihn zu einem wenig auffälligen Bindeglied zwischen den beiden macht.

Donnerstag 11.02.

Salto in die Seligkeit
(Fritz Schulz, A 1934) [stream]

ok

Kaufhausverwechslungskomödie, die, wohl auch weil es Regisseur und Hauptdarsteller Fritz Schulz zu reichen scheint, im Mittelpunkt zu stehen, nach einem fulminanten Start sein Panoptikum moderner Konsumseltsamkeiten aus den Augen verliert und den Film auf die Schultern der immer gleichen zwei, drei sich schnell überlebenden Witze legt.

Mittwoch 10.02.

Burgtheater
(Willi Forst, A 1936) [stream, ≠]

gut +

Eine Theaterschauspielikone verliebt sich in eine Mädchen, dass er zuerst mit Glorienschein in einer Kirche sieht und offensichtlich für einen Engel hält, die aber in einen angehenden Schauspieler verliebt ist, der sich – auch wegen der Karriere – mit einer adligen Dame herumtreibt, die ihm zwar mehrmals verträumte Augen zuwirft und die mit ihrem Ehemann kaum etwas anfangen kann, am liebsten aber eine Theaterschauspielikone in ihren Kreis vorführen möchte: Die Ausgangslage steht öfter kurz davor zum superben Melodrama zu werden, das Forst wie immer mit diversen inszenatorischen Schmierigkeiten veredelt. Der letzte Schritt wird aber nicht genommen, weil einzelne Stränge wiederholt vom Film aus den Augen verloren werden, vor allem aber, weil dieser Film eine Liebeserklärung an Theaterschauspieler sein soll und deshalb seinen Mimen immer wieder die Chance gibt, dem Zuschauer theatralische Vorträge entgegen zu rufen.

Dienstag 09.02.

Malkat Hakvish / The Highway Queen
(Menahem Golan, ISR 1971) [DVD, ł]

gut

Zu diesem Film, in dem energisch darauf bestanden wird, dass niemand sein Glück bekommt, und der doch ein wenig mehr zärtlich als brutal ist, gibt es einen Text auf critic.de.

Montag 08.02.

π / 3.141592653589793238462643383279502884197169399375105820974944592307816406286208998628034825342117067982148086513282306647093844609550582231725359408128481117450284102701938521105559644622948954930381964428810975665933[…]
(Darren Aronofsky, USA 1998) [DVD, OmU] 4

gut

Was ich mit 19 an dem Film wohl sehr mochte, ist genau das, was ich heute amüsant bis peinlich finde: wie mit augenscheinlich intellektuellen Dingen – Gemälden, Gedankenspielen und Referenzen – um sich geworfen wird. Die grobkörnigen Bilder, den überspannten, peitschenden Rhythmus und die Präsenz von Zahlen mag ich an dieser alttestamentlichen Neuinterpretation des Ikarus-Mythus voller Paranoia, Drogen, Horror und der Nahelegung, dass ein Leben als mittelmäßiger Niemand einen, im Gegensatz zum Sein als Genie, beglückt und dass Sex besser als Elitismus ist, immer noch, irgendwie.

Sonntag 07.02.

The Gunfighter / Der Scharfschütze
(Henry King, USA 1950) [blu-ray, OF] 2

großartig +

Gregory Peck, groß und hölzern, ist wie geschaffen für seine Rolle. Die Schuhe seiner eigenen Legende schafft er einfach nicht auszufüllen. Weshalb er alleine in einem Saloon sitzt und immer wieder jemand bei seinem Anblick sagt, dass er gar nicht so taff aussieht.

Sonnabend 06.02.

Équation à un inconnu / Gleichnis mit einem Unbekannten
(Francis Savel, F 1980) [stream, OmeU]

großartig

Etwas von mir zu diesem chillaxten Film findet sich hier. Wie fast immer bei critic.de.

Freitag 05.02.

It Came from Outer Space / Gefahr aus dem Weltall
(Jack Arnold, USA 1953) [3D-blu-ray, OF]

gut

IT CAME FROM OUTER SPACE möchte u.a. einen Gedanken vermitteln. Stellt euch vor: Nach Jahrhunderten von Forschung schafft es eine außerirdische Rasse mit ihren Träumen von anderen Lebensformen ins Weltall aufzubrechen … und dann finden sie uns. Am grusligsten dabei vll. der Monolog einer langsam durchdrehenden Figur, die den eigenen beginnenden Wahnsinn damit rationalisieren möchte, dass bei 33°C die meisten Morde geschehen. Bei kühleren Temperaturen wären die Gehirne noch nicht so überhitzt. Wenn es heißer ist, würde stattdessen der Körper träge. Eiskalt argumentiert er bei 33°C und von der Angst vor dem Unbekannten gekennzeichnet dafür, hilflos zu sein. Dem, was in seine stechenden Augen geschrieben steht, müsse er nachgeben.
Ansonsten ein bemühter Paranoiathriller, der die Aliens ungelenk so handeln lässt, dass sie als Bedrohung wahrgenommen werden können, dass es aber nicht sicher ist, ob sie wirklich eine sind. Aber es handelt sich auch um einen zuweilen wunderschönen 3D-Film, der ein Teleskope als ultimativen Phallus sehr weit aus der Leinwand herausragen lässt, der besessene Frauen als Glamourmärchenfeen versteht, der es irgendwie schafft einen engen, kontrastreichen Gang mit leblosen Körperfressern eine Anziehkraft zu verleihen, der die Aliens eine schwebende Spur aus Glitzer ziehen lässt. In seinen Bildern zumindest grenzt er an einen romantischen Film.

마녀 / The Witch: Subversion
(Park Hoon-jung, ROK 2018) [blu-ray, OmU]

ok

Zum Schluss fällt es doch noch weg, dass ständige Reden und Ausbuchstabieren, dass einen gefälligen Twist aufbaut, als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Erst wenn dieser erreicht ist und die Verzögerungstaktiken wegfallen, also in der letzten halben Stunde, erblüht ein sehenswerter Actionfilm.

Donnerstag 04.02.

Episode
(Walter Reisch, A 1935) [stream]

gut +

Die zweite Film Walter Reichs in der Retrospektive Der andere Wiener Film des Filmarchiv Austria. Es handelt sich um seine einzigen Regiearbeiten, bevor er vor den Nazis floh und emigrierte. Und beide Filme beginnen mit einem Selbstmord.
Ansonsten findet sich hier eine passende Darstellung.

Mittwoch 03.02.

Maskerade
(Willi Forst, A 1934) [stream]

großartig

Wer nach diesem Film nicht unbedingt einen Muff braucht, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Montag 01.02.

¿Quién puede matar a un niño? / Ein Kind zu töten…
(Narciso Ibáñez Serrador, E 1976) [DVD, OmU]

großartig

Ein britisches Paar macht Urlaub auf einer kleinen, spanischen Insel, auf der sich die Kinder über Nacht entschieden, die Erwachsenen zu töten und mit ihren Leichen Party als auch vorsexuelle Experimente zu machen. Zumindest wenn wir nach den wenigen Fällen gehen, in denen die Erwachsenen und ihre Überreste nicht einfach verschwunden bleiben. Der Horror einer verlassenen Stadt, in deren Straßen Kinderlachen widerhallt und in der sich langsam die Wahrheit abzeichnet, wird dabei als Symbol in zwei Richtungen aufgebaut.
Einmal gibt es das siebenminütige Eröffnungsessay – in Deutschland zur Kinoveröffentlichung wohl herausgeschnitten, weil darin der Holocaust Erwähnung findet –, das in erschreckenden Bildern und Zahlen verdeutlicht, dass die Kinder die größten Opfer von Kriegen sind. Direkt wird es nur noch ein, zwei Mal im Film aufgegriffen, aber es liegt nach dem markanten Auftakt wie ein Schatten über den Film und legt nahe, dass die Kinder etwas wie verdiente Rache nehmen. Auf der anderen Seite offenbart der Film aber auch, dass das britische Ehepaar ein Kind abtreiben ließ. Die Kinder sind so der Ausdruck ihrer persönlichen Schuld, die aus der Verdrängung in die Realität drängt.
Der zentrale Moment des Films ist aber ein diametral entgegengesetzter. Zahlreiche Kinder werden dem Protagonisten den Weg versperren. Er hält eine Schnellfeuerwaffe in der Hand. Die Frage dabei ist, ob er abdrücken wird, ob er es schafft Kinder zu töten. Und ein Teil von mir wollte nicht nur, dass er es macht. Er freute sich darauf, dass er es sicherlich tun wird. (Während ich dies schreibe, tanzt Lotti Z. (5 Jahre) mir gegenüber lächelnd und singend mit der Coronaausnahmeerlaubnis den Tanz des Verrückten auf der Couch und etwas in mir würde sterben, wenn ihr ein Haar gekrümmt wird.) TÖDLICHE BEFEHLE AUS DEM ALL – so der ursprüngliche deutsche Titel – macht die Kinder zu mordenden Monstern, die ihre Hilflosigkeit mittels expressiver Gefühlsaufführungen lediglich vortäuschen, und es wird nahegelegt, dass es in der Situation überlebensnotwendig ist, dass er schießt. Es sind zudem nicht die eigenen – in einer Szene folgt einer der letzten Überlebenden seiner Tochter in den sicheren Tod, als sie sich ganz rührig nähert, die Hand ausstreckt und ihn bittet doch mitzukommen … was ich mehr als nachvollziehen konnte. Es wird manchem Zuschauer ein Ventil gegeben, mit diesen Chaoten abzurechnen, die einem so viel Arbeit und Stress machen. Es geschieht ja nur in einer völlig irrealen Fiktion. Der Gefühlslage gegenüber diesen seltsamen kleinen Leuten wird sich neben den besagten Hauptmotiven komplex und in (alp-)traumhaften Bildern genähert.

Januar
Sonnabend 30.01.

Resident Evil: The Final Chapter
(Paul W.S. Anderson, CA/F/D 2016) [3D-blu-ray, OF]

ok

Ein neuer, hektischer Cutter ist in der Stadt und sofort fühlt es sich an, als trolle Paul W.S. Anderson alle, die den Stil seiner bisherigen Filme genossen haben. Heißt: Der Film besteht aus Bildgemetzel, dass höchstens noch erahnen lässt, was denn nun genau geschieht.

The Little Foxes / Die kleinen Füchse
(William Wyler, USA 1941) [DVD, OF]

großartig

Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge sind in der Blüte! (Hohelied 1,15)

Ein Bibelzitat steht dem Film voran, das später von einem der Hauptdarsteller aufgegriffen wird. Das von Widerstreit geprägte Zusammenleben von zermürbten Tugendlichen und lebensfrohen Widerlingen steht im Zentrum des Films. Die biblischen Füchse sind ein von Gier bestimmter Familienclan, dessen Mitglieder sich jeweils durch Aalglätte, krankhaftes Geltungsbewusstsein, grenzidiotische Gockelei und einem aufgedrehten Bitch-Mode (Bette Davis) auszeichnen. Und weil sie alles nur über ihre eigenen monetären Vorteile verstehen, zerstören sie nicht nur ihre Kinder und Eheleute, sondern alles mit dem sie in Kontakt kommen. Ihre Verkommenheit und das von ihnen ausgehende Leidenlassen wird geradezu zelebriert. So subtile der Film zuweilen ist, in seinem Hauptaugenmerk ist er ein dekadentes Fest von Krankheit, Hysterie und moralisch verrotteten Leuten.
Opfer und Folgen des Handelns dieser Leute werden immer wieder in den Hintergrund der Bilder delegiert. Dort sitzen sie traurig und lassen das Gesagte über sich ergehen oder die erlebten Erniedrigungen nachwirken. (Einmal steht einer der Hubbards im Hintergrund, während im Vordergrund seine Frau sich etwas wagt. Hinter einem Vorhang schaut nur sein Körper hervor. Während alle anderen im Hintergrund verwelken, reicht allein der Hinweis auf seine Anwesenheit, um die Szenen mit einem drohenden Schatten zu überziehen.) Ebenso im Hintergrund stehen immer wieder auch die Diener, allesamt Afroamerikaner – der Film spielt kurz nach dem Sezessionskrieg; die Marker, dass wir uns in den Südstaaten befinden, sind in Sprache und Bildern allgegenwärtig. Während die sonstigen Leute im Hintergrund aber ein präsenter Teil der Handlung bleiben und das Geschehen mitbestimmen, werden die Afroamerikaner wie ein Grundrauschen behandelt. Kaum werden sie vom Plot und den Figuren wahrgenommen. Als wären sie Luft, wird vor ihnen Intimstes besprochen. Seinen heftigsten Punkt macht THE LITTLE FOXES wie nebenher.

Feitag 29.01.

Nocturama
(Bertrand Bonello, B/F/D 2016) [DVD, OmU]

ok +

Metros in Paris. Junge Leute steigen ein. Junge Leute steigen aus. Sie sitzen und fahren. Sie laufen zwischen den Plattformen hin und her. Sie kennen sich und es lässt sich erahnen, dass diese abstrakte Aufführung einem Sinn zugeführt werden wird. Bevor dies aber geschieht, wenn der Film in den ersten zwanzig Minuten nur Ornament ist, ist er auch am besten.
Danach verdichtet sich, dass die Fahrten der Auftakt terroristischer Anschläge sind. Die zweite halbe Stunde ist von deren Durchführung bestimmt, die mit dem gleichen Sinn für Rhythmus und Muster inszeniert sind. Die wieder darauffolgende halbe Stunde zeigt dieselben Leute, die sich nun in einem Kaufhaus verstecken und wieder ziellos umherschlendern. Sie haben Bomben in einer Bank und in einem Regierungsgebäude gelegt. Eine Passantin (Adèle Haenel) wird sagen, dass so etwas mal geschehen musste. Über diese diffuse Kapitalismuskritik werden die Anschläge nie definiert werden. Weshalb das Wandeln im Kaufhaus, das Ausprobieren und Aneignen der polymorphen Konsum- und Luxusgüter, sich anfühlt, als ob die ersten ziellos scheinenden Bewegungen den zweiten gleichen. Die jungen Terroristen haben eben keine Ahnung, was sie tun … wenn sie töten und zerstören, wenn sie daraufhin genießen. Die letzte halbe Stunde gehört dann der Staatsraison. Ein, wie ich finde, ahnungsloser Film zeigt ahnungslose junge Leute, die irgendwie nur zu naiver Selbstüberschätzung taugen, und gibt ihnen dann auch noch mit, dass sie keine Chance haben. Wunderschön sieht es aus, aber was soll es?
Am spannendsten an NOCTURAMA finde ich Laure Valentinelli, welche Sarah spielt. Ihr Charisma liegt zuvorderst darin, dass sie wie ein Hollywoodstarlet aussieht, nur besitzt ihr Gesicht auch diese Makel, die zwischen ihr und einer ebenmäßigen Schönheit stehen. Ihre Nase ist nicht gerade zierlich und verläuft nicht gerade – es wird erst im Profil sichtbar. Ihre Augen stehen einen Tick schief zueinander – es wird erst in einer Frontalansicht sichtbar. Es entsteht ein Zusammenspiel aus Grazilem und Grobem, aus Glätte und Schräglage, das wie eine optische Täuschung zwischen seinen Ausprägungen hin und her pendelt. Ewig könnte ich ihr zugucken, wie sie läuft, egal was einem der Film damit sagen möchte.

Donnerstag 28.01.

Der Prinz von Arkadien
(Karl Hartl, D 1932) [stream]

großartig

Dieses Mal ein Film mit und nicht von Willi Forst. In diesem wird locker leicht postuliert, dass die Monarchie in der Gegenwart absolut keinen Sinn mehr erfüllt. Sie ist nurmehr der entrückte Hintergrund für adlige Nassauer, die im Exil das Leben genießen und lediglich aus Gewohnheit etwas die Form wahren. Im Endmonolog des Prinzen von Arkadien (Willi Forst – dessen Charisma durch seine Stimme im Tonfilm einen ironischen Twist bekommen zu haben scheint, nach der Veränderung zu CAFÈ ELEKTRIC von letzter Woche zu schließen) wird dies alles mit Schauspielerei gleichgesetzt. Alle spielen nur noch mal mehr, mal weniger amüsante Rolle in einer Gegenwart, die sie in eine Phantasiewelt ausgesperrt zu haben scheint. Diese Erklärung hätte es aber gar nicht gebraucht, da der Film aus einigen Slapstickroutinen und viel charmanten Schmierentheater besteht, was die Leute stets in (ironischer) Distanz zu ihrem Selbst zeigt. Die Welt als reduzierte, abstrakte Bühne voll schwungvoller Lieder, welche die Selbstdistanzierung der Figuren noch vergrößern, in denen es keine Armut und Konsequenzen gibt. Ein wunderbarer Traum.

Mittwoch 27.01.

Leise flehen meine Lieder
(Willi Forst, A/D 1933) [stream]

großartig

Beim Filmarchiv Austria gibt es gerade zwei online-Retrospektiven. Einmal zu Willi Forst, einmal Der andere Wiener Film. Diese Woche habe ich nur zwei der vier Filme im Programm schauen können. Nach SILHOUETTEN wollte ich die beiden Vertreter des anderen Wiener Films schauen, aber dann las ich etwas, was meine Meinung änderte. Deshalb: Bitte lesen Sie hier, was Lukas F. bei Letterboxd zu diesem Film zu sagen hat. Der Film hält, was dies verspricht.

Dienstag 26.01.

玉蒲團之偷情寶鑑 / Sex and Zen
(Michael Mak, HK 1991) [blu-ray, OmU]

großartig

Von den schönen, vielfältig eingesetzten, von keinem Color Grading eingetrübten Farben abgesehen und von der Tendenz des Films, Sex als wilde Slapsticksequenzen zu inszenieren, ist am sprechendsten für SEX AND ZEN, dass hier ein Penis nach seiner Amputation von einem Mops angeknabbert und, wenn auch nur kurz, so doch groß ins Bild gehalten wird.

Montag 25.01.

Ice Age: Collision Course / Ice Age – Kollision voraus!
(Mike Thurmeier, USA 2016) [blu-ray]

ätzend

Beim Schauen hatte ich zuweilen Lust, mir wie Sam Neill in EVENT HORIZON die Augen herauszureißen … und die Ohren gleich mit.

Sonnabend 23.01.

Resident Evil: Retribution
(Paul W.S. Anderson, CA/D 2012) [3D-blu-ray, OF] 2

großartig +

Paul W.S. Anderson macht zu Beginn da weiter, wo er zuvor aufhörte. Er setzt die Geschichte von AFTERLIFE fort und inszeniert wie von 3D besessen. Doch nach der rückwärtsablaufenden Actionvorspannsequenz kippt der Film wieder und entsteigt seinem Kokon grunderneuert. Statt einen weiteren halbwegs geradlinigen Actionhorrorspektakel wirft er die Vorgänger in einen Mixer. Die Tendenz der Vorgänger zur freien Improvisation findet hier seinen Höhepunkt, wenn wir uns in einem riesigen unterirdischen Laboratorium befinden, dass zur Simulation von Zombieangriffen geschaffen ist und neben den Untoten von seriell gezüchteten Klonen bevölkert ist. Immer wieder werden neue virtuelle Realitäten erschaffen, die zum Hindernisparkour für die Menschen werden, die sich darin verirrt haben. Realität ist hier nur noch weich und formbar … und lustgesteuertes Spielzeug. Diese RESIDENT EVIL-Collage hat vll. nicht ganz den Sinn für das 3D wie sein Vorgänger, da es womöglich schon so zuviel im Blick zu halten gilt, aber RETRIBUTION ist auch so wieder ein Höhepunkt im (kontemporären) Actionkino.

Freitag 22.01.

Resident Evil: Afterlife
(Paul W.S. Anderson, CA/D 2010) [3D-blu-ray, OF] 2

fantastisch

Abermals ändert der neuerliche Eintrag seine Gestalt vollkommen. Nichts bleibt von der vorherigen Wüstenwelt bestehen. Doch AFTERLIFE vollzieht seinen Wandel nicht so überstürzt wie EXTINCTION. Das Ende des Vorgängers wird aufgelesen und dann gibt es die vll. entspannensten Minuten der Reihe, wenn Alice die Westküste der USA auf der Suche nach Überlebenden abfliegt. Sobald sie diese gefunden hat und in einem Gefängniskomplex landet, der von Horden von Untoten umstellt ist, dann sind wir endlich bei der RESIDENT EVIL-Version von DAWN OF THE DEAD angelangt … die aber außer der Festsetzung einer kleinen Gruppe in einem weitläufigen Gebäude nur Kleinigkeiten aufgreift.
Anders als der Zombieklassiker geht es hier nicht um die Menschen, jedenfalls nicht in einem satirischen, soziologischen oder sonst wie ausführlichen Sinn. AFTERLIFE besteht aus schmalen, nassen Gängen, Unterwasseraufnahmen von Tauchgängen durch brackiges Wasser, das kaum Sicht bietet, und weißer Endlosigkeit. Es geht dergestalt um Leute in einer Extremsituation, die Scheuklappen aufhaben. Weiterhin unterhalten sich die Figuren der Serie in mediokren Onelinern. Ihr Geist scheint überschattet vom existentiellen Gefühl der Angst und der Lust weiterzukommen/zu müssen. Die in die Bilder eingeschriebene Klaustrophobie bzw. die Verlorenheit, sie werden durch – dieses Mal tatsächlich sehenswerte – Monster verstärkt, welche die Enge sehr dynamisch halten und den Raum der Gruppe von Überlebenden immer noch mehr verknappt. Paul W.S. Andersons sehr eigene Poetik ist dabei wie für 3D geschaffen. Das Zusammenspiel aus Enge und Dynamik, aus Leere und vielen herumirrenden Dingen machen aus AFTERLIFE einen definitiven 3D-Film.

十萬火急 / Lifeline
(Johnnie To, HK 1997) [stream, OmU]

gut +

Beim Perlentaucher versuche ich mittels dieses Films nahezulegen, dass unsere Gegenwart einem Golden Age Hongkongfilm gleicht. Hier ist es nachzulesen.

Donnerstag 21.01.

Resident Evil: Extinction
(Russell Mulcahy, CA/USA/D 2007) [DVD, OF] 2

ok +

Der T-Virus hat nicht mehr nur die Menschheit angegriffen und dezimiert, sondern auch die Ökologie der Erde. Wenige einführende Sätze von Alice (Milla Jovovich) reichen und schon befindet sich die RESIDENT EVIL-Reihe im Terrain von MAD MAX. In Strapsen und mit Vokuhila fährt Alice auf einem Motorrad durch die Wüstenwelt und kämpft in der Endzeit ums Überleben. Mit Russell Mulcahy hat dafür wieder ein durchaus fähiger Regisseur übernommen, aber auch er schafft es nur zu selten dem Alten Hut der verwüsteten Welt mit einem verwilderten Menschheitsresten etwas Originelles abzugewinnen.

Mittwoch 20.01.

Silhouetten
(Walter Reisch, A 1936) [stream]

fantastisch

Eine Balletttruppe kommt nach Wien und bezieht eine Etage in einem Luxushotel. Beziehungsweise war das der Plan. Geldnöte durch das mangelhafte Abschneiden der bisherigen Tour führen dazu, dass sich die Tänzerinnen Pritsche an Pritsche in wenigen Zimmern wiederfinden. In der lockeren Klassenfahrtatmosphäre wird dann die Spannung zwischen Traditionalismus und Modernität austariert. Die Leiterin Lydia Sanina (Luli Deste) muss sich auf mehr Jazz, Lebensfreude und Erotik einlassen, während sich die rebellische Ellinor (Anni Markart) an das Alte anpassen wird. Die Tour wird so auch zum riesigen Erfolg, während Frau Sanina nebenbei noch die Liebe ihres Lebens findet. Die Exposition lässt eigentlich keinen Zweifel daran, dass diese luftige Tanztruppenkomödie sich so entwickeln wird … und dann kommt alles ganz anders.
Fred Hennings spielt Charlie West, für den Frau Salina ihre Ballettgruppe bald verlassen möchte. Aufgrund seines Schmisses auf der linken Wange wird er zumeist von rechts aufgenommen, auch wenn dieser nicht zu verstecken ist – in einer entscheidenden Szene wird die Narbe aber doch hell im Bild leuchten, weil er dann von dieser Seite gezeigt wird. Und Hennings markantes, schiefes, etwas zu psychotisches Lächeln, das wiederum alles andere als versteckt wird, macht aus ihm so manches, aber keinen gängigen Love Interest. In seinem ersten Auftritt bittet er Frau Salina sogleich, dass sie ihm einen Knopf an seinem Jackett (oder war es eine Weste?) wieder annähen möge. Direkt über seinem Herz fehle er. Die Liebe, die er ihr anbietet, ist mit einem Preis verbunden. Er bietet einen sicheren Hafen, der vor den Anstrengungen der Unabhängigkeit schützt. So lustvoll und verspielt er durch den Film trollt, der Fluchtpunkt einer Ehe mit ihm ist keine Befreiung im Glück, sondern ein goldener Käfig, wenn nicht sogar eine goldene Knochenmühle.
Im Laufe des Filmes werden die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für Frau Salina immer untragbarer. Nach einer weiteren Zuspitzung entscheidet sie das Ballett aufzugeben und doch lieber Charlie West zu lieben und zu heiraten. Als sie diese rationale Entscheidung fällt – auch wenn sie sich der Ratio gar nicht so bewusst zu sein scheint –, wird es aber schon zu spät sein. Charlie West hat beim Warten auf die widerspenstige Frau bereits eine andere gefunden – Liesl Handl als Leni Leitner. Es ergibt sich eine Dreiecksgeschichte, in der trauriges Glück einer harten Unabhängigkeit entgegensteht … und SILHOUETTEN wird ein Melodrama voller bitterer Nackenschläge. Selbst die Versuche, (wenigstens) ein tristes Eheglück zu ergattern, werden noch zu Momenten, in denen die beiden Frauen vor Scham und Schmerz im Boden versinken wollen und alle ihre Gefühle unterdrücken müssen.
Da der Film aber als Lustspiel beginnt und irgendwie auch sein Geschehen weitestgehend als solches weitererzählt, entsteht kein Frauenunglücksporno, sondern eine bizarre Stimmung. Tanzaufführungen, die in fiebrigen Momenten kulminieren; Charlie Wests oft unpassende Fröhlichkeit, die nicht erkennt, wie existentiell der Schmerz um ihn ist; Lotte Reinigers Silhouetten-Theater-Sequenz, die vom Zauber verkürzter Identitäten erzählt, dessen märchenhafte Stimmung, aber im krassen Gegensatz zur Komplexität des Erzähltem steht; immer wieder Fred Hennings Lächeln, als wäre dies ein Liebesfilm mit THE MAN WHO LAUGHS oder gleich dem Joker als männlicher Hauptfigur: SILHOUETTEN ist ein so fantasievoller wie völlig entrückter Film … der mich in dieser uneinheitlichen Form sowohl zermürbte als auch beglückte.

Dienstag 19.01.

Café Elektric
(Gustav Ucicky, A 1927) [stream, OZ, ł]

gut

Eine Frau (die noch ungeformte Marlene Dietrich) verliert im Café Elektric ihre Ehre, während eine Prostituierte durch die Liebe von dort aussteigen und sich in anständige Lebensverhältnisse retten kann … was in dem Film heißt, dass sie die Ruchlosigkeit gegen Armut, Verzweilfung und Tugendterror austauscht. (Zumindest von der erhaltenen Form zu schließen, da die letzte Filmrolle fehlt.) Das Café Elektric ist bei Ucicky durch diese Darstellung der Korrekten nicht nur Sündenpfuhl, sondern Hort des Lebens. Die Moderne mit ihrer treibenden Musik, ihren ekszentrischen Tänzen, ihrer Verwerflichkeit ist tatsächlich kaum etwas Neues, sondern etwas Lebendiges, dass dem ewig Gleichen Aufregung abgewinnen kann.
Leider fehlte der beim Filmarchiv Austria gestreamten Version die Musik. Der Film war also im wahrsten Sinne des Wortes stumm. Vll. kam ich durch dieses andächtige bis obszöne Schweigen im Angesicht der wunderbar überspannten Frivolität im Café nicht so ganz rein.

Montag 18.01.

Event Horizon
(Paul W.S. Anderson, USA/UK 1997) [stream, OF] 4

großartig

Ein Wissenschaftler (Sam Neill) möchte lieber in die Hölle und alle mit sich reißen, als auf seine Frau zu verzichten. Dieser Ausgangspunkt findet seine Form in einer Mischung aus ALIEN – ein heruntergekommenes Raumschiff, dessen Inneneinrichtungschic irgendwo zwischen Fabrikhalle und Kanalisation liegt, macht Entdeckungen, die nach und nach die Crew dezimieren – und SOLARIS – eine Entität im All verwandelt traumatische Erinnerungen in mehr oder weniger reale Schreckenswesen. Die Klaustrophobie des einen bleibt bestehen, die real werdenden Vorstellungsgebilde sind aber mit Nichten philosophische Denkfiguren, sondern bildgewaltiger Terror mit der barocken, dekadenten Schönheit der ersten beiden HELLRAISER-Filme. Und da wir uns in einem Film von Paul W.S. Anderson befinden gibt es lange, hypnotischen Gänge, die gleichzeitig ausdrücken, dass Neugier der Katze Tod ist ist und dass es einem doch unter den Nägeln brennt, trotzdem mal nachzusehen. Das alles zusammen ergibt nicht nur viele Vorbilder, sondern ein sehr eigener Lustapperat, in dem sich Leute einem bröckelnden Tor gegenübersehen, dass ihre weggesperrten Phantasien, eine überschäumende Triebhaftigkeit und Wahnsinn nach und nach auf sie loslässt. Aber auch die Darstellung einer Lust, sich diesem Tropfen der Verkommenheit aus den Rissen einer normalen Identität zu stellen und sich von ihnen die Augen aus dem Kopf lecken zu lassen.

Sonntag 17.01.

Avatar
(James Cameron, USA/UK 2009) [3D-blu-ray, OF] 2

ok

Immer wieder ist AVATAR – der sich bei den Hallelujah Mountains so sehr bei Roger Dean bedient, dass ich jedes Mal mitten im Film Lust bekomme, Yes zu hören – ein Film voller Schauwerte. Die Natur ist ein riesiger Raum voll erstaunlicher Flora und Fauna. Und doch sich die 3D-Bilder bei James Cameron darauf aus, den Blick des Zuschauers zu lenken. Alles schwirrt beispielsweise vor fliegenden, leuchtenden Quallensamenwesen, aber es darf sich nicht umgesehen werden. Das eine Quallensamenirgendwas, das James Cameron im Fokus unserer Aufmerksamkeit haben möchte, ist das Einzige, das scharf von der Kamera aufgenommen wird. Teilweise tat es mir für einen Augenblick in den Augäpfeln weh, wenn ich irgendetwas anschauen wollte, es aber trotz aller okularen Anstrengungen verschwommen blieb. Der meist schmale Bereich der Tiefenschärfe machte immer wieder klar, dass Cameron den Raum, den seine neue Technik öffnete, nicht als solchen verstand. Dass er den Job des Filmemachers als Diktators des Blicks begriff.

Frühe Filme von Georges Méliès
(Georges Méliès, F 1896-1900) [DVD]

tba.

– Une partie de cartes [Ein Kartenspiel] (1896) 2
– Une nuit terrible [Eine schreckliche Nacht] (1896)
– Un homme de Tête [Ein Mann der Köpfe] (1898) 2
– Le chevalier mystère [Der geheimnisvolle Ritter] (1899)
– Cendrillon [Aschenputtel] (1899)
– Le déshabillage impossible [Das unmögliche Ausziehen] (1900)
*****
Es ist faszinierend zu sehen, wie schnell Méliès die Potentiale der neuen Technik erkennt und zu seiner Art von Filmen findet. EIN KARTENSPIEL sieht noch nach einem Film der Gebrüder Lumière aus, EINE SCHRECKLICHE NACHT wendet sich aber schon von einfacher Dokumentation ab.
Am schönsten finde ich EIN MANN DER KÖPFE und DAS UNMÖGLICHE AUSZIEHEN. Zumindest von den Filmen. Mit etwas Medienerfahrung sind die Schnitte und der ganze Zauber schon sehr offensichtlich, die hier anwesende 4-Jährige Lotti Z. rief aber die ganze Zeit: Was ist denn hier los? und sprang euphorisch vor den Filmen herum. Den letzten Film empfing sie schon mit einem: Mal sehen, was jetzt wieder Komisches geschehen wird. Das war alles noch schöner, als die Filme eh schon sind.

Resident Evil: Apocalypse
(Alexander Witt, CA/UK 2004) [DVD, OF] 2

uff

Coolnessbehauptung wird an Coolnessbehauptung gereiht. Leute springen aus einem Hubschrauber, um an einem Seil hängend mit ordentlich Feuergewalt die Untoten zu eliminieren, die hinter einer Frau her sind. Oder Alice springt mit einem Motorrad durch ein Kirchenfenster, um danach unmenschliche Wesen zu töten, als wäre es das Äquivalent zum Rockstarsein. Selbstredend am liebsten in Zeitlupen. Nichts wird ausgelassen, um dem Zuschauer zu vermitteln, dass die Helden der heiße Scheiß sind.
Das Drehbuch von Paul W.S. Anderson löst die Ansprüche an eine solide Realität zunehmend auf und macht einfach, worauf es Lust hat. Es muss stets das nächste Level geben, koste es, was es wolle. Das hat durchaus seine Momente, aber Alexander Witts Inszenierung ist eindimensional und völlig überfordert. Einerseits davon dem Endkampf irgendwie eine ansehbare und verständliche Form zu geben; alles besteht nur aus irgendwelchen Fetzen von Kampfhandlungen. Und davon den ständigen Wechseln etwas mehr als Coolnessbehauptungen abzugewinnen.

Sonnabend 16.01.

300: Rise of an Empire
(Noam Murro, USA 2014) [3D-blu-ray, OF]

großartig

Ich verweise mal wieder auf einen Sehtagebucheintrag von anno dazumal sowie auf meine Unsicherheit, ob dies ein Porno im Gewand eines Actionfilms ist oder vice versa. Schon in der zentralen Szene, einer Unterredung zwischen Themistokles (Sullivan Stapleton) und Artemesia (Eva Green), ist kaum zu unterscheiden, ob das Sex oder ein Kampf (um die Oberhand) ist. Jedenfalls spritzt es hier ekstatisch, wenn vernarbte Körper Schwerter ineinander jagen und wieder herausziehen. Krieg als Bukkake, Bukkake als Krieg. Ihr wisst schon. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der zudem immer mal wieder gedisst wird, ist hier alles uneindeutig und von verworrener Lebenslust bestimmt, statt glatter Todessehnsucht. Ein schöner Film also, der seine Zweifelhaftigkeit gewinnbringend einsetzt.
Außerdem: ein Film, in dem sich schicksalsträchtig über mehrere hundert Meter angeschaut wird, weil die Schlacht eben nur für den Kampf zwischen zwei Körpern einsteht. Und ein Film, der nur in einer dramaturgischen Pause, in der es um gehaltene Reden geht und in der die 3D-Bilder nichts mehr zu zeigen wissen, etwas in sich zusammenbricht.

Resident Evil
(Paul W.S. Anderson, UK/D/F/USA 2002) [blu-ray, OmU] 3

großartig

Alice (Milla Jovovich) wacht in einer Villa auf. Der Wind weht durch die Vorhänge. Traumhaft (schön) ist das Setting. Sie hat Gedächtnisverlust und etwas stimmt anscheinend nicht. Irgendwann bricht eine Spezialeinheit mit einer neuen Realität durch die Fenster und Türen. Sie nehmen Alice nicht nur mit ins Herz eines Zombievirenausbruchs, sondern weg von Neo-Renaissance-Anmut in eine nasse, kalte Stahl- und Betonwelt voll Stromleitungen und täuschender Normalität. Unter dem Luxus der Reichen warten mehr schlechte als rechte Funktionalität und wissenschaftliche Kerkerwelten, deren Technik einen hypnotisiert in den eigenen Tod Laufen lässt oder zu einer Flucht vor dem Untod führt. Jetzt, beim dritten Mal, ein sensationeller Film.

Freitag 15.01.

Ice Age
(Chris Wedge, USA 2002) [tv] 2

nichtssagend

Dies gibt mir erzählerisch und ästhetisch nichts … und es sieht auch noch wie damals sechs bis sieben Jahre alte Computerspiele aus.

La sirène / Die Meerjungfrau k
(Georges Méliès, F 1904) [DVD, OF]

gut +

Im Grunde stellt Méliès eine Zaubernummer nach. Eine Meerjungfrau und ein Aquarium entstehen aus dem Nichts. Uswusf. Doch es geht über die Tricks hinaus, da der Rhythmus und der Fluss des Geschehens entscheidend sind. Mit seinen unsichtbaren Schnitten und Zooms gleicht LA SIRÈNE einem Musikvideo und ist deshalb nicht nur auf der Ebene der Tricktechnik seinen Zeitgenossen um einiges voraus.

Donnerstag 14.01.

300
(Zack Snyder, USA 2006) [stream, OF] 2

uff

Zwanghaft teilt 300 seine Welt in zwei Lager. Hier die spartanischen Soldaten: ehrenvoll, unkorrumpierbar und gesund – im Sinn von Leni Riefenstahl, die in jedem Interview zu ihren Besuchen bei den Nuba Gesundheit bei Männern mit muskulösen Körpern gleichsetzte. Dort die anderen, die sich durch Verrat, Heimtücke und körperliche Beeinträchtigungen auszeichnen. Der Film würde Letzteres sicherlich Degeneration nennen, so expressiv er die körperlichen Behinderungen und Entstellungen gestaltet. Sprechend ist auch, dass die Rolle Königin Gorgos (Lena Headey) im Vergleich zum Comic nur ausgebaut wird, damit sie als Frau, die sich in diese Männerwelt mischt, auch sexueller Gewalt zu spüren bekommt. Diese moralische Expressivität stellt die durchaus angebrachte ästhetische Faszination in den Schatten, zumal die Ästhetik eben auch zum Erfüllungsgehilfen dieser eintönigen und öden Weltsicht gemacht wird.
Wenn dann ein Verräter das Lager der perversen Perser betritt und in einer Orgie landet, dann würde ich gern den Film sehen, der all die Soldatenehre- und Gesundheitshuberei vergisst und sich auf diese verkommene Sexparty einlässt. Denn hier sieht der Film wie das Cover des Miles Davis’ Album LIVE-EVIL aus, das sich aus seiner Starre löst und sich zu einem surrealen Porno aus dem New York der 70er Jahre ausweitet. Sprich: Lust kommt mit Fett zusammen, Genuss mit Deformationen. Frauenkörper haben zu einer Hälfte das Aussehen von Supermodels, zur anderen das von Wesen aus Höllengemälden Boschs oder Illustrationen aus mittelalterlichen Büchern über die körperlichen Auswirkungen von Untugend. Wenn es also nicht nur um die Schönheit von Panzern gehen würde, sondern um die Schönheit dessen, was der Film gern mit Verachtung straft.

Mittwoch 13.01.

Fantastic Voyage / Die phantastische Reise
(Richard Fleischer, USA 1966) [DVD, OF]

ok

Eine Film gewordene Lavalampe. Irgendwas passiert, wobei der Kalte Krieg in einen Körper getragen und damit ein kleiner Rundgang durch diesen legitimiert wird. Und womöglich machte der Körper, das Blut, die Lungen, das Herz, all die Tricktechnik so viel Aufwand, dass der Rest eben keine Beachtung fand.

Dienstag 12.01.

창궐 / Rampant
(Kim Sung-hoon, ROK 2018) [blu-ray, OmU]

nichtssagend

Irgendwas mit Zombies im koreanischen Mittelalter und über Verantwortung. Reibungslose Ödnis.

Montag 10.01.

Dark Touch
(Marina de Van, F/IR/S 2013) [blu-ray, OmU]

gut

Uns wird die Sicht eines Mädchens (Missy Keating) gezeigt, das von ihren Eltern misshandelt wurde und das nun in den Taten aller anderen Eltern auch nur Anzeichen eines Kindesmissbrauchs erkennt. Die erlebte Welt ist deshalb fragmentiert, kalt, grau, voller harter Kanten und Spitzen. Der übernatürliche Teil des Films stattet das Mädchen mit telekinetischen Kräften aus. Verunsichert und allein(gelassen) startet sie einen Kampf gegen die Erwachsenen und alle die, die sich mit deren Grausamkeit gemein machen. Das Traumatisierende wird mit genussvoller und genussvoll ausgestellter Gewalt gegen Körper beantwortet.
DARK TOUCH spielt lange mit dem Zuschauer. Nur langsam werden aus präzise gestreuten Indizien Gewissheiten. Einerseits spiegelt er damit die Unsicherheit und die Verlorenheit seiner Protagonistin, die sich erst langsam einen Reim auf all das ihr Widerfahrende und die widersprüchlichen Erklärungen der Erwachsenen machen kann. Andererseits betreibt der Film eben ein Spiel, das irgendwo der Härte des Stoffes die Kraft raubt. Da es zuvorderst um den Zuschauer geht und damit weniger um die Gewalt.
Dadurch, dass sich die Sätze der Eltern, der missbrauchenden, wie der liebenden, gleichen, bekommt er Film aber auch eine – wohl besonders für Eltern – unangenehme Seite. In ihrer Überforderung greifen auch die liebenden Väter und Mütter zu unangebrachten bis schrecklichen Mitteln. Niemand redet ernsthaft mit den Kindern. Stets wird taktisch an sie herangetreten. Hinter der Geschichte von Missbrauch und übernatürlicher Kraft ist DARK TOUCH die Vision einer Kindheit als hilflose Auslieferung an eine schauderhafte Willkür.

Sonntag 10.01.

寻龙诀 / Mojin: The Lost Legend
(Wuershan, CHN 2013) [3D-blu-ray, OmU]

ok +

Dieses Indiana-Jones-Pastiche ist in vielerlei Hinsicht so gesichtslos und herkömmlich, dass es relativ schnell wieder vergessen ist. Aber die 3D-Bilder! Die verschnörkelten Artefakte in tiefen, verwinkelten Höhlen, die bleiben dann doch hängen.

3 from Hell
(Rob Zombie, USA 2019) [blu-ray, OmeU]

ok

In den beiden Vorgängerfilmen gibt es immer wieder Momente, die Rob Zombie als einen – wenn auch seltsamen, so doch spürbaren – Epigonen von Quentin Tarantino ausweisen. Hier ist er dabei angelangt, ein Epigone von Robert Rodriguez zu sein. Und was wie seine Version von NATURAL BORN KILLERS beginnt, wird schnell zu einem Abklatsch von THE DEVIL’S REJECTS. Dem Finale gelingt es dieses Mal jedoch nicht alle Teile aufzulesen. Stattdessen versandet es weitestgehend in einem beliebigen Shoot Out. Das Unfertige, das vorher so charmant war, ist bei dem bisher letzten Teil dieser Familiensaga Ausdruck von Druck- und Kraftlosigkeit.

Sonnabend 09.01.

The Devil’s Rejects
(Rob Zombie, USA 2005) [blu-ray, OmeU]

gut +

Im Vergleich zu HOUSE OF 1000 CORPSES ist dies um einiges stringenter. Dadurch, dass sich Zombie von Metal als Soundtrack verabschiedet und auf Blues, Rock und Country der 60er bis 70er zurückgreift, ist die Atmosphäre gesetzter. Durch das Wegfallen der ständigen Splitscreens und von Spielereien wie Dolly Zooms und Split Focus Shots, wirkt es nicht mehr, als ob sich ein Musikvideo- bzw. Hobbyregisseur bei seinem ersten Film austobt. Und doch zerfällt der Film wieder. Da die Zurückgewiesenen des Teufels auf unterschiedlichen Routen fliehen, die jeweils andere Stimmungen bereithalten, und sich erst im Laufe des Films treffen. Oder da der Film sie zeitweise zu Nebendarstellern macht, die von einem anderen Monster, einem diesseits des Gesetzes, gejagt werden und selbst zu den potentiellen Opfern eines Horrorfilms werden. Aber auch, da etwas STAR WARS eingebaut wird oder seltsame, kaum angebundene Szenen, wie die nervige, in der ein Filmkritiker sich neunmalklug und weltfremd benehmen darf.
Erst in seinem epischen Abschluss findet THE DEVIL’S REJECTS eine Form, die alle Einzelteile in einem kondensierten, allegorischen Moment zusammenzuführt. Lynyrd Skynyrds FREE BIRD wird dabei als Hymne für die Zusammensetzung des sozialen, wie kulturellen Abgehängtseins, des Heldentums, der Rebellion, der Psychosis und des Sadismus. Ein Gefüge, das wie der Film kein abgeschlossenes, widerspruchsfreies Ganzes ergibt, sondern einen verästelten Wald der Ideologien auf einem Haufen von Divergentem.

Freitag 08.01.

House of 1000 Corpses / Das Haus der 1000 Leichen
(Rob Zombie, USA 2003) [blu-ray, OmeU]

großartig

Moderator Dr. Wolfenstein heißt zu Beginn zu einem Filmmarathon willkommen. Wir sehen ihn in einem krisseligen Fernsehbild, das Teil der uns gezeigten Welt zu sein scheint. Er richtet sich also nicht an uns, sondern an die Leute im Film. Und doch mag es eine Botschaft an uns sein, da HOUSE OF 1000 CORPSES kein stringenter Film ist, sondern seine Gestalt beständig ändert. Wir sehen einen Filmmarathon, der sich in einem einzigen Film zusammengefunden hat.
Zu Beginn ein Überfall auf eine Tankstelle, bei der sehr viel geredet und die eigene Coolness verhandelt wird. Später kommen noch zwei Paare an, die das an die Tankstelle angehangene Horrormuseum besuchen und dann ins Reich des Abgründigen entführt werden. In besagtem Horror angekommen wird der immer wieder mit Slasher-Versatzstücken operierende Film zum Backwoodhorror, nur um final in Höhlen unter der Erde verrückte Wissenschaftler vom Ausmaß eines lovecraftschen Überwesens zu finden. Kurz: Die mit zahlreichen Versatzstücken aufgebauschten Variationen von FROM DUSK TILL DAWN, THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE und was weiß ich folgen aufeinander.
Aber auch im Kleinen gibt es immer wieder Einschübe, die in einem anderen Stil gehalten sind und die Handlung oder das Gesagte mit Vorboten und Nebenschauplätzen kommentieren. Oder es wird die Stimmung mit anderem Artfremden abgerundet. Der Film findet seine Form in der Vielförmigkeit, die sowohl nerdiges Referenzsystem darstellt als auch Spielplatz eines Regisseurs, der spürbar bisher vor allem Musikvideos drehte und noch spürbarer eine ausgeprägte Liebe für Horrorfilme hat. HOUSE OF 1000 CORPSES strotzt vor Gore, Perversion, Obsessionen und makabren Witzen. Mehr noch ist er aber ein Werk der Liebe, das sich in exaltierter Geschmacklosigkeit und unbekümmerter Unfertigkeit verwirklicht, das einfach Spaß macht.

Donnerstag 07.01.

Nacht der Wölfe
(Rüdiger Nüchtern, BRD 1982) [DVD]

gut

Vor vielen Jahren, als ich mich noch deutlich mehr für Fußball interessierte, war ich mit einem Freund bei einer Begegnung des FC Carl Zeiss Jena mit der SG Wattenscheid 09 im Ernst Abbe Sportfeld. Nach diversen frustrierenden Spielen unseres Heimteams (dem FCC) und durch den Umstand das besagter Freund SG Fan war, gingen wir in den kaum gefüllten Gästeblock. Es war eine schöne Erfahrung, auch weil die Fans dort sehr einfallsreich waren. Sie hatten beispielsweise ein Banner aufgehängt, mit dem sie stolz bekannt gaben, dass ihr Verein die Nummer 8 im Pott sei. Es war aber auch aus einem anderen Grund ziemlich faszinierend. Denn eigentlich wollten wir Wattenscheid unterstützen, aber jedes Mal, wenn Jena vors Tor kam, fieberten wir doch bemerkbar mit. Es war vermaledeit. Der Lokalpatriotismus, die Konditionierung den FC Carl Zeiss Jena zu unterstützen oder was auch immer: Es war nicht so einfach abzustellen.
In NACHT DER WÖLFE, einem Film eines streng nach Gruppen – Rockern, Nazis, Türken, Poppern – territorial eingeteilten Münchens, ist Daniela (Daniela Obermeir) verloren. Das Band mit ihren Eltern ist zerschnitten, ihre Gruppe, die Revengers, sind Halbstarke, die einbrechen, saufen, blöde Sprüche klopfen und nerven. Nicht nur weil Daniela Ziel sexueller Gewalt aus dieser Gruppe ist, fühlt sie sich bei den Treffen sichtlich fehl am Platz. Immer wieder blickt sie ins Leere. Und das Portrait der Revengers findet auch keine Argumente dafür, Teil dieser Gruppe sein zu wollen.
Wenn sie sich mit einem türkisch-stämmigen Jungen anfreundet, könnte sich eine ROMEO-UND-JULIA-artige Liebesgeschichte entwickeln. Aber es geht dem Film viel mehr um die Verlorenheit. Nirgends lässt sich Zugehörigkeit finden. Und in diesem Ambiente geht sie doch immer wieder zu den Revengers zurück. Als ob sie es nicht abstellen kann. Als ob es nicht genügend Perspektiven gibt, um sich irgendwo anders hin zu bewegen. Die Unerträglichkeit der Männlichkeitsbehauptungen von Jungs, die ohne das nötige Charisma den harten Macker markieren, bekommt durch diese unmögliche Auflösung in der Gruppe einen nötigen Touch Melancholie.

Mittwoch 06.01.

Rooster Cogburn / Mit Dynamit und frommen Sprüchen
(Stuart Millar, USA 1975) [blu-ray, OmU]

ok +

Die Fortsetzung tauscht das Setting nur minimal. Aus einer jungen Frau, die Marshal Cogburn (John Wayne) das Leben schwer macht und seine Weltsicht herausfordert, während sie zusammen auf der Suche nach Rache durch die Welt gondeln, wird eben eine alte Frau (Katharine Hepburn). Was dem müden Western etwas gut tut, weil zwischen den beiden alten Herrschaften, die von ihren Schauspielern wie Karikaturen gespielt werden, viel mehr sexuelle Anzüglichkeiten möglich sind.

Dienstag 05.01.

True Grit / Der Marshal
(Henry Hathaway, USA 1969) [blu-ray, OmeU]

ok

Nicht die Prärie, sondern ein saftiger Mischwald ist der Handlungsort. Wenn Mattie Ross (Kim Darby) durch diesen läuft, dann wird es zuweilen von einer Musik untermalt, die aus einem harmonischen Kinderabenteuerfilm kommen könnte und vom unbedarften Tapsen durch die weite Welt erzählt. TRUE GRIT handelt von Mattie, einer jungen, weltfremden Frau, die einen psychopathischen Marshall (John Wayne) anheuert, um sich am Mörder ihres Vaters zu rächen. Jener ist ins Indianer Territorium untergetaucht. Wenn der Film also von der verträumten Musik zu den harten Tatsachen des Westens wechselt, wo gesoffen wird, rücksichtslos gemordet und das Leben im Allgemeinen eher unangenehm ist, dann fühlt es sich an, als wolle TRUE GRIT seine Emanze vorführen, die nichts in dieser Welt zu suchen hat. Eine Welt, welche durch eine Klapperschlange symbolisiert werden wird. Am Herd solle sie doch bitte bleiben. Kurz darf sie sich hier ausleben, schließlich handelt es sich um einen komödiantischen Western – in dem Wayne seinen Charakter tatsächlich mit sehr viel Clownerie spielt, wobei die Komödie aber doch sehr mild ist, wie der Western sich etwas zu sehr an seinen unproduktiven Widerspruch aus harmonischen Naturaufnahmen und heruntergekommener Menschheit/Männlichkeit klammert – aber danach solle sie es doch bitte gelernt haben.

Sonntag 03.01.

Legend of the Lost / Die Stadt der Verlorenen
(Henry Hathaway, USA 1957) [blu-ray, OF]

großartig +

Ein tugendhafter Wohltäter (Rossano Brazzi), eine Prostituierte (Sophia Loren), die sich durch Ersteren erstmals als Frau respektiert fühlt, sowie ein Raubein (John Wayne), dessen barsche Fassade in seiner Angst vor Frauen und Nähe begründet liegt, gehen in die Sahara, um einen Schatz zu suchen. In der kargen, menschenfeindlichen Landschaft unter brennender Sonne und strahlend blauem Himmel wird einerseits die fragile Moral der Tugendlichen angegangen – DER SCHATZ DER SIERRA MADRE ist im Vergleich zu den hier gezeigten Attacken gegen die Heuchelei der Rechtschaffenen noch nachgiebig zur menschlichen Natur –, andererseits müssen wir erleben, wie ein Zyniker weitestgehend Recht behalten wird, wenn er alle Ideale verteufelt. Trotzdem wird Letzterer graduell Alkohol und Brutalität gegen Liebe und Mitgefühl eintauschen.
Damit ist LEGEND OF THE LOST weniger der Film des Mannes, der sich verliert, noch der des Mannes, der sich findet. Im Zentrum steht die von Sophia Loren gespielte Dita, die sich in der Wüste und den Ruinen einer alten römischen Stadt zwischen zwei Männer befindet, die ungefähr so verlockend sind, wie der ähnlich nahe Tod durch Verdursten. Wunderschön sieht dieser Film aus und ist meist ein süffisantes Vergnügen aus Anzüglichkeiten und fröhlicher Verkommenheit. Im Herzen ist er aber doch eine Meditation über die Tristesse dieser Welt … mit einem klein wenig Hoffnung.

군함도 / The Battleship Island
(Ryoo Seung-wan, ROK 2017) [blu-ray, OmU]

ok +

Teil der monumentalen Abschlussschlacht auf einer Gefängnisinsel ist THE ECSTASY OF GOLD. Die Koreaner, welche gegen Ende des zweiten Weltkriegs ihrem Sklavendasein unter japanischer Herrschaft entfliehen wollen und scheinen zu diesem Zeitpunkt dem ihnen drohenden Massaker tatsächlich entkommen zu können. Sie fangen sogar an zurückzuschlagen, als Ennio Morricones ikonisches Lied aufspielt. Ein glorreiches Ende scheint nur noch drei Minuten entfernt zu sein. Interessant wird der eigentlich uninspirierte Einsatz dieses alten, wunderbaren Hutes aber nur dadurch, dass das Lied einfach verpufft. Die Töne verklingen und die Flucht/Schlacht geht unbeirrt weiter und weiter. Immer mehr geraten die fliehenden Koreaner doch ins Hintertreffen, immer mehr werden die Unbewaffneten, die nicht auf das rettende Schiff gelangen, vom unnachgiebigen Kugelhagel abgeschlachtet. Und THE BATTLESHIP ISLAND macht daraus die propagandistische Anklage der japanischen Kriegsverbrechen sowie einen energiegeladenen Actionfilm. Hätte THE ECSTASY OF GOLD dies beendet, wäre es lediglich Teil des zunehmenden Totdudelns des Liedes gewesen. So wird es zu einem Abgesang auf Hoffnung – der Atombombeneinschlag ins nahegelegene Nagasaki steht kurz bevor –, wenn sich die Implikationen dieser Hymne nicht verwirklichen.
Damit passt es sich zudem an die Unausgewogenheit des Films ein. Neben besagtem Propaganda- und Actionfilm ist THE BATTLESHIP ISLAND zuweilen auch Groteske, bei der auch Emir Kusturica Regie geführt haben könnte, oder vor Pathos triefender Katastrophenfilm, der einer divergenten Figurensammlung durch den Feuersturm folgt. Wenn am Ende ein koreanisches Kind traurig in die Kamera schaut, während gerade die Atombombe niederging, dann könnte dies auch die einzige mögliche Form sein, um das Widersprüchliche darzustellen. Denn die Koreaner sollen nicht als Opfer erfahrbar und trotzdem Opfer sowohl der Japaner als auch – es wird selten mitgedacht – der Atombombe sein.

Sonnabend 02.01.

Adieu au langage
(Jean-Luc Godard, F/CH 2014) [3D-blu-ray, OmeU] 2

fantastisch

Zweimal wird es geschehen, dass die Kamera fürs linke Auge an ihrem Ort verweilt, während die Kamera fürs rechte Auge nach rechts abdreht und einer sich entfernenden Person folgt. Die beiden Augen des Zuschauers sehen also unterschiedliche Dinge. Es ist der Höhepunkt der assoziativen, verbalen und vor allem optischen Verhandlung darüber, dass zwei Leute das Gleiche vor Augen haben können und doch etwas ganz anderes sehen. Der Erkenntnisgewinn ist aber nicht das Entscheidende. Weniger die sich irgendwie doch andeutende Botschaft steht im Mittelpunkt, sondern die Dreistigkeit ihrer Präsentation. D.h. das Schöne des poetischen, perversen Spaßes, die Augen aus dem Kopf gedreht zu bekommen, weil Godard die 3D-Technik mit diebischer Freude an ihre Grenzen bringt, sowie die Schönheit der schäbigen bis hochdefinierten, farblich übersteuerten bis nüchternen, der sinnhaften und kubistischen Räume und Inhalte.

Tangled / Rapunzel – Neu verföhnt
(Byron Howard, Nathan Greno, USA 2010) [blu-ray] 2

nichtssagend

In 2D – Lotti Z.s Kopf (noch 4 Jahre) ist zu klein für die 3D-Brillen und ihr bringt die zusätzliche Dimension laut eigener Aussage nicht soviel, dass es sich lohnen würde, die Anstrengung auf sich zu nehmen, die Brille beständig oben zu halten – noch öder, als eh schon.

Circus World / Held der Arena
(Henry Hathaway, USA 1964) [blu-ray, OF]

großartig

Immer wieder wird die Arena für Wild-West-Show-Einlagen, Clowns, Hochseilakte und Löwen-Nummern freigemacht. Schließlich gilt es für den Film seinen Titel zu verteidigen. Nebenher gibt es auch einen kurzen Ausflug zum Katastrophenfilm, wenn ein Dampfer kentert und Zirkusutensil, Tiere und Menschen im Hafen unterzugehen drohen. Dass es hier um Attraktionen geht, wird so nie in Zweifel gezogen werden.
Im Zentrum steht ein Melodrama, in dem Leute von einem Moment in der Vergangenheit verfolgt werden. Matt Masters (John Wayne) reist durch die Welt, um die Leere seines Trapezes/Herzens zu füllen und meckert durchaus eloquent alle Leute auf eine gewisse Distanz zu sich. Toni Alfredo (Claudia Cardinale) versucht einen Teil ihrer Vergangenheit zu schwärzen, wie sie das Bild ihrer Mutter aus allen Fotos unkenntlich machte. Dem anderen, durch ihren Vater symbolisierten Teil strebt sie obsessiv nach. Diese Entzweiung ihrer Identität führt zu fahrigen Momenten, die ihr Leben (in der Manege) wiederholt gefährdet. Und Lili Alfredo (Rita Hayworth) pendelt zwischen Kloster und Bordelle, um per Selbstgeißlung zur Ruhe zu finden, weil sie durch eine Affäre ihren Mann verlor und ihrer Tochter nicht mehr in die Augen sehen kann.
Doch auch wenn wir immer wieder bewusste und unbewusste Selbstzerstörung vorgeführt bekommen, sowie Leute, die wie besessen ins Nichts schauen, weil dort die Geister zu lauern scheinen, welche an ihnen nagen, auch wenn hier große Feuer ausbrechen und Alkohol einen zu zermürben droht, CIRCUS WORLD wird seine düsteren Nuancen eben nur Nuancen sein lassen. Die Lust an der Qual ist nur eine von vielen Lüsten. Claudia Cardinales Lächeln will uns verzaubern und Henry Hathaway hat immer wieder schöne Einfälle, um mit Unschuldsmine den Schmier Bahn brechen zu lassen – ein Blick in Claudia Cardinales Dekolleté beispielsweise und die darauffolgende Erkenntnis eines Freundes, dass er einem sexuellen Wesen gegenübersteht, wird auffällig lange in eine Einstellung gesetzt und ausgekostet … als würde hier nicht irgendwelche Anstandscodes verletzt. Ein Film eben, der etwas bieten möchte und sich wie anstrengungslos überall bedient, wo er Schauwerte vermutet.

Freitag 01.01.

龍門飛甲 / Flying Swords of Dragon Gate
(Tsui Hark, CHN 2011) [3D-blu-ray, OmU] 2

fantastisch

Vor ein paar Jahren hat sich mein Vater einen 3D-Fernseher gekauft. Ich empfand es als Geldverschwendung, weil die 3D-Filme, die ich bis dahin im Kino gesehen hatte, nicht wirklich erklärten, warum sie diese Technik benötigten. Sie enthielten die gleichen Bilder, die sie auch in 2D enthalten hätten. Weil sie weiterhin auf eine Leinwand malten und keinen Raum ausstatteten. Einzelne Momente in einzelnen Filmen waren schon sehr schön, aber dafür einen Fernseher kaufen?
Zumindest hatte ich so die Möglichkeit zwei Filme zu sehen, die ich gerne in 3D gesehen hätte, die es aber nirgends in meiner Nähe in die Kinos schafften. Ich kaufte mir die blu-rays von ADIEU AU LANGAGE und FLYING SWORDS AT DRAGON GATE INN … und es war ein Fest. Als der Fernseher meines Vaters kürzlich den Geist aufgab, da stellte er fest, dass es keinen Ersatz mehr auf dem Markt gab. Diese Art von TVs waren einfach vom Markt verschwunden. Bei der ihn unterstützenden Recherche stellte ich aber fest, dass es noch 3D-Projektoren gab. Vor die Wahl gestellt entweder meine inzwischen nicht mehr so angespannte finanzielle Situation wieder ein wenig anzuspannen oder nie wieder die Filme von Tsui Hark in 3D zu sehen, entschied ich mich für zweiteres … und war nun in den Augen meines Vaters ein Geldverschwender. Nach dieser Sichtung hat es sich aber schon gelohnt, finde ich.

The Desert Fox: The Story of Rommel / Rommel, der Wüstenfuchs
(Henry Hathaway, USA 1951) [blu-ray, OF]

nichtssagend

Selbst Hollywood griff es auf: Deutschland sei das erste Land gewesen, dass von den Nazis besetzt war. Nach einem etwas hölzernen Actionauftakt, der zumindest das Versprechen des Titels halten möchte, folgt aus heiterem Himmel die noch hölzerne Geschichte einer Desillusion. Rommel (James Mason) muss in den letzten Monaten seines Lebens trotz ehrbarer – oder gerade wegen dieser – Soldatenseele die Befehlsverweigerung und sogar die Rebellion gegen die Obrigkeit in Betracht ziehen. Von Wüstenkrieg fehlt jede Spur. Dafür sehen wir einen Mann im Kampf mit seinem Gewissen. Sein Genie wird immer wieder betont, wenn er aber langsam begreift, dass er einem Wahnsinnigen dient, dann steht oder liegt James Mason wie ein tumber Tor herum und ist ganz verwundert, dass zwei und zwei vier ergeben soll. Höchstens sein Körper zieht schon die Schlüsse, vor denen sich der Geist noch sträubt. Mit blutender Nase betritt er einen Film, der ihn immer wieder ins Krankenhaus bringt, weil der Körper unter dem Wahn kollabiert, den er von Hitler und seiner Gang vorgesetzt bekommt.
Aber auch die Zerstörung von Idealen verfolgen wir nur oberflächlich. THE DESERT FOX ist, auch wenn es zuweilen so aussieht, kein Seelendrama, sondern das Portrait von rechtschaffenen Menschen, die von überall belauscht werden – wobei aber auch nicht die paranoiden Potentiale aufgegriffen werden. Umständlich und didaktisch wird gezeigt, wie die die Deutschen erwachen, endlich die Chance gegen ihren Unterdrücker wahrnehmen und sich doch irgendwie den Marshallplan verdienen.

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