Von der schlummernden Mauer – Freddy und die Melodie der Nacht (1960)




    So geh ich allein und frage mich:
    Gibt’s ein Herz, das mich vermisst?
    Und wo ist der Mensch, der zu mir hält
    der genau wie ich, einsam ist?

    (Freddy Quinn – Melodie der Nacht)

Für einen deutschen Schlagerfilm der erst aufkeimenden 60er Umbruchsjahre herrscht im Auftakt von “Freddy und die Melodie der Nacht” bereits ausgesprochene Finsternis, herrscht sie nicht nur, sondern dehnt sie sich sogar schlagartig aus. Aus dem Innern Freddys Taxe sieht sie neblig aus, die Stadt: nicht erkennbar, katalogisierbar, ein schwummriges Labyrinth begrenzt durch Mauern, Bürgersteige und Straßenleuchten. Mit ihm zu fahren, das kommt einem einzigen Gleiten von Schauplatz zu Schauplatz gleich, einer Ansammlung von Häuserpanoramen hinterm Trennglas der Front- oder Heckscheibe, grau in grau, Lichtpunkte schwammiger Herkunft, matter Straßenbelag. Freddys Fahrerkäppchen von hinten, ein still genießendes Pärchen auf der Rückbank – bloßes Ornament vor diesen wieder und wieder selbstablaufenden Impressionen, der Dokuleinwand auf Sangesbühne. West-Berlin, ein paar Mal zu oft wird die Flucht zweier Straftäter in den Osten beiläufig erwähnt, ist ein seltsam enger Ort, eher verdichtetes Chiffre für die Großstadt an sich denn echter Vergleich mit dem noch jungen Nachbarn hinter den Grenzbauten und doch findet die Realität Niederschlag in dieser Traumwelt, ist “Freddy und die Melodie der Nacht” in einem gewissen Sinne bereits Mauerfilm, bevor sich diese überhaupt abschließend manifestierte.

Wolfgang Schleif, der vermutlich größte Feingeist und subtilste Meister unter den Filmschaffenden der BRD, die ersten Jahre seiner Regiekarriere bis 1953 allerdings gerade dort, im Nachbarland bei der DEFA tätig gewesen, zieht stets alle Möglichkeiten und Deutungen in Betracht, färbt sie um durch sein versponnenes Spiel mit Erzählformen und filmischen Stilen, verweigert doch die in belehrende Gänze gekleidete Antwort. Sein Film ist ein Formenspiel mit mannigfachen Deutungsebenen, einer der formvollendet durchstilisiertesten deutschen Filme seiner Zeit. Sogar der Spannungsbogen, ein zutiefst narratives Konzept, unterliegt einzig und allein visuellen Erwägungen. Angestoßen durch einen dankenswerterweise im schwerwiegenderen Teile der Wortkombination gescheiterten Raubmord an Freddys Kollegen Paul entspinnt sich eine idiosynkratische Experimentaldramaturgie, eine schon eklatante Zweigliedrigkeit des obigen Bogens zwischen den stilistisch erst langsam zusammenwachsenden Polen Ermittlungsarbeit und motorisierter Seelenwanderung.

Ineinanderhakend wo es gerade am auffälligsten ausfällt – Verknüpfungen schlichtester Eleganz durch harte Schnitte oder Bilddrehungen. Die Minuten des Anschlages verdeutlichen diese Diskrepanz vielleicht am besten: Vor zweieinhalb einfach so in der Kadrage versenkten Spiegeln teilt Schleif die Musik eines Tanzlokales wie die dazugehörigen Reaktionen in mehrere Felder auf, die Tanzenden des Hintergrundes im mittleren, rechts und links davon Freddy sowie der ihn quasi zur alleinigen Nachtbegleitung auserkoren habende Fahrgast Direktor Wendlandt (Hans Nielsen) bei zögerlichen Streckübungen, dann dem ausufernden Rhythmus aus Wachsen und Schrumpfen. Steigt man erst mal ein in dieses eigenwillige Spiel, die Ruhe vor dem Sturm, lässt Schleif plötzlich von der Stimmung zum dunklen Abseits vor dem Schuss schneiden. Was man zuerst als Tod wahrnehmen muss, ist eine Sache von Sekunden, während sich anderswo die Körper ins Unendliche zerdehnen. Inszenatorische Konsequenz eingebettet in ihren eigenen feucht-fröhlichen Überschwang. Noch einmal eine knappe Handvoll Schnitte, die zuvor noch verdeckt anheizende Blaskapelle nun von vorn, dann das langsame Eintrudeln von Rettungskräften auf der nahtlos von ungewohnt leer zu proppenvoll übergehenden Schnellstraße. Divergenz, wie sie indikativ werden wird für den sich dem Plot weitestgehend entziehenden Mittelteil.

Dieser erstreckt sich über eine graduelle Eskalation in der architektonischen Gestaltung weiterer Lokale der nächtlichen Durststrecke. Unversehens hockt unser selten wirkmachtbefreiter Held knietief als Außenstehender in Lebensgeschichten, Geplänkel im Berliner Zungenschlag, Lokalkolorit aufgetragen durch ein pointiertes Dialogbuch. Nach und nach entmächtigt durch einen zweiten, diesmal wörtlich zunehmenden Anstrich, der sich mit den realistischen Schilderungen beißen sollte, es aber schlicht unterlässt. In einer der ersten Etappen dieser Stationenreise durch das Nachtleben findet sich als Dekor auf die Wand gepinselt das gespaltene Gesicht eines Mannes, eine deutlich vernehmbare Trennungslinie klafft exakt dort zwischen seinen Zügen, wo die eine Wand zur andern findet. Es ist keine unsymmetrische Fratze, kein Jekyll und Hyde und doch ist es sofort wieder da, das latente Unwohlsein im Dekor, die Rückbezüglichkeit auf etwas die Filmhandlung weit Transzendierendes. Spaltungen, sie sind Wolfgang Schleifs Spezialität und doch führt er keinen Keil in diese Bruchstellen ein, kittet stattdessen ein neues Ganzes aus unzusammenhängenden Scherben.

Scherben wie den regelmäßig eingestreuten Musikeinlagen, die die in ihnen Aufgehenden sogleich architektonisch von ihrer Umwelt separieren und doch selbst nie isolierter Einschub sind. In diesen Momenten interagieren die Figuren allein mit der Tonebene, hat die Figur Freddy ein seltsam ausgeprägtes Gespür dafür, was der Publikumsliebling Freddy da gerade trällert. “Einsam hallt mein Schritt, es geht niemand mit mir mit”, und schon klackern die Füße des singenden Taxichauffeurs, während die nächste Liedzeile – “Durch die menschenleeren Straßen” – einen anerkenndenen Blick hinaus zur Panoramatotalen ebendieser Promenaden anstößt. Übergangslos ergeben sich solche Einschübe aus dem lange mehr als nebensächlichen Krimiplot und erklären dabei ganz beiläufig, wie es zu so etwas kommt. Berlin – letztendlich führt in diesem nicht nur von räumlicher Trennung erzählenden Film alles auf die Großstadt zurück. Erste Ermittlungsarbeit entspinnt sich nüchtern wie bei Jürgen Roland zwischen hochdramatisch durchchoreografierten Tänzen, die Tragödie menschlicher Existenz wird nicht in der Oberwelt angefeuert und verhandelt.

Still sitzt Freddy auf Stühlen herum, teilnahmslos am Leben vorbei mit flüchtigen Kontakten im Schlepptau – das Los des Taxifahrers. Auf der Bühne: Ein goldener Käfig, Gittertänze entlang elastischer Stäbe, Frau und Mann, die durch die flexible Trennung hindurch körperlich kommunizieren, sich abwechselnd “Yes.” und “No.” zuhauchen. Am Ende die unweigerliche Überhitzung, Kollaps – “Aber Junge, sag doch ‘Yes’!”, raunt Herr Wendlandt noch. Dieses Ringen um Nähe ist Indikator für das, um was es in “Freddy und die Melodie der Nacht” wirklich geht: Unseres Helden Suche nach Verbindlichkeit in einer vagen Welt stellt einen stellt einen ungleich einnehmenderen Rahmen dar als die Rahmenhandlung. Ausgerechnet diese gewährt Freddy dennoch, was er begehrt. Sukzessive werden die Lokale abstrakter, das letzte scheint nur mehr aus Stäben, Säulen und riesigen Schwarzflächen zu bestehen, dann wird deutlich, was Schleifs Spannungsboden bezweckt. Die Dramaturgie kippt als den Gangstern dämmert, wer sie einer abenteuerlichen Verstrickung sei Dank identifizieren könnte und so warten sie vor dem tendenzbiederen Polterabend, den Freddy nach Wendlandts Abschied mit seiner Inge (Heidi Brühl) aufsucht. Alte Lieder, alte Werte, mit “Irgendwann muss ein Schiff mal vor Anker gehen” hält er um die Hand der Holden an – und draußen vor der Tür lauert der Tod.

Ungewohnt transparent erscheinen die Verfolger in der Rückscheibe, die Gefahr bleibt stets ganz nah je näher der Film selbst auf sein Finale zurollt. Eine Dreigliedrigkeit der 90 Minuten wird augenscheinlich, der Abend vor dem Überfall, die Tour, das Danach – das Semi-Dokumentarische, die expressive Extravaganz, das Heimelige, in dessen Ankunft die zuvor überlagerte Bedrohung plötzlich als neuer Mittelpunkt der Inszenierung bloßgestellt zum Hieb ansetzt. Zum Ausklang noch ein Kaffeekränzchen daheim und schon kommt es in der kleinen Eckkneipe gegenüber zum Zusammentreffen in rustikalem Ambiente. Blickduelle, ein Gesangsangriff auf die unerschütterlich kalte Fassade, Simultandramaturgien umgekehrt proportional zur Aufgeregtheit der Umgebung, Experimente am schlagenden Herzen des Spannungsbogens. In diesem Mief ist man mit Entscheidungen allein, kein Wunder, dass Freddy den Spieß umdreht und zur Selbstjustiz greift. Seine Jagd kleidet alles in ein Labyrinth, Betonschluchten in Autoglas, ein stiller Güterbahnhof bei Nacht, den Igor Oberberg wie einen einzigen Raum mit vor lauter metallenem Unheil kaum passierbaren Durchgangsschlitzen auffängt. Wie auf Schienen, bis zum bitteren Ende.

Die Unbarmherzigkeit der Nacht bestraft schließlich den harmlosen Mitläufer, nicht den potentiellen Doppelmörder – die BRD ist ein kalter Ort, für verwöhnte Muttersöhnchen ist in ihr kein Platz. Bemerkenswert klarsichtig schließt Schleif den Film. “Hast du gehört, Paule geht’s besser.”, gewichtet Freddy für Inge die Nachrichten der letzten Stunden neu, dann schreitet man andächtig zurück in den Großstadtdschungel. Das Leben muss weitergehen. Als letzter Teil der schon lange überfällig als eine Art deutscher Dollar-Tetralogie mit unausgesprochen identischem Hauptcharakter als Bindeglied zu lesenden Freddy-Reihe Schleifs erzählt “Freddy und die Melodie der Nacht” nach Fernweh, Aufbruch und Abenteuern in fernen Landen von Heimkehr, viel mehr aber vom Fügen.


Freddy und die Melodie der Nacht – BRD 1960 – 94 Minuten – Regie: Wolfgang Schleif – Produktion: Peter Schaeffers, Aldo von Pinelli – Drehbuch: Gustav Kampendonk, Aldo von Pinelli – Kamera: Igor Oberberg – Schnitt: Hermann Ludwig – Musik: Lotar Olias – Darsteller: Freddy Quinn, Heidi Brühl, Grethe Weiser, Peter Carsten, Hans Nielsen u.v.a.


Dieser Beitrag wurde am Dienstag, März 3rd, 2020 in den Kategorien André Malberg, Blog, Blogautoren, Deutschland im Film, Essays, Filmbesprechungen, Filmschaffende, Filmtheorie veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

Eine Antwort zu “Von der schlummernden Mauer – Freddy und die Melodie der Nacht (1960)”

  1. Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (09-03-20) on März 9th, 2020 at 22:19

    […] André Malberg schreibt auf Eskalierende Träume über „Freddy und die Melodie der Nacht“. Und wenn ich die tollen, den Text begleitenden Bilder (zwischen Noir, Neorealismus und muffiger […]

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