Der Hulk zerstört alles – Ein paar Worte über Gaspar Noé






Reden wir über Arthaus. Reden wir über Philosophie. Reden wir über Relevanz. Besser: reden wir über die Vorgaukelung all dessen. Reden wir über filmische Trickbetrügerei. Und einen ihrer begabtesten Vertreter.
Der Franzose Gaspar Noé ist so was wie ein Magier der Kinematographie. Besser: ein Illusionist, der mit der Trickapparatur des Kinos arbeitet.
Was er genau macht? In erster Linie manipuliert er Zuschauer, vorwiegend Kritiker und Filmwissenschaftler. Er zaubert Ideen in die Köpfe von Menschen. Es sind nicht die originellsten Ideen. Es sind nicht die cleversten Ideen. Es sind oftmals nur plumpe, persönliche Meinungen. Und die hat nun wirklich fast jeder. Aber wenn der Trick funktioniert, wenn die Bilder stark genug sind, kommen diese Ideen verdammt gut an. Nicht nur das, die Ideen scheinen sich im Kopf des Betrachters auf wundersame Weise zu einer ausgeklügelten Philosophie zu transformieren – was bleibt, ist bedeutungsschwangere Ehrfurcht und ehrfürchtige Verehrung.
Wie macht er das? Er selbst würde es uns natürlich niemals verraten. Zauberkünstler tun so etwas nicht. Da muss man schon selbst grübeln.

Noé hat nicht lange gebraucht, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So schwer ist das aber auch nicht. In den Sechzigern reichte schon ein Schamdreieck um die Leute zu schocken. Natürlich ist das heute ungleich schwieriger… aber wenn man beharrlich, sowie am Puls der Zeit bleibt, kann man noch heute Aufsehen erregen. Es wird immer ein Thema geben, das polarisiert, und dessen Aufarbeitung noch viel mehr polarisiert. Das ist das Prinzip der Exploitation.
Noé hat es jedenfalls geschafft, Aufmerksamkeit durch Schock zu generieren. Das stößt Viele ab, doch gleichzeitig werden dadurch viele Randgruppen angezogen. Diese Randgruppen fühlen sich von einem Noé, der ganz auf sein rebellisches Schockpotential setzt, indirekt repräsentiert. Die Dankbarkeit für die erbrachte Identifikation zahlen sie ihm mit grenzenloser Loyalität zurück. Egal, was Noé noch anstellen wird, er hat eine Fanbase, auf die er setzen kann. Für immer.

Noé weiß, wie man poltert. Spätestens seit der zehnminütigen Vergewaltigung Monica Belluccis in „Irreversible“ hat der letzte Cineast begriffen, dass da jemand neues mitzumischen versucht.
Carne“ und „Menschenfeind“ waren ja schon böse, aber Noé muss gewusst haben, dass da noch mehr ging. Er folgte dem Gesetz des Sequels, natürlich ohne eins zu drehen, und setzte auf mehr Action, mehr Gewalt, mehr Speed. Der Plan ging auf, „Irreversible“ geriet zum veritablen Skandalfilm. An der Kinokasse schnitt er zwar nicht grandios ab, aber das musste er auch gar nicht. Auf DVD wurde er ein Renner. Skandalfilme sind meist Nischenfilme, und es findet sich immer eine Randgruppe für irgendeine Nische.

Jetzt hab ich die ganze Zeit auf der Gewalt rumgeritten. Ich klinge fast schon so, wie einer von den zartbesaiteten Kultursnobs, die 2002 aus der Cannes-Premiere von „Irreversible“ gerannt sind, um sich eine Kotztüte zu suchen.
Aber es ist wichtig die Gewalt anzusprechen, sie ist immerhin der Motor von Noés Erfolg. Wer würde heute schon für die wahnsinnsphilosophischen Worte „Le temps détruit tout“ schwärmen, wären da nicht diese zehn Minuten… Zehn Minuten vom Bahnhofskino zum Arthaus… und dann wieder zurück zum Flughafen Franz-Josef Strauß.

Die Gewalt ist das Fundament des Erfolgs, denn sie appelliert an verschiedenste Käuferschichten. Aber sie reicht bei weitem nicht aus, um zu erklären, warum Noés Werk in weiten Teilen als große, radikale, bedeutende Filmkunst angesehen wird. Dazu muss man einen näheren Blick auf seine inhaltlichen Strategien werfen.
Einen anti-französischen Film wollte er mit „Seul contre tous“ machen, einen Film über das Frankreich, wie er es sah. Was er sah war eine darwinistische, lieblose, perverse Hölle. Eine Welt, die aus Opfern und Tätern bestand. Aus dem Metzger und dem Schlachtvieh.
Der Metzger ist so etwas wie der kontemporäre französische Travis Bickle, doch im Gegensatz zu Schrader und Scorsese versucht Noé erst gar nicht, die Figur zu charakterisieren. Sie durchläuft keine Entwicklung. Der Metzger hat eben ’nen Sprung.
Alles, was falsch läuft in seinem Land hat Noé versucht, in diese eine Figur zu packen. Was dabei rauskommt ist selbstverständlich düster und verstörend, aber nicht wirklich glaubhaft. Von Beginn an setzt Noé auf Übertreibung, auf Unbarmherzigkeit. Er kann nicht anders als dick aufzutragen. Gleichzeitig scheint er ein Statement abzugeben über die tierische Natur des Menschen. Sein einziger Beleg dafür: sein Film. Doch wie ernst kann man so ein Statement nehmen?
Je mehr ich zwei inhaltlich mehr oder weniger verwandte Filme wie „Taxi Driver“ und „Seul contre tous“ miteinander vergleiche, desto weniger Sinn ergibt dieser Vergleich für mich. Travis und der Metzger sind zu unterschiedlich. Michael Myers hingegen (aus John Carpenters „Halloween“) weist viel mehr Ähnlichkeiten mit dem Metzger auf. Auch er ist von Beginn an böse, auch er ist mehr Archetyp als Mensch. Der Metzger ist, wie Myers, ein Boogeyman, jedoch ein Boogeyman der Soziologen. Denn irgendwo wird er schon rumlaufen, der degenerierte Arbeitslose. Hatte er damals noch wenigstens einen Job, der ihn von seinen naturgegebenen perversen Neigungen abgelenkt hat, so hat er jetzt nix mehr. Die Bestie erwacht. So entpuppt sich die Figur des Metzgers als bürgerlich konservative Phantasie. Noé präsentiert die Figur als konsequente Ausgeburt der Arbeiterklasse, die sich mit Anbruch der Erwerbslosigkeit so richtig schön austoben kann.

Halten wir noch einmal inne: Noé hat die Gewalt, und er hat die sozial relevanten, wenn nicht provokanten Themen. Exploitative Filme wie „Death Wish“ und „Die Klasse von 1984“ haben das jedoch auch. Folglich reicht diese Kombination noch nicht aus für die „Adelung“ als „große“ „Filmkunst“. Da muss noch mehr sein. Und da wären wir beim Formalismus.

Nachdem Noé enttäuscht war über die Tatsache, dass „Seul contre tous“ in seinem Heimatland nicht auf den Index kam, musste er sich was einfallen lassen. Der nächste Film sollte noch mehr schocken, gleichzeitig wollte Noé weiterhin als Künstler anerkannt werden. Und die Rechnung ging auf: „Irreversible“ machte ihn endgültig zum enfant terrible des neuen französischen Kinos. Sein Ansatz war einfach wie genial: Er nimmt den Plot eines „rape & revenge“-Films und erzählt das Ganze rückwärts. Dazu setzt er noch einen knackigen Slogan ans Ende, und fertig ist das Meisterstück.
„Irreversible“ beweist viele Dinge, die mir vorher nicht bewusst waren: mit einigen wenigen Kunstgriffen verwandelt man einen Exploitationfilm in einen Arthausfilm. Dazu muss man nur einige Erzählkonventionen über Bord werfen, und einige schöne Plansequenzen, sowie eine wilde Steadycamfahrt mit einkalkulieren. Ein antiklimaktisches Ende ist auch von Vorteil.
Hat man die Verwandlung zum Arthaus vollzogen, werden offene Fragen wie von allein geklärt. Das Arthaus-Label beginnt, für den Film zu arbeiten, und alles was darin passiert, wird automatisch unter anderen Vorzeichen gelesen. Wenn man, zum Beispiel, einen Arthausfilm rückwärts erzählt, hinterfragt man somit automatisch Erzählstrukturen. Außerdem ist Gewalt in einem Arthausfilm automatisch entlarvend, und schwule Stereotypen verwandeln sich in Reflexionen über dieselben. Sonst wäre es ja kein Arthausfilm.
Für mich gehört „Irreversible“ eher zum Genre der Artploitation. Was ihn von „rape & revenge“-Streifen wie „I spit on your grave“ unterscheidet, sind strenge Formalismen – und eine Philosophie. Das ist erst einmal ein großes Wort – Philosophie. Da hält man gern inne. Aber die Tatsache, dass ein Film in ein gewisses philosophisches Muster zu passen scheint, reicht nicht für die Absolution. „Die Zeit zerstört alles“. Der Hulk zerstört auch alles. Aber er meint es wenigstens gut.

Mit seinem letzten Film, „Enter the Void“, hat Noé bewiesen, dass er sich keinen Deut weiterentwickelt hat. Seine Figuren sind noch immer nicht wirklich nett zueinander, und wenn doch, dann ist Inzest im Spiel.
Der erhoffte Trip (ich erinnere mich an Teile des Publikums, die sich vor Beginn des Films noch schnell einen Joint vor dem Kino reingezogen haben) ist jedoch ausgeblieben. „Enter the Void“ ist ein ziemlich dröges Erlebnis, voller überholter freudianischer Verweise, sowie dem üblichen Mix aus T&A und Gore. Nur wird das Ganze von einer Bildschirmschoner-Esoterik zusammengehalten, die den Zuschauer in „Altered States“ versetzen soll. Doch zu keiner Zeit erreicht der Film die Intensität von Filmen wie „2001 – Odyssee im Weltraum“, „The Holy Mountain“ oder eben Ken Russells höllischen Trip.
„Enter the Void“ ist nur lang. Redundant. Eitel.
Noé hat mehr Arbeit in die Titelsequenz investiert als in seine Geschichte. Damit folgt er, mal wieder, ganz dem Prinzip der Exploitation: Fertige zunächst ein reißerisches Filmplakat an, mach später den Film dazu. Noé hat den Film zur Titelsequenz gedreht.

So steckt im Arthauspelz ein Exploitationfilmemacher, der mehr von „I spit on your grave“ und „Altered States“ beeinflusst wurde als von Tarkovski und Kubrick. Außerdem verraten seine Filme oft genug eine unangenehm konservative Grundhaltung, die die Perversionen der Gesellschaft meist in den unteren Schichten lokalisiert. Der Metzger von nebenan, der schwule Zuhälter, der hippe Drogendealer, die Stripperin, die mit ihrem Bruder schlafen will.
Doch die Noé-Rezeption beschränkt sich auf seinen, zugegebenermaßen kraftvollen, Stil und angerissene Philosophie. Deswegen hat es keinen Zweck, mit der Kritik zu streiten. Ich wende mich lieber direkt an den Regisseur:

Lieber Gaspar. Deine Filme machen klar, dass du nicht viel von den Menschen hältst. In deinen Filmen sind sie zu den schlimmsten Dingen fähig. Jedoch ist dein Ansatz höchst einseitig. Du bist, um es drastisch zu formulieren, keine Hilfe. Schlimmer, du delektierst dich an den schlimmen Dingen, die du darstellst, das verrät dein Blick. Aber du bist eben mit misanthropischen Filmen aufgewachsen, deren angebliche Botschaft, du einfach weiterverbreiten möchtest. Doch während ein Misanthrop wie Kubrick versucht, essentielle Erkenntnisse über den Menschen zu vermitteln, versuchst du gar nichts, sondern behauptest einfach. Der Mensch besteht bei dir aus Trieb, Angst, und Hass. Und nach dem Leben wartet auf ihn the Void. Ende. Das ist natürlich irgendwie radikal in einer Welt, die sehnsüchtig den neuesten „Harry Potter“ oder „Fluch der Karibik 4“ erwartet. Aber es ist einfach nicht genug.
Die Tatsache, dass du im Grunde deines Herzens ein Exploitation-Filmemacher bist, macht dich ja irgendwie sympathisch. Gleichzeitig ist es wirklich verblüffend, dass die meisten Kritiker diesen Sachverhalt einfach ausblenden. Aber darin besteht doch auch der Trick, nicht wahr?
Ich ziehe meinen Hut vor Dir, dem großen Illusionisten des Kinos. Du verkaufst deinen Zynismus als Erkenntnis und deine Erkenntnis als originell. Insofern bist du wahrlich ein Genie.



Gaspar Noé: Filmografie
Bildquelle:
http://tinyurl.com/3g394ld

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, Juli 31st, 2011 in den Kategorien Aktuelles Kino, Ältere Texte, Blog, Essays, Filmschaffende, Sven Safarow veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

5 Antworten zu “Der Hulk zerstört alles – Ein paar Worte über Gaspar Noé”

  1. Mr. Vincent Vega on Juli 31st, 2011 at 18:52

    Gute Text und natürlich unbedingt unterschreibenswert.

  2. Mr. Vincent Vega on Juli 31st, 2011 at 18:52

    Wollte natürlich schreiben: Guté Text.

  3. Der Außenseiter on August 8th, 2011 at 21:34

    Bemerkenswert, wie der manipulierende Charakter sich auch in Deinem Text finden lässt. Tatsächlich arbeitest Du mit ähnlichen Befindlichkeitsannahmen wie Noé und hast Deinen Worten damit nur mehr Kraft verliehen. Das perfekte Gegengewicht zu diesem Regisseur und natürlich kann ich Dir nur beipflichten. Letztlich ist die von Dir so gut exponierte Methodik aber auch einer heutigen Gesellschaft und der damit verbundenen Kinohistorie geschuldet. An einer theoretischen Konstruktion ähnliche Wirkung wie Noé zu erzielen, ohne sich seinen plumpen Methoden zu verschreiben, grüble ich schon seit einiger Zeit.

  4. Bartel der Noe-P-D Wähler und Bellucci-Bemutterer on September 8th, 2011 at 16:15

    Den zahlreichen “Noe-Nicht-Mögern” ist es immer selbst unmöglich ihren Hass, den Zorn und all die verborgenen sexuellen Wunschphantasien die sie für den einzigen Betreiber eines argentinischen Gasparle-Theaters hegen, zu kontrollieren.
    Da machte es Vincent Gallo zu seiner Zeit genau richtig. Er fotografierte einfach Meister Gaspars Schnerpfel und schaffte es somit eine vollkommen neue kapitalistisch-cinematographische Void zu entern:
    Die in der er sich ein Foto von Noe´s Eichel 2000$ kosten lässt…
    Bartel stays misanthropic!

  5. cine on Juni 24th, 2012 at 11:20

    Interessante Sichtweise! Aber sie schreiben am Anfang von “versuchen” und am Ende ist es Fakt? Weiter unterstellen sie den meisten Menschen, sie wären nicht in der Lage Gaspar Noé´s “Zauberspiel” zu verstehen. IhreSchreibweise und Aussagen, sind auch die eines negativ eingestellten Menschens und in jedem steckt ein Stück Hass. Das Gewalt in Filmen funktioniert, sollte nichts neues sein. Aber in der Ausprägung, ist es defintiv neu und man sollte sich eher erfreuen, dass es solche Filme überhaupt gibt. Also ihr Text ist im Grunde auch nur auf Beutefang und nicht wirklich objektiv.

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