Das Bildnis der Doriana Grey (1976) – Jess Franco und Ingmar Bergman



Die doppelte Lina Romay: Sie spielt zwei ungleiche Schwestern. Die Eine ist wohlhabend, lebt in einem traumhaften Anwesen am Meer, die Andere, vom Schicksal nicht so begünstigt, sitzt in der psychiatrischen Anstalt von Dr. Orlof. Während die reiche Lina ungehemmt ihre lesbische Sexualität ausleben kann, bleibt ihrer eingesperrten Schwester nur die Masturbation. Doch der Schein trügt: Die in Freiheit lebende Lina ist nicht in der Lage, einen Orgasmus zu erfahren, der Höhepunkt des sexuellen Akts bleibt ihr verwehrt. Ganz im Gegenteil zu ihrer scheinbar benachteiligten Schwester, deren konvulsive Körperbewegungen auf ein erhöhtes Lustempfinden schließen lassen.

Trotz ihrer Unterschiedlichkeit verbindet die beiden Schwestern ein unsichtbares Band. Nicht nur ihre äußerliche Gleichheit ist hierfür ein Indiz. Jedes Mal, wenn die Eine sich dem Liebesspiel hingibt und ihren Partnerinnen das Blut aussaugt, ist die Andere – obgleich eine räumliche Distanz existiert – am Akt beteiligt, als bestünde eine telepathische Verbindung zwischen zwei heterogenen Subjekten. An dieser Stelle wird es wichtig, als Interpretationsschlüssel den Titel des Films zu berücksichtigen: DAS BILDNIS DER DORIANA GRAY (1976) ist selbstverständlich ein direkter Verweis auf den einzigen Roman von Oscar Wilde und gleichzeitig ein Beleg dafür, dass es sich bei den beiden Schwestern um ein und dieselbe Person handelt. Ein Subjekt hat zwei Körper: DORIANA GRAY ist eine weitere Ausarbeitung des Doppelgänger-Motivs, das in der Literatur des 19. Jahrhunderts so beliebt war.

Francos Film erscheint als eine Adaptation, die dem Geist der bekannten Vorlage gerecht wird. Das intensive Leben von Dorian Gray (reiche Lina) hat lediglich Folgen für das versteckte Porträt (eingesperrte Lina). Dies lässt sich auch in der narrativen Struktur – insofern man überhaupt von einer sprechen mag – ausmachen: Die aktive Schwester treibt die Handlung voran, während die passive Schwester als „Sammelbecken“ für Emotionen fungiert. Letztere präsentiert sich somit als eine Art Spiegel psychischer Vorgänge, ihr zuckender Körper reflektiert geistige Verwirrungen. Sie ist das abgespaltene Unterbewusstsein, die Repräsentation des Triebhaften, das in einer Klinik unter strenger Beobachtung steht. Die Teilung der Figur Lina Romays vollzieht sich auf der Ebene der sexuellen Lust, was für den eingesperrten Körper des Subjekts zwei Zustände nach sich zieht, entweder vollständige Lethargie in den Momenten sexueller Inaktivität oder furiose Entladungen des Begehrens. Das Geschlecht wird zum Fixpunkt einer unkontrollierbaren Macht, einer Fremdbestimmung. Nur selten hat Franco solch aggressive Masturbationsszenen gedreht.

DORIANA GRAY erinnert an DAS SCHWEIGEN (1963) von Bergman. In beiden Filmen steht die Geschichte zweier kranker Schwestern im Vordergrund. Bei Bergman sind es Ester und Anna. Ester ist die Gebrochene, sie masturbiert und trinkt sich anschließend in den Zustand der Bewusstlosigkeit; zugleich beneidet sie ihre jüngere Schwester Anna, die ihre Sexualität offen auslebt, die sich durch das Nachtleben bewegt auf der Suche nach Männern. Wie in DORIANA GRAY bedingt der Sexualakt einer Hälfte den Autoerotismus der anderen. In DAS SCHWEIGEN können die zwei Schwestern nicht ohne einander auskommen, ihr krankhaftes Verhalten resultiert aus einer unzulässigen Trennung. Der Abschied von der körperlichen Einheit bedeutet Qual. Sowohl Bergman als auch Franco visualisieren demnach den Prozess einer inneren Entfremdung, den Moment, in dem die Spannungen im Subjekt so unerträglich werden, dass eine Abspaltung stattfindet. Linderung kann letztendlich nur eine Wiedervereinigung bringen, was am Ende von DORIANA GRAY auch passiert. Eine vampirische Absorption ihres veräußerten Lustempfindens garantiert die erneute Vollständigkeit Lina Romays.

DORIANA GRAY ist ein weiterer Höhepunkt unter den hypnotischen Filmen von Franco; er steht in einer Reihe mit VENUS IN FURS (1969) oder VAMPYROS LESBOS (1971). Seine mit Tageslicht aufgenommenen Bilder strahlen eine sublime Schönheit aus, die, in Kombination mit der gemächlichen Inszenierung, das einzigartige Franco-Flair ausmacht. Doch sollte man sich von den farbenprächtigen Bildern niemals täuschen lassen: Der Zuschauer bekommt einen Alptraum vor Augen geführt, die Geschichte einer inneren Entfremdung und die daraus hervorgehenden Leiden.

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, April 19th, 2012 in den Kategorien Ältere Texte, Blog, Filmbesprechungen, Filmschaffende, Simon Frauendorfer veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

4 Antworten zu “Das Bildnis der Doriana Grey (1976) – Jess Franco und Ingmar Bergman”

  1. Hannes on April 20th, 2012 at 09:47

    Danke für die Besprechung.

    Interessant bei Franco finde ich, dass seine Hardcore-Szenen sehr düster und un-erotisch – oft richtig brutal – sind (zumindest die Sachen, die ich kenne) – ganz im Gegenteil zu vielen seiner Softcore-Szenen, die zwar auch düster, aber doch meist knisternd und sexy sind.

  2. Christoph on April 20th, 2012 at 13:52

    Offenbart sich dir also doch auch allmählich die Ultra-Francokunst, Simon? Ich weiß noch, dass ich letztes Jahr in Mainz von seinen Film schwärmte und du eher skeptisch schienst.
    Das Problem bei ihm ist, dass man ihn eigentlich erst ab 10 Filmen + schätzen lernen kann (mein derzeitiger Stand: 48 Filme. Obsession im Endstadium.) Aber dann immer mehr und mehr und mehr und mehr und…

    Ein sehr, sehr schöner Text. Wir brauchen ohnehin viel, viel mehr über Franco auf Eskalierende Träume, ist er doch schließlich mehr oder weniger eine unserer Idolfiguren (nun, zumindest bei der Hälfte unserer Autoren, was dann wohl den maximalen möglichen Konsens darzustellen scheint, sieht man von der noch omnipräsenteren Verehrung für Andrzej Zulawski ab).
    Beim Lesen und den damit verbundenen Erinnerungen an den Film musste ich auch, deines Verweises auf das Doppelgängermotiv wegen, an E. T. A. Hoffmanns DIE ELIXIERE DES TEUFELS denken, das ich vor zwei Wochen mit großem Genuss gelesen habe und von dem Franco sicherlich auch eine formidable Adaption hätte fertigen können (wäre ihm danach gewesen und hätte er, was bei seinen Ausstattungsfilmen ja leider offenbar nie der Fall war, carte blanche gehabt. Vorzüglich aus den frühen 80igern, mit seinem damaligen Lieblingsdarsteller Antonio Mayans in der Hauptrolle. Oder gleich als deutschen Film. Die existierende Verfilmung von Miefkönig Manfred Purzer stelle ich mir sehr trist vor.)

    PS: Was hat es mit der ominösen, aber reizvollen YouTube-Qualität der Screenshots auf sich?;-)

  3. Sano on April 21st, 2012 at 02:01

    Mmmm, Franco und die Psychoanalyse. Damit wären sicher Bände zu füllen. Wohl einer der führenden Filmemacher überhaupt, wenn es um Auf- und Entladungen des Unbewussten geht, um Träume, Projektionen, Wiedergängertum. Christoph hat vermutlich recht, aber mich hat es schon unter der “magischen” 10 gepackt. Bin jetzt bei 8 oder 9 Francos und keiner davon hat geschwächelt. Ich hoffe aber eines Tages Christoph noch einzuholen. :-D

    Wunderbarer Text übrigens, Simon. Wir brauchen in der Tat noch mehr über Franco auf der Seite, der neben Zulawski, wie Christoph ebenfalls bemerkt, zurecht eine weitere Säule auf Eskalierende Träume darstellt. Zumindest zu Zulawski könnte aber unter Umständen in absehbarer Zeit einiges kommen…

  4. Intergalactic Ape-Man on April 22nd, 2012 at 19:50

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