100 Deutsche Lieblingsfilme #61: Eheinstitut Aurora (1962)




Deutsche Träume anno ’60

Ein Film, der direkt mit einer feinen Überraschung einsteigt: das titelgebende Eheinstitut leitet und der Liebe wildfremder Menschen verpflichtet fühlt sich niemand anderes als die nur allzu oft unnachahmlich strenge Elisabeth Flickenschildt, schreckliche Mutter so vieler in der selben Epoche entstandener Edgar Wallace-Filme. Hier hingegen darf sie schon beim ersten Auftritt mit Gusto Annoncen diktieren, dabei strahlend wie ein Kind durchs Bild tänzelnd, lachend, sich sonnend, in Erfolg wie Adelstitel. Sie derart ausgelassen zu sehen – es ist eine wahre Wonne! Doch dann endet die Eröffnungssequenz, voller Niedertracht schlägt die Härte des Alltags auf.

Die Flickenschildt, sie ist gar nicht blauen Blutes, der Titel gekauft. Und die hoffnungsvollen Kunden – zur Gewinnmaximierung bringt man sie turnusmäßig in den abenteuerlichsten Konstellationen zu- wie auseinander. Für wen das Ganze? Für den Sohnemann, wie sollte es anders sein. Formvollendeter findet man sie selten, die Taugenichtse des Kinos. Lügen, Betrügen, Stehlen? Alles Fingerübungen für den Spross (der passenderweise von Synchronüberschmiermeister Rainer Brandt dargeboten wird!). Doch sein ergaunertes Taschengeld (zu mehr reicht es dann doch nicht), bleibt ihm nie lange, wandert weiter stets in die Hände talentierterer Spieler – der Spieltische wie des Lebens. Selbst die forschesten unter Wolfgang Schleifs Kollegen trieben diese Spannungen zwischen Selbstbild, Selbstanspruch und gesellschaftlich induzierten Idealvorstellungen nie unbarmherziger auf die Spitze. Dennoch: die wirklichen Lebenslügen dampfen erst noch an!

Unter den Kunden des Hauses finden wir auch Carlos Thompson, der seinen argentinischen Akzent gar nicht ablegen muss, um einen osteuropäischen Lebemann zu spielen. Wer so sinnlich spricht, der lässt einen – Zuschauer und Filmfiguren vereint – alles glauben! Auch, dass er, wie seine Akte ihn ausweist, Rennfahrer und Autohausbesitzer in Personalunion ist. Im Grunde eine aufrichtige Seele, räumt er später ein, dass dies zumindest nicht völlig erlogen sei, vertickte er doch einst auf einer Kuhwiese schäbige Schrottmühlen, bevor ihn ein Bankier des Grundstücks wegen in den finanziellen wie menschlichen Bankrott trieb. Dem Schurken bekam das offenbar nicht gut, fand man ihn doch kurz darauf dahingemeuchelt in seinem Arbeitszimmer. Man trifft ihn nie, was nur folgerichtig ist – für den Film ist er so bedeutungslos wie die stillschweigend im Hintergrund kauernde Krimihandlung. Wichtig ist nicht, dass die nun ins Spiel kommende Eva Bartok den Mörder ihres Mannes sucht, sondern wo und wie sie dies tut: Unter den Liebesdurstigen der falschen Dame, eingemengt von ihrem gerissenen Anwalt.

Kaum zu übersehen, dass sich hier all jene sammeln, die sich selbst mächtig etwas vormachen. Das unverdächtige Verkupplungsinstitut gerät zum Mikrokosmos der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Es gibt da einen Grafen, ein groteskes Zerrbild des Flickenschildtschen Ideals. Gebildet ist er, sich verkaufen, das kann er. Und doch, für den Zuschauer, der sich aus der Distanz einen zweiten wie auch dritten Blick erlauben kann (und die zu täuschende Kupplerin, ihre Träume, die kennt man schließlich), kennzeichnen ihn seine notdürftig aufgehübschten Klamotten maximal dritter Garnitur als einen offenkundigen Fake, als abgewracktes Relikt einer anderen, in Feuer und Rauch untergegangenen Welt. Diese Lücke eines großen, handlungsstarken Deutschlands vermag auch das Nachkriegskino narrativ nicht zu stopfen. Eine andere Kundin kennt sich da aus: Ihr Mann, ein Förster – Traum- wie Lichtgestalt zahlloser Wohlfühlillusionen dieser Jahre – betrog sie als käme er in Wirklichkeit direkt aus einer Sexklamotte, mit gleich sieben Damen! In ihrem Kennenlernspielchen mit einem biederen Eisenbahnfreund läuft so der bislang diskret vor sich hinköchelnde Schlamm erstmals gut sichtbar aus allen Poren der Kinoleinwand. Hier ist einer wütend über den Zustand des deutschen Nachkriegskinos und es ist nicht nur der Heimatfilm, der seinen Zorn zu spüren bekommt. Immer wieder wirft Schleif seine Figuren in bis ins kleinste Detail stimmige Rekonstruktionen bekannter Versatzstücke. Das fängt bei dem nie so richtig mit Leben gefüllten Krimiplot an und endet exakt bei jenen Szenen, in denen die Beteiligten ihrer Wut freien Lauf lassen, wieder und wieder wortreich den Ausstieg aus den alten Geschichten, dem verhunzten Leben, aber eben auch den Filmkonventionen heraufbeschwören, ohne ihren Worten je mit Taten zu folgen. Wie sollten sie auch – liegen die Gründe dafür doch außerhalb ihres Universums.

Visuellen Niederschlag findet dies auch im Herzstück des Filmes, einer ausgedehnten Sequenz, in der Bartok mit Thompson das seit dem gewaltsamen Tode ihres Gattes verriegelte Zimmer zwecks Angstkonfrontation aufsucht. Auch Hitchcock hätte sie nicht besser inszenieren können: Der verlassene Schreibtisch, die langen Schatten, das erdrückende Gefühl in der Luft… Gitter oder andere eingrenzende Raumausstattungsstücke gibt es nicht – und doch, es ist ein Gefängnis, eines das Bartok die Handlungsfähigkeit raubt, sie in einen Nervenzusammenbruch treibt, wie hundert andere Frauen in hundert anderen Filmen. Schleif zeigt uns, dass dieses Gefühl geradezu sinnbildlich für den deutschen Film stehen muss. Eheinstitut Aurora ist ein Film wie ein falscher Fuffziger, nicht minder künstlich wie die Leben der ihn bevölkernden Figuren. Dass am Ende alles dennoch gut wird, wen überrascht das schon. Sogar das Happy End ist ein falsches, erinnert in der Vortäuschung einer Besserung an die berühmten Pervertierungen dieser Auflösung durch Douglas Sirk oder Nicholas Ray. Was bleibt, ist die wütende Verzweiflung eines Regisseurs, die sich in leisen Zwischentönen, düsteren Implikationen und einer subtilen Mise en Scène Bahnen bricht. Das Lexikon des internationalen Films resümierte dereinst: “Ein biederer Kriminalfilm nach der alten Formel: Wer ist der Mörder?” Dem möchte ich eine Gegenfrage zur Seite stellen: Wen kümmert das?


Eheinstitut Aurora – BRD 1962 – 104 Minuten – Regie: Wolfgang Schleif – Produktion: Kurt Ulrich – Drehbuch: Walter Forster, nach dem Roman von Hans-Ulrich Horster – Kamera: Friedl Behn-Grund – Schnitt: Ira Oberberg – Musik: Peter Sandloff – Darsteller: Eva Bartok, Carlos Thompson, Elisabeth Flickenschildt, Hans Nielsen, Claus Holm u.v.a.

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, Dezember 3rd, 2017 in den Kategorien Blog, Deutsche Lieblingsfilme, Filmbesprechungen veröffentlicht. Sie können alle Kommentare zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren, oder einen Trackback von ihrer eigenen Seite setzen.

2 Antworten zu “100 Deutsche Lieblingsfilme #61: Eheinstitut Aurora (1962)”

  1. Sano Cestnik on Dezember 3rd, 2017 at 17:11

    Mich hat der Film bei der Sichtung völlig überrascht und aus den Socken gehauen. Diese vielen Ebenen, dieser spielerische umgang mit verschiedenen Alternativen und “Realitäten”. Und dann so dicht und kompakt – und dennoch behält er das Ätherische, Schwebende, ein weiterhin forschendes, künstlerische Element. Daher hat mir die parallel laufende “Krimihandlung”, an die ich mich auch nicht mehr wirklich erinnere, so gut gefallen: weil ich sie einerseits kaum wahrgenommen habe (zu reichhaltig ist der ganze Rest, zu sehr wird man ständig mit filmkünstlerischen Eindrücken von Schleif bombardiert – ein bisschen wie bei den Filmen von Dominik Graf), und sie andererseits perfekt zu diesem experimentellen Film gepasst hat.

    EHEINSTITUT AURORA hat mich stark an Hitchcocks VERTIGO erinnert, wo ich den Krimiteil (und dass das ja eigentlich ein waschechter Noir ist) auch immer schwer wahrgenommen habe. Und die ganzen Spiegelungen, das Spiel mit den Identitäten, der Bezug der zwei Hauptfiguren zur Gegenwart (sie leben wie der Protagonist bei Hitchcock eher in der Vergangenheit). Vielleicht war das ein bisschen wie eine verquere Fortsetzung von VERTIGO…

    Aber Schleif scheint mir da noch mehr alle Ebenen die er ins Spiel bringt beinahe gleichwertig zu behandeln, während sich Hitchcock (wie für ihn typisch) stark auf seine Obsessionen fokussiert. Das hat mich dann auch so enorm beeindruckt: diese Vielfalt, das gleichberechtigte Nebeneinander, und die ganzen Hintergründigkeiten – der Film als Matroschka-Figur, ohne die Überraschungen und den Schrecken und die Kniffe und Wendungen und das alles , wie vor allem heutzutage so üblich, hervorzuheben, zu betonene, doppelt und dreifach zu unterstreichen. Also keine ostentativen Twists, kein “allwissender” Erzähler, kein expliziter Versuch der Überrumpelung des Zuschauers, keine Erhellung oder Auflösung des Vorher durch das Nachher. Also ein Film nicht vom Drehbuch her gedacht, sondern komplett filmisch (wiederum stark wie bei Graf).

    Es ist wirklich schwer zu beschreiben. Auf eine gewisse Art war es ein ganz neues Seherlebnis, hat mich der Film ganz neue Dinge über das Kino gelehrt. Vielleicht könnte man sagen so eine Art Anti-Nolan (obwohl ich Nolan sehr mag) – da geht es nicht um den Kontrast zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Denken und Handeln, zwischen Kontraktion und Relaxation. Der Film spielt nicht so sehr mit diesen Möglichkeiten des Kinos, sondern lässt sie alle zur selben Zeit parallel laufen und gleichzeitig anwesend sein. Was für manche dadurch den vordergründigen Eindruck einer konstanten Glut oder eines konstanten Glimmens verursachen mochte, für mich aber eher einem 90 Minuten im Hintergrund lodernden Feuer gleichkam.

    Und so selten, wie ich zunächst dachte, trifft man diese Art des Erzählens im bundesrepublikanischen der damaligen Zeit auch nicht an. Rolf Thiele operiert teilweise mit ähnlichen Mitteln (und ein weiterer prominenter Name ist mir gerade während dem Schreiben dieses Kommentars entfallen). Jedenfalls werde ich die anderen Filme von Schleif nun noch einmal mit anderen Augen sehen, und ich will die ganzen tollen Sachen, die ich bereits von ihm kenne auch unter diesen für mich neuen und überraschenden Gesichtspunkten auf mich wirken lassen. Mal sehen, was das auslöst.

    Und spätestens nach diesem Film ist Schleif für mich nun nicht mehr “lediglich” ein toller ungewürdigter Regisseur, sondern reiht sich in eine für mich sehr überraschende Liste von deutschen Lieblings-Filmemachern ein. Robert A. Stemmle wäre ein weiterer solcher Name, den ich zunächst für einen talentierten Routinier hielt, bevor sich mir (ebenfalls dieses Jahr) die außerordentliche künstlerische potenz seiner Arbeiten erschloß. Manche Dinge liegen wohl so offensichtlich und klar vor einem, dass man erst über sie stolpern muss, um hinter ihre vermeintliche “Selbstverständlichkeit” blicken zu können. Irgendwie stand ich mir bei einer bestimmten Art von Film jahrzehntelang selbst im Weg…

  2. Sano Cestnik on Dezember 3rd, 2017 at 17:39

    Ha! Der andere Filmemacher, der mir kurzfristig entfallen war, ist natürlich Ernst Hofbauer! Hofbauer ist zwar deutlich zynischer, und beinahe seine gesamte mir bekannte Filmografie operiert durchgängig mit offensichtlichen Metaebenen und ist im Grunde postmodernes Kino par excellence, während ich Schleif dann doch noch als klassischeren Erzähler der alten Schule (à la Hitchcock oder Ford) einschätzen würde, der sich nicht so viele Freiheiten nimmt, und bei weitem nicht so verspielt ist. Aber auf eine gewisse Art operiert beispielsweise Hofbauers zwei jahre später entstandener HOLIDAY IN ST. TROPEZ strukturell ähnlich wie EHEINSTITUT AURORA.

    Naja, jedenfalls wäre das noch ein ganzer Rattenschwanz für sich. 😉

Kommentar hinzufügen